LEBEN …UND LEBEN LASSEN

Die Zeit hat wieder ein Supplement. Aus dem Leben-Magazin, in schlechteren Zeiten zum reinen Innenteil degradiert, ist wieder ein 64-seitiges Magazin geworden. Als die ersten Ankündigungen kamen, befürchtete ich, «Leben» würde komplett als eigenständiges Blatt ausgekoppelt – immerhin macht der Zeitverlag mit allerlei Magazinen Experimente in Sachen Markenverlängerung – aber es ist (bisher) wirklich beim Beilagenkonzept geblieben. Was, kein Zweifel, eine tolle Sache ist. Aaaaaber…

Weniger schön ist, dass die Redaktion – vielleicht in Vorwegnahme der stets für ein linksliberales Publikum doch überraschend konservativen Zeit-Zielgruppe – sehr eng am Konzept von Leben, wie man es zuletzt kannte, kleben geblieben ist. Optik, Inhalte… das ist alles nur einen Hauch weit weg von dem, was man bisher IN der Zeitung selbst hatte. Was schon deutlich weniger eine tolle Sache ist. Vielleicht ist das der Kompromiss, den man machen musste, um wieder eine eigene Zeitschrift zu bekommen – die enge Ankoppelung an das Mutterblatt- aber ich hätte mir mehr Mut gewünscht, mehr Sexappeal. Das Layout erinnert an die MAX oder andere Zeitgeistzeitschriften der Neunziger. Gerade die laute schmalfette Reklame-Typo für Headlines und die übertriebenen Initialbuchstaben sind schon fast ans Ironische grenzende Zitate, das macht so keinen Spass. Biederer geht es ja nicht einmal in der Brigitte zu, Freunde. Es gibt durchaus schöne Art-Direction-Ideen, wie etwa die spackig glänzende aalglatte Aufmacherseite für das Ackermann-Interview und der Bildzeitungs-Look bei – aus gerechnet – Wallraff, aber in Sachen Typographie, Layout, Design… macht die Leben einfach (noch) keinen Spass. Inhaltlich bietet sie altgewohntes im extended remix, was mich teilweise sehr kalt lässt, aber vielleicht all jene glücklich macht, die sich an bestimmte Glossen gewohnt haben. Der Wallraff-Text, Kern der ersten Ausgabe, liest sich flüssig weg, ist wie immer bei Michael-Moore-Vorvater Wallraff eine schöne Mischung aus kalt empörter Sozialwut und einem guten Münchhausenesquem Ohr für Überspitzung. Ein weiteres Highlight ist Martensteins wütender Fluch über die hippen Art-Directoren, die immer mehr Luft und immer weniger Text in Magazinen wollen.


Schade nur, dass die Zeit an sich nicht den Mut hatte, ihr Supplement – wie andere Blätter und die alte Leben – mehr als Spielwiese zu betrachten und experimenteller, wilder zu werden. Eine Zeitschrift, die ohne kommerzielle Ängste frei flottieren kann… das wäre schon spannend gewesen.


Aber das kann ja vielleicht noch werden…




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