
Die Signalgraue Eminenz Martin Kretschmer hat mich vor einer halben Ewigkeit – irgendwann im Mai, um etwas genauer zu sein – via eMail gefragt, warum ich eigentlich Mainstream-Comics lese. Ursprünglich sollte die Antwort auf seinem relaunchten Blog erscheinen, aber niemand hat mir gesagt, dass es auf Englisch sein sollte. An sich kein Problem, aber wer hat schon Lust, seine eigenen Stream-of-Consciousness-Ergüsse auch noch übersetzen zu müssen? Ich bin nie dazu gekommen und wahrscheinlich ist es besser, beizeiten lieber direkt auf Englisch einen neuen Text für das Teilzeit-Gigant-Blog zu schreiben. Die ursprüngliche deutsche Datei, die mir heute beim Aufräumen der HDD unter die Finger kam, will ich aber nicht einfach ganz kommentarlos löschen, deshalb ab damit in den Halbwertsspeicher des eigenen Blogs. Die Sache ist für Nicht-Comic-Nerds wahrscheinlich 200% unverständlich, und selbst für Leser aufgrund meines etwas übermüdeten und gesundheitlich angeschlagenen Zustands beim Verfassen etwas…seltsam. Kurz gesagt, der Text ist grässlich peinlich, also sofort ganz in Myspace-Manier samt aller Tippfehler raus damit…
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Warum zwingt Martin mich zu solchen Sachen? «Bei dir fällt mir da ja sofort ‹Comicmainstream› ein. Was ich bei dir nie verstehen konnte, warum du diese Sachen liest. Erklär es mir», schreibt er. Wobei «diese Sachen» klingt, als reden wir von Kinderpornos oder von der letzten Grönemeyer-Single. «Erklär es mir auf meinem Blog», schreibt er. Ja, klar.
Das Problem ist natürlich, dass man Faszination schwer erklären kann. Warum verkleiden sich Leute als Star-Wars-Charaktere? Warum sammelt jemand Hummelfiguren? Warum liest jemand Shakespeare? Warum steht jemand auf obskure koreanische Filme? Warum onaniert jemand in die Unterwäsche von Paris Hilton?
Comics sind ein Teil Nostalgia, sicher… dieses Stück Nichterwachsenwerdenmüssen. Erinnerungen an die billigen Comics der Kindheit, die dicken kellerriechenden Williams-Sammelbände vom Flohmarkt, die flabbrigen Ehapa-Heftchen, die Lustigen Taschenbücher, die bunt an der Wand entlangstanden, Zeiten, wo man für 50 Mark Schubladen voll Lesematerial sichern konnte, die ich verschlungen habe, bevor ich noch überhaupt richtig lesen konnte. Erinnerungen an die Zeit, wo du mit Freunden Daredevil und Spider-Man gespielt hast (ich war Daredevil, ich fand die Vorstellung eines blinden Helden einfach spannender, obwohl ich Ditkos wirre Spider-Man-Handgeste bis heute drauf habe), oder auf dem Spielplatz diskutiert hast, warum der surrealgottgleiche Fantastic-Four-Gegenspieler und Weltenfresser Galactus, wenn er doch angeblich allwissend ist, ständig von den Fantastischen Vier besiegt werden konnte. Wieso erst zur Erde zuckeln, wenn man doch vorher schon wissen muß, das es mit dem Nachmittagssnack ja eh nichts wird? Heute also durch die telefonbuchdicken Marvel Essentials zu blättern und die Sixties/Seventies-Abenteuer der Fantastic Four oder von Spider-Man neu zu lesen, diesmal im O-Ton, ist sicher auch trip back to the childhood, obwohl das gar nicht so mein Ding ist. Aber es ist good, clean fun. Kein Zweifel, Mickey und Donald, Tintin, Spidey, Superman, Batman und Konsorten sind tief in mir verankert. Ich kann bis heute alle Sorten Kryptonit auswendig (Pre-Crisis natürlich ;-)) und die Namen der wichtigsten Freundinnen von Spidey oder weiß, bis zu welchem Hefte der FF Stan Lee noch selbst Autor war. Das ist ganz glasklar schlichter Nerdism und insofern völlig okay. Zugegeben, ich fand es irgendwie hochtröstlich, dass Chip Kidd genau so ein Freak ist und irgendwie ja trotzdem gut durchs Leben kommt ;-).
