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JONATHAN CARROLL: SLEEPING IN FLAME

Sleeping in Flame ist von Ende der Achtziger, und gehört in den Zyklus von Carrolls Büchern, die sich fast nahtlos zusammenfügen. Hier werden zum Teil erstmals Figuren eingeführt, die in späteren Büchern immer und immer wieder auftauchen, der Tod von Venasque findet zum Beispiel hier und in Outside the Dog Museum statt, oder Phil Strayhorn aus Child across the Sky und Ingram York aus Black Cocktail werden eingeführt, es gibt eine deutliche Verbindung zu Bones of the Moon und so weiter. Wie so oft wendet Carroll hier einen Trick des Pulp-Schriftstelers Stephen King ins Literarische und schafft sich in seinen Romanen ein gemeinsames Universum für seinen Magic Realism. Nachdem ich Sleeping in Flame bereits dreimal gelesen habe, sind Ende und Auflösung keine große Überraschung mehr, und einige schriftstellerische Fahrlässigkeiten werden deutlicher, spannend ist aber, wie sehr nahezu jedes Buch von Carroll von immer wiederkehrenden Themen, Motiven, Fetischen durchdrungen ist. Auch hier pendeln die Protagonisten zwischen LA und Wien, auch hier steht eine seltsame Liebesgeschichte im Zentrum einer phantastischen Erzählung, auch hier wird nach und nach der Alltag ausgehebelt, während der Schauspieler und Drehbuchautor Walker Easterling und seine neugewonnene Freundin, die Künstlerin Maris York entdecken, was es mit Walkers seltsamer Vergangenheit auf sich hat, und was das eventuell für das Kind der beiden bedeuten kann. Carroll präsentiert seinen gewohnt seltsamen Mix aus Horror, Romanze, Märchen, in dem grandiose Alltagsbeschreibungen neben dem Einbruch des Hyperrealen in unser Leben stehen. Sleeping in Flame ist wie ein – allerdings weniger psychedlischer – David-Lynch-Trip in eine Welt, in der Märchenwesen und Engel, Schamane und Dämonen auf magische Weise in das Leben der Menschen einwirken. Dabei wird das Buch nur selten bleiern oder schwer, sondern kommt leichtfüssig, schnell und witzig vorwärts, mit souveräner Suspension of Disbelief, um – ganz in Horrorthrillermanier – auf den letzten Seiten nach dem scheinbaren Happy End noch mit einem bösen Kinnhaken zu enden. Dabei ist Carroll ebensowenig Horrorautor wie Dashiell Hammett Krimiautor war… obwohl Sleeping in Flame sicherlich ein Genrebuch ist, entpuppt es sich doch als tief in der osteuropäischen Märchentradition stehende Erzählung, als modernes Mädchen, das nahtlos von Reinkarnation und moderner Kunst zu Rotkäppchen und Rumpelstilzchen springt, so das der literarische Spagat zwischen dem hypermodernen LA und dem alten Europa-Flair von Wien beileibe kein Zufall ist. Die morbide Stimmung Wiens permeiert den Text ebenso wie das moderne Kinoflair von Los Angeles. Carrolls höchste Kunst ist es, dass wir uns in seine Protagonisten verlieben, verlieben wollen, und ihnen bald bedingungslos in die Abgründe der Geschichte zu folgen bereit sind. Carroll ist heute ein Autor, dem die Balance zwischen Mystik und Realität nicht mehr immer so leicht gelingt, der in seinen eigenen Pattern gefangen scheint und der vielleicht ausbrechen sollte aus dem phantastischen Genre – zumal seine Skizzen und Beobachtung nach wie vor großartig und lesenswert sind -, aber seine Bücher aus Ende der 80er/Anfang der 90er zeigen ihn in der Blüte seines Schaffens, als einen grenre-transzendierenden Autor, der über weite Strecken auch nach fast 20 Jahren noch zu verzaubern vermag.

19. August 2007 11:27 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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