
Das Plakat, kein Zweifel, ist großartig. Oder wäre es, wenn oben nicht so viel Text wäre. So viele Lobeshymnen. Die Leute wie mich ins Kino locken sollen. Und es auch schaffen. Leider.
Die Familie ist die eine Grundsäule der amerikanischen Medienwelt. Der quintessentielle Hort von Konflikten einerseits und Geborgenheit andererseits, letzter sicherer Hafen in einer rauhen Welt. Gesellschaft im Mikrokosmos. Eine andere Säule ist das Outsidertum, die Pioniersituation. Amerika ist gegründet von Einzelgängern und ganzen Familien, die Outsider waren, die aus Europa wegen ihrer Religion, ihrer kriminellen Vergangenheit, aus blanker Not oder Gier oder aus zig anderen Gründen geflohen sind, in das unbekannte Amerika.
Little Miss Sunshine kombiniert diese beiden Faktoren und handelt von einer Familie von Outsidern. Jonathan Dayton und seine Partnerin Valerie Faris, die bisher meist Filme über Bands wie REM, Weezer oder die Chili Peppers gedreht haben, kommen mit einer Familienstruktur, die einer Folge von «Married with Children» entsprungen sein könnte. Al Bundy würde stolz sein auf die Hoovers. Opa schnieft Heroin, der Hänfling Dwayne versucht ein Übermensch zu werden, Richard ist ein Motivationstrainer ohne Erfolg, Bruder Frank ist ein schwuler suizidaler Proust-Kenner, Mum ist hysterisch und die kleine Tochter Olive will Beautyqueen werden, sieht aber entsetzlich aus mit Kugelbauch, klischeehafter Nerd-Brille und den grellsten Klamotten seit The Adventures of Priscilla.
Und genau diese Olive ist der McGuffin des Films, da die Familie kurzerhand gezwungen ist, von Albuquerque nach Redondo Beach in Kalifornien zu fahren, damit Olive an dem filmnamensgebenden Kinder-Schönheitswettbewerb «Little Miss Sunshine» teilnehmen kann. Und natürlich fährt die Familie in einem völlig verrotteten, aber hochsympathischen und visuell pittoresken gelben VW-Bully. Wie niedlich. So niedlich, dass wir im Film eigens eine Szene brauchen, in der Olive mit einem Smiley-Puzzle spielt und wir etwas später auf das «Gesicht» der Frontpartie des Busses schneiden. Süüüüüüüß.
Der Bus, ganz Deus Ex Machina, kriegt im ersten Drittel des Films eine Kupplungspanne, der die Familie zwingt, den Bus gemeinsam anzuschieben und dan nin laufender Fahrt aufzuspringen. So wird der Bus nun endgültig zur Metapher der klassischen Kutsche, mit dem unsere dysfunktionale (aber natürlich nette) Siedlerfamilie gen Westen reist. Und er wird obendrein zum Deus Ex Machina, der die Familie eint. Nur gemeinsam kriegt man die Karre in Gang. Jedesmal, wenn die Hoovers den Bus anschieben sollte ein kleines Logo auf der Leinwand erscheinen: ACHTUNG SYMBOLISCH!!!!
Ähnliches gilt für das Finale in der Redondo Suite, den Gegensatz zwischen der natürlichen unbeholfen aber hübschen, noch echt kindlichen Olive und den aufgemotzten, geairbrushten Model-Kids, die den Wachträumen eines Pädophilen entsprungen zu sein scheinen. Der Unterschied zwischen Olive und all den kleinen Britneys und Janets ist zwar sicher komisch und sagt sicher auch etwas über die amerikanische (und damit unsere) Wirklichkeit aus, macht dies aber so offensichtlich und platt, das es einfach keinen rechten Spaß macht. Die gesamte Szene mutiert zum Slapstick.
Und ansonsten ist da wenig. Der kleine Roadmovie eint die Familie, wie zu erwarten. Es gibt keine bis kaum Überraschungen, die vielleicht schönste Sache ist noch, dass es keine echte Form von Happy End gibt. Es gibt keine Wendung zum Hollywood-Guten, keinen allzu platten Sieg der kleinen Leute. Am Ende ist das bittersüße Fazit, dass die Hoovers zwar weiter Loser sind, aber als Familie zusammengefunden haben, ihren Frieden miteinander und mit ihrer Position im Leben gemacht haben.
