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Jónsi: Go

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Es ist bei jeder erfolgreichen Band nur eine Frage der Zeit, bis unweigerlich meist der Sänger ein Soloalbum rausbringt. Egal, ob es eher finanzielle Anreize sind oder der kreative Wunsch, ohne Gruppen-Kompromisse oder in einem neuen Kontext arbeiten zu können, die die Bandleader auf Solopfade treiben, meist sind die Ergebnisse eher enttäuschend. Sei es, weil die Band ohnehin mitunter schon ziemlich so klingt wie das Soloprojekt oder sie es, weil die interne Reibung und Kommunikation überhaupt erst das ist, was das musikalische Produkt am Ende so einzigartig macht – den meisten Soloexkursen fehlt irgendeine wichtige Zutat, eine Art von Magie, die die Band hatte. Dieses Album ist tatsächlich eine der wenigen Ausnahmen. Auf Go gelingt es dem Frontmann von Sigur Rós, dem ja immanent von ihm mitgeprägten Grundsound der Band weiterhin gewachsen zu sein und doch eine dezidiert eigene Note einzubringen. Man wäre wahrscheinlich nicht überrascht gewesen, wenn Go ein reines Pianoalbum geworden wäre oder 75 Minuten nackter Gitarren-Whitenoise, beides würde das Spektrum der Musik von Jón Þór Birgisson und seinen Mitstreitern hergeben, beides wäre konsequent gewesen – und ebenso richtig ist dieses Album, das überraschend leicht, poppig und offen daherkommt, den optimistischeren Klang des letzten Rós-Albums weiterträgt, die stärkere perkussive Note, die Tendenz, auch mal außerhalb des rein Isländischen zu singen, die Öffnung, die Schwerelosigkeit bei aller Vertracktheit. Während ein Track wie «Hengilás» oder «Grow Till Tall» absolut problemlos auch auf jede SR-Veröffentlichung passen würde, und auch der sich auftürmende Wall of Sound, der Streicher Bläser, Glockenspiel, Percussion und endlose andere Instrumente übereinanderstapelt wirkt vertraut. Neu ist aber der stark nach vorn gehende Beat, die Bündigkeit der Stücke, die Disziplin, sich nicht in endlosen Gitarrenorgien zu verlieren, der zumindest streckenweise Verzicht auf die große Geste und den großen Pathos. Vereinfacht gesagt machen Sigur Herbstmusik und dieses Soloalbum klingt nach Frühling, nach Auftauen, nach Wachstum – Jónsis Spiritualität wirkt weniger märtyrerhaft, weniger schmerzverzerrt. Auf Songs wie «Around Us», «Go Do», «Sinking Friendships» oder «Tornado» geht es sogar regelrecht druckvoll zu, bei denen Jónsis Falsett zum Teil hummelhaft energiegeladen-optimistisch durch psychdelische Klanglandschaften springt, während man den klassischeren Arrangements immer wieder anhört, dass Produzent Peter Katis eben auch bei The National Erfahrungen gesammelt hat, wenn es darum geht, große Gefühle zu erzeugen («Kolniður»). Mitunter wirken die Arrangements von Nico Muhly vielleicht einen Hauch zu empathisch, zu wuchtig, zu viel, aber gerade diese Attacke auf die Ohren lässt die minimalistischeren, ruhigeren Stücke umso besser zur Geltung kommen. Dass Birgisson sich auf dem Cover-Artwork scheinbar LSD-bunte Engelsflügel anlegen lässt und und uns als mythische Figur kann kaum davon ablenken, dass dies das tatsächlichste weltlichste Album aus der Feder des Sigur Rós-Frontmanns ist, weit weniger rätselhaft und vernebelt als bisher, heller und einfacher. Dabei ist es zugleich die konsequente Weiterentwicklung von Trends des letzten Rós-Albums, was der Band vielleicht auch selbst Spielraum gibt, sich auf dem nächsten Album (wieder) neu zu erfinden, zu redefinieren, weil Birgisson einen Evolutionsschritt für sich selbst bereits weiter abgeschlossen hat. In das ohnehin durch viele Abschweifungen und Projekte gezeichnete Oevre von Sigur Rós passt insofern – fast analog zum Modell von Porcupine Tree – diese Exkursion von Jónsi nahtlos ins Ganze und hat dennoch genug eigene Nuancen, um den Status als Soloalbum zu rechtfertigen… more of the same, but different.

15. September 2010 07:19 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Eine Antwort.

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