Ich hege ein großes Mißtrauen gegen alles, was übermäßig okkult und homöopathisch oder überpsychologisiert ist, mit vielleicht einer Ausnahme, dem I Ging . Ich habe 1999 damit angefangen, im Krankenhaus, aus Langeweile, zumal ich passenderweise stark unter Morphium war, da paßten Castaneda, Reich, Jung, Einstein, Wilson und eben chinesische Orakel irgendwie. Die von Richard Wilhelm übersetzte Fassung habe ich mir inzwischen, nachdem ich das Paperback durchgewetzt habe, in Leder binden lassen. In Streßphasen vergesse ich das Buch manchmal, aber normalerweise gehört es zum Tagesablauf, morgens einmal die Hölzer zu werfen, vielleicht nur, weil ich den Klang davon so mag. Ich mag auch die rationale Seite dieses Orakels, die hochmathematische Technologie (eigentlich die erste binäre Computerlogik), den Zusammenhang zu Jungs Synchronizität, die ich für plausibel halte, die Entspanntheit des Tao, den Zusammenhang zwsichen chance occurrences im Mikrokosmos, die mit ähnlichen Zufallsfaktoren im Makrokosmos übereinstimmen könnten, letztlich die Vorwegnahme der Quantenidee, die Vorstellung, daß wenig eindeutig ist, daß bestimmte Ergebnisse zu dem einen ODER dem anderen Hegagramm führen können, je nachdem, welchen Quantenzustand ein Strich einnehmen würde. Das hier ist eben nicht das mythologisch aufgeblasene Tarot (obwohl viele Tarot-Anhänger auf die bestehenden Zusammenhänge zwischen I Ging und Tarot verweisen könnten). Obwohl das Orankel eine kulturabhängige Affinität zu Bescheidenheit und Demut hat (beides Hinweise, die bei jemandem wie mir nahezu täglich sinnvoll sind), und eigentlich eher für das chinesische Denken geschrieben ist, scheint mir oft überraschend, wie die vagen Sprüche und Wilhelms findige Auslegungen sich als Spiegel innerer Prozesse anbieten, weniger Rat und Antwort bieten als vielmehr Meditations- und Reflexionsmöglichkeit.
30 Li So haftet die doppelte Klarheit des berufenen Mannes am Rechten und vermag dadurch die Welt zu gestalten. Indem der Mensch, der bedingt und nicht unabhängig dasteht in der Welt, diese Bedingtheit anerkennt, sich abhängig macht von den harmonischen und guten Kräften des Weltzusammenhangs, hat er Gelingen. … Indem der Mensch diese Fügsamkeit und freiwillige Abhängigkeit in sich pflegt, erlangt er Klarheit ohne Schärfe und findet seinen Platz in der Welt.
56 Lü Als Wanderer und Fremdling darf man nicht schroff sein und hoch hinauswollen. Man hat keinen großen Bekanntenkreis, darum darf man sich nicht brüsten. Man muß vorsichtig und zurückhaltend sein… die Straße ist seine Heimat. Darum muß er dafür sorgen, daß er innerlich recht und fest ist, daß er nur an guten Orten verweilt und nur mit guten Menschen verkehrt. Dann hat er Heil und kann unangefochten seine Straße ziehen.
30. Oktober 2005 08:43 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.