
Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:
Hardware. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß… da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt – und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling – desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns – in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren – die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.
Kaufen. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als solle man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt – wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch – das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte – als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher… verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein – Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak – je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort – abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich – kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber – die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben – setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt – wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.
DRM. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das nicht tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch – das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore – ein Account, mehrere Nutzungen möglich – akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den Nutzer in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.
Formate Die Formatvielfalt – mobi, lit, ePub, PDF und und und – fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten – Konsumenten wir Produzenten – können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten… aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).
Preise. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu – und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar – aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden – sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen – und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur – der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann niemand mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.
Lesen. Man darf sich nichts vormachen – so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten – kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann – eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren – GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst – und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen – und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.
Adobe. Beim Stichwort Gestaltung – es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don’t drown in it.
Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht – nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich – über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse – schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe – dem Käufer, nicht dem «Dieb» – orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch – es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser – für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment – sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.
17. Juni 2011 08:09 Uhr. Kategorie Buch, Design, Technik. Tag Apple, Denken, Gesellschaft, Kultur, Print, Software, Zukunft. 18 Antworten.
Sehr gute Zusammenfassung, deren Ergebnisse ich voll und ganz unterstreichen kann.
Ich denke auch, das sich die bisherigen s/w ebook-Reader im Vergleich zu den modernen Tablets (iPad, Samsung Galaxy usw.) nicht durchzusetzen werden, die bieten einfach viel mehr Möglichkeiten und nieand will neben Handy, Laptop usw. Auch noch mehr „Bildschrme” auf dem couchtisch liegen haben.
Ergänzen möchte ich, das ein weiterer sinnvoller Markt für ebooks ebenfalls nicht in die Gänge kommt: Bildungslektüre, z.b. Für Schüler und Studenten. Diese Bücher werden meist nur für ein Schuljahr oder ein Semester benötigt oder noch kürzer für eine Prüfung oder eine hausarbeit.
Aber wie Sie ja auch feststellen, befinden wir uns am Beginn einer Revolution. Da wird sich noch einiges verbessern. Vorreiter könnten sich jetzt aber schon ganz gute Marktanteile sichern.
Was den lesekomfort betrifft, werden wir wohl auf das digitale Papier warten müssen, welches sich biegen und Knicken lässt und auch mal einen lesetag am Strand oder in der Badewanne übersteht.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Sehr guter Überblick über den aktuellen Zustand der Buchindustrie.
Guter Ueberblick ohne Amazon/Kindle zu nennen? Habe ich etwas verpasst?
@Beaucarigan: nein, hast Du nicht, Kindle wurde fein säuberlich ausgelassen. Vermutlich weil das Gerät, zumindest meiner persönlichen Ansicht nach, derzeit einer der besten eReader auf dem Markt ist. Format, Gewicht und Handhabung funktionieren einfach, die Caecilia eignet sich ganz hervorragend zum Lesen von längeren Romanen und ist auch mitnichten pixelig und der Kontrast des Kindle-3-eInk-Displays ist annehmbar. Insgesamt ist das durchaus ausbaufähig in vielen Bereichen, was ja auch passieren wird, aber wenn es um langes und ermüdungsarmes Lesen geht ist das Gerät jeder Alternative mit backlight screen weit überlegen. Die Funktionalität ist im Vergleich zum iPad eingeschränkt (auch wenn man einfache Aufgaben wie surfen, mp3s hören etc. natürlich erledigen kann) und es wird an der persönlichen Präferenz hängen, ob man mit diesen Einschränkungen leben kann bzw möchte oder nicht. Für mich ist das iPad jedenfalls zum Lesen von Romanen absolut keine Alternative.
Den Kindle hab ich ebenso wenig ausführlich behandelt wie Sony und all die anderen Reader und die Kritik ist nahezu identisch – Display, Hardware, Formfaktor und und und. Es geht mir nicht um einen Gerätevergleich – den einzigen wirklichen Unterschied machen für mich passive eInk und aktive OLED/LCD-Systeme sowie vielleicht die Frage ob es ein Allrounder-Gerät ist (also ein Mediennivellator :-D) oder ein dezidierter Reader (was ich ganz persönlich abstrus fände, wenn ich sowas will, gibt es ein Buch – Vorteil des iPad ist ja die Medienkonvergenz… ansonsten hat man ja NOCH ein Gadget mehr rumfliegen und der Vorteil, den das gesynchte Lesen auf Phone/Pad hat, ist dahin).
