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KALKA

Wenn ein Stück nahezu fünf Minuten im Dunkeln beginnt, so ist dies allemal ein guter Anfang. Kalka, Kerstin Hensels neues Bühnenstück, das am Freitag im Bielefelder Theater am Markt Premiere hatte, beginnt im Dunkeln, mit dem Betrachten von Lichtpunkten, die sich bewegen oder eben nicht bewegen – und genauso wird es auch enden, mit Lichtpunkten, mit Sternen. Die Punkte bewegen sich natürlich nicht, es sind nur unsere Augen, die unruhig flirrenden, die uns die Bewegung vorgaukeln.
Die virtuelle Bewegung im Stillstand steht nicht umsonst am Anfang des Stücks, steht für innere Unruhe, für den Drang, vorwärtszukommen, ob es nun Sinn macht oder nicht, glücklicher macht oder nicht. Zugleich definiert der Anfang den Protagonisten Franz Kalka als den im Ansatz freien Menschen, mit unschuldigem Potential, der aber doch schwach ist, schwach sein möchte, sich dem Gruppendruck nicht nur beugt, sondern verzweifelt beugen will, um eins mit ihnen zu sein, um besser zu sein als er ist.

Zwischen diesen Lichtpunkten am Anfang und am Ende beschert und Hensel einen seltsamen Blick in die Seelen dreier Protospießer, die die Glückträume der Konsumwelt träumen, die immer mehr wollen, die ihre miefige Kleinstadtrealität mit den Stereotypen und den Steroiden der Werbewelt und der Psychogurus aufpumpen wollen. Da ist Schmer, Chef der Sparkasse von «Niebel», da ist Franz Kalka, der «beste Mann» von Schmer, ein Möchtegernemporkömmling, der an seiner eigenen Menschlichkeit scheitert, zu der er als Karrierist doch nicht stehen kann, die aber noch nicht abgetötet genug ist, ihm eine Karriere zu ermöglichen, und Puschel, von Schmer als Putze und Fotze eingekauft, auf Kalka angesetzt, in Kalka verliebt, das eigentliche Epizentrum der Handlung, die Gastarbeiterin als letztes Spurenelement der Menschlichkeit. Mittendrin, drumherum der Chor der Kleinsparer, der Kneipenbesucher, der Kaffeefahrer, der Psychotrainer.

Es ist mutig, ausgerechnet in der stets von Selbstzweifeln geplagten Kleinstadt Bielefeld, ausgerechnet in einem von der Sparkasse geförderten Theater ein solches Stück über die Mittelmäßigkeit anzusetzen, über die Lilliputs des Kapitalismus, die Sparkassen-Direktoren und ihre Träume von der Weltbank. Es ist mutig, einem etwas störrisch-ostwestfälischem und durchaus graumeliertem Publikum ein Stück zu bringen, in dem es verdächtig grauhaarige und miesepetrige Chorcharaktere gibt. Das hat dabei kaum etwas mit Bielefeld an sich zu tun, den gleichen Mut würde es erfordern, das Stück in Essen oder in Krefeld, in Herne oder in Bad Salzuflen zu zeigen. Nichtsdestoweniger wird hier Theater als Spiegel der Gesellschaft funktional – das Bürgertum geht schließlich ins Theater, um die Problematik des Bürgertums zu konsumieren – aber in einer Art und Weise, die trotz des komödiantischen, boulevardesken Grundtons von Kalka immer wieder eigentlich wehtun muß. Man findet sich selbst und seine eigenen Träume vom Größer-Schneller-Weiter wieder, wieder in der albernen Zappelei von Kalka. Man sieht die eigene absurde Ambition, die eigenen Träume als von vorneherein gescheitert präsentiert. Kalka, der auf der zunehmend absurden Jagd nach dem Großen Glück das reale, kleine verschenkt – das ist schon Projektionsfläche.

