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JONATHAN CARROLL: VOICE OF OUR SHADOWS

Wenn ich selbst schreibe – so wie gerade am Weihnachtsgeschenkbuch Irrlicht – gibt es Autoren, die mich besonders inspirieren. Da es bei Irrlicht im höchsten Maße um «Magischen Realismus» geht, also um aufbrechende Grenzen zwischen der von uns als normal empfundenen Welt und eher ungewöhnlichen Dingen… habe ich angefangen, alte Bücher von Jonathan Carroll zu lesen, der nicht nur einer der besten Beobachter, einer der schönsten Romantiker, sondern eben auch ein wunderbarer Surrealist sein kann.

In Voice of our Shadows reist der Autor Joe Lennox, der mit einem Bühnenstück über den Tod seines despotischen Bruders Ross berühmt und moderat reich geworden ist, nach Wien, wo er die faszinierenden India und Paul Tate kennen lernt. Joe und India beginnen eine Affaire, Paul stirbt an einer Herzattacke und sucht die beiden Ehebrecher forthin als Poltergeist heim. Joe flieht nach New York und verliebt sich neu in die scheue Kate, bis die Ereignisse ihn nach Wien zurückziehen und Paul ein furchtbares Geheimnis über India und Paul entdeckt.

Voice, 1984 erschienen, ist eine düstere Moralgeschichte, eine morbide Ghost Tale, in der sich bereits Carrolls enge und lange Verbindung zu Wien abzeichnet, ebenso – prototypisch – die Verbindung von belletristischem Ansatz und subtilen Horror. In Carrolls Büchern begegnet man faszinierenden, nahezu magisch aufgeladenen Menschen, deren Leben und Dialoge so bestechend sind, das man ihnen unweigerlich und komplett verfällt. Es ist nahezu unmöglich, sich nicht in seine Charaktere zu verlieben. Zugleich grenzt ihr Leben oft an etwas hypernaturalistisches, surreales – ob sprechende Hunde oder Engel, ob Geister oder Dämonen, in Carrolls Werk ist die Welt Schauplatz eines stillen Kampfes zwischen Gut und Böse, den man als Leser nur erahnen kann, dessen Schockwellen unsere Protagonisten oftmals nur erleben und denen sie oft zum Opfer fallen. Im Lovecraftschen Sinne ist die Welt des Jonathan Carroll eine Arena und wir alle jeden Tag von Magie, gut wie böse, berührt. Diese Verquickung von Belletristik und Gothic Novel à la Bierce oder Poe kann man mögen oder nicht, aber es gibt nur wenige moderne Vertreter dieser Gattung und Carroll ist Meister seines Fachs und aufgrund seiner Intensität nicht ohne Grund vor allen in Osteuropa ein gefeierter Star. Seine Geschichten haben den üppigen Reichtum von Städten wie Wien oder Prag in sich, diese atmosphärische Dichte, den moribunden Reichtum von Verfall und Hoffnung. Nicht alles, was er schreibt, ist durchgehend gut, vieles ist sogar eher schwach ausgefallen… aber jedes einzelne Werk belohnt dich mit einzelnen Momenten, in denen du das Buch küssen möchtest. Wie in seinem Blog, brilliert Carroll in kleinen Momentaufnahmen, in der Beschreibung des fast Vernachlässigwerten und schöpft hieraus ungewöhnlichen Reichtum.

Voice of Our Shadows
ist, meiner Meinung nach, nicht sein bestes Buch (das wird für mich immer Outside the Dog Museum bleiben, ein Buch, das man viermal lesen muss, mindestens). Es liest sich wie eine ausgestrecktere Kurzgeschichte, plätschert etwas harmlos vor sich hin – und wenn man den Clou der Geschichte kennt, auf die die Erzählung zurast wie eine Poe-Moritat, dann wird ein erneutes Lesen eher ermüdend. Man merkt zu schnell, wo der Autor die Auslösung im Text vorbereitet und es bleibt zu wenig anderes, um die Geschichte zu bereichern. Voice wirkt schnell hingeschrieben, viele Charaktere bleiben skizzenhaft, lange nicht so ausgereift wie spätere, komplexere Figuren aus Carrolls Hand. Wien ist noch Background, nicht eigener Protagonist. Es ist ein seminales Werk, ein Vorgeschmack von things to come, aber eben lange nicht so tief und räsonierend wie die Bücher seiner besten Schaffensphase. Dennoch, Voice ist eine ungemein originelle Geistergeschichte, die Joe Lennox zu einer grundlegenden Erkenntnis über sein Leben führt (wie sich das für eine gute Short Story gehört), die nur eben leider zu spät kommt. Das Ende des Buches wirkt atemlos, wie ein D-Zug entlangrasend, als wäre es in einem Rutsch geschrieben, was den Flair der atemlos-Poeschen Kurzgeschichte noch unterstreicht. Der Epilog, auf Formori, nur eine Seite Text, ist per se den Gesamtpreis des Buches wert und zeigt Carroll als Destillat, in holographischer Miniatur, und in ganz großer Form.

21. Januar 2007 14:09 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

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