
Glaubt man seinem Lebenslauf, ist James Webb Young ist ein Verkäufer durch und durch – und sein nur 48 Seiten umfassendes kleines Büchlein A Technique for Producing Ideas wirkt auch so, als würde Young, der einst Bibeln von Tür zu Tür verkaufte, sich als moderner Schlangenelixier-Salesman verdingen. Eine Technik, mit der man verlässliche Kreativität erzeugen kann – dieses Versprechen ist zu schön um wahr zu sein. Und Young ist natürlich nicht der letzte, der solche Versprechen verkauft, ein moderner Vertreter ist Mario Pricken. Was in Youngs Buch dann tatsächlich steht – und unglaublicherweise geht mehr als 2/3 auch noch für Vorworte und etwas oberflächliches Vorgeplänkel des Autors über Pareto drauf – ist im Grunde heute bekannt und vertraut und in zig anderen Büchern zum Thema aufgearbeitet.
Young stellt fest, das Ideen meist die neue Rekombination alter Elemente sind. Wichtig hierfür ist ein Denken, dass vor allem die Beziehungen zwischen den verschiedensten Dingen herstellen kann, das nahtlos zwischen den Feldern hüpft und Fäden zwischen Elementen sieht, die anscheinend auf den ersten Blick verborgen sind. Diese Art, relationship between facts zu sehen, kann trainiert und kultiviert werden.
Youngs Technik:
1. Sammeln von Rohmaterial. Damit meint er sowohl spezifisches als auch generelles Wissen aufzusaugen. Spezifisch bezogen auf den Beruf, auf ein bestimmtes Projekt – und allgemein bezogen auf Wissen und Fakten, eintauchen in die KUltur und das Leben. Neugierig sein. Interessiert sein an den unterschiedlichsten Themen. Hypertextualisierung vorwegnehmend, empfiehlt Young hier das anlegen von Zettelkästen für spezifisches und von Notizbüchern für generelles Wissen.
2. Der Mentale Verdauungsprozess. Hier werden die Fakten für ein Projekt «durchgekaut», vor dem geistigen Auge hierhin und dorthin gedreht, die Puzzlestücke in schlaflosen Nächten ansatzweise zusammengesetzt, bis man verzweifelt aufgeben möchte. Young legt Wert darauf, dass man bis zu diesem Erschöpfungspunkt gehen sollte, bis man hoffnungslos vor dem Scherbenhaufen einzelner Elemente sitzt, die nicht zusammenkommen wollen. An diesem Punkt sollte man das Problem völlig loslassen, Musik hören, schlafen, entspannen, spazieren gehen, kochen… abschalten
3. Der unterbewußte Prozess. Wie ein guter Detektiv in einem Krimi urplötzlich eine Eingabe (Epiphany) hat, so erscheint auch die Lösung für unser Problem scheinbar aus dem Nichts. Unter der Dusche, beim Frühstück, beim Rasieren, nach dem Aufstehen, mitten in der Nacht. Scheinbar urplötzlich ist die logische, folgerichtige Idee da, ready to be used. In der Ruhephase nach der Suche scheint das Unterbewusstsein quasi von selbst weiter nachzudenken und dabei oft die richtige Lösung zu produzieren.
4. Polieren. Danach kommt die Phase, in der die Idee mit anderen geteilt, verbessert, aufgearbeitet wird. Ist die Idee gut, wird sie überzeugen, anstecken und sich replizieren und neue Möglichkeiten innerhalb der einen Idee selbst werden offenbar.
