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LA VIE EN ROSE

Nichts ist derzeit auf den Leinwänden so begehrt wie Künstlerbiographien. In unserer Celebrity-Kultur ist die Mystifizierung des Stars inzwischen an dem Punkt angelangt, wo das Leben besonderer Ikonenfilmstoffreif ist. Das bedeutet für diese Filme zumeist eine Gratwaderung zwischen der nachprüfbaren – und von den Verehrern der Stars geforderten – Authentizität, und der für das Kino nötigen Dramatisierung des Lebenslaufes, denn Direct Cinema soll ein solcher Film dann ja doch nicht sein, sondern massenkompatibles Populärkino. Die meisten Biopix folgen dabei einer recht berechenbaren Struktur (die bei Ray und Walk The Line ja nicht umsonst nahezu identisch ist), und auch La vie en rose gehorcht dieser allzu vertrauten Strategie. Auch hier steigen wir auf einem Höhepunkt der Karriere von Edith Piaf ein, auch hier folgt der Flashback in die traumatische Kindheit, auch hier spielen Drogen und Exzess auf dem Höhepunkt der Karriere eine Rolle. Und dennoch gelingt es Oliver Dahan, nicht ganz an den Stereotypen des Star-Movies kleben zu bleiben, zumindest ansatzweise eine eigene Note zu setzen. Und das obwohl der Flashback in die Kindheit der Piaf zunächst besorgniserregende Nachkriegsklischees zitiert und es mehrere Stellen gibt, wo man mit überaus vorhersehbaren Momenten konfrontiert ist. Aber der französische Hang zur Schnodderigkeit und ausgezeichnete darstellerische Einzelleistungen (Emmanuelle Seigner als fiktionale Hure Titine) reißen den Film immer wieder raus. Während das Drehbuch sich etwas vorhersehbar und oft auch vielleicht zu sehr an Piaf-Kenner wendend, durch die Biographie ackert – die arme Kindheit unter Prostituierten und Zirkusartisten, die Arbeit als singende Anschafferin, die ersten Clubauftritte bis hin zum Weltruhm, zur Drogensucht und zur Krankheit im Alter – und die Regie sich oft auch damit begnügt, in relativ braven zeitgenössischen Bildern zu operieren, lebt der Film vor allem von der atemberaubenden Einzelleistung der Hauptdarstellerin Marion Cotillard. Sind bereits die Kinder- und Jugenddarsteller ausgezeichnet – Manon Chevallier gibt eine kränkliche und blass-aufgedunsene, aber zugleich nahezu magisch wirkende fünfjährige Piaf, während die zehnjährige Piaf, gespielt von Pauline Burlet, aufmüpfiger, energetischer und absolut zum Verlieben ist – so schafft Cotillard es, völlig glaubhaft die erwachsene Piaf bis ins hohe Alter zu verkörpern, in allen Phasen ihres Lebens, von der jungen Frau bis zum alten, kranken Superstar. Wer weiß,wie die 1975 geborene Darstellerin wirklich aussieht, hat eine Ahnung von der hier gebotenen Leistung. Cotillard spielt sich die Seele aus dem Leib und schafft es so, die Balance zwischen Krankheit, Drogenkonsum, Zerbrechlichkeit und Straßenmädchenattitüde der Piaf wunderbar zu erfassen, ohne dabei jemals in allzu auffallendes Overacting zu verfallen – was ein leichtes bei der Piaf wäre -, sondern mit einer seltsam fragilen Balance, die ihrer Rolle unerhörte Kraft verleiht. Und rettet so den Film. Sehr erwähnenswert auch Sylvie Testud als Mômone. Überhaupt ist der Film bis ins Detail wunderbar besetzt.

Oliver Dahan spielt teilweise etwas derb mit den verschiedenen Zeitebenen, was vielleicht verwirrend wirken mag, aber zugleich wunderbare Effekte ergibt. Nahtlose Übergänge und multiple Zeitsprünge erheben den Film über die allzu lineare normale Starbio, auch wenn die grundsätzliche Struktur leider eben doch konservativ bleibt – so wird beispielsweise natürlich am Ende La vie en rose gesungen als (etwas absehbares) emotionales Highlight. Insgesamt bleibt die Regie etwas fahrig, streiflichtartig. Dahan macht nichts verkehrt, aber irgendwie fehlt eine letzte emotionale Note, um aus einem guten Film einen exzellenten zu machen. Wir rasen etwas zu schnell durch die Abschnitte und Tragödien der Piaf, ohne die meisten Figuren um sie herum wirklich kennen zu lernen, ohne wirklich mitfühlen zu kölnne, so als würde uns ein unruhiger Museumsführer hastig durch die Highlights einer Ausstellung jagen, weil das Museum schon bald die Pforten schließt. Etwas mehr Ruhe und Tiefe hätte dem Film einerseits also vielleicht gut getan, andererseits entsteht so auch eine Sogwirkung, die dich kraftvoll und ohne unnötigen Ballast zum Finale zieht. Dahan vertraut (vielleicht zu Recht) absolut seiner Hauptdarstellerin, die alle Zweifel und alle Bedenken gegen die Regie furios an die Wand spielt und den Film letzten Endes zum absolut sehenswerten Erlebnis erhebt.

23. Februar 2007 11:15 Uhr. Kategorie Film.
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