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Katzenjammer live Zeche Bochum

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Es ist für mich immer wieder überraschend, wie unberechenbar voll oder leer Konzerte sind. bei Bands, wo ich mit ausverkauftem Haus rechne, ist man unter sich, bei anderen Acts ist die Bude überraschend gerammelt voll – so auch hier bei Katzenjammer, in einer recht ausverkauft wirkenden Zeche, in der sich ein Publikum tummelt, das ich so gemischtesten gesehen habe. Vielleicht ist dieser Mix der Grund, warum das Publikum zwar frenetisch applaudiert, mitsingt und offenbar bester Laune ist, aber im Grunde kein bisschen tanzt oder mosht, obwohl ich das durchaus schon bei Bands erlebt habe, wo die Musik weniger zum gegenseitigen anrempeln einlud als hier. Vielleicht liegt es auch daran, dass man so von den Treiben auf der Bühne hypnotisiert ist, dass man nicht durchs Tanzen wertvolle Sekunden aus dem Blick verlieren will, denn das norwegische Quartett liefert eine Art «Reise nach Jerusalem mit Instrumenten» ab, wodurch nahezu jede der Musikerinnen jedes Instrument einmal spielt, nur Anne Marit Bergheim bleibt dem Schlagzeug fern, das meist dann doch von Solveig Heilo bedient wird, die sich charmanterweise dabei jedes mal die hochhackigen Stiefel an- und ausziehen muss und die am Schlagzeug meist nebenbei mindestens noch in zweites Instrument mit bedient, sei es Glockenspiel, Akkordeon oder Trompete. Bei so viel Multi-Instrumentalismus wird trotz Musikstudiums natürlich nicht jedes Instrument mit der gleichen Virtuosität bespielt, aber das tut dem Soundmix der Katzenjammer Kids keinen Abbruch, im Gegenteil, das Unperfekte, dafür aber umso energischere passt perfekt in den musikalischen Reisekoffer der Band. Denn das Spektrum kann im Konzertverauf durchaus mehr beeindrucken als das ja ohnehin schon überzeugende 2008er Debüt «Pop» vermuten lässt. Neuere Tracks wie God’s Great Dust Storm und Lay Marlene zeigen die Combo jenseits der reinen Gutelaunemusik als herausragende Sängerinnen, die mit den geringste Mitteln Gänsehautstimmung erzeugen können oder Swamprock-Stimmung herbeizaubern können, um im nächsten Moment Country oder Balkangrooves heraufzubeschwören.

Das alles geschieht mit einer wirbelwindigen Freude an der Arbeit und einer so gekonnten Animation des Publikums, das man fast Angst hat, auf ein zweites Konzert zu gehen, denn so gut wie beim ersten Mal, wo alles noch echt und gestellt und spontan wirkt, ist es dann ja nie mehr wieder. Was die Sache aber über alle Maßen glaubhaft macht ist das jedes Mitglied der Katzenjammercombo von Anfang bis Ende ein breites Grinsen im Gesicht batike tatsächlich spürbar gern auf der Bühne steht, was man ja beileibe nicht über jede Band sagen kann, die sich oft genug nur noch von Gig schleppen und ihr Publikum insgeheim oder offen verachten. Es ist vor allem diese Freude, die die herausragende musikalische Arbeit durchdringt und überstrahlt und ehrlich macht – das hier, so will es scheinen, ist Popmusik in diesem magischen Moment vor dem Ausverkauf, bevor es nur noch um Singles und Charts und Interviews geht und bevor die bleierne Müdigkeit der Tour sich über alles legt, bevor man in der Enge eines Nightliners entdeckt, dass man sich eigentlich nicht riechen kann. Das hier ist der magische Moment einer jungen Band in einem fremden Land vor einem vollen Haus und der Glaube daran, dass man mit der eigenen Musik andere Köpfe in Brand stecken kann. Das hier ist also das, was wir sehen und erleben wollen, wenn wir zu einem Live-Konzert sehen

Bemerkenswert ist dabei vor allem auch der unfassbare Klang der Band. Ich kenne Bands, die – egal wie groß oder klein die Venues sind, in denen sie auftreten – nahezu verlässlich beschissen klingen und das über Jahre hinweg und ich kenne Bands, deren Sound gerade mal so «serviceable» ist, aber wenig mehr, in denen der Soundman während des Konzerts nicht stattzufinden scheint. Nicht so hier. Schon nach wenigen Klängen des Warm-Up-Act Unni Wilhelmsen, die zum grossen Finale noch einmal mit auf die Bühne kam, ist klar, dass der Tonmann weiß, was er tut und die einzelne Dame auf der Bühne mit geschickten Delay- und Halleffekten perfekt «gross» klingen lässt. Und auch in dem wilden Klanggewusel von Katzenjammer, in einer Flut von analogen Instrumenten, einem permanenten Wechsel von Sounds, verliert der Sound nie den Überblick, alles bleibt transparent und klar, Effekte kommen perfekt auf den Punkt und die Einzelleistungen summieren sich zu einem enorm kraftvollen Klang, den man so nur live fühlen und hören kann und den man auf keiner Aufnahme der Welt einfangen kann, wo jeder Basston dich trifft und vier Stimmen zu einer werden.

Ein interessanter Aspekt der Überalterungsgesellschaft ist das im Publikum teilweise Leute stehen, die deutlich über 50 oder 60 sind (und es auch ein paar Kinder gibt). Ich denke, das wird seltsamerweise normaler werden. Die Leute, die in den 70ern Postrock oder Punk gehört haben oder in den 80ern Wave und Goth steigen ja nicht alle auf Robbie Williams und WDR2 um, sondern werden auch heute noch Alternative hören und entsprechend zu Konzerten gehen. Ich sehe das in letzter Zeit immer öfter und es ist ein spannender Trend, weil gesellschaftlich ja eigentlich kam ausgetestet ist, was es bedeutet, wenn Rockkultur «alt» wird. Hier, zu dieser Musik, die sich auf alte Wurzeln berufen kann und die zugleich so naiv-jung-frisch klingt, passt genau dieser Brückenschlag perfekt, es ist die Musik zu der ältere Damen ihre goldarmbandbehängten Arme in die Luft werfen nach etwas Wein und zu der Kids herumhüpfen, Musik die keine LED-Wand und keine Lasershow braucht und die vielleicht gerade als Kontrast zu der gleichzeitig in Düsseldorf laufenden Riesenproduktion, die ja eher gänzlich ohne musikalischen Inhalt auskommt, daran erinnert, worum es bei der ganzen «Live»-Sache eigentlich geht… um Menschen, die zusammenkommen um zu feiern.  

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16. Mai 2011 18:37 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

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