5. Ausformung. Die Produktion. Der «handwerkliche» Prozess, der die abstrakte Idee in die Wirklichkeit holt.
Das mag einem heute aus anderen Publikationen vertraut vorkommen, Young aber war mehr oder minder der erste – das Buch erschien in den vierziger Jahren – der diese Technik formulierte. Ob sie universal so stimmt, oder ob Young das Pferd von hinten aufzäumt und diese Technik nicht kreativ macht, also für Jedermann anwendbar ist, sondern nur funktioniert, wenn man ohnehin kreativ ist, Young also nur einen Prozess abbildet… sei dahingestellt. Aber ich selbst kann bestätigen, dass es oft genau so läuft. Wichtigster Bestandteil der kreativen Arbeit ist Neugier, ein Art Schwamm-Existenz, ein Aufsaugen von allem und jeden. Das Unterbewusstsein wird so zu einer Art staubigen Lager, in der die verschiedensten Elemente herumlungern und nur darauf warten, dass man von einem Begriff zum nächsten hüpft und sich Referenzen und Ideen wie Moleküle miteinander verketten. Ich habe es selbst mehr als oft gehabt, dass ich wirklich nach langer verzweifelter Suche nach einer Lösung erst nach einer kurzen Atempause plötzlich wie von Geisterhand die rettende Idee hatte – am auffälligsten wirklich beim Konzerthaus Dortmund, wo mir partout nichts funktionables einfallen wollte, bis eines morgens die Idee mit dem Abrisskalender da war und ich Steffi als sie wach wurde, überenthusiastisch damit vollplapperte, um dann binnen von drei Tagen den gesamten Pitch zu stemmen. Solche Eingebungen gibt es öfter – der andere auslösende Faktor, finde ich, ist massive Überarbeitung. Wenn man zwölf spannende Jobs gleichzeitig jongliert, purzeln Ideen nur so aus einem hinaus und je kreativer man arbeitet, desto kreativer wird man auch. Ein weiterer wichtiger Faktor, den Young anreisst aber nicht ganz entfaltet, ist Kommunikation, Austausch. Je kreativer die Leute sind, mit denen du zu tun hast, umso angespornter bist du auch selbst. Ich merke immer, wie ich nach Gesprächen mit Leuten, die Designer sind, um in erster Linie ihr Geld zu verdienen, lustlos meinen Job mache, und wie anders es mir geht, wenn ich mehr Kontat zu Menschen habe, die das, was sie tun, mit echter Leidenschaft erfüllen. Das betrifft nicht nur Freunde und Kollegen, sondern auch Kunden. Architekten, die für das, was sie tun, brennen, Dramaturgen mit Leidenschaft, Geschäftsleute, die mehr wollen als nur den Absatz verbessern – beflügeln unweigerlich auch mich. Für solche Kunden gute Arbeit zu machen ist die leichteste Übung der Welt.
Ich glaube, Kreativität hat viele Wurzeln und als Dozent interessiert mich inzwischen viel mehr die Frage, wie man die kreativen Studenten an die Quellen führt. Ich glaube, viele Wege führen dahin. Harte Arbeit, Training. Mut, Grenzen zu überschreiten und sich selbst zu verlassen. Neugier und Spielfreude. Angstlosigkeit. Das schaffen nicht viele – und anders als Beuys bin ich der Überzeugung, dass vielleicht nicht jeder Mensch zum Künstler geboren ist -, aber es ist überraschend, wie Leute sich entfalten und entwickeln, wenn sie sich drauf einlassen und ihre innere Kreativität entdecken wollen. Youngs Buch mag alt und auch etwas altbacken wirken, aber die Frage, woher eigentlich die Ideen kommen – ist heute so aktuell wie in den vierziger Jahren.
5. März 2008 10:34 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.
Solche Bücher über «Kreativtechniken» finde ich immer wieder hilfreich. Nicht um Kreativität zu lernen, sondern für die Reflexion der eigenen Denkprozesse, dafür, sich selbst mal wieder zu schubsen.
Lustig. Meine Ideen kommen auch unter Druck am besten, leider oft im letzten Moment, dafür aber mit Wucht. Immer wieder toll, wenn’s passiert.
Zur Lehre: Mir hilft es oft, dass ich Quereinsteiger bin und Wissen aus ganz anderen Bereichen habe. Auch wenn ich mir oft wünsche, an einer Designhochschule gewesen zu sein. Im nächsten Leben …
Ich mag solche Bücher auch. Genauso wie ich – mal vielleicht abgesehen von Stefan Sagmeisters Thesen, die ich aber einfach inzwischen vielleicht zu gut kenne und etwas zu ritisch betrachte – immer wieder «Manifestos» von Designern mag, egal wie kritisch ich solchen Grundsatzsachen gegenüber eigentlich eingestellt bin.
Im letzten Moment ist bei mir auch so ein Ding. ich habe am Weekend eine 70-seitige Broschüre für einen Architekten in unter vier Stunden produziert, teilweise ohne dass Texte und Bildmaterial da waren, die letzten Bilder kamen 30 Minuten nach der eigentlichen Druckabgabe um 3.00 nachts. In solchen Situationen, auch wenn das Heft insgesamt recht simpel geworden ist – den Bedingungen folgend – wird man irgendwie kreativ und fängt an, seltsamen Stuff zu machen. Die Riesenziffern in der Broschüre etwa, oder die riesigen pinken Flächen :-D.
Das mit dem Designstzudium wünsche ich mir auch, aber im grunde bringt mir der Studienbackground aus Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften deutlich mehr. Mich hätte keine Designschule genommen, ich kann nicht zeichnen.