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Ist TV-Land abgebrannt?

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Es wirkt in den letzten Monat etwas verzweifelt, wie die TV-Sender ihre Shows canceln und neue Konzepte herankarren und wieder absetzen – eins der neuesten Opfer bei ABC ist beispielsweise David Goyers Flashforward. Die zum Teil aufwendig produzierte offensichtlich langfristiger angelegte Serie, die Lost beerben sollte, endet nicht nach den geplanten drei oder vier Staffeln, sondern inmitten offener Handlungsstränge. Andere Opfer der letzten Zeit gibt es reichlich, die Liste umfasst 35 Sendungen. Darunter zahlreiche Shows, die einige mehr oder minder erfolgreiche Seasons hinter sich haben. Woran liegt dieser Einbruch?

Er zeugt nicht nur von wirtschaftlichen Problemen – Instantshows und Trash-TV sind einfach billiger, selbst American Idol dürfte weniger kosten als ein Pilot einer guten Serie -, sondern auch vom Ende eines TV-Zeitalters (oder zumindest einem sehr gravierenden Umbruch). Während Sendungen wie American Idol (und all die anderen Casting Shows) noch vom Live-Faktor leben, ähnlich wie Sport-Events, vom Mit-Abstimmen oder von dem Informiertsein / Mitredenkönnen am nächsten Tag, funktionieren die relativ komplexen Serien, die auf dem Season-Konzept aufbauen, wie es Twin Peaks (eigentlich die erste Revolution im TV), X-Files oder auch Buffy etabliert haben und das Lost oder Breaking Bad perfektioniert haben, durchaus auch dann gut wenn nicht sogar am besten, wenn man sie in einem Rutsch schaut – also am Ende einer Staffel. Ein Echtzeit-Sehen ist also nicht notwendig. Während einerseits TV-Serien sich in den letzten Jahren als extrem gutes Erzählformat bewiesen haben, gerade weil sie längeres Format haben und differenzierte Charaktere und langfristige Handlungsbögen erlauben (gegenüber der 3-Stunden-Grenze im Kino, das einfach mehr verdichten muss), verlieren diese anspruchsvolleren Formate den «casual viewer», der einfach nur mal ohne große Vorbereitung 45 Minuten etwas Entertainment will. Für diese Gruppe von Zuschauern reicht die Krimifall-der-Woche-Serie, die relativ statische Charaktere durch immer wieder andere, aber selbstähnliche Konstellationen jagt, eine Serie mit der Dichte von Twin Peaks oder Lost dürfte hier eher abschreckend sein und spricht eher eine spezifische Fan-Audience an. Die aber ist zum einen global, meist eher vorm Rechner als vorm Fernseher anzutreffen und zum anderen von der Jetztzeitigkeit des Webs auf «Ungeduld» programmiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zielgruppe, bei der Hunderttausende von Teilnehmern bei Lost etwa an einem Alternate-Reality-Game online teilnahmen, die finale Staffel überhaupt noch zur Sendezeit im TV schaut, ist mehr als gering. Die Einschaltquoten von Lost liegen hinter American Idol, und dennoch ist es die meist heruntergeladene Serie weltweit im Moment. Nur hilft das ABC wenig.

Solange die Sender solche «Mythos»-Serien aber weiter nach Einschaltquoten und Nielsen-Ratings beurteilen, werden diese Fanbase-orientierten Serien scheitern, da die TV-Entscheider einen zentralen Paradigmenwechsel der Konsumgewohnheiten ihrer früheren Zuschauer verpassen. Ein Blick auf die Websites nahezu aller US-Sender verrät, wie hilflos der amerikanische Fernsehmarkt mit dem Fernsehen umgeht. Während im Schatten der Serie Lost eine verwobene und verwirrende Wiki rund um die Serie von Fans betrieben wird, bleibt es bei ABC bei Rückblicken und etwas Flash-Gedöhns. Dabei ist Lost, mit ARG-Ansätzen und J.R. Abrams genereller Tendenz zu multimedialer Verwebung seiner diversen Projekte noch durchaus Leitstern, während andere Serien noch stiefmütterlicher behandelt werden. Für FOX, CBS, ABC und Co ist der Zuschauer immer noch das Pantoffeltier vor dem Fernsehbildschirm – das spiegelt ganz wunderbar akut wieder, wie ungelenk viele andere Branchen mit dem medialen Wechsel der letzten Dekade umgehen. Tatsache ist: von der wahrscheinlich großen globalen (und illegalen) Zuschauerschaft hat eine Serie wie Flashforward oder Dollhouse beim jeweiligen Sender gar nichts – und zwar, weil der Sender diesen Zuschauern keine Chance gibt, gezählt zu werden.

