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20. Februar 2013 22:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

2Do Review

hd schellnack

2Do – das bessere Things? Das ist mein erster Eindruck nach ein wenig Testen mit dem neuen Taskmanager von GuidedWays, die neben vor allem islamischer Software bisher durch die exzellente 2Do-Software für iOS und Android bekannt waren. 2Do für OSX ist das Dektop-Gegenstück der mobilen Software und setzt wie diese auf einen einfachen iCloud-Sync, um die Daten abzugleichen. Das bedeutet zugleich auch, dass ToDos automatisch mit der Apple-eigenen Software «Erinnerungen» abgeglichen werden, was einen enormen Vorteil bietet, da über diese Schnittstelle wieder andere Dienste mit den Aufgaben gefüttert werden können.

Sauberes Interface

2Do bietet eine überraschend klare und vertraute Oberfläche – wer einmal mit dem einstmals so erfolgreichen, inzwischen aber fast eingeschlafenen Things gearbeitet hat, wird sich ziemlich sofort zurechtfinden. Zahlreiche Tastaturkürzel machen die effektive Eingabe von Aufgaben effizient, wenn auch das Eingeben von Datum und Uhrzeit nicht so federleicht geht, wie man es etwa von Omnifocus gewöhnt war – die Software erkennt zwar, dass mit 14 der 14. Tag des Monats gemeint ist, aber mit vageren Dingen wie «+1», «tomorrow» oder «next week» ist sie überfordert. Dafür ist der Tabulator bei der Schnelleingabe – die man überall im System sofort hervorrufen kann – in der Reihenfolge fast perfekt gedacht, besser wäre jedoch, wenn nach New Task sofort das DueDate käme und nicht die Notizen und die Tags vorweg.

Organisationswerkzeuge

Neben einfachen Aufgaben lassen sich auch verschachtelte Projekte und Checklisten erstellen, die auch Audio- und Bilddaten sowie Notizen enthalten können. Personen sind diese Aufgaben aber nicht zuweisbar, 2Do ist nicht wirklich gruppentauglich angelegt bisher. Prioritäten und als zusätzliche Auszeichnung ein Stern machen es relativ leicht, die Dringlichkeit zu organisieren und zusätzliche Listen, die man jederzeit einfach anlegen kann und die sich ebenfalls mit «Erinnerungen» synchronisieren, sind eine weitere Organisationshilfe. Leider lassen sich Tasks nicht manuell am Tag in der Reihenfolge verschieben

2Do ist eine vom ersten Moment an grundsolide Aufgabenverwaltung, die leider nicht so durch Details begeistert wie das iOS-Gegenstück, das fast konkurrenzlos auf dem iPad ist.

Es fehlt mir an einer Eingabe über die Menüleiste von OSX, wie es andere Softwares anbieten, es fehlt ein einfaches Drag-und-Drop von Mails oder Links oder Daten, die sofort zu ToDos werden (wie bei Alarms), der iCloud-Sync ist nicht vollautomatisch (oder zumindest dabei nicht so gefühlt sofort wie der von Alarms oder Erinnerungen).

Viele Features

Mit einer 1.0er Version mit Marktführern wir Things oder Omnifocus gleichzuziehen und den mobilen 2Do-Versionen eine souveräne Desktop-Version gegenüberzustellen, ist beileibe keine zu unterschätzende Leistung, und entsprechend ist 2Do eine wirklich sinnvolle Software, die vom Stand weg ein Design anbietet, das den Spaßfaktor von Things mit der Effektivität von Omnifocus verbindet. Anders als Things von CulturedCode ist 2Do allerdings besser mit dem Apple-eigenem Taskmanagement, und damit mit der Siri-Texteingabe und iCloud als Web-Frontend, verzahnt. Wo man bei Things umständlich importieren muss, ist bei 2Do der Workflow nahtlos. Wie bei Things kann man tags verwenden und nach diesen filtern, auch wenn diese Funktion etwas versteckter ist als vielleicht bei Things, dafür aber durchaus mächtiger, man kann zum Beispiel Tag-Gruppen bilden und dadurch recht wirksam die fehlende Ressourcen/Personen-Zuordnung zumindest ansatzweise umgehen, indem man in Task-Ordnern und Projekten eine Gliederung zweiter Art erstellen kann. Die Suchfunktionen von 2Do sind zudem überragend – die Kombination aus Ordnern, Tags, Priorität, Sternchen und Suche lässt kaum noch Sortierungswünsche offen. Ein Fokus-Modus hilft zudem, die gerade wichtigen Aufgaben nicht aus dem Blick zu verlieren und sogenannte «Smart Lists» lassen Aufgaben lassen sich relativ leicht mit den verschiedensten Parametern als Wiederholungen anlegen, einzelne Ordner vom iCloud-Sync gezielt aussperren, die gesamte App hat einen Passwort-Schutz integriert – es gibt einen Grund, angesichts der Vielzahl an Features, warum GuidedWays dem Produkt eine Anleitung als bebilderte PDF beifügen, zumal manche Tastaturkürzel nicht zu intuitiv sind.

Keine Frage – 30 € für einen Taskmanager sind happig, selbst wenn Things und Omnifocus noch teurer sind, wenn man bedenkt, dass Apple mit Erinnerungen einen für den Hausgebrauch wirklich leistungsfähigen und intuitiven Gratis-Aufgabenverwalter anbietet, der wirklich ausgezeichnet funktioniert. 2Do ist nicht so leicht zu begreifen wie Things und nicht so Poweruser-freundlich wie Omnifocus (das durch AppleScripts eigentlich fast alles mit allem kann), sondern liegt sinnvoll zwischen beiden Applikationen, bietet von beiden das beste, wenn auch nicht die letzten Features – aber die Software ist ja auch noch jung. Im Grunde erinnert 2Do deutlicher an Things UI, weniger an die sehr spartanisch-zweidimensionale Optik von Omnifocus (die dafür aber en detail personalisierbar ist). Und es ist zwar nicht so leichtfüßig wie Apples Erinnerungen (wo das Eingeben neuer Aufgaben unfassbar leicht ist), aber dafür in der Tiefe sehr viel leistungsstärker. Allein die Tatsache, dass man mehrere Tasks umfangreich gleichzeitig editieren kann, ist Gold wert.

Raum für mehr…

Die einzige Taskmanegement-Software, die einen ganz eigenen Weg geht, ist wie gesagt Alarms mit ihrem eher auf kurzfristigkeit angelegtem Menubar-Konzept. Ob Mails oder URLs, Dateien oder eine schnelle Notiz, mit Alarms hat man unfassbar schnell Todos eingegeben und kann Aufgaben flexibel im Micro-Management über den Tag verteilen und prioritisieren, ein einem mehr als ansprechenden Interface. Alarms ist nur leider für das komplexere Verwalten über längere Zeiträume nicht wirklich ideal, weil man stets (und genialerweise) nur die nächsten 24 Stunden im Blick hat. 2Do ist insofern eine ideale Ergänzung, weniger eine Konkurrenz, da beide Softwares über iCloud perfekt miteinander abgeglichen werden. 2Do für den großen Überblick, Alarms für die Tagesplanung. Dennoch hat 2Do eine Menge «room fr improvement». Ein Menubar-Icon mit einer sinnvollen Belegung à la Fantastical (wofür die App dann an sich unsichtbar sein sollte), ein eingebauter Pomodoro-Timer, Schnittstellen zu Omniplan/Merlin, sinnvolle Detailverbesserungen sind sicher denkbar. Man darf also gespannt sein, ob nach dem langen Warten auf die 1.0er Version die zukünftige Entwicklung schneller voran geht, oder ob sich, wie bei vielen anderen kleinen Softwareschmieden auch, die Vielzahl von zu bespielenden Plattformen und die Mühe, die Programme überall up-to-date zu halten und dabei auch noch ein Profitmodell zu finden, eher negativ auf die Entwicklung von 2Do auswirken werden.

11. November 2012 00:31 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 6 Antworten.

Quality

Open the glove-box door. Feel how it shuts. Feel how the latch engages. These are the things that convey quality.

Sam Cabiglio, «What I’ve learned», Esquire 09/12

3. August 2012 21:59 Uhr. Kategorie Design. Tag . Keine Antwort.

The Readers

You hear all this whining going on, “Where are our great writers?” The thing I might feel doleful about is: Where are the readers?

R.I.P. Gore Vidal, »What I’ve learned«, Esquire

1. August 2012 09:08 Uhr. Kategorie Stuff. Tag . Keine Antwort.

12-07-13

13. Juli 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-06-12

12. Juni 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Typoversity 2

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Den ersten Band von Typoversity habe ich ja bereits ausreichend gefeiert – jetzt entsteht ein zweiter. Patric Marc Sommer und Andrea Schmidt suchen für Typoversity 2 wieder typographisch orientierte Arbeiten aus dem studentischen Umfeld, die die Interviews und Features des Buches abrunden und den aktuellen Stand des schriftaffinen Designs an deuten Hochschulen zeigen. Das Beste: Anders als bei anderen Lookbooks ist das dabeisein völlig kostenlos (es gibt sogar noch ein Gratis-Belegexemplar), einfach eine PDF bis 5 MB an mail@typoversity.com senden und eigene Daten (Name, Adresse, Telefonnummer, Email) sowie die Daten zum Projekt (Datum der eingereichten Arbeit, betreuender Professor/Lehrender, Semester, Hochschule) angeben. Die Arbeiten – die ab Januar 2010 «gültig» sind – werden von einer 1A-Jury begutachtet, die für Qualität sorgt: Neben Patric und Andrea sind dabei: Christoph Dunst, Verena Gerlach, Heike Grebin, Christoph Koeberlin, Dan Reynolds und Birgit Tümmers.

9. Mai 2012 19:56 Uhr. Kategorie Design. Tag , . Eine Antwort.

Paper

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Was von Null zur App der Woche wird, muss schon etwas besonderes sein. »Paper by FiftyThree« ist das zumindest ansatzweise. Es fällt irgendwo zwischen die Notizbuch- und Zeichenapps, die es für das iPad gibt, kommt aber an die besten Vertreter beider Gattungen nicht wirklich hundertprozentig heran. Notebook-Apps wie Bamboo Paper, Noteshelf oder Penultimate können längst Photos importieren, haben variable Stiftgrößen, können zum Teil direkt Texteingabe und sind mitunter an Evernote und Dropbox angebunden und erlauben so einen sehr flüssigen Workflow mit handschriftlichen Notizen. Auf das reine Zeichnen am iPad kaprizierte Apps hingegen bieten volle RGB-Farben, multiple Brushes, Pan und Zoom, Ebenen und höhere Auflösungen. In beiden Bereichen kann »Paper« nicht wirklich mithalten, im Gegenteil. Ist die App dennoch die rund 8€ wert, die sie am Ende kostet, wenn man per In-App-Kauf die kompletten Stifte aktiviert hat?

Jein. »Paper« hat ein herausragendes Interface, mit dem eine Art Moleskine-Skizzenbuch mit einem Bamboo-Stift erstmals wirklich aufkommt. Wie man die Bücher mit einem Pinch öffnet, darin blättern kann, mit einem weiteren Pinch auf der Seite ist – hervorragend gelöst und phantastisch animiert. Der Flow der simulierten Tinten, Bleistifte und Wasserfarben lässt alle anderen Notizbuch-Applikationen (wenn auch nicht SketchBookPro) alt aussehen. Es macht Spaß, in »Paper« zu arbeiten, selbst wenn ich die skeomorphe Werkzeugpalette zu aufdringlich finde. Die Ergebnisse, selbst schnellste Skizzen, können sich sehen lassen und die verschiedenen Werkzeuge und Farben reichen allemal, um Ideen festzuhalten ohne (wie bei reinen Malprogrammen) den User gleich im Overkill der Optionen zu frustrieren oder in der Arbeit zu bremsen. Unter dem Aspekt finde ich die eingeschränkte Farbpalette des Programms fast positiv. Die Rewind-Geste zum Rückgängigmachen bzw. Wiederherstellen ist gegenüber den sonst üblichen Undo/Redo-Buttons ein Geniestreich, so wie Gestensteuerung von »Clear« ja auch ein Gamechanger ist.

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Auf der anderen Seite fehlt es »Paper« an vielem. Der Output ist – obwohl das Programm sich »retina«kompatibel nennt, nur 1048×768 Pixel, also nur halbe Retina-Auflösung, das ist einfach zu wenig. Auch ist es kompliziert, Bilder zu exportieren – ich würde dankbarst auf Twitter und Facebook verzichten, wenn die App wenigstens direkt in die Camera Roll speichern könnte. Aber bisher ist der einzige Weg, Bilder zu exportieren, sich selbst eine PDF zuzuschicken. Von Dropbox oder Evernote keine Spur, obwohl beides gerade für Skizzenbücher enorm Sinn machen würde. Dazu passt leider nur zu gut, dass man nur Einzelseiten als JPG, kein gesamtes Buch als PDF exportieren kann – eigentlich ein Standardfeature in anderen Notizbuchprogrammen. Auch die Fähigkeit, in das »Blatt« zu zoomen und somit etwas feiner arbeiten zu können, sollte eigentlich gegeben sein, und wäre ideal im Kontext mit höherer Bildauflösung. Dagegen ist schon fast ein Detail, dass man beim Umblättern – obwohl das insgesamt schön intuitiv gelöst ist – andauernd unfreiwillig Striche in die Zeichnungen »malt« oder das beim Schreiben am unteren Seitenbereich immer wieder die riesige Werkzeugpalette hochfährt, wodurch dieser Bereich etwas unbrauchbar wird. Zu diesem etwas unfertigen Feeling passt auch, dass es keinen hochformatigen »Portrait«-Modus gibt (wobei man aber, da es ohnehin keine mittlere Trennung der »Doppelseite« gibt, auch im Hochformat malen kann), sondern die App nur quer funktioniert. Schade ist auch die Tatsache, dass es bislang nur unliniertes und unkariertes Papier gibt – wobei ich denke, dass ein Anbieter, der sich jeden Pinsel bezahlen läßt, auch bald auf die Idee kommen wird, zusätzliche Papiere zum Kauf anzubieten.

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Insgesamt hat »Paper« soviel Potential wie Probleme. Interface und Inkflow sind grandios, der Spaßfaktor Ist zweifellos hoch, die einzelnen Notebooks und ihre Cover sehen phantastisch aus, dagegen wirken Bamboo und Noteshelf spontan unattraktiv. Dennoch bringt der schönste Spaß nichts, wenn der Output nicht stimmt. »Paper« braucht vor allem höhere Auflösung, bessere Exportoptionen und dann mehr Werkzeuge und Optionen, um vom Spiel- zum Werkzeug zu werden. Wenn FiftyThree in den nächsten Versionen soviel Detailliebe und Perfektion an den Tag legt wie mit dem Debüt, darf man gespannt sein und auf eine funktionale Einlösung des Versprechens hoffen, dass »Paper« hier abliefert.

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29. März 2012 21:51 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Keine Antwort.

Poliça: Give you the Ghost

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Das Jahr ist jung und es ist gefährlich, noch vor April schon ein «Album des Jahres» für sich selbst zu benennen, aber dieses Debüt legt die Latte für andere Platten sehr, sehr hoch. Die Ex-Roma di Luna-Folkpop-Stimme Channy Leaneagh ist nur auf den ersten Blick das markanteste an dem Sound dieses Projektes – ihre Stimme, die auf Liveaufnahmen makellos ist und keinerlei Korrektur bräuchte, ist durch ein an Autotune erinnerndes TC Helicon Voicelive 2-Effektgerät geschickt, und wird so selbst zum dominanten Soloinstrument der Musik, die ansonsten auf Ambiente Synthloops, Bass und vor allem auf zwei wunderbar tight zusammenspielende Drummer setzt. Die Verfremdung der Stimme nimmt ihr die sonst übliche Rolle, bricht die «Lead-Sänger»-Funktion auf, durch Delay und forcierte Modulation werden die Vokals eher zu einem instrumentellen Faktor, der sich nahtlos in die Musik einbettet. Auch die Abwesenheit klassischer Songstrukturen und Hooklines unterstreicht diesen irgendwo zwischen Jazz und frühem Trip-Hop anzusiedelnden Ansatz.

Das Gesamtergebnis bricht stilistisch mit vielen Grenzen, erinnert an Dub, Triphop, Pop, an die frühen Cocteau Twins oder Red Snapper, und doch an nichts davon. Die Tracks sind hypnotisch, sofort eingängig und doch alles andere als einfach. Sie drehen ein musikalisches Konzept auf den Kopf – der Gesang wird zum einlullenden, fast loop-artigen Werkzeug und die Drums gewinnen die Rolle der Druckmacher – wo sonst Gitarren für epische Momente sorgen, sind es hier die Schlagzeugpassagen, die beweisen, wie viel Dynamik sich aus zwei Drumkits dreschen lässt. Das alles klingt aber nie nach einem Gimmick oder einer aufgesetzt «anderen» Idee, sondern homogen, erwachsen, völlig wasserdicht und zugleich so selbstverständlich, als habe es diese Musik immer schon gegeben. «Lay your Cards Out» ist eine Klang gewordene Skulptur, eine kaum in Worte zu fassende Fluidität, wie aus einer anderen Welt und zugleich perfekte Weiterentwicklung von dem, was Elisabeth Fraser und Co vor Dekaden angefangen haben, gepaart mit einer aus dem Jazz stammenden Innerlichkeit, und «Amongster» zeigt die Härte, die hinter dieser hypnotischen Oberfläche schläft. Es ist Musik an der Grenze zur Selbstauflösung, in der nahezu alle Instrumente (mit Ausnahme des Basses) nicht mehr tun, wofür sie eigentlich gedacht sind, die zwischen Chaos und Wiederholung schwankt,

Der Klang ist immer in Bewegung und doch mesmerisierend ruhig, wie eine DNA-Helix, die sich in Zeitlupe um die eigene Achse dreht, von einer atemberaubenden Tiefe und klanglichen Skulptur, am ehesten vergleichbar mit den Best-of-the-Best von Massive Attack in dieser geschmeidigen Sexyness, aber dabei weniger geschliffen, weniger totproduziert, sondern ganz im Gegenteil von einer erfrischenden Direktheit, die gerade auch live absolut überzeugt. Es ist eine Musik, die eine funkelnde, schillernde, vielfarbene Düsternis projiziert, die so tanzbar wie smart ist, die nach dem ersten Hören dein Freund ist und nach dem hundertsten Hören nicht nervt, die atmet und bei der man jetzt schon ahnt, wie dieser Sound auf dem folgenden Album noch zu wachsen in der Lage sein kann, weil hier nichts eng und alles möglich ist. Immer wenn du denkst, an neuer Musik passiert nichts spannendes mehr, kommt eine Platte wie diese um die Ecke und beweist dir das Gegenteil. Bleibt die Hoffnung, dass die Band erfolgreich genug ist, um in Deutschland zu touren – es dürfte live ein absoluter Ohren- und Augenschmaus werden, denn unfassbarerweise ist die Combo auf der Bühne scheinbar noch besser als im Studio.

28. März 2012 18:17 Uhr. Kategorie Musik. Tag , . Keine Antwort.

12-03-19

    Thomas von Steinaecker: To-Do-Listen fürs ganze Leben http://t.co/WCmhtu6Y #
    Digitale Bücher: Das Buch der Zukunft hilft uns beim Denken http://t.co/mRmwNjug #
    Schöner Zufall – WDR 5 eingeschaltet, und das erste was läuft, ist ein kleines Feature zur Transfer Korea-NRW. Nice. #
    Autodesign: Ewig gültige Proportionen http://t.co/0J8dPanx #

19. März 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Wacom Bamboo Pen & Touch

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Auch von Wacoms Einsteiger-Tablett Bamboo ist eine neue Generation erschienen, die vor allem optisch deutlich erwachsener wirkt als die Vorgängerserie. Wenn auch längst nicht so reduziert und professionell wie die Intuos-Serie, wirkt die aktuelle Baureihe der Bamboo-Geräte nicht mehr wie Spielzeuge, auch wenn Namen wie Pen & Touch Fun dies nahelegen (Fun bezieht sich eigentlich nur auf das Softwarepaket).

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Es gibt von der Bamboo-Serie mehrere Varianten, darunter Pads, die nur Stifteingabe oder Stift und Touch-Bedienung unterstützen, zwei Größen beim Fun (small und das etwas größere medium) und verschiedene Softwareausstattungen. Da ich die Software nicht brauche und für die mobile Arbeit am Air als Gegenstück zum Büro-Intuos eher die handlichere Größe bevorzuge, ist das knapp 90 € teure Pen & Touch, dessen dezentes Schwarz mir eher liegt als das Pseudo-Apple-Alu-Plastik, die ideale Wahl gewesen. Das Gerät kommt mit einer neongrünen Kontrastfarbe für die Stiftlasche und die Rückseite, für meinen Geschmack etwas zu poppig, aber der Look unterstreicht den Freizeitcharakter und soll das preiswerte Gerät wohl deutlich von der Profi-Hardware unterscheiden.

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Wobei das kaum nötig wäre. Verarbeitung des Tabletts und vor allem das Feeling und die Responsivität des Stiftes sind mit dem Intuos kaum zu vergleichen. Wer die Arbeit mit einem Eingabetablett am Bamboo kennenlernt, wird sich vielleicht nie wirklich für ein Intuos entscheiden, denn der Unterschied ist so dezent wie entscheidend. Beide Geräte liefern Stifteingabe, aber wo das Intuos instinktiv, nahtlos und völlig natürlich reagiert, fühlt sich das Bamboo steifer und künstlicher an, ausreichend für »on the road«, aber beileibe kein Vergleich. Ich bin nicht mal sicher, ob es nicht vielleicht ein Marketingfehler ist, so eine Einsteigerklasse anzubieten… es verdirbt den Spaß am Tablett. Was nicht heißt, dass das Bamboo seinen Preis nicht wert wäre – es ist vielmehr so, dass der fast fünffache Preis für das Intuos eben absolut gerechtfertigt ist.