Auf der anderen Seite… was ist «Mainstream»? Comics an sich sind ja bereits selbst ein Subgenre und alles andere als Mainstream. Als billiges halbliterarisches Pulp-Medium geboren und immer noch als solches betrachtet (BIFF PANG POW), Bastard zwischen Buch und Illustration, ist jede Form des Comics – ob Manga oder französisches High-End-Artwork – etwas, was man zumindest hierzulande nicht so unbedingt offen in der Straßenbahn liest. Comics haftet einfach ein hautgout an. Die Unterscheidung zwischen Mainstream und Independant ist insofern in etwa so spannend wie die Unterscheidung von Rap oder Elektro in NOCH weitere verschiedene Subgenre… überhaupt nur relevant aus der Froschperspektive. Eitelkeit. Leute, die lieber Unterschiede sehen als Gemeinsamkeiten. Mal abgesehen von der recht einfachen Unterscheidung, dass es Comics gibt, die sich um im Wortsinne meist verstrahlte Typen drehen, die in ihrer Latexunterwäsche gegen gern Bösewichte kämpfen und Comics, die sich eben eher um andere Themen drehen, mal abgesehen von der Tatsache, dass es zwei US-Großverlage – Marvel und DC – gibt und eine Schar von deutlich kleineren Publishern, man also sicher Grenzen zwischen kommerziellem Angebot und einem darunter operierenden Bereich ziehen kann … wie im Kino und in der Musik sicher auch…, kann ich für mich nur sagen, dass dieser Unterschied nie relevant war. Ist ein Comic von Vertigo «Indie», weil es auf Spandex verzichtet und kleine, abstruse Stories oder Magic Realism bringt? Wie soll das gehen, wenn Vertigo nun mal zu DC gehört, also einer Tochter von WarnerBrothers? Ist ein Comic von Avatar oder IDW Indie, nur weil es kleinere Publisher sind… obwohl beide auch offensichtlich Superhelden-Comics anbieten und zum großen Teil sogar mit den gleichen Autoren aufwarten wie DC und Marvel? Ist Warren Ellis bei Avatar plötzlich Indie und bei DC/Image Mainstream?
Mir ist das zu viel Grübelei für ein Hobby, zumal ich diese Schubladen insgesamt nicht mag. Raymond Chandler hat zeitlebens darunter gelitten «nur» ein Krimi-Autor zu sein und dem Schubladendenken von Lesern und Kritikern nie entkommen zu sein. In aller Regel lese ich, was mich anspringt, und weniger ein bestimmtes Genre oder eine Figur per se. Tatsache ist, in den etwa 30 Jahren in denen ich Comics lese, folge ich eher bestimmten Künstlern – den Autoren mehr als den Zeichnern – und wenn Grant Morrison eben gerade Superman schreibt und damit Mainstream (wobei man sich fragen muss, ob irgendein Comic in den Händen von Grant überhaupt so etwas wie mainstreamy sein kann, selbst seine X-Men waren ultrasubversiv), her damit. Aus dem Grunde lese ich auch derzeit viel Captain America oder Daredevil… einfach, weil Ed Brubaker ein guter Noir-Autor ist und mir recht egal ist, ob das nun Deadenders oder Criminal oder Sleeper oder eben Cap ist – ein Charakter, der mir sonst denkbar egal ist. Morrisons All-Star-Superman geht zurück auf die Surrealität des am Fließband produzierten banaldenkbaren Superman der 60er. Marvels frühe Fantastic Four der Sechziger waren an den Interessen der Beatnik-Popgeneration orientiert und haben die halluzinatorische LSD-Optik ebenso integriert, wie heute Matt Groenings Offbeat-Sensibilität die Simpsons permeiert, ungeachtet der Tatsache, dass die Comicfamilie eine gigantische Merchandise-Maschine ist. Die Simpsons sind «Alternative Mainstream». Und damit Trendsetter…
Die meisten derzeit nennenswerten «Mainstream»-Autoren – Bendis, Vaughan, Willingham, Morrison, Millar, Ennis, Ellis usw. – haben in ihrer Karriere einen Output, der alle Genregrenzen und Schubladen transzendiert. Sie springen munter zwischen den Subgenres und Verlagen und testen so ihre Bandbreiten, ihre Möglichkeiten aus. Sean McKeever bringt die gleiche Fingerfertigkeit in Sachen Teenage-Dialoge in The Waiting Place und in Mary Jane Loves Spider-Man. Garth Ennis bringt den gleichen perversen Humor und die gleiche Ultrabrutalität in seinem Pulp-inspirierten Punisher und in The Boys, die nicht umsonst gerade nahtlos den nominellen Wechseln von «Mainstream» (DC/Image) zu «Indie» (Dynamic) gemacht haben, ohne sich dabei inhaltlich im geringsten zu ändern. Mir ist doch auch egal, ob Elomore Leonard Krimi oder Western schreibt… der Autor bleibt ausschlaggebend.
