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Inglorious Basterds

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Ein Blick in den Soundtrack von Tarantinos neuem Film reicht, um sich innerlich darauf vorzubereiten, dass man es weniger mit einem normalen Kriegsfilm zu tun haben wird als vielmehr mit einem Spaghetti-Western – nachdem Ennio Morricone bereits in anderen Filmen von Quentin Tarantino aufblitzte, ist er hier im Grunde überpräsent, obwohl er sich weigerte einen neuen Soundtrack für den Film zu schreiben – und auch Musik aus «Alamo» ist zu hören. Und entsprechend beginnt der Film – mit der ersten Zeile «Once upon a time in Nazi-occupied France…» klarstellend, dass wir uns in einem Märchen befindend und den Sergio-Leone-Vorverdacht ordentlich verhärtend – mit einer brilliant langsamen, ausgewalzten Szene zwischen dem Nazi Hans Landa (eine seltsam düstere Fassung von Sherlock Holmes, grandios gespielt von Christoph Waltz) und dem Milchbauern LaPadite, die in sich eine Tarantino-Quintessenz ist.

Die eigentliche Geschichte des Films ist überraschend banal und nicht so weit entfernt von Kill Bill – vielleicht weil Kill Bill sozusagen in einer Schreibpause für Inglorious Basterds entstand -, eine einfache Rache-Geschichte die auf beiden Seiten gleichermaßen verrohte wie verruchte Gestalten hervorbringt, Killer, Doppelagenten, Opportunisten und Betrüger. Beachtenswert in diesem Genre ist, dass Tarantino es sorgfältig vermeidet, ungebrochene Figuren zu präsentieren. Seinem Hans Landa kann man ebenso gute Seiten abgewinnen wie man Pitts Lt. Aldo Raine (El Dorado?) und seine Mannen mehr als einmal barbarisch und grausam finden wird – es ist eben nicht nur eine Hommage an Sergio Leone, sondern auch an die Grobschlächtigkeit eines Dario Argento. Die Nazis im Keller der französischen Taverne im vierten Kapitel des Films, die recht harmlos «Wer bin ich» spielen wirken mitunter mental gesünder als die «The Bride»-Variante dieses Films, Shosanna Dreyfus, die als manisch lachender gigantischer Leinwandkopf über dem Inferno eines brennenden Kino eher wirkt wie eine völlig wahnsinnige weibliche Version von Dr. Mabuse. Daniel Brühls Fredrick Zoller wirkt bis zu einem gewissen Punkt relativ bubenhaft-unschuldig, wenn auch etwas eitel, nur um am Ende auch ein anderes Gesicht zu entblößen. Selbst Hitler und Göring wirken wie Schulbuben – Wuttkes Hitler operettenhaft zum eitlen Comicschurken überzeichnet, fast störende Persiflage, während Göring wie ein hormonell überdrehter Hollywood-Filmproduzent daherkommt. In Tarantinos fiktivem Krieg gibt es nur Schattenwesen, die verbogen und entstellt sind und sich der Welt um sie herum so angepasst haben, dass sie selbst Grau in Grau wirken. Lediglich der von Jacky Ido gespielte Projektionist Marcel kommt halbwegs gut weg – wenn man von der Tatsache absieht, dass er das Kino in Brand steckt und damit Hunderte von Menschen (und sich selbst) umbringt. Ungeachtet der Tatsache, dass die dünne politisch-moralische Botschaft des Films (Krieg macht alle zu Unmenschen) trotz des rückblickenden Stils des Films eine seltsame Kongruenz zur Welt nach 9/11 zu haben scheint, wirkt die Handlung als ganzes mitunter seltsam leicht, schwerelos, anskizziert, unwirklich. Sie plätschert am Betrachter vorbei und ist selten wirklich emotional fesselnd, vielleicht, weil es keine klaren Identifikationsfiguren gibt, vielleicht, weil Tarantino sich immer wieder in bizarr ausgedehnten Szenen verliert, vielleicht auch, weil der Film mitunter eher fast aufdringliches Zitaten-Metakino wird -  ein Fetischkabinett für QT – was aber nicht immer einen guten neuen Film ergibt.

