
Es ist verblüffend, wenn das Ergebnis einer Schreibblockade spannender wird als das eigentliche Werk. »It chooses you« von Miranda July ist das Zeugnis eines erfolgreichen Scheiterns. Als die Autorin, Flmemacherin und Künstlerin bei der Arbeit an ihrem Film »The Future« in eine kreative Sackgasse gerät, taucht sie in eine Parallelwelten ein, indem sie Menschen portraitiert, die skurrile Dinge in einer Kleinanzeigen-Zeitung annonciert haben.
Dieser Rahmen bedingt in der Ära von eBay und Craigslist natürlich automatisch, dass July auf eine seltsame Untergruppe der Westküsten-Gesellschaft von Los Angeles trifft, Menschen ohne Computer, Menschen, die ihr Zeug per Inserat loswerden wollen – die Wahrscheinlichkeit, hier auf spannende Außenseiter, alte Menschen, soziale Freaks zu treffen ist hoch.
Und so gerät das Buch unweigerlich zu einer Art Tourismus, den July mit der Mischung aus Verwunderung, Abscheu und Begeisterung absolviert, wie man sie auch von Reiseberichten vergangener Jahrhunderte zu »primitiven« Kolonien kennt. So wunderbar die einzelnen Interviews an sich sein mögen, man wird den Beigeschmack von »Expedition ins Tierreich« nie ganz los, egal wie sehr die Autorin sich bemüht, egal wie sehr man ihr anmerkt, dass sie Distanz zu wahren versucht, die echten Menschen nicht als Inspiration missbrauchen will. Zugleich wird greifbar, wie schnell die Menschen, die July besucht, sich auf die Interviews einlassen, wie hungrig die nach Kommunikation sind. Ob Transgender Michael oder Bullfrog-Kaulquappen-Verkäufer Andrew, sie alle wollen der dünnen Dame mit dem sympathischen Lockenwuschel ihre Geschichte erzählen. Die Vergessenen sind nur zu bereit, ihre banal-berührenden Storys zu erzählen und für die distanziert-kühlen Bilder von Brigitte Sire zu posieren.
Die Lehre des Buches zwischen all diesen Skizzen von Immigranten und Rentnern, diesen marginal men und women am Rande des US-Mainstreams ist, dass das echte Leben vielseitiger und abwegiger ist, als Fiktion es jemals sein könnte. Entsprechend wirkt »The Future« manierierter und langweiliger, gewollt und somit angestrengt »anders« gegenüber diesen kleinen Schlaglichtern, die
Der Zusammenprall der Künstlerin, die sich auf der Karriereleiter nach oben zu arbeiten und als Filmemacherin zu etablieren versucht, und den längst Gestrauchelten, die zwischen die Ritzen des amerikanischen Traums gerutscht sind und diese gesellschaftliche Fiktion dabei nie ganz verloren haben, ist der Schatz des Buches. Es ist die Geschichte eines modernen Prekariats von Kreativen, die sich unter hohem Druck von Projekt zu Projekt hangeln, die hier der alten, längst in die Armut versunkenen Ex-Mittelschicht begegnet – und es ist ein Blick in ein Land, das seltsam Russisch anmutet, erschreckend primitiv, eine Zweite-Welt-Realität, deren Verzeiflung nur durch Nationalstolz wegparfürmiert ist. Da clasht die MacBook-bewaffnete neue Armut, die sich das knappe Geld als künstlerischen Lifestyle schönredet auf die alte Produktionsrealität, die vom Amerika der 70er und 80er wie ein dreckiger Rest in der Badewanne übrig geblieben ist, die Rückstände der Entkoppelung von Marke und Herstellung. Es ist das Festhalten am American Dream in dessen offensichtlicher Abwesenheit und der Optimismus der gebrochenen Menschen in Julys Interviews, die dem Buch quasi gegen seine eigene Naivität eine innere Kraft verleihen. Amerika wird immer ein Land sein, dass wir Europäer wenig verstehen. Warum in der gegenwärtigen Lage, nach der Finanzmarktkrise, tatsächlich ausgerechnet Blue-Collar-Wähler daran denken, Mitt Romney zu wählen, der genau die 1% der Gesellschaft repräsentiert (und aggressiv deren Interessen protegiert), die genau für Mittel- und Unterschicht längst zu Feindbildern hätten verwandelt sein müssen, ist aus hiesiger Sicht ein Rätsel. Julys Buch gibt eine Antwort auf dieses Paradox und zeigt, dass das Beharren auf der Überlegenheit des amerikanischen Systems umso verbissener wird, je weniger dies im Leben der Betroffenen individuell spürbar zu sein scheint. Dieser seltsame Nationalstolz mag belustigen oder betroffen machen und ist kollektiv sicher eines der größten soziologischen und wirtschaftlichen Probleme Amerikas, aber man kann kaum umhin, zu bewundern, wie die Protagonisten von Julys Interviews an dem Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos festhalten, obwohl oder gerade weil er sich in ihrem eigenen Leben so offenbar nicht niederschlägt.
Es ist diese in einem Roman kaum herstellbare Doppelbödigkeit der Figuren, diese Portraits von Außenseitern und schrägen Vögeln, die trotzdem irgendwie ein Herzstück der amerikanischen Nation darzustellen scheinen, die das Buch auszeichnen. Obwohl weit entfernt von der kargen Schönheit, die »No one belongs here more than you« aufweist, ist »It chooses you« deshalb ein wunderbares Dokument eines doppelten Breakdowns – der persönlichen Schreibblockade von Miranda July und der Aushebelung des American Way of Life.
6. September 2012 07:49 Uhr. Kategorie Buch. Tag Belletristik, Sachbuch. Keine Antwort.