
Das wirklich schlechteste an dem zweiten Bondfilm seit dem Relaunch ist der deutsche Titel, der zwar sehr genau auf den Spuren des englischen Filmtitels wandelt, aber trotzdem irgendwie nicht sonderlich smart klingen will. Das «Quantum» muss wohl hinein, da Bonds böse Gegenspieler-Organisation so heißt (Q – war das nicht sonst Bonds Leib- und Magen-Ingenieur?), aber es will einfach keinen sonderlich griffigen Filmnamen abgeben. Alles andere an diesem Film ist – für das, was es eben ist – ziemlich gelungen. Ich war angesichts der extrem negativen Reviews aus den USA vorweg mit einigen Bedenken in den Film gegangen, auch wenn ich kein sonderlicher Bond-Fan bin, weil mir die Richtung des Restarts mit Daniel Craig eigentlich sehr zusagte und ich einen Rückfall in die Pierce-Brosnan-Ästhetik recht gruselig gefunden hätte.
Aber schon die Titelsequenz acht klar, wo die Reise hingeht. Sie stellt einen Bruch mit den klassischen Bond-Openern dar und geht zugleich zurück an die Wurzeln des Mythos. Das kraftvoll pulsierenden Another Way to Die von Jack White und Alicia Keys zeigt genau die Balance zwischen Mainstream und Indie-Appeal, die der gesamte Film sucht. Vielleicht der beste Titeltrack eines Bond-Films seit Dekaden, zeigt die Fusion von Alternative-White-Stripes-Feeling und Alicia Keys Mainstream-Soul, zwischen minimalen Drumbox-Sounds und großem Bläsersatz – und diese Fusion durchzieht nicht nur den ganzen Film, sondern auch die Titelsequenz, die die Ästhetik der alten Bondgirl-Opener hypermodern reinszeniert. Während der Opener von Casino Royale eine absolute Nullnummer war, überzeugt diese voll und ganz – und der FIlm kann sich so sogar den nostalgischen Luxus leisten, als Abspann den alten Gunbarrell-Opener anzuhängen. Dieses moderne Aufgreifen klassische Bond-Themen (nachdem Casino die meisten dieser klassischen Ansätze recht gnadenlos überbord warf) ist das große Thema des Films, der immer wieder visuell klassische Bond-Filme zitiert.
Tatsächlich ist der Film des in der Schweiz geborenen Marc Forster jeden Moment näher an der klassischen Bond-Ästhetik als Casino Royale, und zugleich doch hochmodern, in dem Versuch von moderneren (und offensichtlichen) Bond-Kopien wir etwa Jason Bourne zu lernen – von einer Schweizer Ruhe ist hier nichts zu finden, vielmehr wirkt es als habe der Regisseur, der sonst eher für Offbeat-Filme wie Stranger than Fiction, Finding Neverland oder Drachenläufer verantwortlich zeichnete, sich hier vorgenommen, den quintessentiellen Actionfilm überhaupt zu machen. Mit Erfolg – ich habe selten so viele Verfolgungsjagden so wohlchoreographiert in solcher Dichte und Vielfalt gesehen. Ob Auto, Wasser oder Luft, über Dächern oder im Straßendschungel, vielleicht weil der nach einer Kurzgeschichte von Ian Fleming benannte (aber inhaltlich absolut gar nicht darauf basierende) Plot einfach mehr als genug Luft für solche visuellen Leckereien zulässt. Denn die Handlung, dass muss man leider sagen, ist ganz und gar klassischer Bond. Klarer Bösewicht als Teil einer geheimnisvollen Organisation, internationale Verwicklungen, diffuse Politik, Weltbeherrschungspläne, Bond und M im Zwist, Minimum zwei gut aussehende Damen an Bonds Seite, Martini (in Variation), Smoking, Aston Martin. Einzig die High-Tech-Spielzeuge von Q fehlen, Bond muss mit einem eher an 24 erinnernden High-Tech-Handy auskommen, explodierende Armbanduhren gibt es diesmal (gottseidank) nicht.