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Das Bamboo verfügt über weniger Programmiertasten als das Intuos und hat bei Toucheingabe im Groben die gleichen Probleme wie der große Bruder – die Oberfläche des Pads ist zwar größer als die des MacBooks, (allerdings deutlich kleiner als das Bamboo insgesamt vortäuscht und dabei drastisch reduziert im Vergleich zum Verhältnis passive/aktive Flächen beim Intuos – beim Bamboo ist die aktive Fläche irgendwo zwischen A5 und A6), aber auch weniger geschmeidig und »natürlich« und dabei anfälliger für Staubablagerungen. Dennoch ist das Bamboo für den kleinen Preis ein absolut überzeugendes Gerät – ideal für Retuschen unterwegs und durch die Toucheingabe etwas flexibler. Zahlreiche schöne Designdetails wie die eisschollenartige Struktur der Express Keys, die Stiftlasche (die ich mit am Intuos auch wünschen würde), der besser ins Gerät versteckte USB-Anschluss und vor allem die totale Mobilität des kleinen Pads überzeugen durchweg. Es ist der perfekte Kompagnon, wenn man auch unterwegs zumindest ein »Intuos Light« dabei haben will oder muss.

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Ein gerade mobil überzeugendes Feature ist die Wireless-Option von Wacom. Während mit das zumindest für meine Zwecke beim Intuos, das relativ fest am Schreibtisch seinen Platz hat, nicht sinnvoll erscheint, kann es beim mobile Arbeiten schon Sinn machen, wenn man kein störendes Kabel zwischen Notebook und Pad hat oder wenn man mit dem aufgeladenen Pad-Akku die Laufzeit des MacBooks etwas schonen kann, indem kein Strom via USB abgezogen wird. Das Wireless-Kit kann für verhältnismäßig moderate 40 € nachgerüstet werden – happig in Relation zum Bamboo, preiswert relativ zum Intuos (wo es aber eben weniger Sinn macht) – und ist mit zwei Handgriffen eingebaut, indem man den Akku und den Sender in die dafür vorgesehenen Slots schiebt. Über die Akkulaufzeit kann ich aus Erfahrung noch wenig sagen, laut ersten Tests kann sie bei wohl bis zu sechs bis acht Stunden liegen, was absolut ausreichend erscheint – aber eben nur für ein Bamboo.

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Ein Intuos bräuchte nämlich eigentlich eher eine Art Schreibtisch-Ladestation und Sender à la Logitech, um im Büro wireless Sinn zu machen. Denn ein großer Schönheitsfehler der kabellosen Freiheit ist, dass an einen dezidierten Empfänger an einen USB-Port anschließen muss. Heißt eigentlich also: Man braucht einen USB-Port für das Laden des Pads und einen als Empfänger, wenn man sozusagen frei zwischen Kabel und Wireless wechseln will. Aber selbst beim Bamboo ist es keine gute Entscheidung, am Air einen der zwei USB-Slots für einen Empfänger draufgeben zu müssen, wenn WLAN und Bluetooth eigentlich vorhanden sind und als Standards genutzt werden könnten. Ich kann mir nicht denken, dass die Daten so komplex sind, dass man sie nicht via 2.1er BT oder eben WLAN senden könnte – und sei es nur als Option (die aber im Handbuch nicht erwähnt ist, leider, und das Pad wird nicht vom System-Bluetooth erkannt). Das ist ein großes Manko, weil man dann eigentlich nicht von Einschalten-und-Loslegen sprechen kann, sondern eher wie früher bei Logitech Tastaturen und Mäusen immer wieder diese Dongle-Steckerei vorher machen muss. Es sollte eher so »gedankenlos« gehen wie das nutzen eines normalen Trackpads, das – einmal verbunden – nach dem Einschalten sofort verfügbar ist, ohne dass ich noch etwas an der Hardware machen müsste. Da hilft es leider auch nichts, dass im Gehäuse ein Platz für den Empfänger vorgesehen ist, so dass das kleine Gerät nicht verloren geht. Ich habe zumindest in der Kürze der Zeit noch keinen Workaround gefunden, Tablett und Air über das normale Bluetooth zusammenzubringen, obwohl der Empfänger-Dongle sehr deutlich macht, dass hier eine BT-Technologie verwendet wird. Was schade ist, denn beim Intuos 4 ging es mit dem «Onboard»-Bluetooth. Keine Frage, ein eigener Dongle macht es für den Nutzer einfach – einstöpseln, fertig – aber es sollte eine Pairing-Option geben, die den eigenen Empfänger überflüssig macht.

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Alles in allem ist das Bamboo für unter hundert Euro ein guter Einstieg in die Arbeit mit einem Pen-Tablett, obwohl jeder, der halbwegs ernsthaft am Rechner graphisch arbeitet, sorgenfrei auch den Mehrpreis für das Intuos investieren sollte, und eine phantastische Mini-Lösung für das Arbeiten unterwegs. Es funktioniert so zuverlässig wie man das von Wacom kennt – ich jedenfalls hatte keinerlei Probleme mit Hard- oder Software (obwohl ich persönlich finde, dass die Treiber von Wacom sich inzwischen in zu viel einmischen, weil sie mit ihren eigenen Gestendefinitionen ins System gehen, anstatt sozusagen einfach auf die normalen Trackpad-Gesten aufzusetzen. Less is more – so wie es ist, fühlt es sich leider mehr und mehr nach Logitech an). Wünschenswert wäre eigentlich nur eine nahtlose echte WLAN/BT-Anbindung (was fast via Firmware-Upgrade machbar sein sollte) und auf diesem Weg vielleicht eine Möglichkeit, Bamboo und iPad zusammenzubringen, was nicht so abstrus ist, wie es zunächst klingt… denn so könnte man die nuancierte Arbeit mit dem Stift auf dem Wacom auch mit dem iPad nutzen.

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18. März 2012 13:22 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Keine Antwort.

Das neue iPad

hd schellnackIn Wirklichkeit etwas schärfer: Das neue iPad

Die technischen Neuerungen zum «neuen» iPad sind ja inzwischen gut und abdeckend bereits anderenorts beschrieben und mit dem iPad 2 verglichen und ich kann mich kurz den meisten Meinungen anschließen nach dem ersten Tag herumspielen damit.

Das Retina-Display ist phantastisch, sofern die App es unterstützt und wird sehr schnell sehr nervig, wenn nicht. Medien, die nicht hoch aufgelöst wird, sind ein Alptraum, weil die schlechte Qualität gnadenlos entblößt wird. Apple hätte unbedingt ein 128 GB ipad anbieten müssen, denn mit diesem iPad wirst du Apps, Filme, Magazine und Comics in höherer Auflösung brauchen, bei 1400 px für einen Comic-Scan war man bisher gut dabei, diese Zeiten sind vorbei, das gleiche gilt mit Blick auf SD/HD-Video. Dieses iPad wird sehr viel speicherhungriger sein. Wer kurzsichtig ist und ohne Brille liest, wird dennoch weiter Pixel erkennen, aber die Qualität der Darstellung macht einen absoluten Quantensprung nach vorn. Es ist übrigens verblüffend, dass diese Verbesserung sich schon nach wenigen Minuten völlig selbstverständlich anfühlt, so, als hätte bisher das Gehirn die »Pixellöcher« in der Wahrnehmung von Büchern auf dem alten iPad ausgeblendet. Bücher jedenfalls sehen phantastisch aus. Aber wie das so ist – die letzten 5% sind die schlimmsten. Die jetzt fast an Papier heranreichende Qualität, weit entfernt von normalem «Bildschirm»-Feeling, macht nur noch umso deutlicher, wie viel schärfer echtes Papier eben doch ist und wie anders sich ein Buch letztendlich anfühlt. Gerade die neue Perfektion der Simulation lässt so etwas wie Nostalgie nach dem 100% Echten aufkommen. Das gleiche gilt für die skeuomorphen Interface-Elemente wie Holz, Leder, Stoff usw. Die sahen absurderweise in der niedrigen Auflösung glaubhafter aus als in HD – die bessere Auflösung lässt der Phantasie weniger Raum, Lücken zu füllen und zeigt die Mängel des digitalen Renderings deutlich sichtbar. Der Holzhintergrund von iBooks sah nie so billig aus wie jetzt. Für Interface-Designer wird die 2048er-Auflösung eine echte Herausforderung. Auch wirkt das angeblich kontrastreichere Display schnell einen Hauch zu hell, um dann schlagartig einen Tick zu dunkel zu sein, sobald sich das Umgebungslicht ändert. Es mag seltsam klingen, aber ich fand es schwieriger in wechselnden Lichtverhältnissen die richtige Einstellung zu finden. Nach wie vor bleibt das Pad ein Indoor-Gerät, das im hellen Sonnenlicht nicht funktioniert. Nachts ist es, obwohl sich das Display schon sehr herunterdimmen lässt, einen Touch zu hell, in der Sonne im Freien kann es sich nicht durchsetzen. Für den Strandurlaub also immer noch echte Bücher einplanen. Auch das neue iPad ändert also wenig an der grundsätzlichen ergonomischen Überlegenheit von Papier als Medium (Lesemedium, nicht Speichermedium… in Sachen Vielseitigkeit und Archivierung ist das iPad natürlich weit voraus, in Sachen augenentspannender Lesespaß immer noch weit zurück.) Auffällig ist zudem, dass das Display deutlich kühler eingestellt ist als das iPad 2. Direkt nebeneinander ist das alte iPad eher magentafarben, das neue iPad eher einen Hauch in Richtung Cyan. Nach einer Weile fällt das nicht mehr auf, aber dennoch ist seltsam, dass mit jeder Generation die Farbigkeit so sichtbar schwankt. Dazu kommt, dass zumindest Fabian ja ein Lightleak im Gehäuse hatte, so wie ich bei der ersten Fuhre von iPads 2 – sowas darf einmal passieren, bei der folgenden Generation eigentlich nicht mehr.

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Close-Up: iPad 2

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Close-Up: Das neue iPad. Der Unterschied ist frappierend.

Alte Apps sehen auf dem neuen iPad übrigens bedenklich schlecht aus. Ich hoffe, es dauert nicht wie beim iPhone ewig, bis die diversen Anbieter Updates liefern. In den letzten Tagen hagelt es Updates, aber obskurere Applikationen werden ja häufig nicht mehr richtig gepflegt – und das wäre jetzt schade.

Die 50 Gramm mehr Gewicht merkt man tatsächlich, so albern es klingt, vor allem, wenn man das Bad an der Seite festhält und das volle Gewicht in den Fingerspitzen trägt. Hält man beide Geräte in der Hand, so ist das neue iPad spürbar schwerer. Den Hauch mehr Tiefe des Gehäuses allerdings spürt man eher nicht. Der Formfaktor ist nahezu identisch und da ich das iPad beim Lesen im Bett nach wie vor auf der Brust »abstelle« würde ich mir immer noch einen sanfteren Übergang von Screen zu Body wünschen, das war beim dickeren iPad 1 tatsächlich angenehmer, weil weniger scharfkantig.

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Nur marginal dicker trotz der für den Bildschirm nötigen höheren Systemleistung.


Bei der Geschwindigkeit habe ich keinerlei wirklichen Sprung nach vorn feststellen können (und auch nicht erwartet), ganz im Gegenteil, manche OS-Animationen neigen fast zu gefühlter Langsamkeit. Das Pad wird außerdem sehr schnell spürbar warm an der linken Seite, selbst wenn der Prozessor nicht wirklich belastet ist, in einer Art, die ich vom iPad 2 so nicht kenne. Das bisherige iPad war selbst bei Hintergrundprozessen und gleichzeitiger Arbeit bisher niemals spürbar derart warm geworden. Generell scheint die höhere Leistung des Bildschirms die Ressourcen des Gerätes also voll aufzubrauchen – von der Verdopplung des RAM, der GPU-Beschleunigung, dem neuen Prozessor merkt man als Nutzer außer der abfallenden Wärme eher nichts. Ob der gigantisch gewachsene Akku ohne LTE ein paar Stunden mehr Laufzeit bringt oder auch komplett von dem Killer-Display leergesogen wird, muss man abwarten. Er scheint auf jedenfalls zumindest an USB-Ports merkbar langsamer nachzuladen.

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Rotblau – das neue Display ist zumindest frisch out of the box erst einmal deutlich kühler als das vom iPad2

Die »Light«-Version von Siri funktioniert auch gemessen am bisherigen DragonDictation für das iPad ausgezeichnet. Vorzüglicher in das Keyboard integriert als beim iPhone, macht Spracherkennung beim iPad enormen Sinn und mich würde nicht wundern, wenn das auch in OSX nicht sehr bald ein wichtiges Feature wird. Dass das Assistentensystem Siri es selbst nicht auf das iPad geschafft hat, halte ich für keinen großen Verlust. Das iPad ist weniger ein Hands-Free-Gerät und ich merke selbst beim iPhone, dass ich Siri eher selten benutze, etwa beim Autofahren, weil die Fehler/Irrtümer gegenüber der Nützlichkeit doch sehr frustrierend sind. Die Diktatfunktion nutze ich hingegen auch am iPhone verblüffend oft (zumindest wenn ich alleine bin) und denke, dies wird auch beim iPad der Fall sein. Tatsächlich macht ein System wie Siri auf dem iPad (noch) wenig Sinn, auch wenn es eventuell trotzdem über kurz oder lang darauf laufen wird – vermissen würde ich es derzeit sicher nicht. Siri ist deutlich mehr als ein Gimmick, wenn aber das simple Versenden einer SMS vier Anläufe braucht, bis alles stimmt, ist dieser Interface-Ansatz einfach noch zu unausgereift für das iPad.

Die neue Kamera ist ein Lichtblick, vor allem, weil die bisherige einfach so unverschämt schlecht war. Obwohl immer noch nicht an der Qualität der 4S-iPhone-Kamera angelangt und ohne Blitz, ist das iPad war sicher (und zurecht) keine sinnvolle Kamera (das iPhone eigentlich auch nicht), aber für schnelle Schnappschüsse von Notizen bei Meetings und für einen schnellen Klick reicht es jetzt absolut – das eröffnet dem iPad neue Möglichkeiten, als Datenerfassungsgerät vollwertiger zu funktionieren. Nicht zuletzt ist die Videoqualität besser und das iPad ist gerade durch seinen größeren Formfaktor dem iPhone eigentlich als Video-«Kamera» fast überlegen, man hält das Gerät einfach ruhiger mit beiden Händen und der gigantische High-Res-Bildschirm macht Video-Aufzeichnungen zu einer Erfahrung, mit der eigentlich kein einzig vergleichbares Gerät derzeit mithalten kann.

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Fast die einzig sichtbare Erneuerung des ansonsten für Laien identischen Gerätes ist die größere Kameralinse.

Generell macht das Wegfallen der Kennziffer im Namen des iPad deutlich, was seit längerem bei Apple deutlich ist: Wie bei den Desktop-Geräten geht es auch bei den Mobilgeräten inzwischen um eine langsame, stetige Verbesserung, nicht um revolutionäre Leistungssprünge. Beim iMac haben wir uns daran gewöhnt, dass es neue Prozessoren, größere Festplatten und schnellere Grafik gibt, und ab und zu mal ein Update von Gehäuse oder Monitorgröße. Selbst drastische Innovationen wie etwa Thunderbolt sind in der Evolution der Geräte von wenig Hype begleitet. Die meisten Desktopgeräte von Apple sind in ihrer Entwicklungsgeschichte an einem Punkt, der stetige Verbesserung, aber keine drastischen Entwicklungen verspricht. Das ist eine smarte Strategie, die gewährleistet, dass der Wertverlust alter Geräte in der Entwicklung relativ stabil bleibt. Der eine mag seinen alten iMac entsorgen, weil SSD und Thunderbolt wichtig sind, der andere bleibt mit seinem Vorjahresmodell absolut zufrieden und wird vielleicht erst in zwei drei Jahren die Akkumulation an Neuerungen haben, die ihn zum Update bewegt, zumal Apple ja doch regelmäßig den Formfaktor so ändert, dass nach drei bis vier Jahren spätestens der Alterungsprozess auch sichtbar wird und ein Kaufimpuls gesetzt ist. Gemessen an der Vielfalt von Modellen und dem stetigen, unruhigen Wechsel in der Windows-PC-Welt ist diese Politik der ruhigen Hand eine sinnvolle Strategie, die jetzt eben auch das iPad und ab Herbst sicher auch das iPhone einholt. Gottseidank, denn ein iPad 18 wäre ein Unding und die Versionsnummern züchten eine Erwartungshaltung, die Apple bald schon nicht mehr wird einhalten können. Schon vor dem Release dieses iPads geisterten unhaltbare Gerüchte von taktilen Displays durch die Blogs, und nach jeder Keynote scheint es zunehmend um das zu gehen, was die Firma nicht geliefert hat. Es macht Sinn, diese Erwartungshaltung aufzugeben und sich mit einem langsamen, stetigen Prozess anzufreunden, wie Apple ihn auch seit Jahren bei der Software fährt. Jeder weiß, wo die Reise hingeht – iOS und OSX werden eins, Retina-Touchscreens auch bei den (ohnehin aussterbenden) Desktops, mehr Leistung bei den mobilen Geräten, über kurz oder eher über lang vereinfachtes 3D und so weiter – aber wer sich eine Weile in einen Apple Store stellt und den durchschnittlichen Neukunden zuhört, der weiß, wie klug die Strategie des Unternehmens ist, tropfenweise und langsam mit solchen Neuerungen zu kommen, nicht nur finanziell, sondern auch, weil die Nutzer so langsam in die Innovationen hineinwachsen können. Schon heute dürfte der Sprung vom Nokia-Handy zum Iphone 4S für einen unbedarften User eine Herausforderung sein: systemweite Gesten, die aber in einigen Apps anders belegt sind, eine grundlegende Betriebssystemlogik, Einstellungen, die richtig vorgenommen sein sollten, wenn man seinen Akku mag, eine Sprachsteuerung, die komplett erlernt sein will. Wer mit dem iPhone 1 oder 2 angefangen hat, dürfte all dies peu à peu gelernt haben und niemals überfordert gewesen sein, wer »kalt« einsteigt, hat als Laie eine durchaus steile Lernkurve vor sich. Apple ist also gut beraten, die Lernkurve an der iOS-typischen Einsteiger-Zielgruppe zu orientieren und sowohl Hardware als auch Software biologisch und langsam wachsen zu lassen. Dafür spricht auch der an sich ja ungewöhnliche Split zwischen Updates der Soft- und Hardware (iOS selbst wird ja immer erst im Herbst mit dem iPhone erneuert).

In einer von keiner anderen Firma so praktizierten Methode – vielleicht weil niemand anders Hard- und Software und sogar Medieninhalte auch nur ansatzweise so einheitlich anbietet wie Apple – entsteht hier eine Art »Sippe« von Geräten, die nahtlos miteinander verzahnt sind und in einer Art sanften infrastrukturellem Übergang von iPod bis MacPro modular verschiedenste Nutzungsszenarien zulassen, die immer durch multiple Geräte profitieren. Dass dabei iOS im Vordergrund steht ist allein durch den Umsatz der mobilen Geräte selbstverständlich. Ein selbst marginal erneuertes iPad wird in Zeit, Spiegel und FAZ zum Thema, ein iMac oder MacPro keineswegs. Wenn Apple also vom Post-PC-Zeitalter spricht, so ist dies eigentlich irreführend – denn durch schnelle Datennetze und leistungsstarke mobile Endgeräte *wird* der Computer überhaupt erst persönlich, er rückt uns auf die Pelle. Auf dem Weg zu neuen Interfaces ist das neue iPad nur ein kleiner Schritt, im Verbund mit der Gesamtstrategie Apples aber werden wir in wenigen Jahren zurückblicken und uns wundern, wie schnell das alles ging. Apple hat seit Mitte der letzten Dekade die Art wie wir über Computer denken, grundlegend geändert (und exzellent daran verdient) und die in Bewegung geratene Lawine vernetzter, tragbarer, immer «realer» werdender Geräte, die mehr und mehr als technische eigene Entitäten nicht mehr wahrnehmbar sind, sondern sich in das verwandeln, was die Software uns jenseits der Pixel-Wahrnehmungsgrenze des Auges vorspiegelt (denn nach 2048 ist 4096 doch nur eine Frage der Zeit und dann kannst du gar nicht mehr so kurzsichtig sein, noch irgendwelche Pixel zu sehen) ist bereits so schnell und immersiv geworden, dass wir fast gelangweilt auf den Fortschritt blicken. Dabei ist es ein kleines Wunder, dass wir nur ein Jahr nach dem iPad 2 jetzt bei gleicher Akkulaufzeit ein Display mit doppelter Auflösung – mit faktisch bisher unerreichter Pixeldichte – in den Händen halten, das zudem noch potentiell höchste Datenraten zulässt. Wer will da noch den Fortschritt nach Hardware-Verbesserungen oder «neuen Features» bemessen, den es eigentlich längst im systemischen Verbund der kleinen Einzelverbesserungen zu entdecken gibt, in der ein photorealistisches Display eben nur ein weiterer Mosaikstein ist.

16. März 2012 20:55 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Keine Antwort.

Sparrow auf dem iPhone

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Ihr kennt es wahrscheinlich – manchmal möchte man sich seine Software wie Frankenstein aus verschiedensten Elementen bestehender Software zusammenstückeln dürfen. Das war immer so, wird immer so sein. Die jeweils neuere Version kann dieses oder jenes besser, oder A bietet einfach ein Feature, dass Programm B seit Jahren nicht näherungsweise hinkriegt. Ich würde mir beispielsweise viele Details von Pixelmator in Photoshop wünschen, aber Pixelmator kann Photoshop nie ersetzen, weil eben entscheidende Features komplett fehlen. Es gibt Programme, bei denen man denkt: Super, aber XYZ kann dieses eine Ding echt besser, ist aber ansonsten schlechter… Und genau so geht es mir seit Jahren mit Mailprogrammen wie AppleMail, Postbox und Sparrow. Ich nutze alle drei (für verschiedene Zwecke), was nicht gerade effektiv ist, und würde mir längst wünschen, Apple würde in das Standardprogramm einfach die guten Features der beiden Konkurrenzangebote aufnehmen. Aber es passiert einfach nie. Und das dürfte auch ein Problem für Sparrow auf dem iPhone werden, weil es eine typische «Eigentlich super, aber…»-Software ist.

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Nicht perfekt gelöst, aber guter Ansatz ist die ausfahrende Action-Leiste bei Mails.

Sparrow ist auf dem Mac seit einiger Zeit eine phantastische Alternative zu Apples eigenem Mail-Programm. Obwohl die Suchfunktionen lange nicht so ausgefuchst sind und mich nach wie vor einige Details an Sparrow ärgern, ist vor allem die Quick-Reply-Funktion und die Leichtigkeit der Software insgesamt, herausragend. Die Integration in die Menüleiste, die systemweiten Shortcuts für neue Mails, die sinnvolle Integration von Tastenkürzeln und Gesten, nicht zuletzt das sehr an iOS-Apps angelehnte Flair des minimalistischen (wenn auch nicht immer ganz konsequenten) Interfaces machen einfach Spaß.