Am iPad lese ich jetzt seit dem iPad1, das ich ja noch während Apple es in den Store gestellt hat bestellte :-D. Und lese damit inzwischen deutlich mehr als «analog», sowohl Zeitung/Magazin als auch Buch. Das geht – mit den genannten Einschränkungen – ganz gut,meiner Ansicht nach besser als mit passiven Displays, aber Display und Typographie sind noch offene Baustellen.
Drastischer finde ich aber ehrlich gesagt die Marktsituation. Ich habe sehr hohes Vertrauen darin, dass zB Apple oder Samsung massiv an der Displaytechnologie arbeiten wird – wiewohl es immer ein Spagat zwischen Video und «Buch» sein wird, bei aktiven Displays nicht vermeidbar – und mehr Schriften usw ist nur eine Frage der Zeit, CPU, Speichermenge.
Beim Markt habe ich bei der Musik lernen müssen, dass die Industrie unfassbar hartleibig und verbohrt sein kann und aus einer paranoiden und oft an der Realität nicht mehr festmachbaren Argumentation heraus handelt, die en detail auch fast immer mit Zahlen widerlegbar war. Konkurrenz untereinander, Mißtrauen gegenüber dem Kunden, Vorkriminalisierung, das Hüten von vermeintlichen Vorhöfen, die längst keine mehr waren, ein Klammern an Verfahren und Modelle, die nicht mehr funktionieren. Ich kann das sehr gut verstehen – solche Umbrüche sind schnell, schmerzhaft und laden zu Pessimismus ein – aber ich wundere mich schon, wenn etwa beim BOEV auf Erhebungszahlen relativ klare Thesen zu 2025 und eBook formuliert werden und der Börsenverein dann der «Schwarzmalerei» bezichtigt wird – obwohl aus meiner Sicht diese Thesen eher eine Aufforderung zum energiegeladenen Durchstarten sind und Chancen aufzeigen.
Deine Kritik läuft in die richtige Richtung. Du hast noch die Situation der Bibliotheken vergessen. Da wird es nämlich erst richtig absurd und ganz problematisch, da die Rechteinhaber auch dort so gut wie alles untersagen, was eigentlich ein Vorteil des digitalen Formates wäre (mehrfach ausleihe, konvertierbarkeit etc.). Ausserdem sieht es hierzulande noch düsterer aus, bez. Angebot als bei den käuflich zu erwerbenden Büchern.
Dass man kaum an englische Originale herankommt empfinde ich – gelinde gesagt – als die größte Sauerei. Will ich ein aktuelles Buch im Original als E-Book lesen, werde ich genötigt, mir dieses illegal zu beschaffen.
Die Preisfrage bei E-Books diskutieren wir auch lieber nicht, genausowenig wie die Vorstellung von gewissen Verlagen, wie ein attraktives E-Book-Angebot auszusehen hat. Besonders abstossend ist die UTB-Gruppe, die einer der wichtigsten Anbieter von Studienliteratur im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften ist.
>im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften
Machen die da nichts? Das wäre Harakiri in Sachen Business. Das Sach- und Fachbuchgeschäft wird garantiert mehr und mehr auf Non-Print umsteigen, weil Haptik keine Rolle spielt, wohl aber Gewicht, Verfügbarkeit und Sachen wie Copy&Paste, Markieren, Lesezeichen und und und. Hier nicht massiv zu investieren und den Umschwung mitzunehmen wäre ganz betriebswirtschaftlich ein Desaster, oder?
Ist ja auch so, dass – wäre ich G&U – ich angesichts des Erfolges der Jamie-Oliver-Apps längst aus «Basic Cooking» ein ähnliches Format gemacht hätte – Videos, Step-by-Step-Anleitungen…. alles schön mit In-App-Kauf. Da lassen sich Leute, die den Content zu 80% ja schon stehen haben, derzeit einfach viel Geld entgehen. Während, zugegeben, andere Apps entwickeltn, nur um irgendwas «modernes» zu machen und dabeizusein, wobei die Sache aber eigentlich wenig Sinn macht. Aber hier? Ich würde an deren Stelle richtig durchstarten. Klar, die ersten Siedler treffen die Pfeile, die späteren Siedler kriegen das Land – aber derzeit wäre G&U ja nicht mehr wirklich «Pionier» (die 5. iPhone Generation steht bevor), und kann auf bestehende Standards aufbauen.