Forster legt sehr viel Wert darauf, den Film visuell zu einem Brückenschlag zwischen dem 60s/70s Bond und heutiger Ästhetik zu machen. Das blaugraue ultramoderne London-Flair trifft auf ein farbiges, grobkörniges Südamerika, das geradezu direkt aus einem Connery-Bond zu kommen scheint. Die Verfolgungsjagd in den Bergen mit der DC-3-Propellermaschine ist völlig zeitlos und erinnert vielleicht nicht ganz zufällig auch an North by Northwest. Die wunderbar inszeniere Szene während der Bregenzer Tosca-Aufführung ist als Kontrapunkt bemerkenswert, mit schnellen Zwischenschnitten und einer fast offscreen stattfindenden Kampfszene, die immer wieder mit dem Bühnengeschehen kontrapunktiert ist – so wie die Tosca hier selbst modern reinterpretiert ist, möchte man meinen, so will Forster auch den Bond-Mythos modernisieren. Nicht zulezt spiegelt der Tosca-Plot auch wunderbar die Handlung des Filmes wieder. Es schwirrt nur so von Querverweisen, Zitaten, Doppelbödigkeiten und Andeutungen in diesem Film.
Obwohl er in Interviews bekundet, ins Innere von James Bond reisen zu wollen, wirkt Craigs Bond stoischer, kälter, fast psychotischer als jeder andere Darsteller zuvor. Das wettergegerbte Gesicht, die eiskalten Augen, die Narben am Körper – nichts an diesem James Bond ist mehr Gentleman, alles ist ruppige Killermaschine. Es ist Craigs besondere Leistung, diesem Ansatz zugleich die nötige Härte und körperliche Brutalität mitzugeben, andererseits in diese Fassade gerade genug Risse einzufügen, um den leidenden Menschen dahinter, der nach und nach alles verliert, was ihm wichtig ist, sichtbar zu machen und Bond am Ende des Films durchaus, fast unmerkbar in all dem Action-Getöse, durchaus zu einer Katharsis, zum Ende einer Reise oder zumindest zu einer wichtigen Station gebracht zu haben. Obwohl Forster kürzerer Film weniger Zeit für Introspektion lässt, nutzt der Film die wenigen ruhigen Minuten effizient, um der Blockbuster-Geschichte vielleicht sogar einen Hauch mehr Tragik abzugewinnen als dem Debut von Craig. Dass mit der Figur der Camille dabei eine weibliche Nebenrolle sozusagen vorlebt, dass eine erfolgreiche persönliche Vendetta nicht nur, wie Bond sagt, den Toten völlig egal ist, sondern vor allem auch den Lebenden sehr wenig Genugtuung bringt und nur Orientierungslosigkeit, wenn das große Ziel erledigt ist, bleibt, hilft, die Prozesse hinter Craigs hypermaskulin-rigidem Mienenspiel zu externalisieren. Und dennoch bleibt der Bond, der schließlich am Filmende in die Kälte geht, der Pflicht vor Rache gewählt hat, der unnahbarste, der mörderischste von allen bisherigen 007. Weniger Mensch als vielmehr Naturgewalt. Umso schöner, dass andererseits Judi Denchs Charakter M mit dem zweiten Film erneut an Gewicht und Realität gewinnt, nicht ohne Hintergedanken beim Abschminken gezeigt wird, emotionaler Anker des Films, Konstante für den Zuschauer in dem Strudel der Handlung. Als Bond insinuiert, das M «wohl gerne» seine Mutter wäre, ist er der Wahrheit näher als er denkt – tatsächlich schlüpft Dench mühelos zwischen den Rollen der eiskalten Geheimdienstchefin und einer wärmeren Figur hin und her. Wie bei Craig selbst merkt man, wie sehr ein formalistischer Mainstreamthriller mit hochrangiger Besetzung quasi automatisch an Format gewinnt. Die Darsteller gewinnen den Figuren Zwischentöne ab, die bei schlechteren Schauspielern einfach ungenutzt bleiben würden – und von diesen kleinen Momenten lebt der gesamte Film. Selbst Olga Kurylenko, eher als halbnackter Körper aus B-Actionfilmen wie Hitman bekannt, gelingen solche Nuancen, was angesichts der klischeebeladenen Rolle, die sie zu geben hat, nicht einfach sein dürfte. Optisch setzt sie die Rolle eher dunkelhaariger, schmaler, meist angezogener, eher wenig typischer Bond-Girls fort. Craigs Bond ist kein Womanizer mehr, Frauen sind nur Mittel zum Zweck, Sex eine Waffe.