Es ist also nur folgerichtig – und seit einiger Zeit in Entstehung – eine von iOS inspirierte Minimal-Applikation auch auf iPhone und iPad zu bringen. Und während es Sparrow für das iPad noch nicht gibt und auch die iPhone-Variante etwas wie ein Schnellschuß wirkt, ist Sparrow auch auf dem iPhone eine zumindest ansehenswerte Alternative zu Apples hauseigener Lösung.

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Nervig: Die Adressauswahl vor dem Schreiben einer Mail und das schlechte Handling von eMail-Adressen, die zudem alle entweder gleiche oder auch mal gar keine Bilder zugeordnet haben.

Der Nachteil, dies vorweg, ist beim iPhone allerdings, dass Mail nahtlos ins System integriert ist, immer »on« ist, entsprechend einigermaßen PushMail kann und den User über neue Mails benachrichtigt. Sparrow nicht. Das ist, ehrlich gesagt, ein Shoot-Out-Grund, die Software nicht zu benutzen. Sie doppelt weitestgehend bestehende Funktionen in einem Ökosystem, das zu klein für Redundanzen ist. Sparrow wäre sinnvoller, würde es Mail *komplett* ersetzen, aber in einer sowohl-als-auch-Lösung, bei der Mail auch nicht komplett deaktivierbar ist, muss man sich schon fragen, warum man zwei Lösungen parallel laufen lassen möchte. Zumal eine der Lösungen auf deinem Startbildschirm und im Notification Center integriert ist, von jeder anderen App via API als Haupt-Mailprogramm genutzt wird usw. Anders gesagt – Sparrow leidet auf dem iPhone an ganz ähnlichen Problemen wie auf dem Desktop. Es kommt nie ganz an das perfekt in die Infrastruktur eingebettete Mail-Programm an, das zB Adobe und andere Anbieter immer automatisch nutzen, wenn man eine PDF verschicken will. Auf dem iPhone ist das absolut genau so. Sparrow reduziert sich damit, auch wenn das für 2,99€ sicher okay ist, zu einer Art Experiment oder Spielzeug.

Umso schlimmer, dass die Erfahrung mit Sparrow damit beginnt, dass man seine Accounts, die Apple eigentlich zentral verwaltet, erneut eingeben muss. Apple erlaubt Sparrow keinen Zugriff auf die in der Systemsteuerung gespeicherten Mail-Einstellungen, da kann das Team um Hoa Dinh Viet, Dominique Leca und Jean-Marc Denis nichts dran ändern. Und so toll es ist, dass Sparrow quasi die mit erste Applikation ist, ein so systemnahes Programm von Apple «ersetzen» darf, merkt man hier, dass es alles andere als einfach ist, ein so verzahntes Angebot von Apple zu ersetzen. Zumal man auf die Validation der Accounts ziemlich lange warten muss bei Sparrow, zumindest bei meinem Mailserver.

Einmal installiert – und abgesehen von der »splendid Isolation«, zu der Sparrow durch Apple verdonnert ist, macht die Software spontan Spaß. Das kurze Bedienungs-Tutorial braucht es eigentlich kaum, das Interface ist durch Twitter und Facebook eigentlich vertraut, mit den sich überlagernden Schichten. Inkonsequent ist allerdings, das im UI sichtbare Bereiche funktional nicht durch Touch zu aktivieren sind. Wenn ich einen «Fächer» sehe, will ich ihn auch sofort benutzen können, und nicht sozusagen erst den Bereich dazwischen aktivieren müssen. Ebenso unlogisch ist, dass die mich von Accounts zu Foldern zu Mails führenden Swipes in den Mails selbst auf einmal nicht funktionieren – und ich bin sicher, die Funktionsleiste in den Mails selbst (für Löschen, Archivieren, Markieren usw.) lässt sich besser lösen als es jetzt der Fall ist… es ist zwar viel dezenter und effizienter als bei Mail selbst, hängt aber z.T. in der Schrift und sieht irgendwie auch störend aus, unschön.
Auch ansonsten ist zunächst einiges vielleicht ungewohnt bei Sparrow – etwa, dass man nicht in rechter Richtung über Mails swiped, um sie zu löschen, sondern nach links (dafür aber mit mehr Möglichkeiten belohnt wird), oder die tatsächlich nicht nur gewöhnungsbedürftige sondern hochgradig doofe Trennung von Adresseingabe und Texteingabe bei neuen Mails. Sparrow zwingt dich, zuerst die Empfänger auszuwählen aus einer Art Kontaktliste, bevor du schreiben kannst. Manchmal will man aber auch einfach nur mal schnell schreiben und DANN überlegen, an wen eigentlich. Die Adresslisten-Lösung hat etwas unschön bürokratisches und gehört überdacht, ebenso wie der komplett furchtbare Ansatz, dass Sparrow längere Zeilen schreibt als das iPhone hergibt und dabei den Content dynamisch mitverschiebt. Das macht hier und da Sinn weil man nicht in winzig kurzen Zeilen schreibt, sondern gefühlt normalere Formatierungslängen hat, da die Software aber auch mal das »Mitrutschen« auch mal verpasst und man gar nicht sieht, was man schreibt, ist das insgesamt eher verwirrend.
Weniger schlimm finde ich, dass es keinen Landscape-Modus gibt, weil ich eMails meist ohnehin im Portrait-Modus schreibe, und auch Bold/Italic sind kein Beinbruch, wiewohl ich diese Formatierungen bei Mail, seitdem auf dem iPhone (wenn auch viel zu umständlich) verfügbar, durchaus gern nutze, es hilft einfach, Texte besser zu strukturieren. Wann können eMails eigentlich einfach durchgehend Markdown?

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Gute Idee, in der Praxis manchmal irritierend: Die Zeilen sind länger als das Display beim Schreiben.

Positiv bemerkenswert an Sparrow ist das aufgeräumte Interface, das allerdings statt dem facebookblauen eigentlich ein graues Chrome vertragen könnte, die besser ausgenutzten Gestenmöglichkeiten, die in vielen kleinen Details effektiver sind. Schon nach kurzer Nutzung wird deutlich, dass Sparrow zum durchgehen von Mails, zum Archivieren/Löschen/Markieren und auch fürs fixe Beantworten dem eigentlichen Mailclient von Apple weit überlegen ist. Details wie die Vogelperspektive bei Mail-Dialogen sind so einfach und selbstverständlich, dass man sich spontan fragt, warum Apple selbst so etwas nicht anbietet, ebenso die Mehrfachauswahl von Aktionen in der Mailübersicht, die bessere Übersicht bei Accounts und Ordnern (die bei Apple selbst unerträglich gelöst ist auf dem iPhone) oder Kleinigkeiten wie Pull-to-Refresh, die Anhangsverwaltung durch Swipe, die Möglichkeit, per einfacher Swipe-Geste von der Inbox zu markierten oder ungelesenen Mails zu wechseln… Sparrow steckt voller smarter Ideen, die man sich spontan in der eigentlichen Mail-App wünschen würde. Und hat gleichzeitig Mankos, die eine «richtige» Nutzung fast unmöglich machen.

Anders gesagt: Es ist ein ausgezeichnetes, sogar überlegenes Mail-Programm, das leider im Gegensatz zum Original nicht annähernd ausreichend in das OS eingebettet ist. Du kannst aus iPhoto keine Bilder per Sparrow versenden, du kriegst keine Info über neue eMails (außer über absurde Umwege via Boxcar usw.).
Unter diesen Umständen, die Apple wohl kaum gravierend ändern wird, ist Sparrow ein tolles Experiment, ein hochspannendes Spielzeug, im Einzelfall auch durchaus sehr brauchbar, aber eben kein vollwertiger Ersatz für Mail, kein alltagstaugliches Werkzeug, weil es noch zu viele Umwege verlangt und weil man am Ende eben doch wieder und wieder bei Mail.app landet und nicht bei Sparrow. Und da Mail sowieso installiert ist, nicht deinstalliert werden kann und auch permanent aktiv ist, muss jeder selbst entscheiden, ob es das braucht. So wie man sich fragen darf, ob man eher Twitter oder Tweetbot nutzen mag, nur gravierender. Als Studie darüber, wie gut ein Mailprogramm auch auf dem iPhone sein könnte, wenn es konsequenter auf die Möglichkeiten der Gestensteuerung setzt und im Detail liebevoller durchdacht ist, ist Sparrow aber unbedingt ein Gewinn. Bleibt zu hoffen, dass sich mit zukünftigen Versionen nicht nur die vielen kleinen Interface-Ungereimtheiten von Sparrow legen und neue Features dazukommen, sondern vor allem auch die Systemintegration besser wird. Wobei das selten vom Anbieter anhängt und bei Sparrow auf dem Mac seit Jahren in entscheidenden Stellen auch nicht wirklich besser wird, so dass es bis heute trotz umwerfender Funktionalität immer noch nicht DER Standardclient für Mails sein kann. Was eigentlich schade ist…

15. März 2012 14:49 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Keine Antwort.

Byword iOS

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Nach Writer setzt jetzt auch das andere «einfache» Schreibprogramm Byword auf iCloud. Neben einem Update für die Mac-Applikation gibt es eine brandneue iOS-Version, universell für iPhone und iPad, die die Texte über Dropbox und iCloud abgleichen kann. Gegenüber Writer verfügt Byword vor allem auf dem Desktop über einige nette Features (Rich-Text-Unterstützung und wunderbar einfacher HTML-Export in die Zwischenablage), die iOS-Version, die allerdings natürlich auch »jünger« ist als Writer, bietet weniger Leistung – insbesonderej fehlt die Sondertastatur-Leiste mit den gebräuchlichsten Sonderzeichen. Update: Doch, die Leiste gibt es, aber etwas versteckt durch einen Swipe auf dem Zeichen/Wortzähler. Leider ohne Guillemets;-). Abgesehen von diesen kleinen Unterschieden sind beide Programme in ihrer Einfachheit natürlich weitestgehend identisch. Seltsam ist, dass Byword kein RTF anbietet, obwohl das inzwischen in iOS unterstützt wird und die Desktop-Variante der Software Rich Text beherrscht. Durch Markdown vielleicht inzwischen weitestgehend egal, aber dennoch hat Metaclassy hier vielleicht eine Distinktionschance vertan. Tatsächlich entkoppelt sich ein Text automatisch und etwas verwirrend von der iCloud, sobald man ihn in formatierten Text umwandelt… man muss ihn komplett neu speichern und kann dies nicht mehr in iCloud tun.

Auf dem Desktop angelegte neue Texte müssen, wie bei Writer, auch zunächst lokal gespeichert und dann in die Wolke «verschoben» werden. Ich kann nur hoffen, dass Apple diesen Humbug mit Mountain Lion systemweit ändert. Es ist nur ein Detail, aber gerade beim spontanen Schreiben ein nicht ganz unnervendes. Auch der Sync neu angelegter oder das synchronisieren gelöschter Dateien zwischen den Geräten ist relativ schleppend – vielleicht eine Kinderkrankheit.

Mein Fazit: Insgesamt hat der Writer etwas die Nase vorn. Ich mag das unverschämt cleane Interface, die Zusatzbuttons vor allem bei iOS, und die Nitti als Typeface (obwohl man die bei Byword, sofern man den richtigen Font besitzt, natürlich auch einstellen kann auf dem Desktop). Byword ist auf dem Mac durch die Möglichkeit zu RTF zu wechseln und die deutlich reicheren Export-Angebote einen Hauch besser und auch durch den Nutzer feiner «einzustellen». Konkurrenz belebt das Geschäft und ich freue mich, durch zwei nahezu identische Apps sozusagen an zwei Texten simultan, durch Applikationen getrennt, arbeiten zu können – und bin gespannt, welcher der beiden Anbieter mit den nächsten Updates noch mehr überzeugt.

14. März 2012 15:37 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Keine Antwort.

Der Writer und die Datenwolke

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In dubio pro Wolke
»Seamless creation« dürfte aus meiner Sicht eines der Zauberworte der nächsten Jahre werden. Nachdem man das Wort »cloud« ja langsam schon kaum noch hören kann, abgegriffen, bevor die Technologie noch richtig funktioniert, überholt Apple mit icloud zumindest in einem Aspekt den großen Favoriten Dropbox: Die nahtlose Synchronisierung von Dateien zwischen Geräten in der Apple-Ökosphäre ist, wenn Apples Server mal keinen schlechten Tag haben, ein Traum. Während bereits Applikationen wie DayOne, die iWork-Suite, iLife und viele andere iCloud nutzen, ist das Vorzeigeprojekt für die Vorteile dieser Art von geteilten Daten aus meiner Sicht derzeit iAWriter, der gerade auch als Universal App das iPhone als Plattform nutzt und damit Desktop und iOS komplett abdeckt. Aufgrund der vergleichsweise kleinen Datenmenge, mit der der Writer operiert, geht der Sync enorm flüssig – so schnell sogar, dass man dabei zuschauen kann, wie sich Texte in Echtzeit auf dem iPad aktualisieren, wenn man sie auf Desktop oder iPhone umschreibt.

Arbeit to go
Obwohl der Writer mit einigen Features gegen Programme wie Byword oder Writings nicht mithalten kann, macht ihn dieses «Schreib, wo du willst»-Denken zur derzeit besten Lösung, um Texte zu verfassen. Es ist weniger die sehr ansehnliche visuelle Reduktion, weniger das wunderbar praktische Markup (das Byword nach wie vor besser löst, etwa mit Export der HTML in die Zwischenablage), nicht einmal die großartige, die für mich inzwischen fast unverzichtbare Keyboard-Ergänzungszeile in iOS (mit nach wie vor falschen Guillemets für mich), sondern vielmehr die Möglichkeit, völlig nahtlos zu schreiben. Menschen, die ihr Geld mit dem Verfassen von Texten verdienen, müssen diese Möglichkeit lieben, aber selbst so ist es eine Freude, jederzeit an Ideen schreiben zu können, spontan und egal, wo man gerade ist und vor allem – völlig unabhängig von der Hardware. Writer und iCloud und die reduzierte Anforderung von reinen Textdateien hebeln die Frage, womit man eigentlich schreibt, völlig aus. Natürlich lässt es sich am Desktop besser schreiben als am iPad und dort besser als mit der Winzigtastatur der iPhone – aber abgesehen hiervon begleitet dich der Text auf jedes Gerät, ist immer up-to-date, ohne dass man noch über manuelles Abgleichen (wie etwa bei Dropbox meist nötig) nur noch ansatzweise nachdenken muss. Man mag – zu Recht! – ganz sicher darüber sinnieren, ob es nicht auch Schattenseiten hat, wenn Arbeit einen so ubiquitär verfolgen kann, aber für uns armen Glücklichen, die zwischen »Privat« und »Arbeit« ohnehin eher eine Drehtür oder hauchdünne Membran haben, ist dieses Mitwandern von Daten ein Segen, weil Ideen genau dort festgehalten oder bearbeitet werden können, wo sie entstehen oder wo die Zeit gerade richtig dafür ist. Bis dieser Ansatz auch mit komplexeren Applikationen so richtig funktioniert, wird es sicher eine Weile dauern, aber Apple zeigt seine Ambitionen bereits damit, dass Garageband ab vorgestern nun auf gleiche Art funktionieren soll.

Faul = funktioniert
Was Writer dabei absolut richtig macht – und es sich damit durchaus einfacher macht als so manche Konkurrenten -, ist, gnadenlos auf das etablierte iCloud-API zu setzen. Andere Anbieter werkeln an eigenen Serverlösungen… und das Ergebnis ist nicht nur ein für den Nutzer unüberschaubares Terrain von Sync-Lösungen, Passwörtern und Datenaustauschplattformen, sondern vor allem auch Ansätze, die eben nicht nahtlos ins Betriebssystem verankert sind. Writer wird so zwar von Apples Stimmungsschwankungen zumindest vorläufig etwas abhängiger, hat aber eine cloud-Plattform out of the box lauffähig und problemlos parat, ohne große Mühe, wo andere Anbieter sich seit Monaten abarbeiten und immer noch keine wirklich funktionalen Lösungen jenseits von Alpha– oder Betastatus vorweisen können. Die information architects binden so nicht nur weniger Ressourcen als CulturedCode, Omni und die vielen anderen Softwareschmieden, die auf Insellösungen bauen, sondern weisen auch den Weg zu einem integrierten Dateisystem online, das von Apple sicher in Zukunft noch deutlich ausgebaut werden muss, da die sich hier bisher abzeichnende Sandbox-Mentalität eher aus Nutzsicht zur Zeit nach hinten losgeht. Sie ist sicher, einfach, portabel, aber leider für alles, was nicht «casual work» ist, völlig unbrauchbar. Fehlendes Dateimanagement wird, je mehr man mit iPad und iPhone »richtig« arbeiten kann, zu einem der größten Mankos von iOS mutieren… ist es, wenn man sich das neue iPhoto anschaut, eigentlich jetzt bereits, der permanente Daten-Roundtrip nervt, das allgegenwärtige «Open in» ist heute schon so anstrengend wie überflüssig. Ein vereinfachter Finder wäre eine gute, überfällige Sache.

Dennoch – iCloud ist in seiner Einfachheit, als unsichtbare Infrastruktur im Hintergrund, der richtige Weg. Zwar hat man vom Desktop aus (noch) keinen direkten Zugriff auf iCloud, was ein großes Manko ist, iAWriter aber relativ mit dem Verschieben von einmal gespeicherten Dateien in den entsprechenden Ordner in der Library elegant umgeht. Auch, dass iCloud anders als Dropbox nicht sichtbar im User-Ordner arbeitet, sondern relativ versteckt ist (wahrscheinlich, um magischer zu wirken), ist für professionellere Anwendungen ein Manko, im Falle von Writer aber eine vernachlässigbare, vielleicht sogar angenehme Sache – es sei denn, man will Text mit einem anderen Programm bearbeiten, dann fangen die Probleme an, weil es eben keinen offenen Zugriff auf die Ressourcen gibt. Was mir für Design und Bildbearbeitung derzeit noch zu hermetisch und user-feindlich scheint (auch wenn Adobe anscheinend ja wiederum selbst an einer Cloud-Lösung arbeitet), macht aber für reine Texte durchaus absolut Sinn, zumal wenn wir vom Schreiben zum Diktieren via Siri kommen.

Hase vs Igel
Als ich vor rund 15 Jahren eine Art Hybridlösung zwischen Computer und TV aus Basis eines ThinClient-Konzeptes im Kopf hatte, dass die verschiedenen Formen interaktiver/multimedialer Daten aus dem Internet über eine dezentrale Serverstruktur bezieht und die so »schwimmenden« Daten absolut mobil und mitnehmest macht, hätte ich nicht erwartet, dass der Weg dorthin so lang sein würde und sich zugleich so viele andere Parameter ändern würden – von soziale Plattformen wie Twitter oder Facebook war damals nur indirekt über Rollenspiel-Plattformen und BulletinBoards ein Vorgeschmack vorhanden, der Kapitalismus war noch rheinisch und nicht neoliberal und Apple war ein Unternehmen auf absteigendem Ast. Mit cloud-Lösungen à la Writer zu arbeiten, Passworte immer dabei zu haben, einen Song auf dem iPhone anzufangen und auf dem MacBook feinzuschleifen – all das fühlt sich insofern weniger revolutionär an, sondern im Kern überfällig. Es bringt uns vor allem einen wichtigen Schritt weiter zur nächsten Entwicklung – der Ablösung des Internets als Ort, in den man sich »begibt« (wie früher durch Modemeinwahl oder heute noch symbolisch durch Browsernutzung) durch einen Informationsäther, in dem man immer schon ist, der vorgelagerten, exoskeletären Charakter hat. Ob das am Ende ein zentraler Anbieter ist – und wer zuckt heute nicht unwillkürlich bei Apples 1984-Spot zusammen, der so ironisch die heutige Wandlung der Rebellen zum Big Brother kommentiert -, ob es viele, wechselnde dezentrale Anbieter sind oder ob wir unsere eigenen Server nutzen werden… Es ist nur noch eine Frage von Speicherplatz und Transferraten, bis unsere Daten im Äther schwimmen und uns wie ein Mantel jederzeit umgeben, immer greifbar sind. Noch ist es ein Unding, dass ein Backup von 4 TB zu Backblaze Wochen in Anspruch nimmt – sind wir hier aber erst einmal bei Stunden angekommen, wird die lokale Festplatte wie die Cassette, wie die CD und der USB-Stick zum toten Medium werden. Es ist verblüffend, dass ein lapidar-minimalistisches Textprogramm wie Writer trotz aller kleineren Mängel einen Vorgeschmack darauf gibt, wie vielversprechend diese Entwicklung sein kann, wenn kreative «Arbeit» nicht mehr durch ein Werkzeug oder spezifische Orte und Zeiten definiert ist, sondern dich immer da erwartet, wo du gerade bist: »Ick bün al dor…«

11. März 2012 17:32 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Eine Antwort.

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16. Februar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

12-01-31

31. Januar 2012 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Interfaces

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Eine der größten Revolutionen in der Kommunikation mit Computern ist neben der Rolle, die Computer im Alltag zunehmend fast beiläufig und wie selbstverständlich spielen, dass wir nicht mehr mit den gewohnten Interface-Schnittstellen arbeiten, die dem Menschen die Logik einer von der Schreibmaschine abgeleiteten Interaktion aufzwingen, sondern die digitalen Schnittstellen so rapide und grundlegend den menschlichen Sinnen und Werkzeugen entgegen kommen, dass eine Unterscheidung zwischen »analog« und »digital« zunehmend obsolet wirkt. Berührung, Stimme, handschriftliche Zeichen oder sogar Blicke – obwohl die meisten Technologien oft noch rudimentär wirken, hat sich bereits durch diese Ansätze der Umgang mit, vor allem aber das Denken über Software-Interaktionen grundlegend geändert.

