Nouvel hat als Architekt eine recht mainstreamige, aber dabei doch hochelegante Handschrift (wie zum Beispiel der wunderbare Umgang mit der Saint-Marie-de-Sarlat-Kirche zeigte oder das innen glutrote Opernhaus in Lyons), deren Umgang mit Glas und Stahl einen neoimperialistischen Hang zur Größe und Präsenz mit unwahrscheinlicher Leichtigkeit verbindet. Im Fahrwasser seiner Arbeit stehen so viele Architekten, daß es heute ein Leichtes ist, Nouvel als Konventionalist abzutun, wo er eigentlich Trendsetter war. Viele seiner Arbeiten, besonders im Inneren von Gebäuden, verraten seine Ausbildung als Bühnenbildner, den immantenten Drang zur Inszenierung, zum Mythischen, zur Schaffung von Erlebnissen. Ich finde Nouvels Arbeiten rückblickend zum Teil sicher langweilig und berechenbar, diffundiert auch, aber in den Details, der Suche nach neuen Technologien und Lösungskonzepten, ist er als nach wie vor als einer der frühen Postmodernismen (der Mann ist eben Franose) oft stilbildend für und zugleich inspiriert von anderen großen Architekten der 70er bis 90er (wer etwa die Galliers Lafayette in Berlin und den Reichstag von Foster mal kurz mental gegenüberstellen möchte… danke), gegenüber denen sich Jean Nouvel aus meiner Sicht aber nicht selten mit einer größeren kulturellen Neugier und mehr Respekt vor der Einbettung seiner Bauten auszeichnet. Lafayette scheint, Kathedralen aus Nichts bauen zu wollen, man merkt seinen Gebäuden fast an, wie frustriert sie sind, in realen Städten, mit realen Bausubstanzen manifestiert zu sein, anstatt ein richtiges gewichtsloses Leben als 3D-Rendering in in einem perfekten kontrollierten Umfeld haben zu dürfen.
Seine Site ist für einen namhaften Architekten, die ja meist doch eher ängstliche Homepages fordern, sicherlich nicht 100% perfekt, aber doch bemerkenswert in der Mischung aus Strenge und Verspieltheit. Erinnert mich in einigen wenigen Details an unseren – allerdings eher grau/weißen – Ingenhoven-Entwurf von 2001, allerdings ohne die Extra-Funktionalitäten wie die nahtlose Videoeinbindung und die interkativen Kontrollfunktionen. Aber wenn aus dem fast leeren Bildschirm je nach Menüpunkt ein ganzes bedienungssystem erwächst, weiß man, wie gern man damals genau diesen Ansatz selbst weiterverfolgt und ausgebaut hätte…
22. Oktober 2005 10:07 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.