Es ist Marc Forsters Leistung, selbst analog zu den Darstellern als Regisseur ähnliche schmale Nischen im Gerüst der 007-Mythos zu nutzen, um seine eigene Note zu setzen, geschickt Metamotive in den Film zu setzen – so werden die vier Elemente, Luft, Wasser, Erde und Feuer geschickt zu Schauplätzen genutzt, werden politisch-ökonomische Kommentare über die Bedeutung von (noch) Gold und (bald) Wasser als wichtigstem Rohstoff vor Gold (schöne Goldfinger-Hommage mit dem Tod von Strawberry Fields, die leider aber um des netten Effektes willen eine etwas sinnfreie, abrupt unterbrochene Rolle im Film spielt und zu früh und absolut unlogisch umgebracht wird). Überzeugend auch, wie das jeweilige Lokalkolorit des extrem global spielenden Films eingefangen wird, von der Dekadenz in Bregenz zum Alltagsflair in Chile. Ebenso gelingt ihm – fast zu gut – der Anschluss an das etwas konfuse Ende des ersten Craig-007, was leider dazu führt, das man als Betrachter mit einer Flut von dort eingeführten Figuren konfrontiert ist, deren Rolle man kaum durchschaut. Der Plot – an die Festnahme von Le Chriffre am Ende von Casino Royale anknüpfend – nimmt mitunter seltsame und auf den ersten Blick nicht sonderlich logische Wendungen, und am Ende wird man das Gefühl nicht los, der Beginn und das Ende des Films haben nur vage miteinander zu tun. Vielleicht der Preis, den man mit vier Drehbuchautoren zahlt, vielleicht aber auch Absicht, um die Geschichte um die Quantum-Organisation und Le Chiffre fortsetzen zu können. Obwohl Forsters hyperdichte Narration gut funktioniert angesichts nur 106 Minuten Länge, wären ein paar Minuten mehr sicher nicht verkehrt gewesen, um den Plot klarer zu machen und Nebenfiguren wie Fields oder Leitner oder auch Mathis mehr Raum zu geben. Das Seltsame an diesem Film ist, dass er narrativ fast keinerlei Substanz aufzuweisen vermag, visuell und im Sinne von postmodernen Selbstzitaten, also auf der artifiziellen ästhetischen Ebene unglaublich überzeugt. Wäre der Plot so tiefgründig wie Forsters Inszenierung schillernd ist, wäre dies ohne Frage einer der besten Bonds aller Zeiten. Aber so ist es viel überzeugendes Spektakel, das leider eigentlich ohne entsprechende Füllung bleibt. Perfektes Design mit magerem Content.
Insgesamt gelingt Quantum of Solace der Brückenschlag zwischen dem allen 007-Klischees sprengenden Ikonoklasmus von Casino Royale und dem Ken-Adams-Retro-Flair, das zum Bond-Mythos gehört. Die eigentlich unmögliche Leistung ist, stilistisch zurückzugehen zum Connery-Bond (wenn auch minus Connerys Smartness und Ironie) und zugleich nach vorne zu preschen. Die Settings, die Storyelemente, und ganz massiv das Kostümdesign (Tom Ford!!!!) und Setdesign sind auf hochaktuelle Art und Weise dem Modernismus der Sixties verpflichtet, so sehr, dass man teilweise das Gefühl nicht ganz loswird, einen ALTEN Bond-Film aus einer Parallelwirklichkeit zu sehen, in dem Steve McQueens taffer Bruder den 007 mimt. Zugleich zeigen viele Designelemente der oft architektonisch atemberaubend gewählten Sets (wie das tatsächlich reale EOS-Hotel am Ende des Films) einen fast futuristisch kühlen, hypermodernen Touch, der verblüffend gut zum Retro-Modernismus passt, zumal Forster es sauber nach Locations und Akten getrennt hält. Das Ergebnis ist ein seltsamer Salto Mortale zwischen den Genres und Zeiten, ein im wahrsten Sinne zeitloser Film, neben dem alle Bond-Filme seit Connery nahezu albern wirken. Craigs 007 ist aus dem Limbo der Selbst-Persiflage entkommen, todernst, eingebunden in ein ästhetisches Gesamtkonzept, der eigenen Historie bewusst, aber im modernen Adrenalin-Kino angekommen. Keine schlechte Leistung für eine 40 Jahre alte Franchise. Bond-Puristen müssen Craigs Version des 007 eigentlich hassen, denn die hier gezeigte Figur hat mit dem James Bond der letzten zwei Dekaden kaum noch Gemeinsamkeiten – Gott sei Dank.