Das ist die Botschaft des Films und sie ist nur auf den ersten Blick tröstlich. Es ist ein Film, gemacht für die Verlierer eines Systems mit der etwas zweifelhaften Message, dass man sich als Verlierer ja immerhin noch in den kuschelig warmen Bauch der Familie zurückziehen kann. In Zeiten von Hartz IV sicher eine Botschaft, die Politiker gerne hören werden. Wenn die sozialen Systeme versagen, wenn deine Chancen in der Gesellschaft unfair sind: Hey, du hast ja immer noch deine Familie. Diesen Rückzug von der systemischen Verantwortung für den Einzelnen, von der Chancengleichheit, feiert Little Miss Sunshine als Sieg der familiären Enklave gegen das Establishment. Die neurotische Familie wird zum Hort, zur Selbsthilfegruppe. Es ist okay, wenn man zu den Verlierern gehört, wenn man sich doch gegenseitig hat. Stop fighting. Ich bin sicher, Cracauer hätte an dem Film und seiner «Bleib wo du bist»-Moral seine beissende Freude gehabt.
Das ist eine Moral von der Geschichte, die man anzweifeln kann, die man vor allem aber schon tausendmal zuvor gehört hat. Sie ist einfach nicht neu. Und sie wird in Little Miss Sunshine, wiewohl liebenswert, einfach auch nicht neu erzählt. Der Film bewegt sich, visuell wie narrativ, einfach in sehr sicheren Gewässern. Er schwankt etwas unentschieden zwischen Komödie und Familiendrama, ohne jemals wirklich beides zu sein, vor allem aber ohne beide Genre zu transzendieren und etwas Neues zu schaffen. Er versucht, ein wenig europäisch, ein wenig Indie auszusehen, aber im Grunde bewegt er sich selten bis nie über ein Terrain hinaus, das man aus Sitcoms oder Soaps auch kennt. Daran ändern auch die großartigen darstellerischen Leistungen, allen voran von Steve Carell und Alan Arkin, nichts.
Insofern ist Little Miss Sunshine ein wirklich sehenswerter kleiner Film mit einer einfachen aber positiven Botschaft, über die man nicht allzulang nachdenken sollte. Mit einfacher Handlung und etwas stereotypen Charakteren, aus denen die Schauspieler aber ein absolutes Maximum an Nuanciertheit herausholen. Der Film ist hochsympathisch, aber ohne echten Tiefgang, lecker, aber nicht sättigend. Schön, aber wird dem Hype nicht wirklich gerecht. Mit tollen Momenten, aber ohne großen Bogen. Also: unbedingt ansehen, aber nicht zuviel erwarten ;-D.
7. Dezember 2006 13:17 Uhr. Kategorie Film. 4 Antworten.
ich sehe das ganze ein bisschen weniger kritisch als du, bin halt weniger filmkritiker als filmgeniesser – und geniessen konnte ich den film sehr wohl. hat spass gemacht, die aufführung von olive fand ich doch sehr komisch – in einem anderen sinne obszön als die der barbies, halt von einem heroin-süchtigen opa geplant – aber gerade in kombination mit der unschuldigen/klugen olive sympathisch. ja, stimmt wohl schon was du schreibst, sympathisch ist ja fast schon eine beleidigung für einen indie-film. was solls, ich hatte einen guten abend.
übrigens: schau dir severance an, den fand ich im sinne von genre-transzendierend, wie du schreibst, sehr gelungen. splatterfilm mit grossem humorfaktor. und ich stehe normalerweise nicht im geringsten.
bin mir nicht so ganz sicher, wo die grenzen des splatterfilm-genres sind, aber was solls.. schau ihn dir an.
ich stehe normalerweise nicht im geringsten auf splattermovies, sollte das natürlich heissen.
[...] Nach dem Besuch bei Pur waren wir noch im Kino und haben uns Little Miss Sunshine angesehen. Dirk hatte den Film ja schon ausführlich besprochen. Ein herrlich politisch unkorrektes Werk in dessen Mittelteil vielleicht doch ein wenig viel aufgetragen wurde, dessen Ende aber für alles entschädigt. Ganz großes Lachkino. [...]
[...] dieser Film müsste eigentlich Dreck sein. Nicht nur, weil er von den Machern von Little Miss Sunshine stammt und auch noch – winkwink – das Sunshine in den Titel dieses Films geprügelt wurde, sondern [...]