Hand
Vor nicht einer Dekade noch komplett in den Kinderschuhen, ist die Steuerung von Software durch Berührung(en) heute längst zu einem Quasi-Standard geworden. Musste man bis vor einigen Jahren noch mit einem Stift auf einer Art Plastikbildschirm herumtippen, Soseins moderne kapazitative Glasdisplays in der Lage, Bewegungen und multiple Berührungspunkte zu deuten, durch Gyroskop und Accelorometer sogar eine Art Anschlagstärke zu ermitteln (etwa bei Garageband). Samsung hat diese Technolgie gerade erst auf der CES 2012 auf Fenstergröße übertragen. Obwohl erst wenige Jahre verfügbar, hat dieser Ansatz zusammen mit fast rahmenlosen, leichten, tragbaren Devices zu einem kompletten Umdenken über Interfaces geführt. Ein Programm ist nicht mehr ein über die Maus-Tastatur-Metapher gesteuerte abstrakte Lösung in einem Monitor, ein Programm simuliert heute das, was es als Lösung anbietet und wird so als Programm unsichtbar. Ein Taschenrechner sieht aus und bedient sich wie ein Taschenrechner, ein Notizbuch sieht aus wie ein echtes Büchlein, beim virtuellen eBook lassen sich die Seiten umblättern als wären sie fast echt, ein DJ-Mischpulte bietet Plattenteller und Mischpultregler und so weiter. Es gibt zwar noch Menüs, aber auch diese wirken eher wie eine Übergangslösung, ansonsten: keine Tastaturkürzel, keine rechten oder doppelten Mausklicks – sondern eine möglichst approximative Simulation, die optisch aber auch von der Bedienung her daran gemessen werden kann, wie »echt« sich die Bedienung anfühlt.

Apple wurde – auch von mir – für die etwas kitschigen Nutzer-Interfaces von iCal und Co. gescholten, aber tatsächlich ist diese Annäherung an das Echte nur konsequent bzw. der sinnvolle erste Schritt zu »Simulacra-Softwares«. Das iPad kann bereits jedes Kleinkind bedienen, weil das unmittelbare Bedienen durch Drücken, Ziehen und andere Gesten mit den dazugehörigen Effekten der Lernfähigkeit der menschlichen Natur entspricht, Cause-and-Effect kennen wir ja auch aus der realen Welt. Angeblich fangen ja die ersten an Tabletts gewöhnten Kleinkinder bereits an, enttäuscht zu reagieren, wen sich echte Bücher eben nicht auf einen Tap hin öffnen oder reale Gegenstände nicht wie virtuelle auf Berührung reagieren und eine Animation starten. Dabei ist das Herumtasten auf einer kalten Glasscheibe sicher nur ein erster Schritt zu berührungssensitiver Kontrolle von Software-Interfaces. So wie es über kurz oder lang unweigerlich 3D-Displays geben wird (und ansatzweise ja bereits gibt), werden wir auch Bildschirme haben, die auf Berührung mit einer Art von Widerstand Feedback geben können und die unterscheiden können zwischen verschiedenen Abständen zum Display (Hover) bzw. auch direkt auf die Stärke des Anschlags. Die jetzt sehr eindimensionale Touch-Fähigkeit wird sich also nach und nach erweitern, bis die Displays nicht nur visuell einen realen Gegenstand simulieren können (und dies mit hochauflösenden Displays zunehmend an der Grenze, an der das menschliche Auge zwischen »echt« und »unecht« nicht mehr unterscheiden kann, d.h. keine Pixelbausteine mehr sichtbar sind), sondern auch haptisch. Nutzen wir einen virtuellen Taschenrechner, wird er nicht nur aussehen und klingen wie »real«, sondern auch die dimensionale Tiefe (3D) haben und sich anfühlen als würden wir auf einem echten Gegenstand Zahlen eingeben, nicht auf der bloßen planen Display-Simulation des Gegenstandes. Die Tasten werden spürbar nachgeben und einen Druckpunkt haben, sie können eventuell durch virtuellen Schweiss und Dreck »rubbelig« werden, sie können sich nach Gummi oder Hartplastik anfühlen. Es wird ein längerer Weg über zahlreiche Zwischenstufen sein, bis man wirklich sensorisch überzeugende Simulationen erzeugen kann, aber es wird sehr wahrscheinlich kommen – wodurch automatisch Abnutzung zu einer Frage der Programmierung wird.

Schon jetzt ist es so, dass ein iPad, iPhone oder Android als »opportunistische« Devices an sich nahezu unsichtbar werden und in einer Art Camouflage alles tut, um sich selbst unsichtbar zu machen und uns zu überzeugen, dass wir einen Photoapparat, ein Buch, eine Klaviatur usw. vor uns haben. Es ist evolutionär nur logisch, dass die Geräte diese Camouflage perfektionieren werden, denn am Markt werden die Anbieter erfolgreich sein, die mit immer neuen Features noch »realistischer« werden. Sowohl Apple als auch Microsoft (mit Windows 8) bauen bereits jetzt auch bei klassischen Desktop-Geräten die Touch-Metapher aus, was bei diesen zunächst hölzern und befremdlich wirkt. Was auf dem Pad sinnfällig ist, wirkt über ein Touchpad nach wie vor zu umständlich – dieser Umstand ist ein Symptom für den Übergang vom »klassischen« Computerparadigma, an dessen spezifische Interface-Metahern wir uns gewöhnt haben, hin zu einem neuen Paradigma, dass die Vorstellung dessen, wie wir mit Computern interagieren, neu definieren wird.


Stimme
Apples »Siri«-Stimmerkennung und -kontrolle ist von Google nicht ohne Grund als revolutionäre Veränderung im Umgang mit Computern (und eben Suchmaschinen) beworben worden. Wo Kommunikation mit dem Computern in den Grenzen der Software (und abgesehen von Abstürzen) bisher weitestgehend sicher und eindeutig war – zieht mit Siri die Fallibilität, das Missverständnis, die Doppeldeutigkeit, eben eine Art »Fuzzyness« ein, die erstmals zu einer Art von Dialog führt, bei der der Computer sogar via verbaler Feedbackschleifen rückfragen kann (und muss!), was der Nutzer denn da eigentlich gemeint haben könnte. Siri ist deshalb natürlich noch – obwohl bereits verblüffend leistungsstark, vor allem in der englischsprachigen Version – eine Art Spielerei, die mehr zu Fehlschlägen und Umwegen als zu einer echten Effizienzsteigerung führt. Es ist nach wie vor ärgerlich, wenn beim Diktat Siri nicht reagiert und man ganze Sätze verliert oder wenn eine einfache SMS vier verschiedene Befehle und Anläufe braucht, bis sie stimmt.

Aber bereits heute gibt es Situationen und Kontexte, in denen Spracheingabe natürlicher und schneller wirkt als der Touchscreen, zumal Siri ohne den Start dezidierter Programme läuft, sondern sich an den User-Bedürfnissen orientiert und die Programme dann selbst auswählt und startet – im Vordergrund steht also was der User will, nicht welches Werkzeug dazu verwendet werden muss. Ich starte also nicht den Browser, um etwas zu suchen, sondern die Software »entscheidet« dies selbst. Diese Art von AI, konsequent zu Ende gedacht, dürfte die Art, wie wir mit Maschinen interagieren, umwälzen und sozusagen renaturalisieren. Nicht nur in dem Sinne, dass wir ganz im Stile von SF-Filmen demnächst Maschinen per Zuruf steuern, sondern weil diese Steuerung wieder analoger (oder zumindest doch simuliert-analoger) wird. Während in den letzten drei bis vier Dekaden wie nie zuvor die visuellen Sinne in den Vordergrund gestellt wurden und wir uns sozusagen evolutionär an diese Verknappung angepasst haben, also Seh-Wesen geworden sind, darf nun der auditive Kanal wieder zum Zuge kommen. Noch ist Siri in der Benutzung dabei eindimensional. Nutze ich die Sprach-Software, wird der visuelle Kanal förmlich abgeschaltet, ich kann nicht auf der visuellen Eingabeebene simultan andere Dinge tun, also etwa einen Text diktieren und gleichzeitig im Web surfen per Touch oder Software per Touch und Stimme kontrollieren, also etwa in Photoshop mit einem Pen oder auf dem Display direkt arbeiten und dabei per Stimmbefehl Werkzeuge auswählen oder Bildeffekte anwenden (»20% mehr Kontrast«). Es ist immer entweder Stummfilm oder Hörspiel. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein stimmbasiertes und dialogorientiertes Interface einen Paradigmenwechsel darstellt, den die Kids, die Siri mit dummen Fragen auszutricksen versuchen (und dabei der Anthropomorphisierung ihrer Hardware auf den Leim gehen, also bereits Interaktionen starten, die sie per Maus/Tastatur niemals so in Betracht ziehen würden), gar nicht verstehen bzw. hinterfragen und der genau deshalb so grandios unsichtbar und sanft stattfindet – ähnlich wie es ja klug war, uns das Cloning als Technologie in Form eines harmlosen Schafes zu präsentieren.

Wir werden erst in einigen Jahren wahrnehmen, wie zentral dieser Shift war. Mit der Stimmkontrolle fällt prinzipiell die Hardware als Interface-Element weg. Es muss nichts mehr »bedient« werden, es gibt keine Tasten zu drücken, keine Zeiger zu bewegen – die Interaktion mit Maschinen wird bei ausgereifter Spracherkennung möglich, ohne ein Werkzeug dafür bedienen und erlernen zu müssen. Der Mensch nähert sich nicht mehr dem Rechner an, sondern umgekehrt.


Schrift
Auf der gleichen Ebene liegt die Entwicklung der Schrifterkennung, die sogar technisch ähnlich gelagert ist, weil hier schnelle Webanbindung und OCR auf leistungsfähigen Servern die ehedem hohen Hardware-Anforderungen für lokale Rechner deutlich gesenkt haben. Ein mobiler Prozessor könnte keine vernünftige Stimm- oder Schriftdechiffrierung leisten, ein kraftvoller Server und ein schnelles Internet aber sehr wohl – die Rechenpower wird einfach ausgelagert. Seit Dekaden ist die eigentlich ja als technische Notlösung zu denkenden QWERTZ-Tastatur der Standard bei der Texteingabe. Ursprünglich entwickelt, um durch eine eben möglichst ungewohnte nicht-alphabetische Tastaturanordung das Schreiben so zu verlangsamen, dass die anfälligen frühen Mechaniken nicht blockieren konnten, haben wir uns so sehr an dieses Layout gewöhnt, dass wir damit aufgrund der Übung oft spürbar schneller und anstrengungsloser schreiben als mit der Hand, so sehr, dass die Handschrift langsam auszusterben droht.

Dennoch kommt die manuelle Eingabe von Schrift und Zeichnungen in den letzten Jahren in eine Art Renaissance – Techniken wie der Livescribe Echo Smartpen oder der Wacom Inkling machen es möglich, unterwegs zu schreiben oder skizzieren, ganz altmodisch auf Papier, und später mit digitalen Daten weiterzuarbeiten. Ob die audiovisuelle «Pencast»-Verknüpfung des Livescribe, der mit einer Kamera auf speziellem Papier die Handschrift aufnimmt und zugleich Ton aufnehmen kann und insofern z.B. für Notizen bei Meetings nahezu ideal ist oder die sich eher an Künstler wendende (und noch nicht ganz ausgereifte) Inkling-Idee eines «Funk»-Stiftes… beide Ansätze können noch nicht hundertprozentig überzeugen. Der Echo-Pen ist klobig und das Schreiben mit der Kugelschreibermine relativ unergonomisch anstrengend, der Inkling zwar kleiner, aber weniger leistungsstark und zudem (noch) relativ unzuverlässig. Dennoch ist es natürlich phantastisch, handschriftliche Notizen, plus einer Aufzeichnung des tatsächlich zeitgleich Gesagten einfach digitalisieren zu können und dabei die Handschrift noch mit einer soliden Trefferquote in MyScript in «getippte» Schrift umwandeln zu können.

Auch hier noch befindet sich die Technik in einer Art Gestationsphase, der man aber bereits anmerkt, welches Potential freigelegt werden kann, wenn ein normaler Schreibakt auf Papier (bzw. auf einem Display, das Papier emuliert) die Tastatur verdrängt. Ein Beispiel für dieses Potential ist die OCR-Engine des Online-Archivs Evernote, das nicht nur die verschiedensten Eingabemedien «schluckt», sondern vor allem auch in jeder Art von Bild, egal ob Photo oder PDF mit handschriftlichen Notizen, nach lesbarem Text sucht und diesen für die Volltextsuche bereitsstellt, also die Welt in Photos «ausliest». Diese serverseitige state-of-the-art-OCR erkennt in Sekunden selbst Worte zuverlässig, die ich selbst kaum noch entziffern kann. Zwar gibt Evernote (unverständlicherweise) bei Handschrift die Ergebnisse nicht als Text aus, sondern nutzt sie wirklich nur für eine Suchfunktion… aber wie gut auch die unlesbarste Schrift hier verlässlich gedeutet wird, zeigt, wie weit die Technik hier ist und wie sehr die Grenzen zwischen Spracheingabe, Tastatur und Stifteingabe hinfällig werden. Wie auch immer wir Informationen eingeben werden – die Devices werden lernen, uns zu verstehen.


Bio-Interfaces
Haptik, Stimme und Schrift sollten bereits genügen, um in den kommenden Jahren die Morphologie der Mensch-Maschine-Kommunikation völlig umzuwälzen. Die Möglichkeiten der kommenden Dekade dürften bereits halten, was SF-Filme noch vor 20 Jahren versprachen, von der Realität des Spielberg-Thrillers «Minority Report» sind wir nicht mehr weit entfernt, zumindest nicht in Sachen Interface-Technologie (Fliegende Autos und Jetpacks lassen nach wie vor auf sich warten.) Bereits jetzt deutet sich aber auch ein weiterer, tiefschürfender Umbruch an, der den gesamten menschlichen Körper zum Interface deklariert. Sanfte Vorläufer sind Waagen und Blutdruck- oder Glucosemessgeräte, die Biodaten an Software übermitteln, Kameras, die mit einem Lächeln ausgelöst werden oder die Gesichter von Freunden automatisch erkennen und für den Autofocus nutzen oder auch Gadgets wie das Jawbone Up, das (wenn auch noch unfassbar primitiv) Bewegungssignale ermitteln und an das iPhone übertragen kann. Auch DSLR-Kameras können ja heute bereits analysieren, wohin wir durch den Sucher blicken und auf das, was unser Auge ansieht, automatisch scharfstellen.

Unsere Vitalzeichen, wie lange wir schlafen, unsere Stimmungen und Ernährung werden über kurz oder lang zunächst nur im Sinne reiner Datensammlung, mittelfristig aber auch als Steuerparameter direkt von Softwares genutzt werden. Dies wahrscheinlich zunächst im spezialisierten Bereich – etwa von Pflegerobotik oder Überwachungssystemen in Krankenhäusern -, sehr bald aber auch im privaten Segment… schon jetzt verkaufen sich Apps und Gagdgets für das Self-Monitoring ausgezeichnet. Was man sich zunächst so einfach denken kann wie Kochbuch-Applikationen, die auf anderenorts gesetzte Diätwerte und -ziele reagieren oder ein iTunes, das auf Stimmungen oder beim Jogging auf das Pulstempo reagiert, öffnet zwei neue Perspektiven… die Nutzung des gesamten Körpers als Interface und die Nutzung des Gehirns im Speziellen. Das Body-Interface kann natürlich bedeuten, dass Software aktiv auf größere Bewegungen, Gesten, Vitalwerte, aber auch auf Geo-Daten und Zeitdaten reagiert (so wie jetzt ja schon Reminder-Softwares aktiv auf GPS-Daten anspringen und uns im Supermarkt die Einkaufsliste zeigen). Der physische Körper und sein Umfeld werden so zu Eingabe-Matritzen der Software. Was der Mensch wo und wann macht, wird zum kybernetischen Steuerimpuls.

Der andere Aspekt, die direkte Schnittstelle ins Gehirn, klingt aus heutiger Sicht nach SF, selbst wenn in der neuronalen Steuerung von Implantaten und Prothesen in den letzten Jahren ebenso sprunghafte Fortschritte gemacht werden wie in der «Geodäsie» der Gehirnfunktionen. Die Idee, direkt aus neuronalen Strömen heraus Software zu steuern bzw. von dieser auch unmittelbar, unter Umgehung anderer Sinnesorgane, Eindrücke vermittelt zu kriegen, mag heute noch abenteuerlich klingen. Aber das, was wir heute Smartphone nennen, war bis vor 50 Jahren auch noch auf Serien wie StarTrek begrenzt (»Navigator«) und dabei deutlich kruder und begrenzter als die heutige Realität, die jedermann frei zugänglich ist. Umgekehrt waren in den 60er Jahren Körpermoddings, die heute für jeden Teenager zum Alltag gehören, undenkbar. Wer hätte zu Zeiten von Truman oder selbst Kennedy geglaubt, in welchem Maße Piercings, Tattoos und anderen Selbstverstümmelungsstrategien reguläre, ja fast langweilige Modephänmene werden würden – wer hätte zu Zeiten von »Mad Men« voraussehen wollen, dass es heute einen Boom zur elektrische Zigarette geben würde? Will man da heute wirklich noch ernsthaft bezweifeln, dass Google Translation irgendwann so effektiv sein wird, dass wir uns in Echtzeit grob in fremden Sprachen werden unterhalten können – per Spracherkennung, serverbasierter Übersetzung und Sprachausgabe? Marshall McLuhans 1969er Vision einer telepathischen Welt, in der – über das hochraffinierte Werkzeug Computer, das alle anderen kruderen Werkzeuge überschreibt – ein «universales Verständnis» möglich wird, ist zum Greifen nahe.


Der siebte Sinn
Das Interessante an all diesen Entwicklungen ist, dass sie sich dem Menschen zuneigen. Anstatt uns seltsame krude Werkzeuge aufzuzwingen, nähert sich Maschine und Software immer mehr unseren ureigentlichen Kommunikationswerkzeugen an. Tastatur und Maus weichen Gestik, Handschrift, Stimme und Auge, die Lernkurve für die »Steuerung« von Software wird immer flacher, ähnelt immer mehr biologischen Prozessen. Die Maschinen werden biomorph. Man darf diese Entwicklung durchaus kritisch sehen, vor allem wenn sie primär gewinnorientiert und ohne ethische Kontrolle abläuft, wird sie aber kaum mehr zurückdrehen können. Der Computer – und noch viel mehr der Äther des Web – sind Büchsen der Pandora, die nur vielleicht ein verheerender Krieg oder eine andere Katastrophe kurzfristig wieder verschließen würde. Positiv gesehen aber fallen hierdurch technologische Krücken weg, die wir seit Gutenberg benutzen, um umständlich eine Brücke zwischen Massenkommunikation und individuellen Ausdruckspotentialen zu schlagen.

Phoneme, Alphabet, Druck, selbst Schallplatte und Video sind nur Faustkeile… und je fortschrittlicher die biomorphen Interfaces werden, um so einfacher und unkomplizierter wird unsere Kommunikation untereinander und mit Maschinen werden. Der Clou dabei ist, dass das Medium sich dabei auflöst. Der Rechner als große Konvergenzmaschine, der sämtliche medialen Ausdrucksformen binär zerhäckselt und völlig neu zusammenstückeln kann, dem es denkbar egal ist, ob er nun Musik oder Bilder, Schrift oder Töne in 0 und 1 auflöst, wird in den kommenden Jahren selbst unsichtbar werden. Bereits das iPad bricht mit der Metapher des »Computers«, ja des technischen Gerätes schlechthin. Abgesehen von einem in Zukunft wahrscheinlich zusätzlich verschwindenden Minimum an Knöpfen ist es als technisches Utensil nicht zu erkennen – die Eigenbedienung ist ein Minimum, das gerät verwandelt sich durch die Software in was immer auf dem Bildschirm an sich gezeigt wird… wobei das Wort «Bildschirm» schon fast in die Irre führt, wenn das ganze Gerät nur noch ein Screen ist.

Die Frage, inwieweit Computer und Web noch als solche wahrnehmbar sind, wenn es nicht einmal mehr den Bildschirm gibt, sondern osmotische oder sogar direkte neuronale Verbindungen für selbsttätige Steuerungsmechanismen sorgen, die intuitiv, instinktiv genutzt werden können, stellt sich kaum: Was heute noch «externe» Medien sind, würde tatsächlich zur symbiotischen Sinneserweiterung, zu einem siebten, achten, neunten Sinn. Wohin sich das entwickelt sieht man schon heute, wenn Leute bei Gesprächen Fakten kurz googlen, mitten in einem Film mit IMDB nach Trivia suchen oder oft zwar durchaus in der echten Welt anwesend, aber simultan auch in Facebook oder Twitter oder Instagram aktiv sind. Diese Form von Multitasking wird ein Standard werden, eine Art Layer, das sich über die normale Kommunikation legt und durch den Wegfall klassischer Interface-Hardware quasi unsichtbar wird, die Form eines internen Monologs annehmen kann.

Wir sind bereits heute permanent online – in Zukunft kann das aber ein Teil der tatsächlichen Wahrnehmung von Welt sein, was heute grobmotorisch als Augmented Reality vermarktet wird. Konsequent zu Ende gedacht, wäre ein derartige nahtlose Verbindung mit Hard- und Software eine Erweiterung unserer mentalen Möglichkeiten, für die wir Menschen sozusagen Anlauf und Training brauchen, weil unser Gehirn sich den Möglichkeiten wird anpassen müssen (so wie es ja bereits jetzt langsam notgedrungen neue Selegierungsstrategien gegen den Zerstreuungsmechanismus einer vernetzten Welt entwickelt, wobei uns wieder Software gegen die Gefahren anderer Software zur Seite springt…). Diese Sinneserweiterung wird auf eine Art begrenzte elektronische Telepathie hinauslaufen – du wirst ohne Bildschirm, ohne Tastatur, ohne »Gerät« in irgendeinem Sinne wissen, ob es Freunden eine halbe Welt entfernt gerade gut oder schlecht geht. Und es läuft auf eine sanfte Allwissenheit hinaus – weil der Wissensschatz des Webs nicht mehr per Suchmaschine erarbeitet werden muss, sondern ebenso neural einfach »da« ist wie andere Informationen und Erinnerungen ja auch. (Spannend und erschreckend wird die Frage, wie Werbung dann wohl funktioniert…)

Obwohl ich nicht sicher bin, inwieweit unsere Generation solche biotechnologischen Verschmelzungen noch miterleben wird, zeichnen sich solche Lösungen logisch ab. Zum einen werden Prozessoren, wenn sie weiter hohe Leistungssprünge bringen wollen, irgendwann biologisch funktionieren müssen, zum anderen stellen Interfaces wie Displays und Tastaturen die größte Hürde für den Verkleinerungstrend von Elektronik dar. Die Prozessoren und Speicher selbst sind längst winzig – nur der Mensch braucht eine gewissen Bildschirmgröße und seinem Körper entsprechend große Eingabewerkzeuge, um mit dem Rechner in Dialog treten zu können. Die Vorstellung, dass Hersteller früher oder später den gordischen Knoten durchschlagen und weitestgehend auf Hardware verzichten werden, ist also naheliegend. Die Vorstellung davon, wie diese Art von direkter Wahrnehmung von softwarebasierten Angeboten als «Sinn» sich anfühlen mag, wie es sein könnte, wenn Informationen, aber auch Spiele, Musik, Filme usw. direkt als «Schicht» über unserer normalen Wahrnehmung liegen oder mit dieser unzertrennbar verwoben sind, kann man sich bestenfalls als psychedelischen Trip vorstellen. Ich habe kaum Zweifel daran, dass wir uns als Menschen an diese induzierten zusätzlichen Sinne gewöhnen werden – wie wir uns an andere mediale Dinge auch gewöhnt haben, die zwei drei Generationen vorher die Menschen in den Wahnsinn getrieben hätte. Die physische Härte moderner Metal- oder Drum’n’Bass-Musik, die extrem schnellen Schnitte in Musikvideos, die surreale Unwirklichkeit von 3D-Filmen, die Absurdität der meisten Werbefilme, die generelle Schnelligkeit der Zivilisation heute – all das dürfte einen Besucher aus den 1920er Jahren zur Verzweiflung bringen, ist für uns aber Alltag. Wer weiß also, woran sich unsere Nachfahren anpassen werden können?

