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JONATHAN SAFRAN FOER: EXTREMELY LOUD & INCREDIBLY CLOSE

Nachdem ich von Everything is Illuminated bekanntermaßen hochbegeistert war, stand Jonathan Safran Foers zweites Buch, Extremely Loud & Incredibly Close natürlich auch der Must-Read-Liste. Dabei ist an diesem Buch auf den ersten Blick eigentlich alles verkehrt. Der Protagonist heißt Oskar Schell und erinnert nicht nur vom Namen her an den verschrobenen Kindsmann Oskar Matzerath aus Grass’ Blechtrommel. Ein semi-autistisch anmutendes schrulliges Genie, ist Oskar nicht nur Juwelier, Tambourinespieler, aufdringlicher Briefautor, Astronom und Vegetarier sondern vor allem auch Halbwaise. Denn sein Vater ist beim 9/11-Anschlag auf das World-Trade-Center umgekommen. Ein Buch über ein Kind, das die letzten Geheimnisse seines Vaters sucht plus 9/11? …das klingt wenig vielversprechend. Das klingt, als habe Foer sich mit dem zweiten Buch, wie so viele Autoren, schlichtweg übernommen. Die Tatsache, daß das Buch einen Bogen vom WTC zu den Bombenangriffen auf Dresden schlägt und insofern, wie Everything, eine Art seltsamer Generationenroman ist, macht es nicht vielversprechender. Und zu alledem ist Oskar von Anfang an eine Nervensäge par excellence, seine immer wieder gleichen Redewendungen und sein begrenzter, aber leider sehr exaltierter Sprachschatz, macht den Protagonisten oft recht unerträglich altklug. Das alles mag Absicht sein, nervt aber gegen Buchende nicht weniger.
Überraschenderweise ist das Buch trotz alledem einfach gut. Völlig anders als Everything, erfindet Foer hier immer neue experimentelle Spielarten von Schriftstellerei, die nahezu erschreckend innovativ sind und bei den Kritikern sicher nicht nur Freude hervorrufen, mich aber auf jeden Fall begeistern. Nachdem er bereits in seinem Erstling an die Grenzen des Spiels mit mehr oder minder etablierten schriftstellerischen Effekten ging, erfindet Foer hier mal eben die Möglichkeiten dessen, was man in einem Roman machen kann, neu. So spielen im gesamten Buch immer wieder Photos eine zentrale narrative Rolle, wie etwa die immer wieder auftauchenden Türgriff-Bilder, die zunächst völlig rätselhaft sind und erst recht spät erklärt, dann aber rückwirkend bedeutsam werden. Selbst das Ende des Buches ist nicht Text, sondern eine Bildsequenz, die das Unsagbare konsequent zu Ende führt. Ein Daumenkino dreht den Fall eines Mannes aus dem brennenden World Trade Center kurzerhand um, die Figur fliegt scheinbar empor, verschwindet am oberen Bildrand im Himmel. Treffender, doppeldeutiger, trauriger kann man wohl auch mit Worten nicht enden. Zugleich schließen die Bilder die Illusion, hier Notiz- oder Tagebücher zu lesen.

Ebenso erscheinen im ganzen Buch einzelne Sätze, alleinstehend auf einer Seite, zunächst unerklärt, später – wie die Photos– eine wichtige Orientierungshilfe und sogar ein Schlüssel zu vorhergegangenen Ereignissen. Es gibt eine ganze Sequenz von Text, der in Zahlenketten codiert ist und den man nur mit Hilfe einer Telefontastatur entziffern kann. Es gibt eine Sequenz von Text, der zunächst nahezu unmerklich enger und enger, kompresser, wird, bis man hinter seitenweise nur noch schwarze Fläche hat. Das alles – und noch viel mehr – schafft ein Gefühl, hier ein Buch in den Händen zu halten, wie man es niemals zuvor gelesen hat. Ein Experiment, größtenteils gelungen, das wütend und verspielt die Grenzen des Mediums austestet, an den Stäben des Käfigs etablierter Schriftstellerei rüttelt, um mal zu sehen, was da so herabrieselt.

Dabei lenkt Foer mit diesen Gimmicks keineswegs etwa von einer per se schlechten Erzählung ab, sondern er erzeugt sie mit und durch diese neuen Werkzeuge, die Tricks sind nicht additiv, sondern integral für das Verständnis der Geschichte, die sich komplex und etwas fraktal durch das Buch windet. Eine Geschichte von Liebe und Verlust, von Vätern und Söhnen, von Geheimnissen und Entdeckungen, in der Oskar für uns Leser zunehmend zur Nebenfigur wird, weil Foer so liebevoll mit den Nebenfiguren zu spielen versteht, in nur wenigen Sätzen ganze Schicksale und märchenhafte Geschichten skizziert, die einem John Irving für drei Bücher reichen würde, bei Foer aber nach wenigen Zeilen perfekt – wie in Bernstein gegossen – sind. Fores Stärke ist weniger die große Geschichte als viel mehr die erfinderische Erzählung und die Skizze,
Es ist schwer zu sagen, ob Illuminated oder Loud & Close das jeweils bessere Buch ist, dafür sind sie zu ähnlich und zu verschieden zugleich. Unterm Strich hat mich Illuminated vielleicht mehr begeistert, weil es erwachsener, verflochtener, langsamer ist und die Geschichte sich wie bitteres Gift unglaublich langsam und – bei allem Humor – todtraurig entfaltet. Loud & Close ist schneller, einfacher, mehr Novelle als Roman, wirkt leichter, tänzerischer, verspielter. Zugleich verzichtet es leider eher auf den absurden hintergründigen Humor zugunsten des eher flach comic release des Oskar Schell. Aber in den Details, der Verspieltheit, dem überschäumenden Spaß des Autors an der Auflösung und Erweiterung seiner formalen Möglichkeiten, ist Loud & Close ein kleines Uhrwerk, vielseitig, surreal, rundweg sympathisch – und dabei meist weniger nevend als das kleine Genie Oskar Schell, das mich vielleicht einen Hauch zu sehr an Mark Haddons Christopher Boone erinnert.

28. Juni 2006 11:10 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.

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