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KITSCH

Kitsch, das ist das, was bleibt. Von einer Epoche. Von einer Person. Von einer Idee, wenn sie nur lang genug gefiltert und auf den niedrigsten Nenner verdaut wurde. Einstein und seine Zunge, Lady Di und der Tod im Tunnel, James Dean und Pomadefrisuren, JFK und Marilyn, Marilyn und der U-Bahn-Schacht, Bruce Lee und der gelbschwarze Anzug, der dicke Elvis und das Glitzerkostüm, Mozart und die Perücke, der Barock und das Schwülstige.

Kitsch, das ist, was bleibt. In unserer Erinnerung. Was einfach genug ist, am Teflon des Gedächtnisses nicht abzugleiten. Prägnant genug. Es ist der Nippes unseres Gehirnes, die Reduktion komplexer Realität auf ein bewältigbares Simulacra. Und weil Simulation Bilder braucht, drucken wir sie auf Teller, auf Tassen, auf Poster und Zahnbürsten, machen sie im wahrsten Wortsinne konsumierbar. Wir rekreieren das Reale durch mythologische Modelle, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben müssen oder gar sollen. Die mit zahnpastaweißen Bonds und Silikonkissen von Plakaten herablächelnde Ikone Marilyn soll eben ablenken von der tatsächlich existenten Figur Norma Jean, nicht verweisen darauf. Das Modell, das Poster, das TV-Feature, die miniaturisierte Version, die konzeptionelle Abbildung, die Reduktion wird so zu unserem Wegweiser für die Wahrnehmung von Realität. Kommt das Modell mit der echten Realität in Kontakt, kommt es meist zu implosionsartigen Effekten. Niemand interessiert doch, wer wirklich hinter dem Mythos steht. Einstein war ein lustiges Genie und hat Reportern die Zunge rausgestreckt… das ist einfach als die allgemeine Reativitätstheorie zu behandeln.

Sicher, das hat mit Eindimensionalität zu tun. Kitsch kollabiert die grundsätzlich ja vorhandene Fähigkeit von Kunst und Medialität, ein multidimensionales und vielschichtiges Ganzes zu (re)produzieren auf eine einfache, eben verdaubare Ebene. Schon aus diesem Grunde ist Kitsch auch immer politisch, ideologisch, demagogisch, blendet Zwiebelschichten von Realität aus, versteckt, betont, verführt. Nicht umsonst wirkt die Propaganda totalitärer Staaten oft zu grell, zu bunt, zu kitschig.

Dies ist durchaus eine sinnvolle Funktion von Kitsch – Selektion. Anders als die von Jorge Luis Borges in «Of exactitude in science» zitierte Landkarte, die final so komplex ist, daß sie 1:1 so groß ist wie das von ihr abzubildende Empire, kann die mediale Abbildung einer Person niemals so umfangreich sein – egal wieviel tatsächlich geschrieben und photographiert wird – wie die tatsächliche Psyche und Biographie erlaubt. «Do I Contradict myself? Very well then I contradict myself, I am large, I contain multitudes» wußte schon Walt Whitman. Und Widersprüchlichkeiten passen nicht ins Klischee. Elvis, der fettleibige Redneck-Junkie und Kommunistenhasser paßt nicht zum hüftenschwingenden Elvis, der das konservative Amerika entsetzte.

Kitsch also macht Geschichte begreiflich, wenn er sich auch komplett als bunten Reigen lügenhafter Bilder und Klischees aneinanderreiht. Kitsch ist somit nicht zuletzt die reine Emotionalisierung, der Übergang ins Fiktionale, ins Religiöse. Aus gutem Grund ähneln Kitschgegenstände Ikonen-Bildern oder religiösen Items. Die von Lady Di nach wie vor zum Verkauf stehenden Tassen, Teller, Schneekugeln, Briefmarken und Eierbecher sind religiöser Natur, goldlastig und pseudo-edel aufgemacht. Die Ballhornisierung historischer oder prominenter Persönlichkeiten zu Quasi-Heiligen schafft so ein Pantheon moderner Legenden und Götzen, in die sich flugs Johannes Paul II einfügen wird, als wahrscheinlich der einzig wirklich Heiliggesprochene in diesem Zirkel. Kitsch, so ist das eben, macht Geschichte (an)faßbar, sammelbar, erlebbar. Ludwig II wird zum Musical. Mozart zum Film. Und unsere Kommunikationsindustrie ist mehr als froh, einen Mythos nach den anderen flachdrechseln zu dürfen, verdaubar zu machen, zu reduzieren auf ein paar Soundbytes und ein Poster-Photo.