6. November 2008 18:18 Uhr. Kategorie Film. 8 Antworten.
Zwei Besprechungen und ich bin so schlau wie vorher. Siehe http://www.fuenf-filmfreunde.de/2008/11/06/ein-quantum-trost Bemerkenswert, wie beide Reviews sich gerade auch im Detail widersprechen. Na muss ich mir wohl ausnahmsweise selbst mal meine Meinung verbilden.
Es gibt eine ganze Stange negativer Reviews und ich kann die Kritik zum Teil nachvollziehen – zum einen ist dieser Neo-007 alles andere als der klassische Bond, er ist ein fast dekonstruktiver Gegenentwurf (wenn auch hier nicht so extrem wie in Casino Royale), eine durchweg weniger elegante, viel martialischere, kaputtere, gebrochenere Figur als etwa der Dauergrinser Brosnan. Zum anderen ist die Handlung… einfach konfus, und dabei noch dürre. Der Film ist ein wunderbares visuelles Spektakel und die Handlung nun auch nicht wirklich dümmer als bei anderen Genrefilmen, ganz im Gegenteil, aber es ist auch nicht gerade John LeCarré.
Aber ästhetisch und vom reinen, schieren Druck der Bilder und des Tempos und der Gewalt her, ist der Bond hier auf der Höhe der Zeit angekommen und – aus meiner Sicht – erkennbar er selbst geblieben, sogar eher an meine Idee von einem Agenten mit der Lizenz zum Töten herangekommen – siehe auch den Casino Royale Text und mein Bestehen darauf, dass Bond ein Soldat und Psychopath sein sollte :-D. Ich kann voll verstehen, dass die Martini-geschüttelt-Fraktion, die den im Panzer durch die Stadt fahrenden, Smoking tragenden Bond mochte, das blöd findet. Wenn Craig nen Smoking trägt, hat er ihn vorher jemanden geklaut und benutzt ihn nur als Verkleidung :-D Im Großen und Ganzen ist er eher ein US-Action-Pattern als der klassische Stiff-Upper-Lip-Brite.
Mit der Übersetzung des Filmtitels tut man sich in der Bond-Reihe nicht zum ersten mal schwer. Oder gibt es hier jemanden, der den Titel “Der Morgen stirbt nie” für besonders gelungen hält?
Ich freu mich trotzdem auf den Film.
Ich hab mir nur die erstrn 3 Zeilen durchgelesen weil ich heute abend erst rein gehe.
Muss aber vollkommen zustimmen das Craig absolut nicht in die Rolle des Bond passt
Vielleicht doch nochmal den ganzen Text lesen – ich halte Craig für den besten Bond nach oder vielleicht (sowas weiß man erst mit etwas Abstand, und es ist unfair 1960 mit 2000 zu vergleichen) vor Connery.
In den ersten drei Zeilen geht es auch um den TITEL des Films, gar nicht um den Hauptdarsteller :-D
Ich glaube ich hab schon halb gepennt als ich das geschrieben habe :-D
[...] des Quantums Trost, die ich je auf einem Blog gesehen habe. Auch die Besprechung von →HD Schellnack ist sehr vielschichtig und allen ans Herz gelegt, die sich unter anderem mit der Ästhetik des [...]