Jarhead. Welcome to the Suck. Schon der Untertitel deutet an, wie schwierig dieser Film zu übersetzen sein mußte, denn das deutsche «Willkommen im Dreck» reicht nicht annähernd an den Druck des Originals heran. Ähnlich wird es mit etwa zehntausend anderen Details sein, die den O-Ton authentischer und reicher machen dürften. Irgendwann scheitert jede Übersetzung eben an Fuck.
Dessen ungeachtet überzeugt Jarhead bereits zu Beginn mit einem seltsamen Doku-Drama-Start, der ungeniert Kubricks Full Metal Jacket zitiert, aber auch andere Drill-Sergeant-Filme anklingen läßt, wie überhaupt der ganze Film ungeniert eine Reihe von Kriegsfilmen auf den verschiedensten Stilebenen plündert, bis hin zu den Farben. Der toughe Drill beim Militär ist zum Filmklischee mutiert und wird hier ungeniert als Opener genutzt, der das Publikum auf das vertraute Terrain des Kriegsfilms bringt. Wir alle wissen ja aus Offizier und Gentleman, daß nur beim Militär aus den Söhnen Amerikas echte Männer werden, hm? Wie dünn die Grenze zwischen Kriegsfilm und Anti-Kriegsfilm ist, thematisiert Sam Mendes bereits im ersten Drittel des Filmes, wenn die Marines den Ritt der Walküren in Apocalypse Now frenetisch feiern, eine Szene, deren schieres Level an surrealer Spookyness Mendes immer und immer wieder im Film erreicht, nicht zuletzt dank der durchweg guten Darsteller Crew, die mit eher unverbrauchten Gesichtern – mit Ausnahme von Jamie Foxx, der aber als einer der absolut besten Leute seiner Zunft gewohnt nahtlos mit der Rolle verschmilzt und einer eigentlich stereotypen Figur mit kleinen Details Tiefe und ironische Würde gibt – dem gesamten Film eine Aura trügerischer Authentizität verleiht. Auch Jake Gyllenhaal aus Donnie Darko wird durch den Jarhead-Haarschnitt verfremdet, ist erst am Ende des Filmes wirklich als er selbst erkennbar. Diese Aura des Authentischen durchbricht Mendes aber immer wieder, indem er auf pseudo-dokumentarfilmige Bildsprache verzichtet und stattdessen stilisiert, wo es nur geht. An Traffic und Three Kings erinnernde ausgebleichte Farben in der Wüste, verschiedene Filmmaterialien mit unterschiedlichen Körnungen, gezielte Digitaleffekte – Mendes verläßt sich darauf, daß die Sinnlosigkeit soldatischen Wartens gerade durch den Kunstgriff des stilisierten Bildes erfahrbar wird. Der Film ist sexy und hält insofern sein Publikum bei der Stange, auch wenn die Message bitter ist: Mendes zeigt die Operation Desert Storm im ersten Golfkrieg als einen Krieg, der zwar mehr und mehr Fußsoldaten im Kriegsgebiet ansammelt, diese aber im Grunde nicht mehr braucht. Der im Zentrum der Handlung stehende Marine-Scharfschütze Anthony Swofford (auf dessen Buch der Film basiert) und sein Partner/Späher, der von Peter Sarsgaard mit Kiefer-Sutherlandscher Attitude zwischen Coolness und Psychose gegebene Troy sehen im Grunde im gesamten Krieg keine echte Action, selbst ihr finaler Einsatz wird zum Coitus Interruptus. Der Mythos des Mannes im Krieg wird in der Warteschleife des modernen Krieges als Rohrkrepierer entlarvt, den Krieg führen anonyme Maschinen, die wir kaum sehen, meist nur hören. So muß sich die Polizei von Metropolis fühlen, wenn Superman die Stadt rettet. Wie Troy richtig erkennt: Die Soldaten sind zu langsam für den modernen Krieg, ihre Reichweite ist zu klein. Was ist ein Scharfschütze gegen einen surgical strike, was ein Trupp Soldaten gegen Splitterbomben vom Himmel? Was bleibt ist Warten, Trainieren und jede Menge Onanie. Grausame Spiele unter Männern, ein zum Ferienlager mutierendes Wüstencamp, und das Warten darauf, daß die Freundin daheim das Warten satt hat und fremdgeht.
Im dritten Akt des Filmes, unter den lodernden Ölquellen im Irak, taucht Mendes seinen Film in apokalyptische Stimmung, Öl regnet vom Himmel, Swofford sitzt verzweifelt unter verkohlten Leichen, ein ölüberströmtes Pferd taucht in der feuergetränkten Dunkelheit auf wie eine unwirkliche Vision. Der Wechsel in der Tonality, im Licht, in der gesamten Aussage des Films, gibt diesen Sequenzen eine Metaebene. Hier geht es kurz nicht mehr nur um die Sinnlosigkeit von Krieg für den einzelnen Soldaten, sondern hier wird die Kritik globaler. Wenn ein Bus mit Flüchtlingen vor den irakischen Invasoren von US-Bombern ausgebrannt auf der Straße zurückbleibt. Wenn die Soldaten von ihren eigenen Jungs beschossen werden, weil die Technik versagt. Wenn Swofford und seine Crew schließlich auf eine Handvoll Kuwaiter treffen, unfähig, mit den EInheimischen zu kommunzieren, weil man milliardenteure Technik zur Hand hat, aber niemand einigermaßen arabisch spricht. Wenn die frustrierten Soldaten schließlich vor dem Rückflug in den Himmel schießen, um ihre aufgestaute Frustration zu entladen, endlich ihre Munition ejakulieren dürfen, in einer Art barbarischem Veitstanz. Wenn final die Rückkehr ins zivile Leben eben auch nicht funktioniert und sich der Einsatz als sinnlos, das Leben jenseits des Krieges aber auch als sinnentleert entpuppt.
