
J.G. Ballard ist so ein Autor, den ich lange Zeit aus den Augen verloren habe. Concrete Island, Crash und High-Rise waren so drei Bücher von ihm, die ich als Youngster gelesen und geliebt habe. Amoralisch, surrealistisch und wie Kafkaeske Miniaturen kombinieren sie personal perversion und die Abstrusität technologischen Fortschritts, weit ihrer Zeit voraus, stilbildend, klaustrophobisch. Das auf die Fusion von Sexualität und Mobilität, Prothese und Körperextension abzielende Crash war – anders als der Film – so verstörend, daß ich lange keinen Ballard mehr angefaßt habe. Zu Unrecht.
Super-Cannes, 2000 veröffentlicht, hat nicht nur ein phänomenal schönes Cover und überzeugt mit schönem ruhigen Satz, es ist auch ein Ausnahmebuch. Rein oberflächlich gelingt es Ballard hier, Raymond Chandler neu zu kanalisieren und in Form des verletzten britischen Piloten Paul Sinclair, der gemeinsam mit seiner Frau Jane in den Elite-Industriepark Eden-Olympia einzieht, einen seltsam Marlowe-Wiedergänger zu erfinden. Kein verknautschter Detektiv, keine platte Kopie, aber so ab Mitte des Buches wird klar, daß Ballard sich strukturell greifbar auf die Gumshoe-Romane von Chandler und Hammett bezieht. Die Femme Fatales, das Vorwärtstreiben des Plots, die Tatsache, daß unser Held von allen Beteiligten der einzig Naive, der einzig Ahnungslose, wenn auch nicht Unschuldige, bleibt, die Art und Weise, wie immer wieder ein weiterer Hint die Handlung nach vorne pulsiert… das ist schon greifbar von Chandler und Co inspiriert, aber so raffiniert, so dezent, daß man es nur als Subtext wahrnimmt. Als Motiv, so wie die auf den verschiedensten Ebenen immer wieder aufgegriffenen Alice-hinter-den-Spiegeln-Thema.
Der Plot des Ehemannes, der hinter der sauberen Fassade der Gated Community gigantischer Weltkonzerne eine grausame psychopathische Entdeckung macht, ist eigentlich vorhersehbar und in fast Ira-Levin-Manier durchschaubar, tatsächlich sogar so sehr, daß man dem Protagonisten oft verzweifelt bei seiner Naivität zuschaut. Und tatsächlich geht es weniger um den «Thriller»-Plot, obwohl dieser spannend genug ist, das Buch allein deswegen zu lesen. Worum es geht, sind die Details. Keine Seite, die nicht von wunderbaren Vergleichen, Beschreibungen, Charakterisierungen, lebt, von fast ornamentaler Metaphorik, von doppeldeutiger, präziser Wortwahl. Fast keine Seite, die nicht mindestens einen Satz hat, den man wie ein teures Stück Schokolade ganz langsam und ganz bewußt im Mund zergehen lassen möchte. Dazu ist das ganze gespickt mit mal mehr mal weniger tiefen Einsichten in das Corporate Thinking, in die Zukunft des Kapitalismus, in die seelische Vereinsamung einer Leistungsträger-Gesellschaft. Es ist schwer, zu beschreiben, wie feingesponnen Ballards Wortwahl und Satzkonstruktion ist, was für ein rauschhafter Genuß sein überbordender, hart an die Persiflage von Beschreibungstechniken à la Chandler grenzender, Stil hier darstellt. Was wunderbar durchscheint ist das Bild einer Leistungsgesellschaft, in der die Arbeit für die Leistungsträger – die wenigen, die noch Arbeit haben – so erfüllend geworden ist, daß ihre Seelen und ihre Moral verümmern. Bereits ganz zu Anfang des Buches macht Ballard diese Logik der Businessparks als effiziente Melkmaschine menschlicher Arbeitskraft präsent, wenn er Wilder Penrose, den Psychiater des gigantischen Firmenareals zu Paul und Jane sagen läßt:
«On the whole, people are happy and content.»
«And you regret that?»
«Never. I’m here to help them fulfil themselves.» Penrose winked into Janes’s rear-view Mirror. «You’d be surprised by how easy that is. First, make the office feel like a home – if anything, the real home.»
«And their flats andhouses?² Jane pointed to a cluster of executive villas in the pueblo style. «What does that make them?»
«Service stations, where people sleep and ablute. The human body as an obedient coolie, to be fed and hosed down, and given just enough sexual freedom to sedate itself. We’ve concentrated on the office as the key psychological zone. Middle managers have their own bathrooms. Even secretaries have a sofa in a private alcove, where they can lie back and dream about the lovers they’ll never have the energy to meet.»
Die Story selbst bietet den Ballard-üblichen Blick auf eine postmoralische Gesellschaft, in der Kinderpornographie, Gewalt, Untreue, Prostitution akzeptabler Alltag, Kavaliersdelikte sind, in der der jegliche ethische Gewohnheiten relativiert, abgescheuert, obsolet wirken, ironisiert wie in Trance erlebt werden – was den surrealen Aspekt seiner Bücher ausmacht. Das sich der Plot dennoch – vor allem im Finale – geradezu patent als Stoff für einen Blockbuster anbietet, man sieht förmlich schon die ausgewaschenen kalten Glasstahlfarben des Businessparks und die lebendige crossentwickelte Grellheit von Cannes selbst, gelingt aufgrund der treibenden Pageturner-Rhythmik, die Ballard dem Stoff verleiht, wobei er so früh auf allen Textebenen Vorandeutungen säht, daß sich im weiteren Verlauf des Buches immer wieder wunderbare kleine hermeneutische Pay-Offs ergeben. Es macht einfach Spaß, diese einzigartige Konstruktion des Buches – also im Grunde das Simulacrum eines Thrillers als belletristischer Form – zu entdecken, freizulegen und im Sonnenlicht Ballards Handwerkskunst zu bewundern. Egal, ob als High-Tech-Thriller mit mahnend sozialem Unterton oder als schriftstellerisches Juwel oder als schrill überbelichtete Momentaufnahme einer hyperkapitalistischen Gesellschaft, der der moralische Kern abhanden gekommen ist – Super-Cannes ist ein ebenso spannendes wie berührendes, befriedigendes wie poliertes und bedeutendes Buch.
9. Februar 2006 04:01 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.