Unsere Generation wird den langen – und sicher spannenden – Weg machen weg von Computern als «externe» Arbeitsgeräte hin zu alltäglichen Begleitern. Aus schrankwandgroßen besseren Taschenrechnern sind in nicht einmal 50 Jahren taschenrechnergroße exzellente Multifunktionsgeräte geworden, die die meisten bisherigen Medienangebote nahtlos in sich vereinen. Geräte, deren Evolution und (Markt-)Überleben davon abhängt, sich für ihre Nutzer unersetzbar zu machen. Unsere Generation wird entscheidend miterleben, wie dieses Eindringen von Web und Software in den Alltag unser Verhalten und unseren Umgang miteinander entscheidend verändern muss. Unser Denken über Copyright, Verhaltenskodexe, wirtschaftliche Modelle, Beziehungsideale, Berufswege, Mode, Kunst, Freundschaft, Kommunikation, Wahrheit – nichts wird dieser so unscheinbar anfangenden Revolution gewachsen sein. Wir stecken mittendrin und haben die Möglichkeit (und wahrscheinlich die Pflicht), in irgendeiner Form diese Entwicklung mit zu formen… zwischen Hypermarken, die den Markt dominieren und einer Politik, die reflexartig solchen Großunternehmen zuzuarbeiten gewohnt ist, ohne die man allerdings auch die Annehmlichkeiten moderner Technik nicht hätte, so dass nie ganz klar ist, ob man Google, Apple und Co nun lieben oder verfluchen sollte. Der Weg zu den neuen Interfaces wird voller wunderbarer Paradoxien und Irrläufer sein.
Freuen wir uns drauf.

19. Januar 2012 17:46 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , , , , , . Eine Antwort.

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1. Dezember 2011 21:00 Uhr. Kategorie Tweets. Tag . Keine Antwort.

Alex Leu fragt 22: Avantgarde und Innovation

hd schellnack

Im Design herrscht dieser avantgardistische Gedanke. Drang nach Innovation. Muss man denn immer innovativ sein?
Warum wollen wir Designer alle etwas besonderes sein oder leisten?

Ha, das habe ich ja fast schon vorweg beantwortet. Nein, man muss nicht immer innovativ sein – und ich glaube auch nicht, dass im Design ein «avantgardistischer Gedanke» herrscht, der wäre auch nicht herbei leitbar, den hat die Kunst wenn überhaupt für sich gepachtet, Avantgarde wäre ehrlich gesagt aus meiner Sicht das pure Gegenteil von dem was Design sein sollte – nämlich anwenderorientiert. Wo kommt diese Behauptung her – ich kenne ehrlich gesagt nicht einen Designer, der sich selbst als «Avantgarde» bezeichnet hätte. Dafür sind die meisten auch zu bescheiden – oder zu sehr von der Realität gebeutelt. Design ist eigentlich kein Beruf, der allzu große Starallüren hergibt.

Innovation ist so ein seltsam technologisches Paradigma – ich glaube nicht, das Geisteswissenschaften wirklich um «Innovationen» kreisen, sondern um Theorien, Entwicklungen, Thesen und Antithesen. Ich glaube, dass Design sich auch eher so dialektisch entwickelt und nicht in Innovationssprüngen. Bei uns kommt nichts aus dem «Nichts», das kreative Genie ist ein reiner Mythos.

Und auch bei den Ingenieuren sind Neuerungen ja keineswegs sprunghaft, sondern ein stetiges, evolutionäres Forschen und Weiterentwickeln, gegenseitiger Austausch. Der Begriff des Reverse Engineering kommt ja aus dieser Ecke – etwas bestehendes auseinandernehmen, sehen, wie das gemacht wurde, neu und anders zusammensetzen, verbessern. Fortschritt ist Optimierung, immer und immer wieder die gleiche Sache in die Hand nehmen und schleifen, bis es perfekt ist. Insofern ist auch Design ein Kaizen-Prozess. Natürlich sieht es manchmal so aus, als sei dann sprunghaft etwas nach vorn gegangen, aber in Wirklichkeit, wenn man genau hinsieht, war alles im Ansatz auch schon vorher da, es ist nur eine Art Markierungspunkt in einer ansonsten sehr stetigen Kurve. Das gleiche lässt sich übrigens auch in der Kunst festmachen, wo eigentlich auch nahezu nichts aus der leeren Luft kommt, sondern Autoren, Komponisten, Maler und und und sich gegenseitig über die Generationen inspirieren und man etwa in der Klassik fast so etwas wie Gespräche über Jahrhunderte hinweg nachverfolgen kann.

Innovation ist ein Wandlungs-Prozess, schon vom Wortstamm her, kein plötzlicher Deux Ex Machina. Innovation ist übrigens im Design schon gar nicht wildes Anti-Design, ebenso wenig wie die Dekonstruktion in der Architektur der neunziger wirklich «innovativ» war. Wichtig, spannend, fesselnd? Sure. Aber hat es wirklich etwas Neues gebracht? Nein, du kannst ganz ähnliche Entwürfe wie die von Morphosis schon in den zwanziger und sechziger Jahren finden, Thom Mayne kam insofern nicht aus dem Nichts, ebensowenig wie David Carson. Innovativ sind eher neue Technologien und fast unscheinbar wirkende Dinge, die irgendwann geballt einen Tipping Point erreichen und dann geballt zu einem überraschenden Gesamteffekt werden. In der Architektur also Dinge wie Klimatisierung, Lebensräume, Infrastrukturen, Gebäude, die hinterfragen, wofür sie eigentlich gedacht sind und sozusagen mit der Tabula Rasa anfangen und deshalb vielleicht zu am Ende sogar bescheideneren, aber besseren Ergebnissen kommen – Architektur also, die von der Lösung, nicht vom Look her gedacht ist. Im Alltag Elektrogeräte oder Softwares, die auf Feature-Bloat verzichten und genau deshalb umso besser funktioneren. Ganz nach Dieter Rams: Weniger, aber besser. Das ist Innovation – ganz im engsten Definitionssinne eine Entwicklung, die umfassend das Wohlbefinden und die Effizienz der Gesellschaft verbessert. Der Airbag ist – obwohl unsichtbar – in diesem Sinne mehr Design-Innovation als eine schicke Karosserie. Innovation ist nicht der (schon gar nicht der schrille) Look, sondern die bessere Nutzung,die ideale Passform, die bessere Lösung, die nachhaltigere, ökonomischere Systematik. Nicht laut – sondern unsichtbar. Gutes Design siehst du gar nicht, gute Systeme sind unsichtbar bis sie eventuell fehlschlagen und in diesem Prozess ihre Struktur erkennbar wird, weil sie nicht mehr reibungslos funktioniert, der Fehlschlag zu einer neuen Design/Innovations/Optimierungs-Runde führen muss, um das System wieder subkutan zu machen.

In diesem Sinne sollte Design sicher immer innovativ sein wollen, nicht aber im Sinne einer aufgeregten Jagd nach dem oberflächlich vermeintlich Neuem, sondern im Sinne einer evolutionären, generationenübergreifenden, bewussten dialogischen Verbessung des Bestehenden. Innovation ist also nicht das kurzatmig-neue, sondern ganz im Gegenteil eine liebevolle, behutsame und stetige Überarbeitung, ein sozusagen skulpturaler Prozess, der auch nie abgeschlossen ist.

17. August 2011 17:27 Uhr. Kategorie Arbeit, Design. Tag , , . 2 Antworten.

Metric

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Die Metric von Kris Sowersby ist gerade bei Village neu erschienen und setzt den derzeitigen Siegeszug der geometrischen Schriften fort – nach der jahrelangen Herrschaft der Helvetica-Wiedergänger leben jetzt die Futura-Epigonen auf. Als jemand der die Futura stets liebte, selbst als sie derbst out war (ich bin ja nach wie vor ganz vernarrt in Luc(as) de Groots VW-Variante) freut mich, dass es inzwischen in diesem Bereich mehr und mehr Auswahl gibt, selbst wenn ich in diesem Bereich meist eher die Versalien schätze und einsetze und die Minuskeln oft seltsam unmodern finde. Leider habe ich bei der Metric keine volle Character-Maß gefunden, aber in der PDF sieht es so aus, als würden einige moderne Features wie Minuskelziffern oder Small Caps fehlen – und bei einer Schrift dieser Art wünsche ich mir persönlich ja immer Display-Umlaute, die einen fast durchschußfreien Satz erlauben. Dennoch hängt die Metric – deutlich mehr als ihre Schwesterschrift Calibre – schön sauber zwischen Strenge und Ironie und dürfte sich so vor allem in dem wachsenden Bereich neosachlich-dekonstruktiver Designs anbieten, vor allem, weil sie im Detail wunderbare Idiosynkrasien aufweist, die im Spiel mit der Schrift viel Spaß machen dürften.

22. Juni 2011 13:52 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Schreiben auf dem iPad: Bamboo Paper

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Zum Bamboo Stylus Stift für das iPad bringt Wacom eine passende Notizbuch-App heraus – Bamboo Paper – die bis Ende des Monats noch gratis verfügbar ist. Unter den vielen Notizbuch-Applikationen für das iPad und für eine «Corporate App» macht Bamboo Paper überraschend viel richtig, vor allem verglichen mit der sehr enttäuschenden und lang erwarteten Moleskine-App.

Paper ist relativ einfach gehalten, überzeugt aber zugleich mit einem durchdachten Konzept. Die App bietet die gesamte Fläche des iPad als Notiz-Buch, wobei die Schrift nicht wie bei vielen anderen Anwendungen «vektorisiert» wird – das Schriftbild ist nicht nur mit dem BambooStylus, sondern auch etwa mit dem AluPen so flüssig und «natürlich» wie bei Noteshelf und Penultimate, wobei gerade letztere App Bamboo in vieler Hinsicht so ähnelt, das deutlich wird, wo sich Wacom vielleicht auch etwas Inspiration geholt hat. Vorteil gegenüber Penultimate ist aber die elegantere, fast nahtlose Integration der Werkzeuge in das «Blatt», so dass man gefühlt mehr Raum zum Schreiben hat.

Die grundlegenden Funktionen – Stifte in drei verschiedenen Stärken und sechs verschiedenen Farben, Radiergummi, Löschen der ganzen Seite und «Lesezeichen» – ähneln ebenfalls am ehesten Penultimate. Noteshelf liefert hier einen deutlich größeren Funktionsumfang schon bei den Malwerkzeugen – mehr Farben, 21 Stufen «Stiiftgrößen», Bild-Import und Emoji-artige Icons geben dem Schreibenden mehr Freiheit bei der Arbeit mit seinem Text.

Auch bei sonstigen Features schwächelt Wacom, wieder vor allem gemessen an Noteshelf. Noteshelf bietet Evernote- und Dropbox-Integration, kann JPG als auch PDF exportieren, optional mit und ohne «Papier» und Seitenzahlen. Bamboo hingegen exportiert einzelne Seiten als JPG (768×1024) oder das Notizbuch als PDF, jeweils mit «Papier» als Hintergrund. Die Auflösung ist bei allen Apps nicht ideal – besser wäre eine feinere Auflösung, aber hier hat bisher keine Notebook-App einen Vorsprung, wahrscheinlich, weil eine höhere Auflösung den ohnehin spürbaren Latenz-Faktor beim Schreiben erhöhen würde. Wobei Bamboo einen Hauch langsamer zu sein scheint als Noteshelf, weniger schnell hinterherkommt. Dropbox und vor allem Evernote-Sync sind zudem grundlegende Funktionen eines Notizbuchs, da hier das automatische Sammeln von Notizen in einem dafür perfekt geeignetem System ermöglicht wird. So kann man bei einem Meeting mitschreiben, kurz «synchen» und hat die Notizen bereits im richtigen Ordner im Bürorechner, wenn man dort ankommt – komfortabler und sicherer geht es kaum.

Vorteil von Penultimate und Noteshelf ist auch, dass man mehrere Notizbücher verwalten kann. Bamboo merkt man an, dass dieses Feature geplant ist – anderenfalls würden verschiedene Farben für die «Umschläge» und ein Papierkorb im Interfacedesign keinen Sinn machen. Aber die Einschränkung, derzeit nur ein Buch nutzen zu können, ist wie das Fehlen von Synchronisation und Bildimport ein großes Argument gegen Bamboo Paper.

Wo die App dennoch punktet ist das Design – sie ist wunderbar reduziert gestaltet, und trotz der wenigen Optionen scheint beim Schreiben ad hoc nichts zu fehlen. Der Verzicht auf den imitierten Buch-Look im Interface macht das iPad selbst zum Notizblock – und so einfach fühlt es sich definitiv richtig und am besten an. Die dezenten blauen Linien und Karos sind zum Schreiben ideal – und die «Hefte» in der Dokumente-Übersicht sind ästhetisch überzeugend gemacht. Hier ist Penultimate mit seinen braunen «Schreibheften» sehr nahe dran, aber gerade in der Reduzierung und Vereinfachung überzeugt Bamboo schon auf den ersten Blick, verschwendet weniger Platz und gibt den Nutzer die maximale Schreibfläche – definitiv der richtige Ansatz.

Auch der Verzicht auf den nostalgischen «Sepia-Papier-Look» zugunsten einer klaren weißen Fläche, die weniger «retro» ist, gefällt. Das schlimmste Interface weist Noteshelf auf, wo vom Icon bis zur Umschlaggestaltung der «Notizbücher» einfach alles ein bisschen häßlich geraten ist. Noteshelf bietet eine wahre Flut von Vorlagen und Optionen für Buchcover und Seiten, aber nicht eine davon kann gestalterisch überzeugen, keine macht wirklich «Spaß». Ich kann mir fast vorstellen, trotz fehlender Features mehr mit Bamboo zu arbeiten, weil es rein visuell und ästhetisch mehr angenehmer ist, diese Applikation zu benutzen. Es sind nicht immer nur die reinen Funktionen – man sollte als App-Entwickler das Screen-Design und den emotionalen Aspekt der User Experience niemals unterschätzen. Noteshelf ist funktional ungeschlagen, aber nahezu völlig ohne Flair. Bamboo will seltsamerweise deutlich weniger und überzeugt genau deshalb mehr.

Ein zweites, wenn noch unausgereiftes Plus von Bamboo ist der Zoom. Wo Noteshelf eine «Lupe» bietet, die den unteren Bildschirmbereich kompliziert zur Vergrößerung des oberen macht, zoomt die Wacom-App mit einem Zwei-Finger-Pinch die Seite größer oder kleiner. Hier gibt es das Problem, das man dabei versehentlich oft «malt» anstatt zu zoomen, aber der Ansatz fühlt sich insgesamt dennoch intuitiver und natürlicher an. Spätestens mit dem Retina-Display des iPad3 sollte man bei dieser Zoom-Funktion aber eine höhere Auflösung der Notizen andenken, die Pixel sind im Zoom sehr deutlich sichtbar. Abgesehen davon erlaubt der Zoom, trotz des «klobigeren» Schreibens auf dem iPad-Display, im Endergebnis eine lesbare und realistisch «feine» Schrift hinzubekommen. Im Zoom kann man mit zwei Fingern das Papier natürlich weiterbewegen und ein längeres Drücken an beliebiger Stelle lässt die Schreibwerkzeug-Optionen erscheinen, so dass ein ungestörter Workflow möglich ist. Die noch relativ naive Zoom-Umsetzung sorgt allerdings schon dafür, dass man (zu) oft das Radiergummi verwenden muss, um ungewollte Striche zu löschen.

Wenig störend fiel ein weiteres fehlendes Feature auf – Penultimate und Noteshelf haben eine Art «Wrist Protection», die verhindert, dass der Handballen auf der Glasfläche beim Schreiben stört. Wacom hat dieses Feature nicht, dennoch funktioniert die App recht sauber – der Handballen verhindert nur recht selten das Schreiben als solches, macht aber selbst keinerlei «Malstriche». Da die Wrist-Protection auch an sich oft seltsame Nebeneffekte hat und sogar Blattbereiche sperrt, ist ihr Fehlen kein großer Verlust und man gewöhnt sich schnell daran, die Hand nicht auf dem Glas ruhen zu lassen.

Im Resultat überrascht Wacoms Bamboo Paper als Free-App mit einem sehr gelungenen, reduzierten Ansatz, dem es an einigen Features fehlt, die der Hersteller hoffentlich ausbaut. Das perfekte Notizbuch für handschriftliche Mitschrift und Zeichnungen, das intuitiv und natürlich funktioniert wie ein Stift und Papier, aber alle digitalen Vorteile mit sich bringt, gibt es aber auch hiermit (immer) noch nicht, das Rennen um die «perfekte» App, die Ästhetik und Funktionalität zu einem überzeugenden Design verbindet, ist noch offen. Vielleicht kommt das aber auch erst, wenn Apple einsieht, dass eine Stifteingabe für das iPad kein «Fehler» ist, sondern eine wertvolle Ergänzung des Gerätes, und eine entsprechende Hardware/Software-Lösung vorstellt, die dem Feeling eines echten Wacom-Tablett näher kommt.

19. Juni 2011 14:23 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Keine Antwort.

Langsame Revolution

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Ein Jahr nachdem das iPad den Auftakt zu einer globalen neuen Digitalisierungswelle bei «Print»-Medien ausgelöst hat, reibe ich mich als Leser (aber auch als Designer) immer wieder an seltsamen und frustrierenden Elementen dieses Umbruchs, die einzeln jeweils sicher erklärbar sind, kollektiv aber den Buchmarkt und die Anbieter von Hard- und Software vor wichtige Herausforderungen stellen. Ein kritischer (und sehr subjektiver) Blick auf den Stand der Dinge im Bereich des e-Lesens:

Hardware. Ich hatte letztens bei einem Besuch auf dem mediacampus frankfurt die Chance, mehrere aktuelle eReader in der Hand zu halten. Als iPad-Nutzer eine geradezu schockierende Erfahrung. Unhandlich (mit Ausnahme des Thalia-Readers, der ein sehr süßes Format hat, für «Buch» allerdings einen Tick zu klein ist), ein entsetzlich billiges Aldi-Plastik-Feeling, langsam, medial unflexibel, reines Schwarzweiß… da kommt wenig Freude auf. Das Buch ist ein sehr haptisches Medium und Buchleser häufig Menschen mit einem Gespür für schöne Gegenstände und gute Dinge. Das sollte man beim Design von Endgeräten durchweg im Kopf haben und nicht taiwanesischen Plastikschrott anbieten. Je näher der Reader an das Gefühl eines «Hardcovers» herankommt – und je näher auch die digitalen Buchdateien dies emulieren, nicht durch sepia-Hintergründe, sondern im Handling – desto erfolgreicher wird sich das Angebot durchsetzen. Ich denke auch, niemand hat wirklich Lust, einen längeren Text grau auf grau zu lesen? Die Schrift mag ja «scharf» sein bei vielen Readern, aber sie wirkt pixelig und hat in jeder Hinsicht die Anmutung einer Kinder-«Zaubertafel». Die Bedienung der Software, die sinnfrei wirkenden Hardware-Tasten und viele andere Details der Reader erinnern an die Frühzeit des Computers. Ästhetisch ist das iPad somit fast singulär der einzig annehmbare Weg derzeit. Das iPad aber ist noch zu dunkel in der Sonne, zu hell in der Nacht, reizt die Augen zu sehr beim Lesen als aktives Display gegenüber dem «passiven» Papier und braucht dringend eine höhere Auflösung (iPad3 wird Retina-Display haben). Richtig perfekt ist derzeit noch keine Lösung, Jan Tschichold würde an all diesen Geräten verzweifeln. Das iPad ist noch am nächsten dran und trotzdem einige Jahre von «perfekt» entfernt. Seltsamerweise tut dem Gerät auch die Verschlankung von iPad zu iPad2 nicht wirklich gut. Obwohl für die meisten anderen Anwendungen ein Fortschritt, ist das Pad als Buch jetzt zu surreal dünn, zu scharfkantig, zu sehr Glasscheibe. Ein leichteres, aber voluminöseres Gerät wäre an sich überzeugender. Hier haben wir noch einige schwierige Jahre vor uns – in Sachen Interface ist kein Reader dem «echten» Buch gewachsen. Was zugleich auch heißt, das für andere Firmen als Apple noch Raum wäre, ein markttaugliches Angebot zu konzeptionieren – die begeisterte Reaktion auf den dann leider nie realisierten Courier-Entwurf von Microsoft zeigt das sehr deutlich. Monopole sind nie gut und es wäre erfreulich, wenn ein Hardware-Anbieter sich des Themas Digitales Lesen und Schreiben ganz neu und offen stellen würde.