Kurzfristig ist der erste Schritt, auf der eigenen Homepage aktiver zu werden und das Web als Kanal zu begreifen. Ob Werbefinanziert oder gegen (moderate) Bezahlung – die Sender sollten den Download aktueller Folgen und alter ganzer Staffeln anbieten. Warum das ganze Geld nur iTunes geben? Staffelpässe mit Extras, eine solide Betreuung der Serie und der Fanbase, eigene Blogs und Wikis, sind erste Möglichkeiten, sich auf das Web einzustellen. Denn wenn erst Technologien wie WiMax/LTE mobiles Internet auf VDSL-Tempo bringen, sollte man vorbereitet sein – ab diesem Zeitpunkt wird es kein Fernsehen, wie wir es in den letzten Jahrzehnten kannten, mehr geben.

Zugleich birgt dieser Umbruch enormes Potential für die Sender, das sie derzeit verschleudern. Wenn «Mythos»-Serien, zudem weltweit, Fans binden, ergeben sich hier Wertschöpfungsketten, die bisher weitestgehend brach liegen, weil es im engen Fernsehraum zwei Probleme gibt: Sendezeit und Produktionskosten. Ersteres ist im Web non-existent, da jeder Zuschauer sich seine Sachen selbst zusammenstellt. Letzteres ist eine Entwicklungsfrage – es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Produktion von Film in den nächsten Jahren unglaublich billiger wird. Noch ist es eine bemerkenswerte Ausnahme, wenn die 5DII für den Dreh eines Staffelfinales eingesetzt wird – aber der Einsatz von preiswerteren digitalen Kameras sowie der Preisverfall bei computergenerierten Effekten dürften die Produktionskosten von Serien deutlich senken. Zumal inzwischen eine Zuschauergeneration heranwächst, der Stars weitestgehend egal sind bzw. die ihre Stars selbst generiert.

Warum also nicht in Zukunft – analog zu Direct-to-DVD – in einem direkt für das Web produzierten Format arbeiten? Warum hier nicht weg von dem System, Serien so lange laufen zu lassen, wie es eben geht… was entweder zu abrupten Absetzungen führt oder – schlimmer noch – im Erfolgsfall zu endlos in die Länge gezogenen Formaten, die längst über ihren eigentlichen Spannungsbogen hinweg künstlich am Leben erhalten werden? Warum das Internet nicht als eigenständiges Medium begreifen und entsprechend arbeiten? Warum, kurz, also nicht Geld mit der globalen Fangemeinschaft von Figuren und Serien verdienen anstatt sich an ein anonymes TV-Publikum mit dem kleinsten geringen Nenner zu verheizen und in endlosen Zugeständnissen an die Marketingleute von Großsendern das Herz der ursprünglichen Geschichte zu verkaufen? Vielleicht hätten wir dann auch wieder mehr als nur Cop- und FBI-Shows (plus Mystery-Element bitte) mit möglichst vielen Explosionen und mehr grandioses Format wie eben Breaking Bad, das in der Tat vergleichsweise preiswert zu produzieren wäre.