Der Film ist voller solcher kleiner surrealer Volten gegen den Krieg. Das Unterschreiben eines Zettels, daß man die US Army nicht auf Nebenwirkungen unerprobter Tabletten verklagt. Die Anheizer-Reden der Sesselgeneräle. Der sinnlos erzeugte Haß auf die Irakis, die niemand jemals wirklich sieht. Die greifbare Angst der Soldaten selbst im Angesicht harmloser Nomaden. Der ausgebrannte Vietnam-Veteran, der bei der Wiederankunft in den USA die Marines frenetisch mit Semper Fi begrüßt. Kennst du einen Krieg, kennst du alle. Hier schließt Mendes ein letztes Mal den Kreis zu den Filmen, die er immer wieder zitiert, zu den großen Vietnam-Epen. Und zeigt so, daß der Irak-Krieg eben keineswegs heldenhafter oder erfolgreicher war als Vietnam. Eine Vorahnung davon erlaubt sich Mendes bereits, als während des Wüsteneinsatzes ein Helicopter mit einem Doors-Song über die Soldaten schießt und die Crwe um Swofford erkennt, daß sie nicht einmal ihren eigenen Soundtrack hat, daß ihr Krieg ein Aufguß von Filmklischees ist. Insofern zeigt Mendes auch, daß die mediale Aufbereitung von Vietnam alle folgenden US-Kriege tief geprägt hat und ihnen sogar eine Coolness verliehen hat. Um dann prompt mit Nirvanas Something in the Way dsen eigenen Soundtrack nachzuliefern, und böse nahelegt, daß zwischen der suizidalen Zivilisationsmüdigkeit von Kurt Cobain und der Annui eines sinnlosen Krieges um Öl kein allzu großer Unterschied ist, daß die Generation X hier ebenso verheizt wird wie ihre Väter und Großväter zuvor, nur mit besserer Musik.
Aber Jarhead ist kein allzu einfacher Anti-Kriegsfilm. Dazu ist er zu leise, zu zwiespältig, zu sehr geprägt von Ironie, Distanz, Neugier und dem postmodernen Bewußtsein, daß es keine klaren Antworten mehr geben kann. Er zeigt die Faszination von Gewalt und Soldatendasein, entblößt den Mechanismus, der Soldaten entmenschlicht und auf ein klares Feindbild zuspitzt. Insofern ist Jarhead ein Pendant, vielleicht eine Neuauflage, ein Echo, ein Remix zu auf und von Full Metal Jacket, und steckt nicht umsonst bis in die Darstellercrew hinein immer wieder voller kleiner Homagen an Kubricks Film. Im Grunde sehen wir hier also unterm Strich nicht allzuviel wirklich Neues, nichts revolutionär Anderes als in anderen Filmen, nur vielleicht fokussierter auf die kleine Gruppe von Soldaten, auf ihren Slice of Reality. Die Absurdität des Krieges reduziert auf eine Handvoll Menschen, die eigentlich gar nicht mehr an ihm beteiligt ist – und die eben genau darunter leidet. Mendes leistet sich – wie Kubrick – den Luxus, sich zurückzuziehen und durch Schnitt und Materialauswahl seine Botschaft wirken zu lassen – das Krieg nicht sinnlos und menschenverachtend ist, weil er roh und brutal und blutig ist (auch wenn Jarhead sicher auch das kommuniziert), sondern eben auch, weil er Menschen aus ihrem Alltag reißt und zu Killern umzüchtet, die dann final nicht einmal mehr gebraucht werden, Abfall sind, Collateral Damage. Die Pornographie des nackten Anti-Kriegsfilms leistet sich Mendes nicht und die so bleibende leise Ambivalenz gibt Jarhead seine Kraft.
Man mag kritisieren, daß Swoffords Drama und seine Verluste sich klein ausnehmen neben dem Sterben und Leid von tausenden von Kuwaitern und Irakis im ersten Golfkrieg, aber das wäre dann ein anderer Film. Hier geht es um die Frage, was ein Krieg – selbst oder eben gerade wenn man im Grunde nur eine unwichtige Randfigur, ein Nicht-Held ist – aus deinem Leben macht. Und diese Antwort überzeugend und facettenreich zu liefern, das ist schon eine mehr als ausreichende Leistung für einen zweistündigen Film.
13. Januar 2006 10:47 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.