Es sei dies nicht als Kritik verstanden, denn wir alle umgeben uns mit Kitsch. Ob wir Hummelfiguren sammeln oder uns in Filmdarsteller verlieben, der Wunsch nach Eskapismus aus der Komplexität ist allgegenwärtig. Wie oft hört man, daß jemand sich einen Schriftsteller, einen Schauspieler, einen Musiker ganz anders vorstellte und dann enttäuscht war, wie das Idol in Wirklichkeit war (vielleicht, weil es einen schlechten Tag hatte und ganz menschlich mies gelaunt war)? Von den Kitsch-Bildern, von der simulierten Phantasiewelt, können wir uns alle nicht wirklich freisprechen. Es wäre insofern falsch, auf die Hummelfiguren-Sammler hinabzuschauen und selbst zu glauben, daß MTV weniger kitschig und weniger Simulation sei. Speiseeis kann nach Erdbeere und nach Schokolade schmecken, bleibt aber doch schlicht und ergreifend Eis. Die rückwärtsgewandte Architektur des Adlon ist insofern ebenso Kitsch wie die nur scheinbar mutige Architektur eines Frank Gehry, die längst zu einer zitierbaren, berechenbaren und soliden Kitschform per se geworden ist, wie das MARTa in Herfords zeigt.

Versucht man, den Wunsch nach Kitsch zu verstehen, so zeigt sich also, daß er im Grunde einer Art seelischem Cocooning dient, Balsam gegen die Realität ist, eine Form von Verdrängung. Hierbei wird stufenweise die Abbildung von Realität ersetzt durch die Maskierung der Realität (bzw. die Verschleierung der Tatsache, daß es keine Realität mehr gibt, sondern nur noch die Maske bleibt), bis schließlich ein Zustand erreicht ist, in dem die Simulation nichts mehr mit der eigentlichen tatsächlichen Realität zu tun hat. Die pausbäckigen Kindlein auf Kinderschokolade- und Zwiebackpackungen sind keine Repräsentation echter Kinder, sondern Simulationen. Aber sind sie nicht niedlich? Die langbeinigen photogeshoppten Models der Vogue-Bildstrecken sind keine Repräsentation, sondern Simulation des Weiblichen. Aber sind sie nicht sexy?

In The Matrix macht einer der Rebellen, Cypher, einen Deal mit den Agenten der Maschinenwelt und verrät seine Mitstreiter, weil er es in der trostlosen «echten» Welt (von der wir erst am Ende des dritten Matrix-Teils lernen, daß auch diese Realität nur eine Simulation war), nicht mehr leben mag. Er will zurück in den Cocoon, den warmen Schoß, der Matrix. Wen schert’s, ob Fleisch echt oder Illusion ist, solange es echt schmeckt? Am ende der Matrix-Trilogie lernen wir dann entsprechend, daß es keine wirkliche Flucht aus der Kitsch-Welt der Matrix mehr gibt nicht geben kann. In Stanislaws Lems «Der futurologische Kongreß» lernt Ion Tichy, das die «Psyvilisation», die er im Jahre 2039 besucht, in Wirklichkeit komplett auf Halluzinogenen basiert, weil die Menschheit die triste Wirklichkeit nicht ertragen kann.

Keine Angst also vorm Kitsch, er ist allgegenwärtig. Ohne Kitsch keine Aufklärung, die sich verzweifelt an der Verkleisterung der Welt abarbeiten kann, ohne Kitsch nicht die wunderbare Wellenbewegung im Design, die stets fröhlich (und inzwischen postmodern fraktal überlagert) zwischen funktionaler Reduktion und ornamentaler Emotionalität pendelt und irrlichtert, in stets zielloser aber interessanter Kreisbewegung.

Keine Angst vor Wackelelvis und Lady-Di-Seifenspender. Keine Angst vor Mozart, dem Kindergenie und Frauenheld. Keine Angst vor Einsteins Zunge und van Goghs Ohr. Keine Angst vor Dalis Bart und Helmut Kohls Birnenkopf. Keine Angst vor Pamela Andersons Silikon. Das alles ist nicht die wirkliche Welt, sondern Teil unserer Reise AUS der Wirklichkeit hinaus, ins postreale. Kitsch, das ist was bleibt. Das, was formbar ist, vermarktbar ist, die konsumierbare Erinnerung an die Welt. Kitsch ist der Vorklang einer postrealen Welt, in der alles formbar, alles designbar ist und insofern dem Massengeschmack unterworfen ist.

Dieser Weg ins Simulacra-Nirvana, den muß man nicht mögen. Denn sicher klebt der Kitsch, macht blind, ist im Kern faschistoid, anti-aufklärerisch. Aber er ist unausweichlich. Je komplexer die Realität wird, um so größer der Bedarf, der Wunsch nach Kitsch. Ne waren Heimatfilme populärer als zum Ende des 2. Weltkrieges. Und in Zeiten von Hartz IV macht das Fernsehen die größte Quote mit Volksmusik.

Der Kitsch wird bleiben. Lernen wir also, ihn zu feiern.

14. Mai 2005 14:24 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

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