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Kaki King: Junior

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Es ist inzwischen ja fast der Normalfall, dass es da draußen irgendwo einen großartigen Act schon seit Jahren gibt und man nie von ihm gehört hat. So wie man oft einen Autor erst beim dritten Buch entdeckt, eine Serie erst bei der fünften Folge oder in der dritten Staffel, einen Maler, wenn er schon fast tot ist, eine Comicserie erst ein Jahr nach ihrem Debüt und so weiter. Dieses späte «Entdecken» gehört eigentlich zu den größten Freuden, weil man das bestehende bisherige Werk in einem großen Rutsch komplett genießen kann.

Kaki King war für mich Anfang 2010 so ein Fall. Trotz des eher an 90er Retrodesign erinnernden schlechten Covers ist «Junior» eine musikalische Offenbarung, hinter der sich vor allem der viel umfassendere Schatz der vier vorhergegangenen Alben der New Yorker Gitarristin, die sich in ihren Releases langsam und glaubhaft von einer umwerfenden Akustik-Gitarren-Virtuosin mit einer ganz eigenen und wunderbaren Tapping-Technik zu einer Vollblutmusikerin entwickelt, deren aktuelles Album das spürbare Ende einer langen und spannenden Reise ist. Nach den introvertierten Sologitarrenstücken auf Everybody Loves you und Legs to make us longer hat sich King ja bereits auf Until we Felt Red und vor allem auf Dreaming of Revenge mit einer minimalistischen Bandstruktur präsentiert und eine einzigartige explorative Suche nach der eigenen musikalischen Identität offenbart. Auf Junior aber hat die gerade 30jährige Ausnahmemusikerin eine überraschende Wendung hingelegt – weg von den unfassbaren perkussiven Slap-Klängen, weg von der reinen Saiten-Virtuosität, hin zu modernem Indie-Songwriting und einem Album, auf dem sie als Musikerin, nicht als Solistin brilliert. Eine lupenreine Indie-Einspielung mit einem seltsamen Spy-Theme, eine Art Konzeptalbum, das streckenweise nach einer filigraneren Melissa auf der Maur klingt, auf dem sich King mehr als zuvor auf den Trompeter Dan Brantigan, der hier Bass und andere Synth-Instrumente beisteuert und den phantastischen Schlagzeuger Jordan Perlson verlässt. Das Ergebnis ist eine Platte, die sich deutlich mehr nach Liveeinspielung anfühlt, teilweise geradezu unterproduziert im Verhältnis zu den Vorgängern und die King in ungewohnter Breite als Sängerin agieren lässt. Auch wenn sie sich noch hinter endlosen Hallwänden zu verbergen versucht, gelingt dieser Neustart herausragend – King bringt sich aus der Sackgasse des Gitarrentalents in die Einflugschneise für eine Pop/Alternative-Karriere à la Teagan and Sara … und beweist zugleich ihr kompositorisches Händchen für Songs mit klassischen Hooklines und Refrains, ohne für eine Sekunde ihre Herkunft von der Gitarre zu verleugnen. Malcolm Burn, der erfahren in einem «erdigen» Sound ist und unter anderem schon regelmäßig Daniel Lanois co-produziert hat (und das letzte KK-Album), nimmt die Stimme mitunter etwas zurück, schafft aber trotzdem einen geräumigen, ehrlichen Klangteppich, der nach New Yorker Kellerkonzerten klingt und nicht mehr verspricht, als das Trio live halten kann. Songs wie der 7/4-Kracher Falling Day oder The Betrayer zeigen eine Musikerin, die druckvolle Powersongs kann, während ihr das Konzept des Albums genug Cinemascope-Spielraum gibt, um auch hypnotischere Songs unterzubringen (Everything has an End, even Sadness) oder Experimente wie My Nerves that commited suicide. In den Tracks kann man viele Anklänge und Inspirationen entdecken – von Sonic Youth über PJ Harvey bis hin zu The Cure -, aber durch ihr einzigartiges Gitarrenspiel und den sirenenhaften Gesang bleibt Kaki King ganz klar eine Liga für sich. Junior ist insofern hoffentlich nur der Auftakt für eine ganz große weitere Karriere.

8. September 2010 12:42 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

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