
Das ist schon Synchronizität, oder? Nach über zwei Monaten entscheide ich mich, endlich mal die Lamb-Remixed-CD zu bloggen und stelle dabei fest, daß Ex-Lamb-Stimme Louise Rhodes nicht nur ein erstes Soloalbum am Markt hat, sondern genau am nächsten Tag in Kölner «Stadtgarten» auftritt. Wenn mich jemand fragen würde, welche zehn CDs ich mit auf eine einsame Insel nähe, wären etwa vier (von vier) Alben von Lamb dabei. Da ich Lamb aber noch niemals wirklich live gesehen habe, war der Kölntermin – kurzfristig hin oder her – also Pflicht.

Es ist ein kleines Konzert und die unwillkürliche Frage ist: Warum zur Hölle gibt Lou den ja doch relativ signifikanten Erfolg von Lamb auf, um vor nicht einmal 100 Leuten auf einer kargen Bühne irgendwo in Köln aufzutreten? Vor einem Publikum, das größtenteils nicht so aussieht, als wäre es auf den Drum’n'Bass des ersten Albums sonderlich eingestiegen. Und während des Konzerts wirkt Rhodes auch oftmals so, als würde sie sich irritiert fühlen von der intimen und doch irgendwie gehemmten Stimmung in dem bestuhlten Saal, in dem die Leute zwar laut und artig klatschen, wo aber meist eben doch ruhig, versunken, der Musik zugehört wird, wo während der Songs einfach Stille ist, der Rhodes alleine mit Stimme und Gitarre, nur begleitet von Co-Gitarrist Stephen Junior, entgegentreten muss.

Lou Rhodes ist eine dieser Figuren, die ich niemals wirklich kennen lernen könnte. Ich bin Stars und Idolen gegenüber unglaublich scheu und Rhodes ist mir einerseits als hochintensive Stimme so vertraut (ich habe wahrscheinlich kaum ein Album öfter über Kopfhörer gehört als Lamb, das erste Album der Band), andererseits empfinde ich sie als so fragil, ätherisch und irgendwie alien, dass sie einem kaum als realer Mensch vorkommt. Für mich ist Lou Rhodes eine der ganz wenigen realen Menschen, die mir wie eine Figur von Jonathan Carroll vorkommen, diese smarten, schönen, magischen, brillianten Menschen, in du dich bei Carroll immer wieder und sofort verliebst. Die Tatsache, daß sie von Hamburg nach Köln mit der Bahn gefahren ist, ist zu viel für mein Gehirn. Irgendwie bewegt sich Louise Rhodes in meinem Kopf wahrscheinlich nur in permanente John-Woo-Zeitlupe :-D. Selbst auf der winzigen Kölner Bühne des Stadtgarten, auf der jede andere Frau mit Gitarre wahrscheinlich albern und verloren aussähe, schafft sie es noch, seltsam entrückt, völlig in Kontrolle, magisch zu wirken. Ganz im Gegensatz übrigens zu Stephen Junior, der im Grungelook und mit phantastischem Gitarrenspiel eine halbe Band ersetzte und sichtbaren Spaß an dem Auftritt hatte.

Und so waren es vielleicht auch die Songs, bei denen Rhodes nicht selbst Gitarre spielte, sondern Stephen Junior sich entfalten konnte und Lou sich auf den Gesang konzentrierte, die am stärksten waren. Nicht abgelenkt durch die Gitarre, war die Stimme prägnanter, druckvoller, präsenter, weniger verhalten. So gerieten ausgerechnet die Lamb-Tracks «Gabriel» und «Lullaby» zu den emotionalsten Tracks des Abends, weil sie aus dem engen Korsett von Lous Fähigkeiten an der Gitarre befreit waren, Stephen frei improvisieren konnte (anstatt Louise zu begleiten) und der Gesang mit einer glasklaren Präsenz und Wucht im Raum stand, die die Lamb-Albumversionen nicht annähernd erreichen. Bei den Songs von Beloved One wirkt die Duo-Besetzung hingegen oft zu dünn, man sehnt sich nach etwas Percussion oder Streichern, irgendetwas, was den Zupfgitarrensound anreichert, bereichert. Insgesamt aber reißt die Stimme, die schiere unirdische Präsenz von Louise Rhodes aber alles heraus, die Lady könnte auch komplett ohne jede Begleitung singen und es wäre herzschmelzend. Es gibt für mich im Grunde keine andere Stimme, die zugleich so intim und so hymnisch, so mellow und predigend, so melancholisch und hymnisch zugleich ist. Ich habs wirklich nicht so oft, dass ich in einem Konzert wirklich seriös Gänsehaut bekomme. Und ich glaube, eine Dame in der Reihe hinter uns hat tatsächlich geweint.

