
Man merkt wirklich, daß man gut zu tun hat, wenn man erst gut eine Woche später dazu kommt, einen Film zu besprechen.
Inside Man ist sicher Spike Lees bisher kommerziellster Film (vielleicht auch, weil er den Job von Ron Howard geerbt hat?), ähnlich wie Oceans 11 (und 12) Steven Soderberghs wohl kommerziellste Filme sind. Nicht zuletzt drängt sich dieser Vergleich auf, weil beide eine Art Rififi-Plot vom «perfekten» Verbrechen aufweisen, ebenso Plotlöcher, durch die man einen Truck fahren könnte, stark verschwimmende Grenzen zwischen Gut und Böse und vor allem Stars, Stars, Stars.
Inside Man fährt mit Denzel Washington, Jodie Foster, Clive Owen und Willem Dafoe ein gutes Stück Hollywoods A-Liga auf, und dennoch ist der eigentliche Haupdarsteller des Films New York. Spike Lee beginnt den Film bereits mit einer genüßlichen Kamerafahrt durch die Stadt, unterlegt mit Bollywood-Muzak, und bestückt seinen Film großzügig mit der multiethnischen Bevölkerung New Yorks, zeigt Amerika – etwa mit dem Querschnitt der Geiseln in der Bank – als Melting Pot verschiedenster Nationalitäten und Gemüter. Die Art wie Lee verschiedene urbane Gruppen aufeinanderprallen läßt, etwa weiße und schwarze Cops, aber auch wenn ein als Geisel freigelassener Sikh von den Polizisten wie ein potentieller arabischer Terrorist be/mißhandelt wird und die ahnungslosen Cops ihm auch noch den Turban abnehmen. Der Sikh hebt zu einer flammenden Rede über den post-9/11-Rassismus in Amerika ab, die Detective Keith Frazier (Denzel Washington) flachwitzelnd abwürgt mit der Bemerkung, daß er aber doch zumindest wohl keine Probleme haben dürfte, ein Taxi zu bekommen.
Ein weiteres wichtiges Stück NY verkörpert die Anwältin/Problemlöserin Madaline White, eine Rolle, die fast so platt angelegt ist, wie der Nachname vermuten läßt. Gespielt von Foster – die bei aller gestylten Frostigkeit einfach doch zu treuherzig blickt für diese Rolle, das wäre sicher eher ein Fall für Sharon Stone gewesen – ist White die Verquickung von Politik und Medien, Korruption und Big Business, Skrupellosigkeit und Glitz. Am Ende des Films sitzt sie mit ihrem Auftraggeber (dem von Christopher Plummer eher routiniert und leider arg durchschaubar gegebenen Bankdirektor – der, wenn ich dem Spiegel glauben darf, an den Kriegsgewinnler und Präsidentengroßvater Prescott Bush angelehnt sein soll, und bei dem von der ersten Sekunde an klar ist, daß er Dreck am Stecken hat, weil er schon so schrecklich nach old money aussieht) am Tisch und da haben wir sie: The Rich and the Beautiful, daß Tom Wolfe seine reine Freude dran hätte, die Schickeria von NY, die Wallstreet. Und dann kommt Frazier und schiebt, wie er hinterher selbst sagt, den Weißen richtig schön tief seinen Fuß in den Hintern.
Wobei Frazier selbst beileibe keine Heldenfigur ist. In fast John-Woo-artiger Manier sind Held und Anti-Held in Inside Man unklar, laufen nicht entlang der üblichen Bahnen. Der Bösewicht ist nicht der Bankräuber, eher der Bankinhaber. Der Cop ist alles andere als ein strahlender Hero. Clive Owens Bankräuber ist smart, sexy und charmant und schon rein optisch eigentlich eher der moderne Heros, Cop Frazier hingegen wirkt eitel, notgeil («Big Willy und die Zwillinge»), korrupt (ich bin übrigens immer noch der Meinung, daß er am Ende des Films den MDA III einer Geisel gestohlen hat), er ist dem Ernst der Situation nicht annähernd gewachsen (er witzelt beispielsweise nahezu ununterbrochen, während um ihn herum ein Geiseldrama abläuft und Menschen in Lebensgefahr sind, er verliert beim ersten Kontakt mit dem Geiselnehmer die Nerven und wirkt auch hier, als habe er seinen Verhandlungsstil nicht aus der Polizeischule, sondern aus den Beverly-Hills-Cop-Filmen von Eddie Murphy … und wenn er gerade keine Witze reißt, kalkuliert er, wie dieser spezielle Job seiner Karriere behilflich sein kann.) Entgegen den üblichen Hollywood-Moralfilmen wandelt sich Frazier vor allem nicht im Laufe des Films. Er wächst nicht an seiner Aufgabe. Er bleibt ein Geck mit Hut, er bleibt korrupt – wenn es auch die Korruption des kleinen Mannes in einer viel größeren korrupten Welt ist – und am Ende ist er trotzdem der Gewinner, kriegt das Mädchen, kriegt das Geld, kriegt die Beförderung. Und zwar ausgerechnet dank seines Gegenspielers, dem Bankräuber Russell.
Um diese Themen herum strickt Lee routiniert einen schnellen, wohlgelaunten Film, der zwar ein paar Längen und logische Mängel aufweist, die aber die Spielfreude der Besetzung auffängt – auch hier also eine Verwandschaft zu Oceans 11/12. Ein purer Blockbuster ist dabei nicht wirklich herausgekommen, Spike Lee fährt sehr viel glücklicher als Namensvetter Ang beim Hulk, zeigt souverän, daß ihm der Spagat zwischen mordernem Black Cinema und «normalem» Unterhaltungsfilm traumwandlerisch gelingt. Schnell und reibungslos kommt er zum Kern des Plots, um so mehr Zeit zu haben für ästhetische und erzählerische Extratouren, wie etwa die in den Handlungsverlauf bereits vorgreifend eingeschnittenen Vernehmungen der Geiseln, die ein schönes Spannungsmoment liefern, oder eben die ungezählten kleinen anekdotischen Details, die selbst seinen kleineren Figuren Tiefe verleihen. Es ist vielleicht kein Zufall, daß ausgerechnet Foster und Plummer die klischeehaftesten (weißen) Cookie-Cutter-Figuren sind, vielleicht kein Zufall, daß die Geiseln an die gefangenen Taliban auf Kuba erinnern, vielleicht kein Zufall, daß Lee hier über das multiethnische New York, das geldgeile und geschichtslose New York erzählt. Es ist ein politischer Film im Gewande des Kommerzkinos, eine mitunter hochsubversive Sache, ein Wolf im Schafspelz. Unterm Strich ist Inside Man Entertainment mit hochbrisantem Subtext, Zuckerwatte mit Cyanidkern. Und allein dafür ein Kinoticket wert.
23. April 2006 00:16 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.