Kaufen. Es ist immer noch eine Art Horrortrip, spontan ein eBook zu kaufen. Es wirkt fast so, als solle man in semi-legale Graubereiche hinein gezwungen werden, wenn man als Nutzer auch nur den geringsten Anspruch stellt – wie etwa den Wunsch, ein gekauftes Buch auf dem eigenen Lesegerät nutzen zu können. Als deutscher Nutzer ist es schwierig, legal ein amerikanisches Buch – das ich «auf Papier» bei Amazon problemlos binnen 24 Stunden erhalte – als ePub zu kaufen. In Apples iBook-Store gibt es ofiziell keine 50 englischen Bücher… verdeckt sind es einige mehr, aber das Angebot ist erschütternd schlecht. Und auch bei den deutschen Büchern ist die Auswahl deutlich zu klein – Apple hat hier viel zu wenig kleine Verlage im Programm, die Bücher erscheinen deutlich nach den Print-Angeboten, die Vorteile einer digitalen Buchhandlung (Große Auswahl, da keine Lagerfläche, niedrige Preise und hohe Geschwindigkeit) kommen nicht zum Zuge.
Das zugleich die wachsende Zahl der Websites, Foren und Blogs, auf denen Bücher illegal zum Download angeboten werden, explodiert, zeugt von großer Nachfrage, die die Verlage und legalen Anbieter einfach nicht befriedigen. Es ist wie mit dem iPhone und dem Jailbreak – je mehr Apple mit jeder iOS-Fassung ganz einfache Wünsche der Nutzer befriedigt, desto weniger werden diese zu aufwendigen Tricks greifen, um die Funktionalität ihrer Geräte auszureizen. Je einfacher man also digitale Bücher kaufen kann, umso weniger Chancen haben die illegalen Quellen.
Bei Comics, einem fluideren, überschaubaren aber der Buchbranche nicht unähnlichen und insofern als Erfahrungsfeld besonders spannenden Bereich, zeigt sich das besonders drastisch. Der interessierte Leser bekommt nahezu jedes Mainstream-US-Comic am gleichen Tag von ungezählten internationalen und illegalen Quellen in perfekter Qualität in zwei Standard-Reader-Formaten als One-Click-Lösung. D.h. die illegale Vertriebslösung ist an Komfort – abgesehen von der langen Suche und Werbeeinblendungen natürlich – kaum zu überbieten im Hinblick auf das Endergebnis, weist aber einen ungemütlichen Weg dorthin auf, der zudem den Makel des Illegalen aufweist. Kein Konsument von Büchern, Musik, Filmen oder eben Comics will, dass die Macher leer ausgehen. Die Verlage aber – die die Direktmarktstruktur schützen und vor den in den USA durchaus recht mächtigen Retailern Angst haben – setzen auf proprietäre Lösungen, die geradezu bizarr inpraktikabel sind. Selbst der Vorstoß von DC, ab September monatlich 52 Hefte day&date, also am gleichen Tag wie die Printversion, digital zu veröffentlichen, ist nur ein halbherziger Schritt – wenn die Formate nur in geschlossenen Systemen verfügbar sind, wird es wenig nutzen, zumal der Preis bei Erscheinen auf Höhe der Printausgabe liegt. Das schützt die Händler, schadet aber den Verlagen und damit den Autoren und Kreativen. Offene Formate wie CBZ oder CBR, einfache Download-Möglichkeiten, kein DRM und attraktive Angebote für Subskriptionen sind die Lösung. Hier ist übrigens aus meiner Sicht eine große Chance für kleinere Verlage oder Strukturen, ihre Hefte nicht als Webcomics, sondern in ein einem bewährten Format per Blogsystem und Paypal in Echtzeit abzusetzen und die etablierten Strukturen zu umfahren. Flatrates wären gerade für Comic-Publisher, in denen mehrere Hefte ja meist zusammengehören und eine Art «Universum» bilden, zudem eine attraktive Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen und alte zu binden. Wichtig ist aber, nicht nur einen digitalen Zugang mit proprietären Readern zu geben, sondern Zugang UND Besitz zu ermöglichen und auf offene, einfache Formate zu setzen. Oder zumindest beides anzubieten, also eine Art Unterschied zwischen «Streaming» bzw. Miete und «Download» bzw, Besitz anzubieten, wie es im Video- und Musikbereich längst getan wird.

DRM. Kaufe ich ein normales Buch, so kann ich es weiterverleihen, beliebig oft. Kaufe ich ein eBook, etwa ein DRM-geschütztes ePub bei iBooks oder Borders, kann ich das nicht tun. Hier verliert sich ein wichtiger Aspekt von Buch – das Weitergeben, weiterempfehlen, Teilen. Nook ist da einen (halbherzigen) Schritt weiter, sicher, aber generell ist diese Paranoia ein Malus für das eBook-Genre, der zudem auch nur für «legale» Bücher gilt, also wieder den Graumarkt stärkt. Der AppStore und iTunes beweisen, dass gerade DRM-freie Medien und der Verzicht auf Seriennummern/Aktivierungen usw. umsatzsteigernd wirken und die meisten User ein Modell wie das des AppStore – ein Account, mehrere Nutzungen möglich – akzeptieren. Es ist also vielleicht nicht klug, gerade angesichts der Erfahrungen der Musikindustrie, immer noch auf Rights Management zu setzen. Rückt den Nutzer in den Mittelpunkt der Anstrengungen, nicht den Raubkopierer. Wer einen Supermarkt hat und diesen mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht gegen Einbrecher zu schützen versucht, wird wohl auch nicht viele Kunden mit diesem charmanten Auftritt für sich gewinnen. DRM kills your business.

Formate Die Formatvielfalt – mobi, lit, ePub, PDF und und und – fühlt sich an wie die frühen Tage von Video mit VHS, Beta und Video2000. Warum es diesen Formatkrieg gibt (und das PDF und textbasierte Formate tatsächlich unterschiedliche Vorteile bieten) ist so offenbar wie schade (anscheinend haben die Hardwareanbieter immer noch nichts aus VIdeo- und DVD-Formatkriegen gelernt, so unfassbar das scheint), aber alle Beteiligten – Konsumenten wir Produzenten – können nur von einheitlichen Standards profitieren. Das offene System zumindest halbwegs klarer Standards im Web kann hier Vorbildcharakter haben. Zumindest die XML/HTML-basierten Formate sollten weitestgehend identisch werden. Die flexible Orientierung an populären und simplen Standards ist immer sinnvoll in Umbruchszeiten (es sei denn man hat wie Apple die Marktmacht, eigene Standards einfach durchzudrücken, wie etwa bei iTunes Audio- und Videoformaten… aber diese Macht hat derzeit eigentlich keine andere Unternehmung und selbst Apple musste sich immer wieder dem Markt anpassen, um Erfolg zu haben).

Preise. Warum kostet Wolfgang Büchers wunderbares «Hartland» als ePub im Grunde ebensoviel wie als Hardcover? Obwohl es hier keine materialle Produktion, keine Lieferung, keinen Grossisten, keine Retouren, keine Lagerhaltung gibt und man sozusagen also ein «ideales» Gut hat, das alle Nebenkosten eines realen Objekts nicht mehr aufweist? Das Argument ist nicht neu – und über kurz oder lang werden die Verlage sich dieser (ja berechtigten) Frage stellen müssen und sich möglichst einheitlich auf ein Modell einigen müssen. Hier zu blockieren, auf Zeit zu spielen und erst einmal Anlaufinvestitionen in eine (allerdings nicht sonderlich teure) neue Technologie mitzunehmen, ist nachvollziehbar – aber die Zeit verrinnt. Gut beraten wäre die Branche, schnell ein klar am Kunden orientiertes Modell zu entwickeln. Ich kann verstehen, dass Verlage und vor allem auch Sortiment die identischen Preise phantastisch finden – sie verzögern den Wechsel der Leser zum digitalen Endgerät und sichern so die bestehenden Strukturen – und die Buchpreisbindung hierfür instrumentalisieren. Ich bin auch dankbar für jeden Job, der durch diesen Ansatz gerettet wird. Nur – der Arbeitsplatz wird nicht dauerhaft gesichert, der Wandel kommt sowieso und mit Verzögerung nur umso gewaltiger und durchschlagender. Unnachvollziehbar hohe Preise erzeugen zudem nur einen Graumarkt, an dem dann niemand mehr etwas verdienen wird. Fair Play auch bei den Preisen ist hier ein essentieller Ansatz, den zukünftigen digitalen Markt zu meistern.

Lesen. Man darf sich nichts vormachen – so phantastisch es ist, Bücher digital zu verwalten – kein Regalplatz, grandiose Markier- und Lesezeichenwerkzeuge, Text-Kopierfähigkeit, diverseste Ordnungsmöglichkeiten, so eben doch noch relativ unangenehm ist das Lesen an sich. Neben dem Display ist ein Hauptgrund die Software, die nicht nur generell zu wenig typographisch einwandfreie Schriften bietet sondern eigentlich nur eine winzige Font-Auswahl mit zudem wenig Features. Wichtig wären mehr Schriften, Open-Type-Fähigkeiten und vor allem eine stärkere Möglichkeit für die Gestalter, auch bei textbasierten eBooks Designvorgaben zu machen. Also Schrifteinbettung, optionale Einschränkung der Fluidität des Content und feste Schriftgröße, Zeilenabstand usw (eine Art Designer- vs- Usermode wäre ja denkbar, bei dem ein Buch aussieht wie für das Device «geplant», der Nutzer aber davon abweichend natürlich individuelle Einstellungen vornehmen kann). Sinnvoll wäre eine Balance zwischen Designvorgaben und der Möglichkeit für den Nutzer, gezielt einzugreifen, anstelle des jetzigen Design-Vakuums, bei dem man als Designer in etwa so effektiv arbeiten kann wie im Web vor 10 Jahren. Ich würde gern als Designer eines eBooks gern typographisch und im Layout sehr viel mehr machen können als eine Art aufgebohrte Textverarbeitung. Der erste kleine Schritt hierhin wäre vielleicht eine Möglichkeit geben, eigene Schriften sicher und lizenzrechtlich einwandfrei einzubinden. Ein weiterer Schritt, zudem ein lukrativer, wäre eine kleine Applikation, die gezielt und absolut sicher nur eBooks gestaltet und in der Applikation bereits verschiedene Reader simulieren kann – eigentlich eine Goldidee für den App-Store. Ein Zwischenschritt wäre, PDF deutlich besser in iBooks zu integrieren – GoodReader zeigt ja, das Textauswahl, Markieren und Notizen auch in PDF schnell und einwandfrei funktionieren. So wie es jetzt ist, braucht es beim digitalen Buch keine Designer mehr, das kann jeder Verlagspraktikant (leider!) selbst – und so sehen die Ergebnisse noch aus. An die Schönheit eines gut gesetzten gedruckten Buchs kommt das elektronische Pendant nicht näherungsweise heran. Noch gilt also, dass das Archivieren von Büchern digital mehr Freude bereitet als das Lesen – und das sollte sich mittelfristig drastisch ändern, denn es ist so, als könnte man in iTunes Musik nur in 64 kbit /s und frei von Bässen und Höhen hören oder als könnte das Schlagzeug jedes beliebigen Albums sich nur auf die fünf Drumsounds von Garageband beschränken.

Adobe. Beim Stichwort Gestaltung – es ist ein wenig seltsam, dass man eBooks fast besser in ausgerechnet Pages «layouten» kann als in InDesign, das von zahlreichen kleinen Bugs und einem Adobe-typisch komplizierten Workflow geprägt ist. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit ist Adobe derzeit scheinbar dabei, alle sich anbietenden Möglichkeiten einer Re-Etablierung als wichtiger Softwareanbieter zu ignorieren. ePub, PDF und andereAusgabe-Formate (also auch non-Adobe-Formate wie mobi oder lit) sowie Magazine-Apps müssen leicht, mit einem gewissen Spaßfaktor und ohne zusätzliche horrende Kosten (wie derzeit bei Digital Publishing) als integrierte Features der Creative Suite angeboten werden. Ansonsten verliert Adobe in diesem Bereich ebenso wie zuvor bei Flash und HTML. Nachdem Dreamweaver und Flash rapide an Bedeutung verlieren, und der Macromedia-Zukauf insofern rückblickend verspielt wirkt, bleibt Adobe noch die Printgemeinde mit Illustrator, Photoshop und Indesign. Erstere werden inzwischen teilweise von preiswerterer und schnellerer Software ersetzt (z.B. Pixelmator), die zumindest für Nicht-Profis zu einem Bruchteil der Kosten 80% der Leistung liefert. Aber selbst aus professioneller Sicht ist zumindest der Geschwindigkeitsunterschied zwischen 64-bit Pixelmator und 64-bit Photoshop verblüffend, auch wenn um PS de facto fast kein Weg herum führt derzeit. Das Potential eigener iPad-Apps hat Adobe bisher nahezu vollends unterschätzt. Setzt sich dieser Trend ungebrochen fort, wird es Adobe in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Der Zeitpunkt war nie besser, die Adobe Creative Suite samt aller Funktionen und Lizensierungsmodelle, Preispolitik und Offenheit von Strukturen genau JETZT komplett neu aufzustellen und zu überdenken, mit einem kritischen Blick auf die Stärken von Adobe und die Zukunft von Designproduktion in Print, im digitalen Publishing (in all seinen Formen) und in der möglichst nahtlosen Zusammenarbeit mit Programmierern. Ride the Wave, Adobe, don’t drown in it.

Es ist eine langsame, schmerzhafte Revolution, die sich hier vollzieht – nicht nur aus Branchensicht, sondern eben auch aus Sicht der Nutzer. Was Not tut, ist Beratung und Kommunikation. Die Verlage und Anbieter müssen sich – über Berater, über Workshops, über Verbindungen wie den Börsenverein, an strategischen Orten wie der Buchmesse – schnell und ehrlich mit ihren Kunden und den Lesern kurzschließen und mutige Strategien entwickeln, die gleichzeitig langfristig und flexibel/schnell sein müssen. Wer dies tut, wer das Produkt am Abnehmer orientiert, wer seine Strategie an der wirklichen Zielgruppe – dem Käufer, nicht dem «Dieb» – orientiert, der wird überraschende Erfolge feiern. Zugleich brauchen wir auf der produzierenden und die Verlage beratenden Seite des Geschäfts bessere und standardisiertere Werkzeuge für e-Medien, die erwachsen und ausgereift sind und effizient in den Workflow hineinpassen und als Medium per se überzeugen. So interessant diese Zeit des Umbruchs, der Irrwege und Experimente ist, so teuer und anstrengend ist sie auch – es wird Zeit, dass das junge eBook zumindest in die Teenagerjahre kommt. Und der iTunes-Store allein kann auf Dauer nicht der einzige Weg sein, die Verlage können an Monopol- und Oligopol-Strukturen nicht interessiert sein. Nie war die Zeit besser – für Verlage, Produzenten, Vertrieb und Sortiment – sich auf eine gemeinsame Strategie entlang der Kundeninteressen zu einigen.

17. Juni 2011 08:09 Uhr. Kategorie Buch, Design, Technik. Tag , , , , , , . 13 Antworten.

Fujitsu ScanSnap S1100

hd schellnack

Kein Zweifel – obwohl wir bei nodesign gerade auch gezielt bestimmte Prozesse wieder zum Papier zurückführen… etwa, indem wir nach wie vor Architekten-Zeichenrollen für Skizzen nutzen oder frisch ein großes offenes A3-Moleskine-Skizzenbuch für kollektives Brainstorming-im-Vorübergehen für alle Mitarbeiter eingeführt haben… wird das Leben immer digitaler. Neben den Büchern und der Musik verlieren auch die Dokumente ihre «Form», oder zumindest wird es wichtiger und einfacher, Papierdokumente auch elektronisch und mit Volltext-Suche zur Hand zu haben, anstatt in Ordnern zu wühlen.

Obwohl aber inzwischen ja immer mehr Korrespondenz ohnehin elektronisch läuft, gibt es immer noch Unterlagen und Rechnungen, die ganz klassisch auf Papier kommen. Neben der normalen Ordner-Ablage haben wir im letzten Jahr begonnen, die wichtigsten Papiere mit Evernote zu archivieren. Bisher bedeutete das aber immer, zu einem der Büroscanner zu gehen und per ScanDrop oder Apples eigenen Scan-Import nach Evernote zu importieren, was wenig unintuitiv war und – gerade wenn ansonsten auch viel zu tun ist – mal für Rückstau in den Ablagen sorgte. Das Problem an solchen Dingen ist aber, das man sie nicht tut, wenn sie nicht einfach, schnell, intuitiv und mit einem Hauch Spaßfaktor tun kann. Der ScanSnap S1100 ist eine perfekte Lösung für dieses Problem.

Gerade 28 cm breit und ansonsten nur um die 4 cm hoch und tief ist der Scanner ein Minimum an Technik – selbst aufgeklappt nimmt er auf dem Schreibtisch absolut keinen Platz weg, geschlossen wird er nahezu unsichtbar. Sobald man die vordere (etwas unsolide wirkende) Klappe öffnet, wird die Software auf dem Rechner wach (das Icon ändert sich von grün zu grau) und der Scanner ist sofort, ohne sonderliche Aufwärmphase, nach einem kurzen Surren scanbereit. Das Papier wird einfach frontal eingeschoben, was mit geknicktem oder dünnem Papier manchmal etwas frickelig sein kann – der Scanner schluckt dabei von der Visitenkarte bis A4 jedes Format problemlos und erkennt selbst, egal wo man das Papier einlegt, das Format. Mehrere Seiten lassen sich problemlos scannen, indem man einfach immer das nächste Blatt einlegt – für wirklich lange Dokumente ist natürlich ein richtiger Scanner mit Dokumenteneinzug besser, aber drei bis fünf Seiten lassen sich so wirklich völlig problemlos schnell wegscannen. Der SnapScan kann zwar kein Duplex – also nicht doppelseitige Dokumente vollautomatisch bearbeiten – hat aber eine recht brauchbare Lösung für ein so mobiles Gerät parat: Die oben aus dem Scanner erscheinende Seite kann sofort – falsch herum – wieder in den Scanner eingelegt werden und wird in der Software um 180° gedreht, so dass man relativ flott Vorder- und Rückseiten durchscannen kann.

hd schellnack

Überhaupt ist die Software das eigentliche Highlight des S1100 Ich war – und bin – skeptisch mit diesem Gerät, weil es den TWAIN-Standard nicht unterstützt, also wirklich nur mit der Fujitsu-eigenen Scannersoftware zusammenarbeitet. Andere Programme «sehen» den SnapScan nicht. Dieser proprietäre Ansatz scheint mir nicht sehr entwicklungs- und zukunftsoffen und macht den S1100 zu einer sehr geschlossenen Lösung, deren Nutzbarkeit enorm davon abhängt, wie schnell Fujitsu mit Updates ist und wie gut das Unternehmen auf Kundenwünsche eingeht. Dass die Software weder sonderlich gut aussieht – es sieht enorm nach schlecht portierter Windows-Software aus -, in den Details nicht immer ganz perfekt ist und zudem einiges an Speicher frisst (der ScanSnap-Ordner frisst 720 MB, für ein Scan-Programm generell schon etwas happig), gehört zu den deutlichen Nachteilen dieses Ansatzes.

Zu den Vorteilen hingegen gehört die Leistungsfähigkeit der Scan-Software. Egal, in welchem Format, egal in welcher Orientierung, egal an welcher Stelle des Scanners – eingezogene Dokumente werden analysiert und kommen mit überraschend hoher Treffsicherheit richtig erkannt aus dem SnapScanManager. Pre-Scans und Formateinstellungen sind unnötig, nahezu alles ist automatisiert. Dinge, die ich normalerweise bei einem Scanner verabscheue, die aber hier enormen Sinn machen für einen Desktop-Dokumentenscanner. Man kann eigentlich jedes beliebige Dokument unter A4 einlegen, die blaue Taste des Scanners drücken und sofort wird das Blatt durchgezogen – auch mehrere. Erst danach fragt die Software, was mit dem Scan passieren soll. Und die Möglichkeiten können sich sehen lassen für ein so relativ neues Gerät: Der Scan kann auf der Festplatte abgelegt werden soll, per Mail verschickt, direkt gedruckt, in Evernote eingefügt (als PDF oder JPG), zu Google Text&Tabellen, Word, Excel oder iPhoto geschickt oder per der integrierten Software CardIris von Visitenkarte zu VCF umgewandelt werden. Das Verschicken eines Dokumentes per eMail wird so zu einer enorm schnellen Angelegenheit – einlegen, Knopf drücken, an Mail senden, abschicken. Die Software erkennt automatisch, ob die Unterlagen eher farbig, grau oder s/w zu scannen sind, die «richtige» Orientierung wird bestimmt und in den meisten Fällen kommt ohne ein weiteres Eingreifen des Nutzers eine perfekte PDF mehrseitiger Dokumente in die Mail.

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In Evernote wird der Text vor dem Einfügen per OCR durchsucht – etwas redundant, da Evernote ja genau dieses Feature ja selbst bietet. Der User hat die Möglichkeit, dies abzuschalten und kann auch festlegen, ob Dokumente sozusagen nur «unsichtbaren» Text haben sollen (also durchsuchbar und Copy&Paste-tauglich, aber visuell immer noch «nur» ein Scan), oder ob das Bild komplett zu Text umgewandelt werden soll. Überhaupt sind nahezu alle Features abschaltbar und die Software ist relativ frei konfigurierbar – wobei tatsächlich die Automatik sich im Alltag sehr effektiv erwiesen hat. Es gibt zwar gelegentlich längere Dokumente, bei denen eine einzelne Seite farbig, alle anderen aber grau gescannt sind, aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Die OCR-Funktion scheitert an manchen Fremdsprachen, hat sich im Deutschen und Englischen aber als überraschend gut erwiesen.

Im Workflow würde ich mir wünschen, dass man mit einem einmal getätigten Scan adhoc mehrere Aktionen vollführen könnte – also Drucken und Mailen beispielsweise – vor allem aber wäre eine Art Dokumentenmanagement sinnvoll, in dem man die gescannten Seiten auf Wunsch selbst drehen, in der Reihenfolge anordnen und von farbig auf grau konvertieren könnte – in der Art wie ScanDrop es (sehr ansatzweise) anbietet. Tatsächlich wäre das ohne weiteren Zwischenschritt in das Interface zu integrieren und würde dem Nutzer eine zusätzliche Sicherheit bieten, wie ein Dokument final aussieht, bevor es archiviert oder verschickt wird. Man kann natürlich noch in der PDF an sich mit Acrobat herumwerkeln – aber das geht etwas gegen die eigentlich gedachte Einfachheit der ScanSnap-Lösung. Hier – bei aller Simplicity – etwas mehr Flexibilität zu bieten, täte der ScanSnap-Lösung sicher gut und wäre dem mit 179 € nicht ganz geringen Preis auch sicher angemessen.