Am Ende zählt der Autor, die Story, die Charaktere. An Spider-Man hat mich nie der Superheld interessiert, sondern Peter Parker. Selbst an ikonischen, eher dehumanisierten Oldschool-Protagonisten wie Superman sind für mich immer noch die Pre-Crisis-Storys spannend (Elliot S! Maggin, Cary Bates), diese halluzinogenen seltsamen Golden-Age und Silver-Age-Mini-Epen, die wirren ScienceFiction-Mischpoken. In Comics, zumal im Spandex-Genre wird die menschliche Komödie in so gigantischem Maße aufgeführt, dass sie in den Händen solider Autoren zur eigenen Kunstform mutiert. Eine Storyline wie Frank Millers Born Again – eine der aus heutiger Sicht sicher wegweisendsten Superhelden-Erzählungen schlechthin, decompressed, auf den Mensch hinter der Maske zugeschnitten, hochgradig als Event strukturiert, insgesamt über zwei Dekaden der Zeit voraus… - nutzt die Absurdität des Genres geschickt als Werkzeug, als hypertrophe überlebensgroße Paraphrase, als Hintergrund für eine Geschichte, die sich ohne (und vor allem gegen) die Trivialitäten des Superhelden-Genres eben nicht denken ließe. Nicht zuletzt lebt eine gute Geschichte in diesem Segment ja auch immer vom Diskurs mit der eigenen, inzwischen über 60-jährigen Historie, dem Dickicht von Continuity und ihrer Absurdität. Es bleibt in einem Marktsegment, in dem teilweise monatlich bereits seit Jahrzehnten über die gleiche Figur vier Titel erscheinen, nicht aus, dass eine absurd dichte Hintergrundgeschichte und abstruse Charakterentwicklungen entstehen. Alan Moore hat aus dieser latenten, unter einer dicken Eisschicht liegenden Geistesgestörtheit eines Mediums, das von ständigen Reboots und Retcons lebt, in dem Charaktere im Dekaden-Takt redefiniert werden, in dem die Vergangenheit eine weiche formbare Masse und der Tod quasi non-existent ist, in Supreme eine narrative Struktur gefunden, die im Kern zu einer grundsätzlichen subtextualen Auseinandersetzung mit dem (nur dünn getarnten) Superman-Mythos geriet. Vor dieser surrealen Folie erfolgreich zu arbeiten ist für jeden guten Autor eine Herausforderung und wenn der Diskurs mit dem Spandex-Genre gelingt, sind die Ergebnisse meist herausragend. Auch das Krimi-, Horror-, Western, Piraten- oder SF-Genre sind ja nicht per se schlecht, es gibt nur eben eine Flut schlechter Fließband-Autoren in all diesen Segmenten… die allerdings die wirklich guten Schreiber nur um so mehr aufblitzen lassen.
Unterm Strich ist es die Summe von all dem… meine Liebe zu nahezu allen Trashmedien, die wunderbare Unwahrscheinlichkeit der Chance, im Dreck eine Handvoll Gold zu finden, die großartige kumulative Surrealität aller Genreerzählungen und die Fähigkeit einiger guter Autoren, damit spielerisch umzugehen. Die Ruhelosigkeit und gleichzeitige Kontinuität dieses Mediums, die Komplexität, die Unsinnigkeit. Die übersimple Moral und ihre heutige Erosion, der Wandel von der simplizistischen grellbunten pro-bono-contra-malum-Erzählung zum vielschichtigeren Medium, dessen tatsächliche Farbpalette ebenso subtiler und expressiver geworden ist wie die damit illustrierten Geschichten. Comics als Medium fusionieren die ganze Ausdruckspalette von Literatur und Illustration und filmischer Erzählstruktur zu einer eigenständigen Form, die eben doch nicht ganz Buch, nicht ganz Film, nicht ganz Illustration ist, sondern ein seltsames hybrides Amalgam, ein wirrer Mischlingsköter, der gerade durch seine Fehlerhaftigkeit erst charmant wird. Wer will da noch fragen, was mal Retriever und was mal Labrador war, wenn man sich doch an einem wunderbaren Schlappohr erfreuen kann?
