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Jonatham Lethem: The Disappointment Artist

Jonathan Lethem, der Autor des PK Dick-meets Raymond Chandler-inspirierten Gun with Occasional Music, sammelt in The Disappointment Artist kurze autobiographische Essays. Etwa über John Fords Western The Searchers, die Subwaystation in seinem alten Wohnviertel, Jack Kirby im besonderen und Comics im allgemeinen, warum er einundzwanzigmal Star Wars und Kubricks 2001 sah, über Dylan, Eno, Woody Allen und natürlich Philip K. Dick. Lethem versucht – mitunter gelungen – insofern die Annäherung an seine Jugend, an seine Eltern, an seine eigene künstlerische Arbeit, über die kulturellen und medialen Erinnerungsfragmente seines Erwachsenwerdens. Das liest sich für jemanden, der etwa aus der gleichen «Ära» kommt und – obwohl aus einem anderen Kulturkreis kommend – bestimmte Erfahrungen teilt, größtenteils ganz schnurrig weg und wiewohl der autobiographische Aspekt (an dem ich bei Lethem nun nicht so sehr interessiert bin) etwas anstrengend ist… und die Kindheit eines New Yorker Bohemian-Sohns auch beileibe nicht zu neu und «anders» auf mich wirkt, sondern eher allzu vertraut – sind die Gedanken zu Dick, Cassavetes, insbesondere auch zu Jack Kirby, aber auch zur Musik- und Pop-Kultur als Ganzes meist lesenswert. Aus den Versatzstücken und Fragmenten eben dieser Popkultur melkt Lethem seine indirekte Autobiographie und entblößt zugleich, wie sehr der moderne Mensch das Ergebnis seines medialen Nurturing geworden ist. Was und wer wir sind, prägen nicht mehr so sehr die eigenen Erfahrungen aus erster Hand, sondern (für urbane Mittelstandskinder zumindest) mehr und mehr die Erfahrungen zweiter Hand via Medien. Bücher, die man gelesen hat; Filme, die man gesehen hat; Musik, mit der man aufwuchs. Identität als Ergebnis kultureller Sozialisation. Und tatsächlich merkt man Lethems anderen Büchern solche Einflüsse ja deutlich an. Er ist – wie so viele von uns – ein kulturell durchcodierter Mensch, aufgeladen mit einem ganzen Array verschiedener medialer Impulse und aus der individuellen Konstellation dieser Medienmatrix entsteht dann eben die «eigene» Persönlichkeit. Die insofern aus prefabrizierten Angeboten gepatchworkt ist… was zunächst negativ klingt (und vielleicht auch ist), aber tatsächlich zunehmend wichtig für den sozialen Zusammenhalt wird, der sich nicht ja mehr aus ökonomischer Not ergibt, sondern aus der Kongruenz bestimmter «medialprogrammierter» Characterzüge. Nicht nur ganz banal, ob Film- Buch- oder Musikgeschmack kompatibel sind, sondern vor allem, ob die gemeinsam geteilten medialen Erinnerungen zusammenpassen. Wobei die Idee der «Big Love», der Beziehung aus Gemeinsamkeit nicht aus wirtschaftlicher Notwenigkeit, ja partiell ebenfalls eine (notwendige) mediale Konstruiktion ist.

Lethems Buchs wirft, gewollt oder ungewollt, die Frage nach dem modernen Mensch als Ergebnis einer komplexen Matrix kultureller Einflüsse auf und ist dafür – ebenso wie für seine cleveren Betrachtungen der amerikanischen Popkultur der 60er bis 80er Jahre – absolut lesenswert, wenn auch mitunter etwas zäh.

14. August 2006 08:15 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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