Es ist dieser Mut, der das Stück über manche Durchhänger des Textes und der Inszenierung trägt. Wie Hensels fataler (und völlig unnötiger) Hang zum Wortspiel, der auch in den Gedichten im Programmheft durchblitzt (Komm-Herz-Bank). Niebel, Schmer, Kalka, Puschel… das ist fast unerträglich flach und erschließt auch nichts, ist zu nahe am Kalauer und doch nicht witzig und schmälert die Wucht, die Hensel sonst ja durchaus hat, etwa wenn die Chor-Stimmungsmacher des Kapitalismus gegen Ende des Stücks absolut nahtlos in Goebbels Sportpalast-Rhetorik verfallen. Neue Autoren flüchten mehr und mehr vor der Verantwortung, ihren Figuren tatsächlich Namen geben zu müssen. Solche albernen Verballhornungen sind keine Lösung, zumal Kalka nicht Kafka ist, auch wenn die Namensgleichheit zugegeben zumindest der Szene, in der eine riesige Kakerlake auf die Bühne kommt, zusätzlichen Witz verleiht. Aber ansonsten ist es einfach flach, vielleicht auch vermessen, zu einfach allemal. Da sind auch die die ab dem ersten Moment penetranten Rückfälle von Kalka in seine dialektbehaftete Kindersprache («Franz nit hauen»), der Freudsche Rückgriff inszenatorisch und dramaturgisch hätte man das weglassen können, wir brauchen keine geschlagene Kindheit, um Karrieristen zu werden, um gescheiterte fraktale Menschen zu sein. Dieser psychologische Kunstgriff schwächt die Figur und ihre Funktion ungemein, er versucht zu erklären, wo es keine Erklärung braucht. Dazu paßt leider das mehr als gelegentliche und anstrengende Overacting (gutgutgut, das ist eine ganz persönliche Sache bei mir, ich WEISS ja, das Theatralische gehört ja irgendwie zum Theater, aber es macht mich wahnsinnig, dieses Bühnengeile, dieses Laute) von Mathias Reiter, der in seinen ruhigeren Momenten allerdings absolut famos war und den textimmanenten Bruch zwischen Over-the-Top und Realität sauber parat hatte. Überhaupt ist die Besetzung eine Freude. Schmer, eine Figur, die das Übertriebene viel besser verträgt, ist grandios überzeichnet und mit von Max Grashof einer wunderbaren Spielfreude gebracht. Puschel ist wie Kalka eine Figur, die im Fortissimo eher enttäuscht, die von Christina Huckle aber schöne Zwischentöne kriegt und als einziger wahrer Mensch des Stückes erkennbar bleibt. Es ist vielleicht auch nicht einfach, in etwas zu eitlen, wenn auch schönen, Kostümen zu spielen, die zu sehr gegen die Alltäglichkeit des Stoffes anspielen, die zu sehr Hamburger Schauspielhaus sein wollen. Das schafft Distanz, die das Stück eigentlich nicht gebraucht hätte.

Vielleicht ist solcher Mut die Stärke der kleinen Stadttheater, die nicht ein Berliner oder Hamburger Publikum bedienen (aber mit dieser Inszenierung durchaus bedienen könnten), sondern wirklich realiter für das Bürgertum (im schlimmsten und im besten Sinne) spielen. Das kleine der Stadt, das kleine auch der Bühne, die Nähe zum Publikum im wörtlichen und übertragenen Sinne, das macht Theater effizienter, wirkungsvoller. Näher am Druckpunkt. Schließlich läßt sich aus der kleinen Kammerspielsituation mit Ironie und trashigen Einfällen eine Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit den Zuschauern gegenüber erreichen, die mehr wert ist als die bloße Perfektion. (Denn ja natürlich, hier gibt es die eine oder andere Peinlichkeit, die das kleine Budget einfach mit sich bringt… wie die billigst ferngesteuerte Kakerlake, wie verhaspelte Sätze, wie der oft mehr als asynchrone Chor, wie die unfreiwillig komische Todesszene von Puschel). Aber die Liebe bei alldem, der Spaß auf der Bühne und bei den Zuschauern, die Wärme und Freundlichkeit, auch der ganz offensichtliche Spaß an den eigenen Fehlern, verleiht dieser Aufführung eine Emotionalität, die erlebenswert ist. Ich habe vor einiger Zeit Photos in der Gelsenkirchener Schalke-Arena gemacht. Der große Profi-Kasten aus Glas und Stahl hat aber auf den Photos nicht wirklich funktioniert, hat nie «Fußball» bedeutet. Da war nur Hybris, unsympathischer Größenwahn, keine Nähe, nicht die Schwiemeligkeit, die das Kicken braucht. Hier will Schalke Bayern München sein. Ein paar Meter weiter, im alten Parkstadion, da hab ich dann gefunden, was wir suchten. Fußball. Die Flutlichter, die verzuppten Tribünen. HIER war Fußball. Das ist die Chance der Theater, die nicht in Hamburg oder Berlin spielen. Parkstadion sein. Ehrlichkeit. Die kleine Bühne, in der Zwischentöne hörbar sind, in der man nicht laut spielen muß, sondern emotionaler, leiser, melancholischer, näher sein kann. Der gerade in letzter Zeit allzu oft bemühte Begriff der Authentizität, das ist die Chance von Theatern gegenüber Kino und TV. Aura, Leibhaftigkeit, Reaktion, Interaktion. Nicht nur ein Stück spielen, sondern MIT dem Stück spielen. Auf die Stadt, auf das Publikum, auf die Situation eingehen. Nähe. Distanz vermeiden. Manchmal, meist sogar, gelingt das bei Kalka und das ist gut so.

Die Botschaft, die Hensel und Regisseurin Olga Wildgruber hier kommunizieren, und daß das Theater Bielefeld sie vor allem seinen Zuschauern bringt, das alles paßt in Bielefeld viel eher als in Berlin. Hier spielst du nicht vor postmodernen Poseuren, die den Schock zittrig erwarten, den Oberflächeneffekt wollen, deren Bühnenbild minimalistisch oder bombastisch sein muß, die eher lächeln würden, wenn im Programmheft nun ausgerechnet der abgegriffene Michel Houellebecq zitiert wird, sondern eben vor echten Menschen. Die man erreichen kann. Die man noch schockieren, aufregen kann.

Das ist eine ganz andere Verantwortung, und vor allem eine ganz andere Chance.

Und dann ist es gut, wenn ein Theater mutig genug ist, ein Stück nahezu fünf Minuten im Dunkeln beginnen zu lassen

13. März 2005 13:56 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

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