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JOHN BRUNNER: THE JAGGED ORBIT

Neben The Sheep Look Up, Stand on Zanzibar und Shockwave Rider ist The Jagged Orbit einer der vier «großen» Klassiker von John Brunner. Wie in jedem dieser Bücher nimmt er sich eines gesellschaftlichen Grundthemas an und extrapoliert die Gegenwart der Sechziger Jahre in die Zukunft. In «The jagged Orbit» sind diese Themen Rassismus, Computerabhängigkeit, Medien und Rüstungswettlauf. Brunner geht sogar soweit, in den hundert teilweise nur wenige Zeilen kurzen Kapiteln des Buches originale Zeitungsartikel zu zitieren und seine dem Buch zugrundeliegenden Annahmen dazu festzuhalten. In einer komplexen, massiv an Phillip K. Dick erinnernden Erzählung, wirft John Brunner den Leser so in eine Realität, die unsere Wirklichkeit so zuspitzt, dass die entstehende Welt nahezu unkenntlich wird. Die Vereinigten Staaten frisch nach der Ermordung von Martin Luther King mutieren so zu einer fast postapokalyptisch anmutenden neuen Realität. Wie Dick treibt auch Brunner sein «Was-wäre-wenn…»-Spiel sehr subtil, indem er einfach nur bestehende Trends bis zur Karikatur ausdehnt.

Brunner wirft uns in situ in eine Welt von Rassensegregation, in der Schwarze und Weiße in einer Art kalten Bürgerkrieg verstrickt sind, in der paranoide weiße Großstädter ihre Waffen von den Gottschalks kaufen, einer mafiaähnlichen Rüstungsindustriefamilie, die den Konflikt bewusst nutzt, um Umsatz zu machen; in der mitten in New York eine unterirdische gefängnisähnliche Psychatrieanstalt steht, deren Scharlatan von einem Leiter das Ziel hat, nach und nach jeden Bürger der Stadt zum Insassen zu machen und zu «heilen». In der Matthew Flamen, einer der letzten Skandalreporter, vor der Story seines Lebens steht. In der drogenabhängige Orakel und zeitreisende Computer existieren und die ales in allem wirkt, als habe Brunner massiv Drogen konsumiert. Während die anderen drei Bücher allesamt auch literarische Schwergewichte sind, schwer konsumierbar, hochexperimentell und anstregend, wirkt Orbit ungemein verwirrend und desorientierend, vor allem zu Beginn, wenn Brunner mit Begriffen hantiert, die dem Leser einfach nicht geläufig sind und sich erst in der weiteren Lektüre halbwegs erklären. Einige der Tatsachen des Buches werden nie wirklich erklärt oder vertieft, sondern einfach axiomatisch vorausgesetzt. Einige der psychischen Phänomene – die «Pythoness» etwa oder Flamens Frau, deren Hirntätigkeit unbewusst seine TV-Sendung stört – bleiben offene Fragen, eskalieren den ohnehin recht freiflottierenden Plot zunehmend, bis das Buch selbst hier und da aus dem Orbit zu schießen droht.

Tatsächlich gibt es kaum eine wirklich tighte Handlung hier… obwohl durchaus eine Story da ist, sogar auf mehreren Ebenen gleichzeitig, fraktal, holographisch. Orbit ist ein verwirrendes, aber zugleich hypnotisches Buch, und auch hier gelingt es Brunner, einen völlig eigenen Stil zu entwickeln, dessen Außergewöhnlichkeit zugleich typisch Brunner ist und eben doch ganz anders wirkt als in Stand on Zanzibar oder in dem deutlich nüchteren Sheep. Wer unter SF Sternenritter und Laserschwerter versteht, wird hier – wie immer bei Brunner – eines anderen belehrt: Science Fiction ist hier die komplexe Rückspiegelung von Gegenwart via Zukunft. Die inden vielen Handlungssträngen ebenfalls erscheinende Figur des Exilgelehrten Xavier Conroy – die man in Sheep und Zanzibar in anderen Protagonisten ähnlich wiederfindet – ist dabei die kalt wütende Stimme der Vernunft, vielleicht des Autors selbst, der einsame Rufer in der Wüste. Keine Frage, Brunners Bücher haben eine «Message», und sind dabei nicht zimperlich. Das dabei Orbit eins der wenigen Brunner-Bücher ist, das sich am Ende einen fast unverwässerten Optimismus, eine Art Happy End gönnt, verwundert dabei fast angesichts des sarkastischen Schreibstils, der Orbit durchgehend prägt.

Es ist seltsam dass John Brunners Buchquartett heute weitgehend unbekannt ist, obwohl alle vier zu den Meisterwerken dystopischer Literatur gehören und 1984 oder Brave New World nicht nur gleichstehen, sondern diese an Zynismus, Komplexität und literarisch-handwerklichem Können spürbar übertreffen. Vielleicht liegt es daran, daß Brunner nonlinear erzählt, in komplexen mentalen Sprüngen und sehr viel auf Leserseite voraussetzt, während Orwell und Huxlex doch in eher vertrauten erzählerischen Strukturen segeln (zumal ihre Werke rund 20-30 Jahre älter sind). Wie kein zweiter verbindet Brunner den psychedelischen LSD-Generation-Schreibstil von Dick, Ellison oder Zelasny mit einer klaren sozialen Komponente, die auch Jahrzehnte später noch akut und treffend (und zum Teil bestätigt) wirkt. The Sheep Look Up wirkt angesichts eines wachsenden Unwohlseins mit der selbstverursachten Klimakatastophe zeitgemäss wie nie zuvor, aber auch The Jagged Orbit liefert einen luciden Blick auf eine paranoide, über-psychologisierte Angstgesellschaft, die sich in Esoterik und Trash-Entertainment verliert, die ihre Entscheidungen von Computern treffen lässt, die mit gefälschten Bildern belogen wird, in der eine übermächtige Waffenlobby zwei Seiten gegeneinander ausspielt, in der ein schwacher Präsident regiert – Prexy, der auch in Sheep auch auftaucht und angeblich auf dem damals noch als Gouvernor agierenden Ronald Reagan inspiriert. In der Welt nach 9/11 wirkt The Jagged Orbit nach wie vor erschreckend akut.

14. Juni 2007 14:57 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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