Online ergibt sich die Chance, auch mit kleinen, feinen Formaten und einer relativ überschaubaren Zielgruppe langfristig stabile Formate zu etablieren, die unabhängig von Quotendruck trotzdem Geld verdienen – zudem eventuell ohne Druck durch die Werbeindustrie. So ließe sich – was bei Lost ja erstaunlich gut funktioniert hat – ein Vorgehen denken, bei dem die Länge eines Stoffes von vornherein grob festgelegt ist und eine Geschichte in dieser längeren Narrationsform vollendet werden kann, um dann als Gesamtwerk abgeschlossen zu sein. Anfang, Mitte, Ende. Zugleich wären auch Mini-Serien denkbar – wie dereinst von Wild Palms vorgemacht. Der Stoff, die Story bestimmt den Umfang, nicht umgekehrt. Was HBO noch im TV weitgehend erfolgreich vormacht, wird im Web deutlich einfacher und zugleich umfassender realisierbar – nicht nur für die großen Sender, sondern vor allem auch für Kreative selbst. Dave Sim hat vor einigen Dekaden begonnen, das creator-owned-publishing von Comics vorzuleben, das Web und die modernen Produktionstechnologien ermöglicht es jetzt den Autoren, Regisseuren und Machern selbst, mit eigenen Produktionsfirmen als Start-Up zu eigenen Online-Sendern zu mutieren, sei es über Deals mit iTunes oder direkt über die eigene Site. Hier ist die Chance, sich auch im Langformat einer Serie vom Moloch TV zu lösen und – wie im Film – zu einer Trennung von «großen» Produktionsfirmen und «Indies» zu kommen, die die besseren, mutigeren Stoffe mit weniger Budget aber mehr Freiheit realisieren… und wie im Filmbereich dürfte auch hier ein reger Crossover zwischen beiden Bereichen herrschen. Schaut man sich an, dass viele Cash-Cows der Filmindustrie bereits heute ihr Handwerk in TV-Serien erlernt haben, wird einem schnell klar, wie lebhaft sich Film und Indie-Web-Serien gegenseitig befruchten dürften.

Das Seriensterben in den USA bringt eine der wenigen halbwegs nativen Kulturleistungen der USA ins Wanken – die Langzeitnarration in Form von Comics und TV-Serien. Aber tatsächlich ist es kein Aufbruchssignal, über bestehende Kommunikationsstrukturen nachzudenken, bevor die Symptome noch ernsthafter werden. Endlose Casting- und Trash-Shows sind kein Ausweg. Ein Ausweg wäre aber, wenn die Leute, die eine Geschichte zu erzählen haben, sich neuer Wege bemächtigen, diese zu vermitteln. Man stelle sich vor, ein Bryan Fuller, ein JJ Abrams oder ein Joss Whedon würden mit einer guten Crew online loslegen (erste Ansätze gibt es ja inzwischen), ordentlich vorfinanziert, als Crossoverprojekt aus (Web)-Serie, Comic, Merchandise, Film, Buch und und und… um ganz ohne Kompromisse der eigenen Vision folgend im großen Stil Geschichten erzählen zu können. Es wäre die nächste Evolutionstufe – und zugleich die Vorbedingung für den nächsten Schritt, ein vollwertiges, interaktives, dynamisches Erzählmedium, das kollektive Gruppennarration, Einwirken in die Erzählung, also Teilhabe zulässt, eine neue und offene Struktur von Storytelling, die mehrere Enden und Bifurkationen zulässt. Bei Lost ist diese Teilhabe – in Form eines komplexen Dialogs zwischen Autoren und Zuschauern und einer wahren Deutungsorgie von Hinweisen in der Serie – bereits in Gang, die tatsächliche Leistung der Serie ist, dass sie primär nicht mehr an sich unterhält, sondern selbst Anlass zur Unterhaltung schafft, anregt statt abstumpft, kaleidoskopisch statt eindimensional ist – im Grunde ist Lost bereits längst mehr ein Onlinephänomen als eine herkömmliche TV-Serie. Die Frage ist nur, wie man den Enthusiasmus der Fans in Geld umwandeln kann, eine Transformation, die aber nicht mehr über herkömmliche TV-Kanäle funktionieren kann, sondern (auf ganz unterschiedlichen Wegen) perfekt über das Internet (oder als jeweilige Kanal-App fürs iPad usw bzw über einen eigenen Sender-Bereich bei iTunes). Mittelfristig, keine Frage, lassen sich hier Summen verdienen, an die jetzige TV-Serien werbefinanziert nicht heranreichen. Und zugleich lassen sich preiswert kleine Konzepte entwickeln, als «Playground» für den kreativen Talente-Nachwuchs.

Gute Aussichten also, wenn nur jemand endlich den ersten wirklich erfolgreichen Schritt auf den neuen Kontinent machen würde.

Vielleicht sollte David Lynch sich eben doch noch mal an Twin Peaks setzen und ein zweites Mal eine Revolution stiften.

18. Mai 2010 20:07 Uhr. Kategorie Online, Stuff, Technik. Tag , , . 3 Antworten.

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