
Das verblüffende an Irina Palm ist, wie brav dieser Film ist. Für einen Streifen über eine Frau, die in einer Sexbar in Soho Männer befriedigt, um Geld für die Operation ihres todkranken Enkels zusammenzukriegen, wirkt Irina Palm ungemein wenig anstössig, wenig rotzig. In der Rolle der Maggie schlurft sich hier ausgerechnet die frühere britische Skandalikone Marianne Faithfull durch eine stille Tragikkomödie, deren Trailer vielleicht vermuten lässt, es handele sich um eine dieser spritzigen britischen Underdog-Movies, die in Wirklichkeit aber eher bedacht und leise bleibt. Maggie, die also das Schicksal ihres Enkels, aber auch das ihres Sohnes und seiner Frau in die Hand nimmt, wird von Faithfull als abgestumpft-bescheidene, fast naiv liebenswerte Hausfrau gebracht, deren Vorstellungen vom Leben ähnlich verstaubt wirken wie ihre Blümchentapete, die aber ohne Zweifel das Herz am rechten Fleck hat. Maggie, die nach dem Tod hres Mannes alleine in einer kleinen Wohnung lebt und von ihren pointiert unangenehmen Freundinnen umgeben ist, entdeckt in der Rolle der Masturbatorin Irina scheinbar erstmals etwas, worauf sie selbst stolz sein kann – die weichste Hand in ganz Soho zu sein. Die Wandlung, – unterstützt von einer langsamen fast unwahrnehmbaren Romanze mit Clubbesitzer Miki – fährt aber jäh vor die Wand, als ihr Sohn wissen wil, woher seine Mutter das Geldhat und ihr nachspioniert…
Um die Wahrheit zu sagen, der Film ist nicht wirklich komisch, der Trailer vergibt bereits alle wirklichen Gags. Ganz im Gegenteil ist Irina Palm eher von stillen Passagen geprägt, von kurzen Sequenzen, die ins Schwarze abblenden. Die Musik, oft kaum vorhanden, begnügt sich mit monoton-traurigen Gitarrenakkorden. Die tristen Bilder, die die Vorstadthölle des proletarischen Londons ebenso einfangen wie das Schmuddelige von Soho, inszenieren Irina Palm als einen eher tragischen als komischen Film. Wenn Maggie fast wortlos bei ihrer Vorgängerin Luisa vor der Tür steht, die Irina erst eingearbeitet hat und dann wegen ihr den Job verlor, dann wächst der Film zu wahrer Größe auf, weil sich zwei Frauen gegenüber stehen, die auf ganz unterschiedliche Art sprachlos sind und deren gerade erst begonnene Freundschaft fast grundlos verkümmert. Hier, nicht zuletzt dank Dorka Gryllus als Luisa, wächst der Film zu wahrer Größe und Tiefe. Aber selbst die komischen Momente sind nie auf dem Schenkelklopferniveau von Filmen wie The Full Monty, der Umgang mit dem pornographischen Moment von Irinas Manufaktur bleibt beinahe spießig. Das verklemmte Kichern der Freundinnen von Maggie, als sie ihnen von ihrem Job berichtet, durchzieht den ganzen Film. Manche der Gags sind einfach nur witzig, wenn man sehr wohlbehütet aufgewachsen ist. Auch die Reaktion von Maggies Sohn Tom, der schockiert die Mutter verstösst und völlig überzogen zum Wüterich wird, ist nur aus einer solchen biederen Weltsicht verständlich… ansonsten wirkt diese gesamte Handlungsentwicklung eher aufgesetzt. Tom als halbwegs erwachsener Großstädter sollte schon verstehen, warum seine Mutter keine andere Chance hatte, an schnelle so 6000 Pfund zu kommen und dass nicht zur «Hure» geworden ist, sondern sich für ihn an die Arbeit gemacht hat. getan hat. Ebenso vorhersehbar ist dann, dass ausgerechnet Toms Frau Sarah, zuvor stets zickig gegenüber Maggie, sich plötzlich als verständnisvoll erweist, bevor es dann in Richtung eines vorsichtigen, monochromen Happy Ends geht.
Das Problem des Films ist die Story, die zu keinem Moment unvorhersehbar, originell oder überraschend ist. Die spießige Reaktion von Maggies Umwelt, ihr Aufstieg zu «Ruhm», die an zig französische 70er-Jahre-Filme gemahnende Beziehung zwischen ihr und Miki… been there, done that, bought the T-Shirt. Was etwas schade ist, denn die Regie ist einfühlsam, die Besetzung mit Ausnahmen gut, die Stimmung von Musik und Kameraarbeit wunderbar zurückhaltend und die Leistung von Marianne Faithfull als verschlissen-knautschiges Hausmütterchen, das sich mit Tupperdose und Blümchenkittel an die neue Arbeitsstelle begibt, ist großartig. Faithfull leistet eine wunderbare Balance zwischen Müdigkeit und Resignation, innerer Lebensfreude und Schönheit der vom Leben gebeutelten Maggie. Faithfull wirkt über weite Strecken einfach authentisch und rettet so den an sich weitgehend etwas erschlafften Film. Irina Palm steht und fällt mit der liebenswerten Naivität dieser altgewordenen Anti-Amélie, mit der Stoik von Maggie, an der der Dreck von Soho scheinbar abperlt, der sich so tief in das Yves-Montand-Gesicht von Miki Manojlovic eingegraben hat. Faithful, Manojlovic und Gryllus machen den Film sehenswert, sofern man mit den beiden voller Sympathie fest zugedrückten Augen, die man für die Handlung einfach braucht, überhaupt etwas erkennen kann… ;-)
24. Juni 2007 13:50 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.
[...] Sterben für Anfänger, oder passender Death at a Funeral, ist ein kleiner schwarzhumoriger Film, mit dem Muppets-Daddy Frank Oz einen überraschend bescheidenen Film hinlegt, der sich sehr Low Budget anfühlt. Mit kammerspielartigem Flair baut der Film relativ schnell die – etwas vorhersehbare – Grundkonstellation auf und arbeitet sich durch die Schikanen der Komödie schnell zum Denouement und Happy End vor. Die Handlung an sich steht an Einfachheit und Vorhersehbarkeit einer Sitcom-Folge kaum nach, gleichzeitig fehlt dem Film die schiere Boshaftigkeit anderer britischer Komödien (und sei es nur Grasgeflüster). Elemente wie der auf LSD ausflippende Schwiegersohn-in-Spe oder der im Rollstuhl sitzende boshafte alte Mann sind zwar absolut 1000-mal-gesehen, aber trotzdem immer wieder lustig und hier schön auf den Punkt gespielt. Sterben für Anfänger fühlt sich – wie Irina Palm - seltsam durchschnittlich an, brav, verklemmt… an vielen Stellen wäre sicher mehr gegangen als die Enthüllung, das der verstorbene Vater homosexuell war, das ist echt zu billiger Spießer-Humor («Hohoho, der war schwul.. mit einem Zwerg.. hohohoho…»). Es gibt aber, sein wir mal nicht zu streng, grandios witzigen Slapstick in dem Film, bei dem man aus dem Kichern nicht herauskommt… [...]