
Als hätte David Lynch Die Entdeckung des Himmels meets Homo Faber nach einem Drehbuch von Grant Morrison verfilmt, so fühlt sich Francis Ford Coppolas erster Film nach über zahn Jahren an. Verwirrend, bilderreich, allegorisch, vielschichtig. Die Geschichte des siebzigjährigen Linguisten Dominic Matei, der am Ende eines vertanen Lebens vom Blitzschlag getroffen wird und durch wundersame Weise dadurch verjüngt – und tiefergehend verändert – ist eine mäandernde Reise durch die Zeit, durch verschiedenste Kulturen, durch Philosophie und Sprache und durch eine surreale Liebesbeziehung, die wie ein Wirbelsturm von Figuren, Orten und Handlungsfetzen vorbeipulsiert.
Das ist sicher vielleicht ein Schwachpunkt der Films – Charaktere und Narration bleiben oft skizzenhaft. Der von Bruno Ganz hervorragend rätselhaft inszenierte Professor Stanciulescu, der Mateis Heilung begleitet und ihm eine neue Identität verschafft, stirbt so offscreen undsein Potential scheint plötzlich brachzuliegen, sein Handlungsfaden ist einfach abgeschnitten. Anderen Figuren geht es kaum anders. Die Nazi-Agentin in Raum , der Orientologe Guiseppe Tucci und sein Assistent – all diese und viele andere Charaktere blitzen im atemlosen Rausch des Films vorbei und scheinen mehr zu versprechen als zu halten. Tatsächlich liegt in dieser quecksilbrigen Fluidität der Handlung, die man kaum je richtig zu greifen kriegt, die springt und bricht und jederzeit unvorhersehbar bleibt, eine großartige Stärke des Films. Als Zuschauer ist man sich der Handlung nie sicher, die Erzählung wird nie berechenbar, im Gegenteil. Als Dominic im zweiten Teil des Films seine verstorbene grße Liebe Laura wiedergeboren in Form von Veronica wiederfindet, würde man in jedem anderen Film laut aufstöhnen. Hier ist nicht nur diese Wiedervereinigung unerwartet und plötzlich, sondern auch der darauffolgende Bruch, der Veronika und Dominic nach Indien führt und schließlich nach Malta, wo sich Veronica immer weiter in metapsychologische Urversionen ihrer selbst verwandelt, in immer frühere Leben zurückkehrt, und dabei körperlich zusehends altert, während Dominics dunkle Seite sie mißbraucht, um sein gescheitertes Lebenswerk – die Suche nach dem Ursprung der Sprache – zu beenden.Diese, wie ungezählte weitere Wendungen des Films sind absolut unvorhersagbar.
Youth Without Youth fühlt sich ystisch an, surrealistisch, ein doppelbödiges Spiel, von den seltsam altmodischen, an die 50s und 60s erinnernden Opener des Films an. Coppola macht es seinen Zuschauern bis zum Filmende niemals einfach, verweigert jedes Happy End, jede einfache Deutungshilfe. Mutanten, Wiedergeburt, phantastische Geisteskräfte, Seelenwanderung, ein zynischer kryptofaschistoider Doppelgänger als Out-of-Body-Experience, Zeitschleifen, Traumsequenzen… so vieles an diesem Film erinnert an die psychotische Phantasie von Philip K. Dick. So viele Andeutungen, so viele visuelle und verbale Hinweise – man wird diesen Film mehrfach schauen müssen, um ihn zu deuten.
Rein bildsprachlich ist Youth ein Epos. Bereits zu Filmbeginn lässt Coppola Handlungselemente an unseren Augen vorbeiflirren, im weiteren Verlauf wird die Bildsprache oft drogenumnebelt, wie etwa die um 180° auf den Kopf gedrehten Aufnahmen, die wunderbar subtilen Spiegelsequenzen mit Dominics Doppelgängern, die Sexszene mit der Nazi-Agentin und ihrer Svastika-Reizwäsche. In traumhaften, kafkaesquen Bildern erzählt Coppola eine Geschichte, die sich jenseits aller Ratio entfaltet und mehr als neugierig auf Mircea Eliades Originaltext macht. Der Film ist ein wilder Fiebertraum, der in seiner Energie einerseits die Ästhetik von Musikvideos aufgreift, andererseits mit altersweiser Ruhe und Langsamkeit agieren kann, wenn es sein muss. Nahezu jede Einstellung ist eine meisterhafte Bildinszenierung, die sich zugleich zeitlos-altmodisch und doch hochmodern anfühlt – schließlich hat Kameramann Mihai Malaimare Jr. den Film digital aufgenommen und aus über 170 Stunden Originalmaterial zusammengeschnitten. Allein diese Kondensierung – und Coppalas permanentes Siel mit den digitalen Möglichkeiten, um die verschiedensten Filmflairs zu emulieren und nahtlos zwischen Trainspotting und Casablanca zu springen – macht den Film zu einem visuellen Trip, der die schamanistische Stimmung der Handlung perfekt untermalt.
Tim Roth und Alexandra Maria Lara brillieren in diesem Film, man kann es nicht anders sagen. Lara ist in der ersten Filmhälte etwas fablos, in der Rolle der Laura, um dann aber als Veronica von Coppola nahezu verliebt in Szene gesetzt zu werden. Die Rolle – und Lauras Seelentrips in de Zeit von Ägypten, Sumer und Babylon – bieten der Darstellerin die Möglichkeiten, alle Register zu ziehen, was sie dann auch absolut souverän tut. Lara gibt ihre Rolle niemals – trotz der oft überzeichneten Handlung – der Lächerlichkeit preis, ihre Veronika ist eine Figur, die uns fast mehr als der polymorphe Roth durch den letzten Akt des Filmes führt, ihn zusammenhält, ihm Seele gibt. Roth, auf der anderen Seite, zeigt sich fast manisch wandlungsfähig, körperlich ebenso wie als Darsteller, der mit Mimik und kleinsten Nuancen die inneren Verwandlungen seiner Figur widerspiegelt. Roth bei dieser Achterbahnfahrt zuzusehen, ist allein den Eintrittspreis wert.
Es ist unverständlich, warum dieser Film als Agentendrama mit Nazis promoted wird – dieser Handlungsstrang nimmt bestenfalls 30% des Filmes ein uns hat nichts mit Youth Withou Youth zu tun. Da ist die Marketingabteilung der Verleiher mehr als unglücklich vorgeprescht. Wer den Film erwartet, den die Pressearbeit verspricht, muß enttäuscht sein. Was vielleicht die ein oder andere miserable Kritik rechtfertigt – die anscheinend übersieht, wie mutig, wie Auteur dieser Film ist, alles andere als ein altersblinder Querschläger, sondern ein großartiges, mutiges Meisterwerk in einer Zeit, in der solche aus allen Genres herausragenden, erzählenden, großen Filme selten geworden sind. Youth Without Youth ist inspirierend, gewagt, provokativ, sexy, klug, selbstverliebt, verwirrend und eben deshalb interessant, im besten Sinne irritierend und seltsam. Ein Film wie kaum ein anderer.
11. Juli 2008 14:12 Uhr. Kategorie Film, Leben. Eine Antwort.
laut spiegel bisher nur 5.000 besucher. hmm. eher was für cineasten und nichts für fastfoodblockbuster-people.