Ob Manga, Spandex oder kleine intime Schwarzweiß-Comics… wichtig ist der Inhalt, die Ehrlichkeit, der Spaß beim Lesen. Alles andere führt zu Verbitterung, zu Grabenkriegen. Ich mag Jazzfans nicht, die mit erhobener Nasen dieses oder jenes Subgenre ihrer Musik missachten, obwohl sowieso doch kaum noch einer Jazz hört, obwohl ich perfekt verstehe, wo diese leise, selten böse gemeinte Arroganz herkommt und welche Unsicherheit, welcher Wunsch nach Abgrenzung dahintersteckt. Ich kenne Leute, die John Coltranes Platten in kommerziell und unkommerziell aufteilen oder sich bei Bands aufregen, die einen Vertrag mit einem Major Label unterzeichnen. Es ist der Wunsch, etwas ganz für sich allein zu haben und nicht mit der Masse teilen zu müssen. Entdecker eines ganz eigenen Schatzes zu bleiben und nicht plötzlich mit dem Proletariat teilen zu müssen. Es ist der Wunsch nach Abgrenzung, nach Individualität, der nach der Abgrenzung von «Mainstream» und «Alternative» ruft. Und übersieht, dass diese Grenze seit Jahren hinfällig ist, weil die Künstler aus dem Indie-Bereich nichts anderes wollen, als zum Mainstream zu gehören und der Mainstream die Frischzellenkur des Alternative-Bereichs immer und immer wieder braucht, Ideen, Meme und Acts in sich integriert, massentauglich macht. Die von Norbert Bolz dereinst konstituierte over-the-counter-culture lebt von diesem trendmining und Comics sind da eben keine Ausnahme. So wie Brian Singer von kleinen Filmen zur Riesenfranchise X-Men und Superman geholt wurde, so wurde auch Brian Bendis von Jinx und Goldfish zu Spider-Man und den Avengers geholt. Ob damit aber ein kreativer Ausverkauf einhergeht oder ob dieser Crossover von Talent, Reichweiten, Geld und Kreativität nicht zu neuen Möglichkeiten, neuen Geschichten und neuen Chancen führt – muss jeder für sich und in jedem Einzelfall entscheiden.
Wir leben im Zeitalter des Bindestrichs, in einem zunehmend hybridisierten Zeitalter, in dem die Grenzen digital aufgelöst werden, in denen die geschickte Kombination zuvor disparater Elemente zum Hauptquell neuer Stimulanzen wird. Der Crossover, das Processing, das Remixing, die Auflösung, die Osmose, das Sampling- und Re-Sampling – all das sind die kreativen Prozesse der letzten zwei Dekaden. Es ist weniger die Emergenz tatsächlich neuer Phänomene, als eher die Rekonfiguration und das Blending bestehender Formen.Was dazu führt, das in der Musik ein Laptronica-Musiker, und viel mehr Indie geht ja kaum, via Internet zum Medienstar avanciert… also Mainstream wird. Wer will da wie welche Grenzen ziehen? Und wen interessieren sie noch? Wichtiger als die klare Verortung, die zunehmend unmöglich wird, ist der eigene emotionale Response auf das Angebot. Das ist diffuser, allemal treibsandiger. Der French House von letztem Jahr läuft heute in den Indie-Discos, die Grenzen zwischen Minimal und Electro verschwinden. Ist Meshuggah Jazz oder Metal? Und wen schert’s? Qualitätsbegriffe alter Prägung lösen sich auf, die alte maskulin-rationale Normativität weicht einer feminin-intuitiven Navigation. Einer Gefühligkeit. Es endet bei Beavis and Butthead… «It’s cool» versus «It sucks, turn it off…». Begründbar bleibt das alles im Einzelfall, aber pars pro toto wird’s zunehmend unmöglich. Pantha rei und das ist auch gut so. Also geschissen auf Begriffe wie Mainstream und Alternative… they never really existed anyway.
Auf der anderen Seite bin ich vielleicht nur ein typischer alter Sack, der eigentlich zu faul ist, über so einen Shit nachzudenken. Außer, man zwingt mich akut dazu ;-).
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3. Dezember 2007 18:32 Uhr. Kategorie Stuff. 4 Antworten.
Na siehste; war ja doch nicht ganz umsonst. Und ausserdem (pssst) hatte ich das schon gesagt, das mit dem englischen; du hast nur wieder mal nicht aufgepasst, jawoll.
wenn du wüßtest was martin so alles für leichen im keller hat wuhahahahaaaaaa!!
Scheiß auf Mainstream oder nicht, ich zieh einfach den Stöpsel dann wird aus dem Stream ein einzier Sog :P
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