Zu den neuen Tracks an sich sage ich nicht viel, weil ich die mit den neuen Album besprechen will, daß ich mir anläßlich des Gigs gleich vor Ort gekauft habe, schöne limitierte Promo-CD mit Unterschrift (ich bin SO ein Fanboy, oder?). Live fehlt den Tracks der letzte Druck, ich würde mir da wirklich etwas mehr Druck wünschen. Für eine Tour ist diese persönliche Singer-Songwriter-Atmosphäre perfekt, aber Gott, ich habe permanent mitgetrommelt, weil es mit mehr Band im Rücken einfach so perfekt gewesen wäre. Die Songs verdienen mehr Arrangement als zwei Gitarren bieten können, manchmal ist weniger eben doch nicht mehr. Dennoch, die Chance, die Stimme von Lamb in so kleinem Rahmen, so intensiv zu erleben und zu bestaunen, wie Rhodes sich als Sängerin weiterentwickelt hat, wie ihre Stimme intimer und rauher geworden ist, wie sie so pur ideal zur Geltung kommt und durch dich durchfließt… unglaublich.
5. Oktober 2006 02:38 Uhr. Kategorie Live. 5 Antworten.
PS Und ich stelle fest, meine Sony T3 taugt als Livekamera anscheinend noch weniger als Steffis Handy. Super, ich sehe mich schon bei Gigs demnächst die Eos 5D mitschleppen…
Hätte vielleicht den Vorteil, dass man dich für nen Pressefotografen hält und du umsonst reinkommst… ;)
Bei diesem Konzert hätte es auch platzmäßig kein Problem gegeben. Aber so spannend war das Bühnengeschehen dann doch nicht.
Ich habe Lou Rhodes zusammen mit Skye Edwards beim Doppeleröffnungskonzert des Enjoy Jazz Festivals im Königssaal des Heidelberger Schloßes gesehen. Und natürlich danach auch sofort die limitierte CD gekauft, konnte allerdings leider kein Autogramm ergattern ;-)
Ich war während des Lou Rhodes Konzerts so dermaßen dieser Welt entrückt, wie ich es noch nie zuvor gewesen bin. Die Akustik dieses Saals und die kirchenähnliche Stimmung darin haben Ihre Stimme noch eindringlicher gemacht. Die Präsenz, die diese Frau ausgestrahlt hat, war fast mit Händen zu greifen.
Ich war deswegen ein klitzekleines bißchen von der CD enttäuscht, weil sie eben all das nicht transportiert und natürlich auch nicht transportieren kann.
Im Vergleich dazu war der Hauptact Skye wesentlich schwächer. Sie hat ihre ganze Band dabei gehabt, konnte mich jedoch nicht auch nur annähernd so sehr verzaubern wie Lou. Natürlich war auch ihr Auftritt sehr schön, es hätte auch ein Morcheeba Auftritt sein können.
Jedenfalls ist Deine Beschreibung von Lou als Person sowie ihrer Musik ist wirklich sehr schön, ich sehe es sehr ähnlich, nur dass ich froh bin, dass sie ohne Band aufgetreten ist.
Es gibt bei Youtube ein paar Clips von Lou, die zeigen, daß die Magie auch mit der «Band», die ja recht minimal ausfällt, beileibe nicht verschwinden.
Kann mir denken, daß ein Schlßoßsaal einfach besser zu Lou paßt als der etwas Ortsverein-der-SPD-Tagungssaal-Flair des ansonsten sehr netten Stadtgartens :-D