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Jonathan Carroll: Glass Soup

Jonathan Carroll gehört sicherlich zu meinen Lieblingsautoren und ich habe unlängst hier sein Outside the Dog Museum in den höchsten Tönen gepriesen. Aber sein neuestes Werk Glass Soup ist eine schlichte Enttäuschung. Carroll gelingt normalerweise ein solider Mix zwischen magischem Alltag und alltäglicher Magie, zwischen einer normalen belletristischen Erzählung und mehr oder minder deutlich hineinlugenden supranaturalen Elementen. Bei diesem «thinking man’s Stephen King»-Ansatz habe ich mir immer gewünscht, daß er auf die Engel und anderen Wesen, die seine Bücher nun einmal mitbevölkern, irgendwann verzichten möge, um sich mehr auf die Menschen zu konzentrieren, auf seine kleinen Botho-Strauss-esquen Alltagsbeobachtungen und diese einzigartigen Charaktere, die so herrlich interessant und larger than life sind, das man sie unbedingt kennen lernen will. Niemand schreibt Verliebtsein sowie Carroll. Mir reicht insofern ein Architekt mit Nervenzusammenbruch, und vielleicht ein Hauch Surrealität… ich brauche aber keine himmlischen Boten, die den Turm zu Babel neu bauen wollen, weil Gott die Menschheit testet. Aber, wie gesagt, die Balance war immer erträglich.

Nur in Glass Soup findet die Realität eben fast gar nicht mehr statt, ausgeblendet zugunsten einer wirren Geschichte um den Kampf zwischen Gott und dem Chaos, surrealen Vorstellungen vom Nachleben und einer Mischpoke aus typischen Best-of-Carrol-Elementen, wie Wien, Füller, Hunde uswpp. Die Glassuppe liest sich, als hätte Carroll das Machwerk von einem Studenten schreiben lassen, der seinen Stil schlecht emuliert. Ich hoffe, der nächste Versuch wird besser. Zwar kulminieren hier einige typische Ideen des Autors klar wie selten zuvor, aber gerade das macht es so unerträglich. Vielleicht ist es nur so schrecklich, weil es sich anfühlt, als sei die Geschichte von Isabelle, Anjo und Vincent eine Reprise von Sleeping in Flame und den Erlebnissen von Maris und Walker Eaterling. Es gibt sicher schlimmere Bücher, aber von Carroll selbst ist Glass Soup das bisher enttäuschendste Werk.

So wie William Gibson erst mit Pattern Recognition nach einigen eher lausigen SF-Versuchen zu sich gefunden hat, weil er das Genre verlassen hat und final Belletristik schreibt in einer Zeit, in der seine Cyberpunk-Prognosen längst Realität geworden sind, so sollte Carroll das Fantasy-Genre aufgeben und einfach nur noch gute Romane schreiben. Ich käme damit besser klar als mit mythischen Entscheidungen, porschefahrenden Chaosagenten und Gott-ist-ein-Eisbär, so charmant das alles einzeln ja sein mag… als komplette Package ist Glass Soup ein Turn-off. Bleibt zu hoffen, daß es nicht für allzuviele Leute der ERSTE Carroll-Roman ist. Die kommen nämlich nicht mehr wieder, um ein zweites Buch zu lesen.

12. Januar 2006 18:50 Uhr. Kategorie Buch.
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