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KURT MASUR IN ESSEN

Die Frage, die man sich angesichts der drei Konzerte von Kurt Masur und dem London Philharmonic Orchestra stellen muß, ist, ob klassische Musik nur noch als Event Erfolg haben kann. Die Preisstruktur der drei ausverkauften Konzerte liegt im Rang zwischen 95 und 130 Euro pro Sitzplatz, was die vergleichsweise günstigen 10 Euro für reine Hörplätze nicht ganz ausgleichen. Natürlich bieten Masur und die von ihm geleiteten jungen gutaussehenden Musiker glasklare Klassik der Oberliga, so makellos, daß man bei geschlossenen Augen vor allem bei Tschaikowskis verspielt gegebener vierter Symphonie das Gefühl nicht abschütteln kann, man höre eine CD. Die Akustik der Essener Philharmonie ist mir dabei, wie bei allen modernen Bauten dieser Art, zu clean, zu offensichtlich mit dem Computer auf idealen Klang berechnet. Mir fehlt die Wucht, dieses körperlich-barocke Gefühl eines Livekonzertes. Schon im 1. Rang fehlt der Musik das für meine Begriffe Fundament und Wucht zugunsten von Transparenz und Klarheit. Was sicher audiophiler ist, aber die Musik einfach entkörperlicht. Die Wahl der Stücke ist zu zwei Dritten gefällig – Tschaikowski und Richard Strauss Eulenspiegel –, nur, in der beliebten Sandwichtechnik vieler klassischer Konzerte, in der Mitte wird etwas geliefert, was etwas gegen den Mainstream harmloser Klänge und spielerischer Mätzchen anstachelt, nämlich Sergej Prokofjew 2. Konzert für Klavier und Orchester, das die russische Grande Dame Elisabeth Leonskaja ganz und gar zu ihrem Stück macht. Das eigentliche Highlight des Abends ist die unscheinbar mit Rock und Pulli gekleidete, brav und ruhig wirkende Künstlerin, die am Klavier zum Orkan wird, wütend und atonal durch die brachiale Düsternis von Prokofjews Mix zwischen harmonischem Wagemut und Dissonanz irrlichternder Komposition. Ihre wüst explodierende Klavierkaskaden, von Masur klugerweise nur minimalst begleitet, sind spürbar eine Herausforderung für ein Publikum, das hier offenbar eher die leichte Klassik für teures Geld sucht, und entsprechend fällt der Applaus an dieser Stelle vielleicht auch einen Hauch karger aus als bei den beiden anderen, lieblicheren Stücken. Dabei ist dieses Stück Fleisch zwischen den beiden Weißbrotscheiben die eigentliche Leistung des Abends, der eigentliche Event eben nicht der Gewandhauskapellmeister Masur, der souverän und dabei stets amiabel den Abend leitet, sondern Leonskaja und ihr Mut, für einen kleinen Moment der Upper Crust des Ruhrgebietes Schwerverdauliches zu bieten.

Entschlossen, ein so teures Event auch zu genießen,läßt sich diese davon nicht die Stimmung verderben und entblößt in Pause und nach Konzertschluß, daß es hier wohl für viele eher um Sehen-und-Gesehen-werden geht als um klassische Musik. Die, das muß man einfach so sehen, kann man in gleicher Qualität auch jenseits solcher Events zu einem Bruchteil des Eintrittspreises eigentlich jederzeit auch anderenorts im Ruhrgebiet hören, die spielerischen Nuancen zwischen einem A-Orchester wie den London Philharmonics und lokalen Symphonikern und Philharmonikern dürften sich nur wirklichen Kennern erschließen, während die lokalen Klangkörper (und nicht zuletzt auch die Studenten, wie etwa die Abschlußkonzerte der Folkwangschule immer wieder belegen) einfach mutiger und meist auch sympathischer zu Werke gehen in Sachen Stückauswahl, Arrangement und Spielfreude – und die nicht zuletzt entscheidender sind für die lokale Kulturszene, für die Bildung und die eine langfristigere, meist engagiertere Auseinandersetzung mit der Klassik bieten, die über ein einzelnes Highlight-Konzert hinausreicht.

So ist es eben vielleicht etwas schade, daß ein enagierter und kluger Intendant wie Michael Kaufmann sein Marketing-Budget doch auch eher in die Events steckt, die ohnehin quasi automatisch ausverkauft sind. Dahinter steckt die alte Marketing-Logik, à priori sein Geld auf das Siegerpferd zu setzen. Der (ohnehin eintretende) Erfolg bestätigt dann meist die Marketingabteilung, während es natürlich sehr viel mehr Risiko bedeuten würde, unbekannte(re) Künstler oder eine kleine aber feine Konzert-Reihe mit vergleichbarem Aufwand zu pushen – schließlich ist hier die ausverkaufte Halle eher unwahrscheinlich. Was schade ist, denn so etabliert sich mehr und mehr, daß Klassik punktuell eben als reines High-Society-Event hochstilisierbar funktioniert, nicht aber als lebende, pulsierende, relevante Kulturform wie etwa das Theater. Natürlich sind Masur, Maazel, Netrebko & Co meist auch zu Recht ausverkaufte Events, vergleichbar mit Großkonzerten wie U2 oder REM, ohne die die Konzerthäuser ganz einfach nicht finanziell überleben könnten. Aber, wie im Rock’n'Roll und im Jazz eben auch, kann eine Musikform nur durch die kleinen, innovativen Impulse überleben. Insofern tut es Not, jenseits der in der Mischkalkulation unverzichtbaren Konzerte für Damen im Pelzmäntelchen Formen von klassischer Musik zu (er)finden und zu etablieren, die ein Publikum zwischen 25 und 45 mittelfristig mobilisieren können und einen Bezug zur lokalen Szene haben oder kleine, feine Importe sind – und diese auch kraftvoll nach außen zu kommunizieren. Anderenfalls verfehlen die Konzerhäuser nicht nur ihre Funktion als kulturelle Einrichtungen, sondern verspielen auch ihre eigene Zukunft. Kaufmann beweist mit seinen Reihen und zahlreichen gut zusammengestellten Konzerten jenseits des Mainstreams unter harten Bedingungen ein enormes Talent als Konzerthausleiter – es ist nur etwas schade, daß diese neben den Eventkonzerten ein Schattendasein fristen, oder?

Photo: Sasha Gusov

5. Februar 2006 17:58 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

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