
Das norwegische Universaltalent Ketil Bjørnstad legt zwei Jahre nach The Light wieder mit Triobesetzung, aber mit zwei anderen Partnern (Tore Brunborg am Saxophon und dem Drummer Jon Christensen) eine neue Platte vor, wie immer geschmackvoll bei ECM produziert und verpackt, wie immer der bei ECM etwas erwartbare Sound, der irgendwo zwischen Esoterik und Anspruch zuhause ist, aber das Publikum nicht vergrault. Leicht nostalisch wie der Titel vermuten lässt ist auch die Musik, getragen von dem seufzenden Saxiophonklängen, dem perlenden Piano und den Lichtakzenten des Schlagzeugs, federleicht und poetisch, so lyrisch, dass es mitunter schon einen Hauch zu soft und rund wirkt. «Rememberance» ist ein unfassbar gediegenes Album, Es ist tatsächlich fast nur Christensen, der sich auf unzähligen ECM-Alben so problemlos in den Schatten zu stellen versteht, der hier herausragt und aus den sanft dahinfließenden Flüssen von Bjørnstad und Brunborg silbrig zuckende Fische zu angeln versteht, weil er über den oft allzuruhigen Melodieinstrumenten seltsamerweise eine Art permanentes, begleitendes Solo zu spielen versteht. Er ist der einzige Störfaktor in all der Harmonie, wenn er mit Cymbalblitzen in die meditative Ruhe blitzt und funkt, dass es eine Freude ist. Wie so oft bei ECM – und wie bei einem Trio von norwegischen Ausnahmejazzern vielleicht auch zu erwarten – hat die Musik etwas zerklüftetes, einsames, natürliches, dieses Feeling, das halt so viele Alben dieser Machart auszeichnet. Es ist ein herausragendes Herbst- und Winteralbum, der Soundtrack zu wehenden Blättern und Schneeflocken, von eben dieser vielleicht auch etwas zu einfachen Melancholie, die Pianofetzen und Saxophonschluchzen unweigerlich ergeben. Ein so unzynisches Album verlangt tatsächlich einen gewissen Mut, zumal es (eben mit Ausnahme von Christensen) weitestgehend auf virtuose Mätzchen verzichtet oder sich anstrengt «modern» zu wirken. Es ist durch und durch eines dieser mitunter etwas austauschbaren, aber eben auch wunderschönen minimalistisch-opulenten ECM-Jazz-Alben, die nicht viel mehr wollen und sollen, als dich als Zuhörer mit auf eine kleine, kurze Reise zu nehmen. Es ist im besten Sinne Musik, die gefallen will und die sich nicht schämt, emotional zu sein, eine Art smarte Popmusik im Jazz, ein bisschen berechenbar, aber trotzdem immer wieder einen Besuch wert. Es ist bemerkenswert, wie sehr ECM als Label nicht nur über die Dekaden einen durchgehenden Look etabliert hat, sondern diesen emotional aufgeladenen Minimalismus, diese mystische Ruhe, auch in den musikalischen Gesamtkatalog integriert hat. «Rememberance» ist dabei keine Ausnahme und insofern unweigerlich ein guter Kauf.
31. Dezember 2010 00:23 Uhr. Kategorie Musik. Tag Jazz. Eine Antwort.
Ich liebe deine Platten- und Filmreviews. :)