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IRRLICHT 017

Wenn man einen fast durchgehenden Raum von 120 m³ überhaupt mir dem Wort «spärlich» zusammenbekommt, so könnte man sagen, Paul Miles habe seine Zelle spärlich eingerichtet. Weiße Wände, der Teppich entfernt, als Möbel ein Futon, ein hoher Vitra-Schreibtisch, davor ein Perch-Stuhl von George Nelson. Fast klischeehaft minimal, Imitat einer Mönchszelle, mit 120 m3 Freilauf und Zimmerservice.

Nur eine Ecke erinnert daran, dass Paul 19 ist. DVDs, CD-Stapel, eine Wii und eine uralte Nintendo-Konsole, Kopfhörer, ein altes DD-Drum 2, Keyboards und eine Telecaster aus den 60ern samt Twin Reverb. Die Flaschenstadt Kandor als perfekte 1:1 Replika, original aus der Silver-Age-Festung-der-Einsamkeit von 1958. Ein bisschen Ironie muss sein und der Verlag hat das Geld dafür. Trotz des offensichtlichen Gags – den niemand außer Luisa wirklich verstand – hat Paul tatsächlich Spaß daran, die kleine Stadt, das letzte Stück Krypton auf Erden, zu betrachten. In seiner Phantasie füllen Kryptonier die Häuser und Straßen der Metropole, geräuschlos hinter dem Glas zischen Autos über den markant geschwungenen Highway, ein architektonisch-futuristisches Highlight von Kandor, dieser Utopia aus den Sixties. Und das alles in einer Art großer Milchflasche, komplett mit Holzkorken, Flaschenpost einer versunkenen Zivilisation.
Wie muss das für Superman gewesen sein, der letzte Überlebende einer perfekten Gesellschaft zu sein? Von deinen Eltern, wie Jesus, als Retter zu den Menschen geschickt. Stranger in a strange land, last Unicorn. Und dann – BANG – kommt diese Flaschenstadt Kandor. Mit hunderttausenden von Einwohnern, ein LSDgetränktes Miniatur-New-York aus der Phantasie von Otto Binder und Al Plastino. Kann selbst ein Superman da nicht einen Moment von Missgunst haben? Gerade noch Unikat, gibt es jetzt eine ganze Stadt von potentiellen Supermännern und -frauen, eine Armee von Übermenschen in Dayglo-Kostümen. Wie oft hat er wohl die Glasstadt in den Händen gehalten, die kleinen Menschen mit ihrer kleinen Demokratie und ihrer kleinen künstlichen Schwerkraft in ihren kleinen Läden und Wohnungen… und das alles zerschmettern wollen? Ein schneller Wurf vor eine der eisigen Höhlenwände – wer würde es je erfahren? – und Kal-El wäre wirklich wieder der letzte Sohn Kryptons. Nicht bloß one in a million.

Oder kann sich selbst ein Superman dagegen wehren, sich für eine Sekunde wie Gott zu fühlen, wenn er tausende von Leben und Hoffnungen und Ängsten einfach so in seinen unverwundbar-gefühllosen Händen halten kann, jeder Tremor seines Handgelenks ein Erdbeben, sein Gesicht so groß vor dem Glas, dass es den Himmel der Stadt rosa färbt. Ein unsichtbarer Gott für die Kandorianer, die ihm mit Statuen und Feiertagen huldigen.

Oder… schläft Superman nachts weinend vor der Flasche ein, deprimiert davon, dass er trotz all seiner Kräfte und seiner Macht die Kandorianer nicht aus diesem Flaschenleben befreit kriegt? Ist Kandor ewige Erinnerung, dass auch ein Übermensch seine Grenzen haben kann? So wie Uncle Ben für Spider-Man, Memento der Menschlichkeit?

Auf einem Powerbook ist Logic Audio installiert, aber Paul hat noch keinen Song geschrieben, noch kaum eine DVD gesehen. Die Phasen, in denen er nicht schreibt, gehen für Schlaf und Essen drauf, manchmal etwas Schlagzeug spielen. In einer Ecke steht ein altmodischer Röhrenfernseher, auf dem tonlos CNN läuft. Pauls Fenster zur Welt, seine eigene kleine Flaschenrealität, ein alter Loewe-Fernseher, dessen Röhre ein fast unhörbares einlullendes 50-Hz-Pfeifen in den Raum sendet, das einzige Geräusch im Zimmer. Textlaufbänder berichten von einem Anschlag in Madrid, 25 Verletzte, keine Toten.

Gab es Terroristen auf Krypton?

Muss wohl, sonst hätten sie ja die Phantomzone nicht als Gefängnis gebraucht. Diese perfekte, utopische Gesellschaft… und trotzdem Verbrecher, trotzdem Gefängnisse. Vielleicht gerade dort. Wo wäre Verbrechen ehrenvoller, notwendiger als in der mäandernden Langeweile der perfekten Welt? Vielleicht sind Terroristen nur die Antikörper von Utopia. Die letzten, die sich nach einem Leben ohne Narkose sehnen.

Gibt es Suizidbomber in Kandor?

25. Januar 2007 00:16 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

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