Die Ausleih-Analogie von DRM-Titeln und Büchern hinkt natürlich. Richtig betrachtet müsste DRM so funktionieren, dass wenn ich ein eBook weitergeben es im selben Moment bei mir auf dem iPad gelöscht werden müsste. So ist es mit dem Buch in meinem Bestand ja auch. Im Moment dient DRM nur dem Schutz vor Verfielfältigung. Einen vergleichbaren technischen Schutz gibt es ja bei Büchern überhaupt nicht. So gesehen kann DRM nur als Schikane empfunden werden.
Das dünnere iPad finde ich gar nicht so schlecht und es könnte noch dünner werden, wenn man dann zwei davon übereinander legen könnte. Stell dir vor es gäbe ein klappbares iPad mit der Gesamtdicke eines Magazins, welches dir das Lesen von Ein- und Doppelseitern ermöglichen würde. Dann fällt endlich das dämliche gedrehe in ein immer noch viel zu kleines Format weg.
>dass wenn ich ein eBook weitergeben es im selben Moment bei mir auf dem >iPad gelöscht werden müsste
So in etwa läuft es auf dem Nook, glaube ich.
Tatsache ist aber, dass ich Musik auf bis zu 5 Devices haben kann – und sogar weitergeben kann (legal, nebenbei). Und die ist auch urheberrechtlich geschützt.
>Im Moment dient DRM nur dem Schutz vor Verfielfältigung
Im Moment verhindert DRM, dass ich mir US-Bücher kaufe, weil ich sie – ohne DRM-Knacker – nicht auf dem iPad lesen kann. Will ich das als Verlag.
Tatsache ist, ich würde vielleicht das ein oder andere Buch gern meiner Frau Mutter auf ihr iPad ziehen. Geht davon die Welt unter? Sorgen machen sollten den Verlagen nicht die fünf Kopien, die eine halbwegs normale Privatperson verteilen kann, sondern die zighundertfache, semi-organisierte Raubkopie im großen Stil. Ich mag da naiv sein, aber ich glaube, die Prohibition war das beste Geschäft für die Mafia in den USA – ebenso wie die deutschen Drogengesetze (und das sage ich als absolut strikter Nicht-Konsument) kaum mehr erreichen als einen Schwarzmarkt etablieren, den man eben dann gar NICHT kontrollieren kann.
>Ein- und Doppelseitern
Dazwischen wäre dann – wahrscheinlich etwas irritierend – immer noch vielleicht der Rahmen des Gerätes. Wobei der beim iPhone 4s bzw5 ja auch verschwinden wird, anscheinend. Das wäre spannend, vor allem, weil es dann eigentlich ein «Air» wäre,wenn der 2. Screen eine Tastatur emulieren könnte. Wenn man beide noch trennen kann (Magnete :-D) und beide komplett einzeln funktionieren, würde der Spaß erst RICHTIG losgehen. Die theoretischen Möglichkeiten wären endlos.
Ein PS:
Was auch riiiiichtig gut sein müsste, sind DESIGNBÜCHER als App. Ein Schmidt-Verlag-Buch mit den Möglichkeiten von WIRED oder Project – also die gleiche Liebe zum Detail, die Präzision und Verspieltheit, der ganze Geist von Karin und Bertram, nur interaktv? Fänd ich sexy. Aber für alle Verlage ist hier ein Markt, der unfassbar ist. Schlage mich ja seit einiger Zeit mit der Idee, endlich auch mal ein Buch anzugehen, zu dem ich wahrscheinlich nie Zeit haben werde – und das Ding wäre als App, mit Panoramaphotos, Video, Location-Awareness, einfach tausendmal witziger als als lineares Buch.
Bin todsicher, Jörg wird aus Julis Buch irgendwann noch eine Mörder-App bauen. Gerade das Lesikon würde als App so viel Sinn machen!
