
Das dritte Album von Kasabian kündigt bereits mit den ersten Tönen an, dass sich einiges geändert hat und man sich doch treu geblieben ist– der Gitarrenriff klingt gnadenlos nach Primal Scream, der Track an sich nach einer Triphop-beeinflußten besseren Gallagher-Nummer. Keine Frage, Kasabian sind immer noch Oasis für Leute, die Oasis nicht mögen. West Ryder Pauper Lunatic Asylum ist eine Art Konzeptalbum über ein (tatsächlich exitierendes) psychatrisches Obdachlosenasyl, und so sind die Tracks immer wieder durch Soundtrack-artige Einlagen gestört, die zu den spannenderen Elementen des Albums gehören, dass – Konzept hin oder her – vor allen aus guten Popnummern besteht, die man gnadenlos auskoppeln könnte. Where did all the Love go, Underdog, Fast Fuse sind die Hauptkandidaten, aber nahezu jeder Song hat etwas treibendes, selbst eher ambitionierte Nummern wie das sperrigsparsame Swarfiga, das wie Vlad the Impaler einen Trip in elektronische Dancegrooves macht, während andere Arrangements wie etwa West Ryder Silver Bullet etwas in Richtung Country und Folf driften. Wenn man so will, versuchen Kasabian – erfolgreich – Soundtrack-Einflüsse in ihre Musik einzusaugen, hier ein wenig Dust Brothers, dort ein bisschen Ennio Morricone, man sieht Serge Pizzorno und Tom Meighan förmlich vorm Fernseher sitzen, seltsame Filme schauen und komponieren. Musikalisch fließen dabei ordentlich 60s-Inspirationen mit ein, und alles in allem dürften auch ein paar Drogen im Spiel gewesen sein – das Ergebnis ist auf doppelte Art Retro, eine Mischung aus Screamadelica-60s und eben 90s, und doch eine ganz eigene Sache, sicher das spannendste, was Kasabian bis dato abgeliefert haben. Obwohl immer noch straighte Rockmusik, tänzelt das Quartett hier fast auf dem gleichen schmalen Grat, auf dem Radiohead mit OK Computer waren (wenn auch nicht ganz so grandios und zeitlos wie Radiohead), ein Nachgeschmack des Vertrauten und ein Vorgeschmack von etwas gänzlich Neuem. Kasabian hätten sich für immer auf ihrem Me-too-Status als Gallagher-Epigonen ausruhen können, zeigen hier aber entspannt (und durchaus immer noch Mainstream-kompatibel), dass das dritte Album auch dafür da sein kann, seine eigene Nische zu finden. Andere Bands versinken hier in Langeweile und «ihrem» Sound, aber Kasabian schaffen das Kunststück, sich neu zu erfinden und ein Art Zitate-Anthologie-Album zu schaffen (was durchaus zu der Konzeptidee des Albums passt), ohne bei allem Pop-Eklektizismus dabei wirklich allzu anders zu wirken oder ihre Herkunft zu verleugnen. Die Stärke des Albums ist die Zusammenschau der Songs, von denen einzeln keiner wirklich herausragend ist, aber die Art und Weise, wie sich die verschiedenen Stile aneinander reiben, bringt die Platte eben doch zum Glänzen.
12. Mai 2010 11:16 Uhr. Kategorie Musik. Tag Alternative, Pop. Keine Antwort.