Tatsächlich ist der S1100 nur im geringen Maße ein «richtiger» Scanner – und soll dies wohl auch nicht sein. Obwohl er 600 dpi liefert und wahrscheinliche eine Scanqualität, die an die meisten normalen Büroscanner aus Multifunktionsgeräten heranreicht, dient er weniger zum Einscannen von Photos oder hochwertigem Bildmaterial – mehr als eine Art Dokumentenkamera auf dem Schreibtisch oder (mit 350 g ist der S1100 ein Leichtgewicht) unterwegs. Es verwundert fast, das es keinen iPhone/iPad-Adapter und passende Scan-App dazu gibt, denn gerade für das iPad wäre der Scanner ein perfekter Partner. Bei allen kleineren Kritikpunkten ist der S1100 ein klarer Getting-Things-Done-Schatz auf dem Schreibtisch – selten hat es so viel Spaß gemacht, Papierstapel gar nicht erst entstehen zu lassen.

13. Juni 2011 15:29 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Keine Antwort.

Sparrow

hd schellnack

Was als minimalistischer Gmail-Client angefangen hat, mausert sich bereits in der zweiten Überarbeitung zu einem überraschend guten generellen IMAP-Mail-Werkzeug. Sparrow erinnert stark an Reeder (oder umgekehrt) und ist insofern ähnlich intuitiv und angenehm zu bedienen, überzeugt mit vielleicht unnötigen aber ja dennoch schönen Animationen, die ja eben doch auch Teil des Gesamteindrucks sind, und unter der schönen Oberfläche – gegen die das ja auch schon nicht unschöne Mail von Apple relativ altbacken wirkt – wimmelt es von durchdachten Details, die auch auf den zweiten Blick das Arbeiten effizienter machen. Tastatur-Shortcuts bis ins kleinste Details, per Mouse-Geste oder Shortcut zuschaltbare Fensterelemente, eine smarte Nutzung von IMAP-Ordnern als «Label» – unter der schicken Fassade haben sich die Entwickler spürbar Gedanken gemacht, wie eine sehr schmale aber sehr leistungsfähige Mail-Verwaltung funktioniert, die Mail tatsächlich nicht vollständig ersetzt, aber im Alltag für Read-and-Reply mehr als perfekt ist. Mail selbst hat deutlich stärkere Filter-Features, ist sehr viel stärker im Sortieren von Inhalten und beim lokalen Archivieren von Mails – Sparrow fühlt sich dagegen eher so an wie ein iPhone-Client, klein und immer zur Hand. Per Tastaturkürzel steht Sparrow immer für eine neue Mail zur Verfügung, ohne in das Programm selbst wechseln zu müssen – und auch die Quick-Reply-Lösung wird schnell zur festen Angewohnheit, zumal das Zitieren von Mail-Inhalten durch die Arbeit in nur einem Fenster deutlich schneller von der Hand geht. Der Konversations-Modus, wie man ihn im Ansatz schon von Mail selbst oder besser von Postbox kennt, ist hier zwar nicht völlig ideal umgesetzt (warum sind zitierte Stellen und selbst die neuste Mail «eingeklappt»?), aber schon nach kurzer Eingewöhnung die beste Form, um in Dialogform Mails zu schreiben – gerade in der Arbeit an Projekten ein echter Bonus. War Sparrow bis 1.2 eigentlich aus meiner Sicht keine sonderlich überzeugende Lösung, hat das Update die Software überraschend gereift. Eine einheitliche Inbox und zig Details machen das Tool mit wenigen Ausnahmen sehr, sehr alltagstauglich. Die Facebook-Einbindung mag für manche Nutzer Sinn machen, ist aus meiner Sicht aber eher für private Mails sinnvoll, zumal ich die Anzeige von Profilbildern ohnehin deaktiviert habe und ich – ob das nun Paranoia ist oder nicht – möglichst wenig Apps Zugriff auf FB gebe, man muss sich ja nicht freiwillig zu sehr mit der Datenkrake vernetzen. Sparrow setzt auf Übersichtlichkeit und Minimalismus und ist deshalb sicher nichts für jemanden, der massiv mit der Möglichkeit, direkt auf dem IMAP-Server Ordner anzulegen arbeitet, denn diese sind nicht so direkt zugänglich wie etwa in Mail. Andererseits ist die Nutzung eben solcher Ordner als «Labels» eine gute Idee – es wäre nur schön, wenn der Zugriff besser ist. So kann man etwa aus der «Unified Inbox» nicht auf auf die Labels bzw IMAP-Ordner zugreifen, weil diese ja einem bestimmten Account zugeordnet sind. Das sollte man ändern, ebenso wäre es gut, wenn bestimmte Ordner einfach wie gesendete Mail, Papierkorb in die Seitenleiste aufgenommen werden könnten, entweder im Kontext der einzelnen Accounts oder sogar unabhängig davon – zumal unter den Accounts ja noch reichlich Platz bei den meisten Usern sein dürfte. Vielleicht bringt das für 1.3 angekündigte neue Label-Management da ja eine Besserung. Sehr schön gelöst ist der Favoriten-Stern, der im Grunde der «Flag» in Mail entspricht. Mit einem Stern versehene Mails haben einen eigenen Folder im Account und sind so schneller wiedergefunden als mit der dezenten Flagge in Mail (was man im Mail freilich mit einem Smart Folder auch lösen kann). Es wäre fast schön, wenn dieser Stern mehr könnte – etwa farbliche Dringlichkeitsstufen – aber im Grunde ist es so simpel ja auch sehr handlich. Sparrow zeigt den üblichen Kampf zwischen Features und Minimalismus und entscheidet sich überwiegend für letzteres. Einfach gesagt sind Mail oder auch Postbox deutlich bessere Werkzeuge für das Verwalten von Mail, fürs Suchen, Archivieren, Dokumentieren – wo Sparrow sich durchsetzt ist das fast Instant-Messenger-artige Interface, das das Schreiben und Beantworten von eMails enorm beschleunigt. Man kann darüber diskutieren, wie gut das an sich ist – Effizienzexperten raten ja etwas weltfremd oft dazu, nur zwei- oder dreimal am Tag eMails zu beantworten – aber für Nutzer, die relativ viel über Mail kommunzieren ist ein schnelleres und auf Dialogstrukturen optimiertes Mailprogramm natürlich ein Segen. Und Sparrow – trotz aller kleiner Fehler und trotz der Tatsache, dass man dennoch nicht um Mail herumkommt – entwickelt sich kontinuierlich in diese Richtung, wird durch recht viele individuelle Optionseinstellungen minimalistisch und funktional.

29. Mai 2011 09:40 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 7 Antworten.

Adobe goes iPad

hd schellnack

Ganz generell ist man ja schon fast dankbar, dass Adobe das iPad überhaupt zur Kenntnis nimmt. Jenseits einer eher mauen Photoshop-Express-Version, deren Funktionsumfang nur durch das «Gratis»-Preisetikett zu rechtfertigen ist, scheint der Zwist zwischen Adobe und Apple so tief zu gehen, dass Adobe hier anscheinend einen ganzen Markt verpennt, in dem andere Firmen mit Bildbearbeitung, Filtern und auch den ersten Vektor-Zeichentools durchaus Fuß fassen. Zwei Jahre nach dem Release des iPad gibt es nichts ernsthaftes in Sachen Creative Suite, was auf dem iPad funktioniert – obwohl ich es für durchaus denkbar halte, via Dropbox eine App mit Indesign so zu verzahnen, dass man zumindest Texte und leichte Grafikkorrekturen machen könnte.

Als ersten Schritt in Richtung Apple kommen nun drei Apps von Adobe, die eigentlich ebenso gut auch eine App hätten sein können, dürfen und vielleicht müssen, mit denen man nun ein bisschen Fingermalen darf, Farben anmischen kann und eine Art rudimentäre Fernbedienung für die Werkzeugleiste. Die ersten beiden bringen mir ehrlich gesagt relativ wenig – zumal das Malen mit bloßen Fingern auf dem iPad vielleicht bei David Hockney zu guten Ergebnissen führt, bei mir ist der Finger als Werkzeug nur bei kühlen klimatischen Bedingungen ein geeignetes Mal- und Schreibwerkzeug, wobei das ja mit dem Stift umgehbar ist… nur kann ich dann auch direkt mit dem deutlich überlegenen Intuos direkt in PS arbeiten.

Was «Nav» angeht, so ist inzwischen der Wow-Effekt der Kommunikation zwischen einer Desktop-Applikation und einer iOS-App via WLAN relativ verflogen in Zeiten, wo ich über 3G von jedem beliebigen Ort per Screens meinen ganzen Rechner fernbedienen kann. Das User Interface ist grässlich, die Funktionalität erinnert an eine Amateur-AIR-App. Und was es tatsächlich bringt, abgesehen von einem rasant leergesaugten Akku, ist minimal, weil ein Switch zwischen Werkzeugen oder das Öffnen von Bildern zumindest bei mir schneller und natürlicher über die Tastatur stattfindet – oder zur Not auch per Maus, die man ja eh in der Hand hat und auch in der Hand haben muss, weil «Nav» wirklich nur den Wechsel zwischen Tools erlaubt, nicht aber ihren touchscreenbasieren Einsatz (à la Wacom Cintiq). Der Zusatznutzen von «Nav» eröffnet sich mir insofern eher nicht.

Und hier zeigt sich ein Wandel, den es seit einiger Zeit spürbar gibt, den aber der App Store sehr greifbar und konkret macht – das Ende der großen Software-Anbieter. Ungeachtet der Logistik-Stärken, die eben das Internet als Vertriebsweg zunehmend unwichtig macht, ungeachtet der gefüllten Kriegskassen für Zukäufe von bestehenden Firmen… Microsoft, Adobe und Konsorten schwächeln angesichts eines ätherisierten Verständnisses von Software, das so völlig anders ist als noch vor zehn Jahren. Apple ist die eine noch bestehende Ausnahme, weil sie durch eine glückliche Fügung so viele Standbeine haben, dass die Software halt mitlaufen kann beziehungsweise von den Spielbeinen beflügelt wird, etwa durch die Präsenz im Appstore, und weil die Firma mit Produkten wie Garageband oder Pages/Keynote relativ schnell auf das ja eben eigene Produkt iPad reagieren konnte, während es immer noch kein «Office 2011» für iPad gibt, außer indirekt eben von Drittanbietern. Wobei man sich nichts vormachen darf – nahezu alle Software-Launches der letzten Zeit von Apple hatten Probleme, die auf die Firmengröße rückführbar sind.

Aber generell hat das Web – und die Appstores – die Vorteile großer Softwareanbieter weggewischt, egalisiert. DVD-Brennwerke, Packagedesign – alles egal. Mit einer passablen Website, etwas Eigen-PR via Twitter und den üblichen Gadget-Blogs, Mundpropaganda und gutem Support kann eine gute Software von einer winzigen Firma über Nacht zum Erfolg werden und Standards setzen (und genau so schnell durch die nächstbessere Lösung obsolet gemacht werden). Die Applikationen, die ich auf dem iPad, aber eben auch auf dem Desktop-Rechner zunehmend verwende, stammen von kleineren Anbietern, oft Ein-Mann-Firmen. Das ist ein großer Umbruch in der Entstehung und im Vertrieb von Programmen, der mir derzeit auch unumkehrbar scheint. Und er macht Sinn, wenn man sich die Preise ansieht. Adobe und Microsoft nutzen eine – vor allem bei MS schwindende – Monopolstellung, um überzogene Preise durchzusetzen, und verpassen dabei, wahrzunehmen, wie sehr ihr Monopol wankt. Längst wirkt die Creative Suite so überfrachtet, unnötig kompliziert und schlecht zusammenpassend (während an anderer Stelle wieder an bestimmten Features durchaus eher fehlen), dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, bis bessere Alternativen emergieren, so wie Indesign Quark ersetzt hat. Die Entscheidung, iPad-Publishing mit einem hohen Preis als Online-Modell zu realisieren, wird sich hier langfristig als großer Fehler erweisen, ebenso die schlechte Content/Form-Verzahnung bei Indesign. Adobe reagiert nur langsam und schlecht auf Veränderungen im Webdesign und hat Dreamweaver und Flash förmlich verkommen lassen und schlägt selbst aus der Tatsache, mit PDF und SWF zwei grandiose Formate in der Hand zu haben, kein großes Kapital mehr, was an ein Wunder grenzt. Microsoft hat es in zehn Jahren nicht geschafft, aus dem Dauerbrenner Powerpoint auch nur näherungsweise ein vernünftiges Präsentationswerkzeug zu machen, es fühlt sich immer noch an wie Textverarbeitung 1990.

Auf der anderen Seite bieten namenlose Firmen smarte, sehr gut programmierte Tools an, die verblüffend liebevoll gemacht sind und im Alltag exzellente Arbeit leisten. Von welchem Ende der Welt diese Programme dann kommen, ist fast egal, und es ist fast egal, ob es iOS oder OSX-Programme sind, zumal diese künstliche Trennung in den kommenden Jahren sicherlich zunehmend verschwinden wird. All diese kleinen und großen Programme – Reeder, Writings, Byword, FocusWriter, Drops, Forklift, Omniplan und -focus, ComicZeal, iThoughts, TotalFinder, Alarms, GrandTotal, Frizzix, Saldomat, CopyPaster, iOutbank, Screens und und und – stammen von kleinen Firmen und selbst Größen wie Dropbox oder Evernote fühlen sich «klein» an gegen Microsoft und kommen eben mit wachsender Größe an bestimmte Grenzen. Denn gerade bei den kleinen Apps wird klar, wie schnell und reaktiv Updates sein können. Wenn etwa ein Zevrix-Plug-In wie LinkOptimizer ein wichtiges Feature vermissen lässt, reicht eine freundliche Frage und das nächste Update zwei Tage später kann’s. Es ist ein fast surreales Erlebnis in Sachen Service, wie freundlich und offen kleine Firmen für Anregungen sind – und wie klar sie aber auch wissen, was für sie nicht machbar oder gut wäre. Es ist ein extrem faires Modell – und zugleich übrigens der beste Schutz gegen Raubkopie. Von anonymen Großfirmen überteuerte Software «klauen» ist ja vielleicht eine Sache – aber bei kleinen Machern ist schnell klar, dass nur über Verkauf und faires Miteinander eine Pflege und ein Fortbestehen des Programms gegeben ist. Es entsteht so eine vergleichsweise faire, aber kleinere Mikrostruktur, die ein wenig an den Selbstvertrieb von Musik erinnert und es ist nicht ohne Grund, dass Kickstarter auch für Software eine Plattform sein kann. Während es für Monolithen wie Microsoft strukturell fast undenkbar war (und ist), halbwegs direkt mit Endverbrauchern in Kontakt zu kommen, suchen die jüngeren Entwickler diesen Kontakt vom ersten Moment an. Man muss kein Prophet sein, um in diesem Modell ganz generell eine Zukunft für kreative Leistungen aller Art zu entdecken – Musik, Bücher, vielleicht sogar Design und Architektur. Weg von den Moloch-Strukturen, hin zu projektgerechten und engagierten Größen, die ein one-on-one ermöglichen. Ich habe beispielsweise nie verstanden, warum so viele Auftraggeber in der Architektur mit Foster zusammenarbeiten, wo doch klar ist, dass Sir Norman mit der Firma, die seinen Namen trägt, nicht mehr allzuviel zu tun hat und man eigentlich einen Finanzdienstleister beauftragt, dem es primär ums Geld geht und dessen große Struktur man schlicht mit bezahlt. Entsprechend habe ich mich gefreut, dass Google mutig genug war, anders als Apple, nicht auf die übliche Foster-Lösung zu setzen, oder einen der sehr großen US-Architekten zu nehmen, sondern das vergleichsweise kleinere Büro Ingenhoven zu beauftragen, wo eine viel individuellere Zusammenarbeit machbar ist. Das ist eine richtige Entscheidung. Analog bin ich immer geknickt, wenn wir in Pitches gegen Metadesign oder JvM verlieren – Büros, die gar nicht in Pitches gegen uns bzw wir gegen sie spielen dürften -, durchaus auch bei Jobs, wo das Budget solche Großagenturen gar nicht hergibt. Nicht, weil uns ein Auftrag entgeht (es kommt ja immer etwas anderes rein), sondern weil es für den Auftraggeber, mit dessen Problemen und Zielen man sich ja intensiv identifiziert hat im Rahmen einer Lösungsfindung, die falsche, nur vermeintlich «sichere» Lösung ist. Entsprechend mies ist das, was dabei meist am Ende rauskommt.

Der traurige Stand der Dinge bei Adobe belegt, dass ein Ende der «Big is beautiful»-Ära präsent auch in der Softwarebranche angekommen ist. In Zukunft werden sich große Strukturen zunehmend fragen müssen, ob man sie noch braucht. Digitaler Direktvertrieb und das Internet machen es möglich, klein anzufangen und nach Bedarf atmend zu wachsen, sich selbst zu vermarkten. Auf diesen Power Shift in dem Verhältnis zwischen Musikern und Labels (die ja inzwischen mehr Kreditgeber sind) oder Autoren und Verlagen, zwischen Programmierern und Salesmen, ist die Industrie offenbar kaum vorbereitet, auch wenn ich sicher bin, dass in den Strukturen smarte Leute längst die Alarmglocken läuten. Was soll einen Autor noch abhalten – ob Newcomer oder Bestsellerschreiber – seine Werke mit geringer Startinvestition direkt via iBooks oder als App zu vertreiben? Sobald Apple den «Independants» die Tore öffnet wird es den größten Umbruch in der Verlagswelt geben, den man sich vorstellen kann. Mit dem AppStore ist dieser Umbruch – prägnanter noch als in der letzten Dekade per Direktverkauf online – längst im Softwarebereich vollzogen. Größe spielt (fast) keine Rolle mehr, Service, Tempo, Qualität sind entscheidend – und gute Bewertungen, die daraus resultieren.

Adobe täte gut daran, sich schnell und konsequent auf diese neuen Verhältnisse einzustellen, kleiner, fairer, schneller zu werden und sich vom Marketing wieder auf die Programmierung zu refokussieren – denn die Marktmacht des Giganten wird zunehmend unwichtig. Die ja immer noch recht gute Softwarebasis gilt es aufzubauen, auszubauen, reaktiver zu bekommen und für neue Plattformen umzusetzen. Ansonsten wird der Tag kommen, an dem der Preisunterschied zwischen Photoshop und sagen wir Pixelmator nicht mehr zu rechtfertigen ist. Und sich die Frage stellt, ob man iPad-Newsmags wirklich noch mit Indesign layouten will oder ob es nicht eine integrierte, viel bessere Lösung eines kleinen Anbieters gibt, die im Endeffekt besser funktioniert. Und auf diese Frage hat Adobe derzeit keine überzeugende Antwort, leider.

10. Mai 2011 17:32 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 2 Antworten.

iPad 2

hd schellnack

Im Grunde lohnt sich nach den ausgiebigen Reviews aus den USA und angesichts der ja wenig umwerfenden neuen Features des iPad2 eine echte Auseinandersetzung mit dem Gerät kaum – es ist einfach ein Upgrade und wer das iPad 1 kennt, kennt auch die zweite Generation. Also nur ein paar erste Eindrücke:

Es gab tatsächlich eine Schlange. Ich hab das nicht geglaubt und bisher auch nicht erlebt, aber da standen tatsächlich bis vor die Tür Leute für ein Stück Hardware. Never underestimate the power of smart marketing (and scarce goods). Ich selbst hatte Gott sei Dank vorbestellt und konnte einfach so rein und es abholen, vielleicht auch, weil das 64 GB 3G vielleicht nicht ganz so nachgefragt ist wie die anderen Modelle. Steffi, die draußen wartete, erzählte, ein alter Mann sei im Vorbeigehen stehen geblieben und habe sich nach einigem Betrachten der Schlange erkundigt, was es denn hier gratis gäbe. Sie: Das neue iPad2. Er: Was? Sie erklärt ihm, was es ist, er will wissen, warum die Leute dafür anstehen und was daran nun so toll sei. Nach einer Erklärung fragt er: Und was kostet das Ding? Steffi: So ab 500 Euro. Er tritt drei Schritte zurück und wendet sich an die wartende Menge: Sie haben alle fünfhundert Euro in der Tasche hier? Und wandert kopfschüttelnd weg, um sich auf dem Rückweg noch einmal bei jemand anderes zu erkundigen, wahrscheinlich weil er vermutet hat, Steffi wolle ihn veräppeln. Der Mann hat ja recht, muss man sagen. Wir leben in seltsamen Zeiten, dass man auf ein Luxusgut wartet als wäre es Obst in der DDR.

Das Pad an eine weitestgehend undramatische Weiterentwicklung des Vorgängers. Die Wahrheit ist – und das gilt inzwischen ja fast durchgehend für Apple-Produktzyklen – es keinen zwingenden Grund für iPad1-Besitzer, zu wechseln. Das Gerät wendet sich scheinbar eher an Neueinsteiger, die ohne irgendeine Art von Kamera nicht leben konnten. Ansonsten bietet es zum gleichen Preis eine solide technische Weiterentwicklung, die wie immer ein paar Wünsche offen lässt und wie immer aber auch nett ist. Der größere Arbeitsspeicher, der schnellere Prozessor und die verbesserte Grafikleistung ist im direkten Vergleich zwar spürbar, dürfte im alltäglichen Gebrauch aber nach einer Woche so selbstverständlich geworden sein, dass man es nicht mehr merkt. Apps starten etwas schneller und gerade beim Umblättern von Magazinen «hängt» es einen Hauch weniger. Sync von iTunes scheint schneller zu laufen und auch der Online-Sync wirkt einen Hauch sportiver – oder bildet man sich so etwas vielleicht auch einfach ein? Dennoch sind leistungshungrige Applikationen immer noch langsam und die Arbeit mit großzügig bebilderten PDF in Minimal Folio zwingt die App immer noch zu einem langen verpuzzelten Aufbau der Seite. Auch die Zeit und PDFs in GoodReader haben noch spürbare Aufbauprobleme – ein Wunder darf man also vom iPad2 auch nicht erwarten. Aber etwas «snappier» wie es so schön bei Apple heißt ist die Sache schon – vor allem der Wechsel zwischen Applikationen ist flüssiger geworden. Aber nun auch nichts, was vom Stuhl wirft.