Ich wäre der erste Kunde. :-D.
Sehr schön auf den Punkt gebracht. Erstaundlich wie Adobe die sich bietende Change leichtsinnig zu verpassen scheint.
Natürlich machen die von UTB was, aber zu restrikitv, zu teuer und funktional eine Frechheit. Andere Verlag (z. B. Springer oder de Gruyter) haben da viel kunden und studentenfreundlichere Modelle. Wie du gesagt hast, wenn sie da nicht mithalten ist es Harakiri.
[...] Lesen Die “Langsame Revolution” des digitalen Lesens ist bei hdschellnack.de thematisiert worden: “In Jahr nachdem [...]
Zum Thema Buch kann ich nicht viel sagen, weil ich nicht viel lese, aber das was ich bisher auf dem iPad an Magazinen durchgeblättert habe war einfach nur ein horrortrip. Wenn man nicht stark zoomt ist das Display zum langen vermutlich nicht angenehm für die Augen. Retina-Display wäre da schon wünschenswert. Viel schlimmer finde ich, dass die Hardware an sich ja nicht wirklich schlecht ist. Also das Gerät KANN wirklich einiges an Leistung bringen, aber es gibt viel zu wenig gut durchdachte Apps und viel zu viel Schrott der den Appstore überflutet. Abgesehen von dutzenden Programmen mit tonnenweise in-app-Käufen wo man sich über den Kauf ärgert, weil man später noch alles einzeln dazukaufen muss. Einzig wirklich sinnige Tools sind z.B. Pages, Numbers, Keynote, Safari, Kalender, vielleicht das ein oder andere Tool, aber im großen und ganzen gibt es einfach viel zu viel spielerei als gute Software und viele Sachen, wie z.B. wenigstens einen Ordner mit einer richtigen Dateistruktur und die Möglichkeit auch ohne iTunes daten zu übertragen, fehlen einfach noch. Das liegt nichtmal an der Hardware, sondern einfach ein wenig am iOS, aber viel mehr noch an den App-Entwicklern!!! Das Gerät könnte so vieles besser. Es muss nur mal wirklich ausgeschöpft werden!
Ich werde es wohl nie verstehen, warum immer wieder Tablets mit aktivem Display und eInk Reader mit passivem Display verglichen werden. Nur weil man notgedrungen die letzten Jahre viel am Rechner lesen musste (und es deswegen gewohnt ist), heißt es noch lange nicht, das es auch gut und verträglich ist, beim Lesen in eine Taschenlampe zu schauen. Und genau das ändern die eInk-Reader – und nur das. Eigenes Produkt, eigener Zweck (und leider für diesen Zweck noch zu teuer) und nicht mit einem multifunktionalem Pseudocomputer/Tablet zu vergleichen.
Man kann und muss das ja vergleichen – beide Systeme existieren. Die Taschenlampen-Analogie kann ich nicht nachvollziehen, vielleicht weil ich passive Systeme mit ihrem grau-auf-grau etwas schlimm finde. Ich denke vor allem, wenn ich ein haptisch und von der Lesbarkeit her für den reinen Konsum von Büchern ausgelegtes System will, dann gibt es das schon – es ist eben das Buch als solches. Für mich persönlich macht die Sache erst Sinn durch die mutlirfunktionale Ausrichtung. Ein reiner eReader würde bei mir so zustauben wie es inzwischen der reine iPod tut, weil er kein Medium der Medienkonvergenz ist, sondern eine mediale Trennung fortsetzt, die zunehmend an Sinn verliert.
Was die Verlage da fabrizieren: absolute Zustimmung.
Technisch gesehen lässt sich aber nicht ignorieren, dass die eInk-Geräte durchaus ihre Berechtigung haben. Meines passt in meine Hosentasche wie ein schönes handliches Reclambüchlein, ist leicht, braucht nur einmal im Monat Strom, und so manches Taschenbuch ist drucktechnisch schwerer zu lesen als mein Display. Es strahlt nicht in Weiß, aber bei Tageslicht ist es perfekt abgestimmt.
Klar, da gibts noch viel Luft, technisch gesehen, aber dennoch:
Ich lese mittlerweile lieber eInk als Print. Nur kaufen kann ich dank der Verlage nichts gescheits.
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