Denn im Mittelpunkt des Films steht wie selten zuvor der Film selbst, die titelgebenden «Basterds» werden fast zu Nebenfiguren in der Gemengelage von Schauspielern, Kinobetreibern, Filmproduzenten, Filmbesuchern und Filmzitaten, Lillian Harvey- und Zarah-Leander-Fragmenten, einem von Eli Roth gedrehten Film im Film (der als deutscher Propagandafilm kaum weniger banal und brutal wirkt als der Film drumherum selbst), einem Exkurs über das deutsche Kino der 20er und 30er, und einer Liebeserklärung an das alte Celloloid-Kino, das – Abgesang auf das alte Kino im Angesicht der digitalen Revolution? – am Ende in Flammen aufgeht. Ich frage mich manchmal, ob man einem Autor durchgehen lassen würde, wenn er sich so auf das Zitieren anderer Bücher und die Metaauseinandersetzung mit dem eigenen Kreativbereich und seinen Genre begrenzen würde (die Antwort ist wahrscheinlich ja), aber Tarantino’s Werk scheint mehr und mehr zu einer Art Meta-Kino zu mutieren, in dem es weniger um den tatsächlich gezeigten Film geht, als vielmehr um ein cineastisches Ratespiel, das mit inhaltlichen, textuellen, bildlichen und musikalischen Andeutungen ausgerüstet ist. Quentin öffnet den Schrein seiner Faszinationen (auch in diesem Film darf es etwa nicht an einer kleinen Fußfetisch-Einlage mangeln) und sein Publikum darf mitraten – es ist ein bisschen wie das Warten auf die ersten Tauben in einem John Woo Film. Nahezu jeder Name im Film, jedes Plakat, jede Einstellung, jedes Detail ist ein Spiegelkabinett von Insidergags und Geek-Smartness. Inglorious Basterds funktioniert kaum noch werkimmanent, sondern vielmehr als discokugelglitzernde Reflektion, als Reflexion des Filmgenres in sich selbst, ein Art Kindergeburtstag für Filmfreaks, die die Fassbinder-Zitate, die Verbeugungen vor italienischen Kult-Regisseuren wie Margheriti, die Referenz zu The Torn Curtain, die Lubitsch-Referenzen, die Argento-Anklänge und all die ungezählten, wahrscheinlich irgendwann von den Fans online minutiös aufgelisteten endlosen anderen Glitzersplitter ebenso lieben wie die Tatsache, dass Tarantino eben andererseits mehr und mehr auch einen eigenen Kosmos von Eigenreferenzen aufbaut.

Tarantino hat sich bereits mit Jackie Brown, Kill Bill und natürlich Deathproof mehr und mehr auf den Genre-Zitat-Pfad begeben, auf ein endlos multiplizierbares Spiel von Insidergags, Andeutungen und Fanboy-gone-Professional-Ideen. Tarantinos Kino ist eine autopoietische Bildermaschine, ein Perpetuum Mobile, in dem sich neu aufgekochte Reste des differenzierungslosen Bildmischmasch im Kopf des Regisseurs endlos neu zusammensetzen lassen. Wer wäre noch überrascht, wenn Tarantino als nächstes ein Zombie-Musical ankündigt? Tarantino ist damit wie kein zweiter sein eigenes Genre, sein eigener Kosmos geworden, ein «Autor» eben, von dem vielleicht zu befürchten ist, dass er mehr und mehr in die Ecke des postmodernen Everything-Goes-Genrequirls abrutschen wird – auch wenn er dies kunstvoll wie kein Zweiter tut. Andererseits ist QT immer für eine Überraschung gut – man beachte den staubtrockenen Jackie Brown nach dem Erfolg von Pulp Fiction  – insofern abwarten. Man darf ja die Hoffnung nicht aufgeben, dass Tarantino irgendwann die Nase davon voll hat, andere Filme zu referenzieren wie ein eifriger Musterstudent und endlich selbst ein Meister sein möchte – also sein ganz eigenes Kino produzieren will, und zu einer Form zurückfindet, die er eigentlich schon in seinen früheren Filmen ansatzweise hatte.

Inglorious Basterds ist insofern ein Film, der zugleich enttäuscht und begeistert. Der schwache Plot und die oft bizarr überzeichneten Karikaturen und der etwas seltsame Beigeschmack, dass Tarantino sich nicht mehr weiterentwickelt, sondern vielmehr zuspitzt, eskaliert werden gekontert von ungemein liebevollen Aufnahmen, großartigen Einzelszenen, einem absolut herausragenden Christoph Waltz, und eben doch auch dem Spaß an diesem «Hast du das gesehen? Das war doch aus Lola»-Feeling, dem fröhlichen Mitkramen im kollektiven Filmgedächtnis, nicht zuletzt auch von der Freude, dabei zuzusehen, wie Tarantino mit offenbar größtem Genuß einen von Untertiteln dominierten, viersprachigen Film macht, der eben insofern sehr europäisch wirkt, und der ganz oft einfach auch wirklich grandios komische und gelungene Momente hat.

7. September 2009 06:08 Uhr. Kategorie Film. Tag . 8 Antworten.

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