JONATHAN CARROLL: LAND OF LAUGHS

Und weiter mit dem Re-Reading alter Carroll-Bücher. Land of Laughs war in den achtziger Jahren sein Debüt und hat ihn vom Fleck weg als Meister der magical reality definiert. Eine schnelle Erzählung, die ohne allzu lange Bremser und mit gutem Tempo auf ihr beim zweiten Lesen natürlich arg vorhersehbares Zenit zu läuft. Wie bei Sixth Sense lebt das Buch von einem Clou, der beim ersten Lesen noch überrascht, beim zweiten Mal aber etwas berechenbar wirkt. Thomas Abbey, Sohn des berühmten Schauspielers Stephen Abbey, ist als Englisch Lehrer an einem kleinen College fasziniert von den Werken des Lewis-Caroll-ähnlichen Kinderbuchautoren Marshall France, von dem unter anderem das titelgebende Buch Land of Laughs stammt. Gemeinsam mit seiner Freundin Saxony Gardner beginnt er eine Biographie des verschlossenen, verschrobenen Autoren zu schreiben, dessen kaum weniger einsiedlerische Tochter Anna in der Kleinstadt Galen wohnt, in der Marshall einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Unter seltsamen Umständen akzeptiert die enigmatische Tochter, mit der Thomas alsbald eine Affaire beginnt, die Biographie.  Thomas und Saxony entdecken aber alsbald, dass hinter Marshall und ganz Galen ein seltsames, dunkles Geheimnis steckt.

Land of Laughs definiert Carroll von Fleck weg als jemand, der sich eines Stephen-King-artigen Stils bedienen kann, diesen aber literarisch deutlich aufladen kann. Seie Figuren sind vielschichtig und mitreißend, die Konflikte glaubhaft, der Stil absolut meisterhaft unter Kontrolle. Wie kein zweiter Autor prägen bestimmte Marotten seinen Stil, wiederauftauchende Objekte und Motive, Städte und Figuren, die sich wie ein Muster durch sein Oevre ziehen, und selbst der Erstling ist nicht frei davon. In späteren Büchern wird dieses Pattern deutlich manifester, aber auch hier gibt es bereits ein Faible für Europa, für Bulldoggen, für Füllhalter und so weiter, das sich metakontextuell wie eine warme Decke bis heute über Carrolls Geschichten legt. Auch die faszinierenden, schillernde, komplizierten Frauenfiguren sind hier bereits in Form von Anna France angelegt, ebenso wie der scheinbar schwerelose Übergang von Realität zu Phantastik. Was bei King in den besten Jahren (also irgendwann in den Siebzigern) stets in Richtung Horror funktionierte, die makellose Beschreibung von Alltag, die den Einbruch des Grausamen umso glaubhafter machte… funktioniert bei Carroll eher als ein Kippen der Normalität in eine Welt voller Magie. In Land of the Laughs ist dieses Kippen sogar in einem bestimmten Moment festzumachen, in dem Thomas Abbey der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Dieser Bruch – und das furiose Ende des Buches – machen Land of the Laughs zu einem Borderline-Buch, das sowohl als Belletristik wie auch als Gothic Novel lesbar ist, sauber auf der Demarkationslinie zwischen den Genres sitzt. Das sich kurzweilig wie ein Thriller liest, ohne jemals den Terrain des Beziehungsromans oder der normalen Romanliteratur zu verlassen.

Land of the Laughs ist streckenweise ein noch unpolierter Diamant, aber gehört vielleicht gerade deswegen mit zu Carrolls besten Werken, während der Autor sich heute allzu oft in seiner eigenen Cleverness verfängt. Die Stärken von Carroll, der Hang zur grotesken Phantasie, die Charaktere, die Manierismen, die wunderbaren Randfiguren und Alltagsbeobachtungen, sind bereits in diesem Debut vorhanden und machen Land zu einem Kultbuch, an dem man eigentlich nicht vorbeikommt.