Die Kameras sind in der Tat ein Alptraum. Ich kann verstehen, dass man irgendwo ein Auge auf den Preis haben muss, aber ich hätte mit Vergnügen mehr Geld für die Kameraleistung aus dem iPhone bezahlt. Für mehr als einen kurzen Snapshot in Evernote reicht es einfach nicht. Die Bilder sind düster und rauschig und niedrig aufgelöst. Man kann argumentieren, dass man mit einem 10″-Gerät nun auch keine Unterwegs-Photos machen will, aber tatsächlich macht gerade eine gut aufgelöste Kamera im iPad Sinn, um Dokumente zu «scannen». Die Videoleistung ist entsprechend – vergleichbar mit dem iPod Touch – mau, aber ausreichend. Positiv ist, dass man natürlich mit dem unhandlicheren iPad sehr viel ruhiger, weil zweihändig filmt, als mit dem iPhone, und der Bildschirm dabei die Wucht ist – Video macht hiermit ziemlich viel Spaß. Wie bei allen iGeräten werde ich aber das Gefühl nicht los, dass die Brennweite für Video schlecht ist, du bist immer zu «nah» dran, das 28-mm-Equivalent etwa der Canon fühlt sich sehr viel natürlicher an, wenn man Räume oder Situationen festhalten will.

Der Bildschirm ist weitestgehend unverändert. Als einzigen Unterschied kann ich feststellen, dass bei schrägen Blickwinkel Schwarztöne weniger schnell ins blassrötliche kippen. Mehr Auflösung, und sei es nur 1280 oder 1440, wäre schön gewesen. Aber andererseits kann ich verstehen, dass die Grafikprozessoren damit wahrscheinlich noch zu viel zu kämpfen hätten und vor allem auch die Developer schon wieder nach nur einem Jahr eine Auflösungsanpassung vornehmen müssten – man sieht ja beim iPhone, dass es teilweise anscheinend ein Jahr dauert, bis das mal umgesetzt wird und einige Apps laufen immer noch mit Prä-Retina-dpi. Für ein Lesegerät ist die Auflösung des iPad nur leider eben dennoch einen Tick zu pixelig, da darf man aufs iPad 3 hoffen. Interessant, wie immer bei neuen iOS-Geräten, ist, dass der Bildschirm sich glatter anfühlt, responsiver ist. Ich denke, das liegt wahrscheinlich daran, dass die oleophobische Beschichtung mit der Zeit im Gebrauch abnimmt und das Display sich «stumpfer» anfühlt. Apropros öl- und fettabweisend: Natürlich ist auch dieses iPad binnen weniger Minuten von Fingerabdrücken übersäht. Gar nicht anders denkbar. Dies ist die Sorte Gerät, die man eigentlich nicht mehr rhotographieren kann, sondern nur noch aus Renderings oder Photoshop-Montagen antiseptisch clean hervorkriegt.

Der Sound ist definitiv besser, alles andere wäre auch undenkbar gewesen, schlechter als das iPad1 ist ja kaum denkbar gewesen. Du hast natürlich kein Stereo (immer noch nicht) und von Bass darf gar keine Rede sein, aber man kann Musik tatsächlich wahrnehmen und einen Film sehen und dabei den Ton ohne Kopfhörer hören. Tatsächlich habe ich mich dabei erwischt, dass ich die Lautstärke reduziert habe. Am iPad – wie ungewohnt. Der Sound ist blechern und in voller Lautstärke etwas kratzelig, aber das hier ist ein echter Schritt nach vorn, der eigentlich nur umso deutlicher macht, dass man zwei Speaker bräuchte und zwar ideal einen weiteren oben am Gerät.

Gewicht und Größe sind natürlich wichtige Faktoren für diese Sorte eines mobilen Clientgerätes und das iPad2 legt hier einen soliden Unterschied hin. Einfach gesagt ist etwa die Dicke des jetzt geraden Seitenrahmens einfach verschwunden. Dünneres, aber härteres Glas und dünner Akkus haben den Formfaktor drastisch verjüngt. Auf Photos lässt sich das schwer darstellen, man muss beide Geräte mal in der Hand gehabt haben, das iPad 2 fasst sich einfach (noch) etwas weniger wie ein Stück Hardware an, fühlt sich noch mehr wie etwas an, das eigentlich gar kein Computer mehr sein kann. Durch die sanft abgerundeten Ecken liegt es ausgezeichnet in der hand, wenn auch der jetzt recht spitze Übergang zwischen Display und Aluminium etwas und schön an das Air erinnert. Wer im Bett lesend das iPad auf der Brust abstützt, hat es jetzt nicht mehr einen breiten Rand sondern mit einer eine zwar stumpfen, aber doch deutlich spürbaren und unangenehmen «Kante» zu tun. Da der reine Gewichtsunterschied nicht so drastisch ist wie die reduzierte Größe, fühlt sich das iPad2 ungewöhnlich kompakter an, weil mehr Gewicht auf weniger Fläche verteilt scheint. In der Praxis ist der Gewichtsunterschied von um die 10% kaum spürbar – es ist immer noch subjektiv um ein Drittel bis 50% zu schwer im Vergleich zu einem Buch, selbst einem Hardcover, um sich wirklich «angenehm» anzufühlen.

Das Upgrade läuft wie immer bei Apple – Backup und Neuaufspielen. Ich würde mir wirklich wünschen, dass dabei die Anordnung meiner Apps beibehalten wird. Da Apple es selbst mit iTunes nicht gerade zur reinen Freude macht, zig Applikationen zu sortieren, wäre es nicht zuviel verlangt, wenn diese bei der Migration auf ein neues Gerät dann dort auch wieder genau so vorzufinden wären. Gerade bei einem Gerät, dass sich auch an Einsteiger wendet – obwohl, tut es das wirklich? Ist das iPad nicht teilweise viel komplizierter als jeder Rechner? – ist es seltsam, wenn die Neueinrichtung in zwei Schritten (Wiederherstellung und Sync) stattfinden muss und der Nutzer dann App-Reihenfolge sowie nahezu alle Passworte für Mail, Applikationen, Web und so weiter wieder neu eingeben muss. Man hat den Nerv ja nur einmal im Jahr, idealerweise, aber es erscheint mir unlogisch. Wenn ich ein Gerät wiederherstelle in der Migration sollte es auch weitestgehend 1:1 gespiegelt werden. Die Passworte kann man noch unter «Sicherheit» verbuchen (wäre aber auch eleganter lösbar), für die App-Anordnung finde ich keinerlei logischen Grund. Wer hier viel mit App-Ordnern arbeitet – ich nicht so sehr, aber ich kenne einige Leute, die ihr ganzes System damit verwalten und nur einen einzigen Bildschirm mit Ordnern haben, in denen die Apps abgelegt sind – muss nach einem solchen Wechsel doch schier wahnsinnig werden. Zumal das Ordnen der Apps auf dem Gerät selbst ein Alptraum ist, es geht faktisch nur in iTunes und auch dort weitestgehend spaßfrei. Der Wechsel der SIM-Karte ist zwar etwas frickelig – der Tray ist in den abgerundeten Ecken etwas suboptimal verbaut und es braucht schon etwas Fingerspitzengefühl, um das wieder zusammenzuschieben – aber fast wider meiner Erwartung lief die Sim ohne neue Aktivierung durch O2 einfach bestens weiter, ohne Passworteingabe oder andere Provider-Mätzchen.

Die Software ist identisch mit der vom iPad1, mit Ausnahme der Tatsache, dass iMovie hier natürlich ohne Trickserei läuft und Factetime, das völlig sinnfreie Photobooth sowie Kamera-App dazugekommen sind. Interessant ist, dass die über X-Code zu aktivierenden Vierfinger-Gesten für das Schließen und Wechseln von Apps – die den Home-Button faktisch überflüssig machen – etwas satter und schneller laufen, am iPad 1 war das manchmal etwas ruckelig, hier ist es sanft und glatt, wie es sein sollte. Ich kann verstehen, warum Apple mit Rücksicht auf Einsteiger und App-Kompatibilität diese Gesten deaktiviert hat, aber ehrlich gesagt ist es ein Jammer. Das direkte Wischen zwischen Anwendungen ist unverzichtbar geworden und die Geste zum Schließen von Apps so natürlich, das eine ganz neue Freude an der Bedienung des Gerätes aufkommt, weil man nicht mehr immer den zunehmend dusseligen Button braucht, der nicht in den Flow des Arbeitens am Touchscreen passen will. Fehlt eigentlich nur noch eine Geste für eine Art Exposé, die alle offenen Anwendungen zeigt – das Hochziehen für die Taskbar ist ja nahe dran, aber Expose mit einer Art «Öffnen von Fünf Fingern»-Geste wäre grandios. Jeder, der ein iPad hat, muss sich eigentlich X-Code holen und diese Option nutzen, es wertet das Gerät ungemein auf. Nicht umsonst ist X-Code im MacAppStore ja bei den Bestsellern, so viele Entwickler kann es gar nicht geben ;.-). Facetime dürfte mittelfristig die Art, wie wir über Videotelefonie denken, revolutionieren. Es ist einfach, smart und dürfte in einigen Jahren zumindest bei Benutzern von Apple-Geräten allgegenwärtig sein. Die Sache hat allerdings einige Haken: Ohne 3G macht es die Sache noch sehr eingeschränkt Sinn, man fühlt sich ein wenig in die Zeiten von kabelgebundenen Telefonen zurückversetzt. Richtig genial wird es erst, wenn man von unterwegs auch Video-Abstimmungen machen kann. Auch die Anbindung an eine Apple-ID kann ein Problem sein – einerseits macht es Sinn, wenn ich angerufen werde, dass nun MacPro, Air, iPad und iPhone «klingeln», irgendwo könnte man mich ja erreichen. Andererseits kann ich aber nicht ohne weiteres von einem meiner Devices «nach Hause telefonieren», also von unterwegs ins Büro – jedenfalls nicht an den eigenen Rechner. Die fehlende Möglichkeit, mehrere Userprofile auf dem iPad verwalten zu können, wirft hier ihren Schatten voraus, bei einem Gerät, das so offenbar für gemeinsame Nutzung angelegt scheint. Andererseits will Apple natürlich ein Familiengerät, das nicht geteilt wird, sondern von möglichst vielen Mitgliedern individuell gekauft werden muss. Unschön ist auch, das bei einem Anruf vom iPhone das gesendete Bild des iP ungemein pixelig wirkt auf der viel zu großen 1024er-Fläche, die eine Bildauflösung bräuchte, die die meisten Datenverbindungen heute überfordert. Garageband ist eine der Applikationen, die von dem schnelleren Prozessor bereits spürbar profitiert, der Wartefaktor beim Wechsel von Instrumenten und selbst beim Start ist geringer und «Leistung optimieren» scheint einen Hauch seltener zu erscheinen. Spielt man nicht auf einer harten Oberfläche scheint mir auch die über den Bewegungssensor simulierte Anschlagsdynamik von Tasteninstrumenten zwar immer noch etwas unberechenbar, aber deutlich reaktiver und «echter» als vorher. Ich denke nicht, dass dies am neuen Gyroscope liegen wird, und vielleicht ist es auch nur Einbildung, aber da Garageband eine der besten App fürs iPad schlechthin ist, bin ich für jede Verbesserung der «User Experience» froh. iMovie ist ein weiteres kleines smartes Wunderwerk. Es hat zwar «nur» den Leistungsumfang der ja baugleichen iPhone-Software, bietet also keine Möglichkeiten, die Clips in Farbe, Tempo oder Ästhetik an sich zu verändern, profitiert aber ungemein von dem größeren Bildschirm und der präziseren Arbeit mit den Fingern. Es ist fast unfassbar, wie flüssig selbst 720p-Video, Übergänge, einfache Animationen und so weiter von dem kleinen A5-Prozessor bewältigt werden. Umso mehr fragt man sich allerdings, warum die gleiche Firma mit FinalCut eine so derart miese Videosoftware, die selbst auf Hochleistungsrechnern ohne Pre-Rendering kaum einen kurzen Clip meistert, auf dem Markt hat. Ich muss mehr und mehr sagen, ein FinalCut auf iMovie-Basis mit mehreren Spuren, Blend-Modi, professionellen Plugs, freier typographischer und graphischer Elemente-Anordnung und Animation (à la Keynote beispielsweite) würde mir mehr Spaß machen als das, was derzeit als Express oder Studioversion auf dem Markt ist. Als einfache kreative Lösung für Familienfest-Mitfilmer reicht iMovie allemal, und auch iMovie auf dem Mac hat ja durchaus dramatische Schwachstellen (Multitrack, Plug-In-Mangel) – eine beeindruckende Präsentation der Möglichkeiten des iPad ist es aber allemal, weil ein sehr flüssiges Arbeiten möglich ist und – ähnlich wie in Garageband – das Arbeiten ohne Maus überraschend natürlich und «richtig» scheint.

Das Fazit ist wahrscheinlich, dass das iPad einerseits – ungeachtet aller Hardwaredaten – aufgrund der einzigartigen Hardware/Softwarekombination auf absehbare Zeit völlig konkurrenzlos sein dürfte, nichts anderes kann sich bisher an diesem Standard messen und bis die anderen aufgeholt haben, dürfte Apple sich weiterentwickelt haben. Insofern bestand für die Firma vielleicht kein Anlass, sich beim iPad2 gegenüber den Samsung oder Google-Konkurrenten besonders anstrengen zu müssen. Die zweite Generation ist insofern ein irgendwie lässig wirkendes Upgrade, das ein bisschen mehr leistet, aber keineswegs «wichtig» wirkt. Apples smarte Salamitaktik von zeitlich berechenbaren inkrementellen technischen Upgrades, die alle paar Jahre mal von einem dramatischeren Facelift aufgerüttelt werden, bedeutet auch hier, dass iPad1-Besitzer keine schlaflosen Nächte haben müssen und getrost eine Generation überspringen könnten, wenn Kamera oder schmalere Bauweise nicht wichtige Argumente sind. Für die Benutzer, für die bereits das erste iPad zu einer Art ständigen Begleiter geworden ist, der als Buchersatz, als Browser, als Organisationstool, als Notizbuch, als Schreibmaschine und und und inzwischen in den verschiedensten Situationen immer dabei ist, lohnt sich das Upgrade sicher dennoch, weil sich die zweite Generation unterm Strich einen Hauch selbstverständlicher anfühlt, noch weniger «Gerät» ist, noch weniger Maschinencharakter hat. Geringere Wartezeiten und die fast surreal bleistiftschlanke Bauweise – ein normales Telefonmobilteil wirkt dagegen grobschlächtig – rücken das iPad ein Stückchen weiter der von Apple versprochenen «Magie» näher.

26. März 2011 17:29 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . Eine Antwort.

Geduld

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Der wunderbare Schnee der letzten Wochen hat etwas, was lange brodelt, seltsamerweise nicht abgekühlt, sondern zum Kochen gebracht – den Volkszorn. Die Bürger empören sich darüber, dass die Städe trotz Haushaltssperren und schließenden Theatern die Straßen nicht picobello freihalten, nicht genug Streusalz verwenden, nicht oft genug die Straßen wie einen Döner abschaben, dass Müllfahrzeuge sich nicht durch Straßen zwängen, durch die kleine Kfz schon kaum noch sicher kommen und der Müll mal zwei oder drei Wochen liegt. Klaus Kunze, Chef der Essener Entsorgungsbetriebe, gibt in seinem Interview mit Der Westen einen Einblick in die vielen Parameter, die er zu jonglieren versucht – durchaus sympathisch -, und wird in den Kommentaren (der hysterisierten Form des Leserbriefes) dafür angegeifert und persönlich beschimpft. Die Bürger fangen sogar an, Klagen gegen die Entsorgungsbetriebe verschiedener Städte vorzubereiten.

Wegen etwas Schnee, wohlgemerkt.

Zugegeben, um Weihnachten ist etwas dumm, wenn Müll liegenbleibt, weil gerade da viel Papier anfallen kann (obwohl das ja auch schön den Überkonsum verdeutlicht und uns einen Geschmack des eigenen Giftes gibt). Zugegeben, Autofahrten um den 24.12. waren nahezu undenkbar und haben meist mehr als doppelt so lange gedauert und waren oft von der Angst geprägt, in irgend eine Leitplanke zu schliddern. Aber haben wir uns schon so weit von der Natur entfernt, dass wir mit dem Wetter auf Kriegsfuß stehen? Den Sommer bekämpfen wir mit Klimaanlagen und ruinieren dabei unsere Gesundheit, im Winter verlangen wir offenbar, dass ad hoc ein Normalzustand wieder hergestellt wird. Meine Nachbarn haben im Grunde ganztägig gegen den Schnee angefegt und geschippt, damit ihr Teil der Straße (und auch nur ihrer) bitte immer noch so aussieht, als sei Frühling, als sei gar kein Winter. Gut, dafür gab es dann vor ihren Häusern keine Parkplätze mehr, weil sich irgendwann meterhohe Schneeberge am Straßenrand auftun, aber der Bürgersteig als solcher war blitzeblank. Immer. Die Tatsache, dass man auf gefallenem Schnee an sich ausgezeichnet gehen kann – im Wald fegt ja auch niemand und man kann dort bestens unterwegs sein – spielt bei diesem Fegewahn keine Rolle. Es geht nicht um die Begehbarkeit der Straße oder um gesetzliche Vorschriften. Es geht um den Kampf gegen die Natur. Es scheint auch niemand auf die simple Idee zu kommen, sich zusammenzutun und die Straße einfach gemeinsam selbst vom Schnee zu befreien, wenn die Entsorgungsbetriebe die Seitenstraßen nicht streuen. Soviel Anonymität muss selbst in Wohnvierteln sein, wo jeder Nachbar alles über den anderen weiß.

In den USA wäre das übrigens undenkbar. Dieses paternalistische Staatsverhältnis – ich zahle Steuern, dafür musst du mich rundum verwöhnen. Es ist in einem Land wie Amerika vielleicht einleuchtender, vielleicht ticken die Menschen auch nur anders, dass der Staat sich nicht um die Weite des Landes, um jedes Detail kümmern kann. Also machen die Leute es, ganz dem Let’s-Do-It-Mythos einer Nation verpflichtet, die den Wilden Westen erobert hat, einfach selbst, adoptieren Autobahnabschnitte, fegen die eigene Straße, beschneiden die eigenen Bäume. In Deutschland scheint aber schon die Vorstellung, einen Müllsack zum Recyclinghof selbst fahren zu müssen, eine Zumutung zu sein.

Vor allem aber auffallend ist die Ungeduld mit der Natur, die einfach daherkommt und sich in die Planbarkeit des Lebens einmischt. Wer über beheizbare Gehwege sinniert, hat sich endgültig für ein Leben entschieden, das ebenso gut unter einer Plastikkuppel über der Stadt stattfinden könnte, die Regen, aber auch zu viel Sonne, Wind und Schnee, einfach abhält. Mit anderen Worten mutieren wir zu Terrariums-Tierchen, die neurotisch reagieren, wenn ein Parameter der künstlichen Umwelt zu stark variiert wird. Die Wirklichkeit macht uns nervös. Ein zwei Tage ist der Schnee ein Ah-Ereignis, danach manifestieren sich nur noch Ärgernisse, weil der Terminplan derangiert wird. Wenn das Leben ein Güterbahnhof ist, darf uns eben keine höhere Macht die Logistik verhageln. Und da wir in einer Welt leben, in der selbst die Freizeit per Terminplaner organisiert wird (und per Facebook dokumentiert), ist das Leben nun mal ein Güterbahnhof, sorry, lieber Schneemann.

Es ist verblüffend. Die gleichen Bürger, die sich sonst permanent um den eignen Burn-Out zu sorgen scheinen (dem gefühlten Buch- und Pressethema Nummer Eins derzeit), sehen den Schnee nicht als naturverordnete Auszeit, sondern burnen noch ein wenig intensiver dagegen an, wutschäumend. Anstatt Termine zu reduzieren (eine Ausrede hätte man ja), zu Hause zu bleiben, vorm Schneefenster mit etwas Heißem in der Tasse ein gutes Buch zu lesen oder unter der dicken Decke zu kuscheln, wird in den Leserbriefen ein Kryptofaschismus der eisfreien Straße deklamiert, das totale Schneefrei gefordert. Dahinter steckt nicht nur eine unfassbare Entfremdung von der Natur und ihrem Rhythmus, sondern auch eine Ungeduld, die uns alle erfasst hat und der die Realität als solche total egal geworden ist.

Und in der Tat, wir sind verwöhnt. Alles hat sich beschleunigt. Gute Zeiten, um ein fußwippender Ungeduldsmensch zu sein. Amazon liefert nicht mehr nur binnen 24 Stunden, was an sich ja schon verblüffend genug ist, sondern binnen eines Tages bis 18 Uhr. Downloads, die vor zehn Jahren noch den ganzen Tag gebraucht hätten, sind heute ohne Kabel in wenigen Minuten auf dem Rechner. Man kocht nicht mehr stundenlang, sondern blitzdingst sich in Minuten ein Essen aus der Microwelle. Auch im Restaurant denken wir uns anscheinend nichts dabei, wenn Sauerbraten, ein Fischgericht und ein Schnitzel seltsam schnell, seltsam gleichzeitig aus der Küche kommen, selbst wenn die Teller wärmer sind als das Kartoffelpüree – die Frage, wie ein Sauerbraten ernsthaft in 5 Minuten halbwegs seriös gemacht sein soll, stellt man besser nicht. In den Fast-Food-Ketten warten entsprechend schon viele Gerichte verpackfertig vorbereitet auf uns, damit man sie direkt am Autoschalter ordern kann, whambam, von der Bestellung zum Dinner in 2 Minuten, das Herabschlingen braucht kaum länger. Wir tippen nicht mehr mit der fehlerhaft-langsamen Mechanik einer Schreibmaschine, sondern direkt mit Rechtschreibkontrolle eingebaut, verschicken keine Post mehr über zwei drei Tage, sondern eMails im Sekundentakt, Gigabytes davon im Jahr (wären es Postbriefe, wir würden jedes Jahr Schränke von Aktenordnern mit dem ganzen Hin und Her füllen). Wir teilen unsere impulsiven Gedanken unserem Freundeskreis in Echtzeit mit, just in time, kein Warten mehr, es der Freundin morgen am Telefon zu erzählen, sie hat es schon bei Facebook gelesen. Abgeordnete twittern Abstimmungsergebnisse, bevor wir sie aus den Zeitungen lesen, die mit einem Tag Verspätung gegenüber der Newsflut in unseren RSS-Readern sowieso furchtbar lahm wirken. Navigationssysteme bringen uns schnell uns sicher ans Ziel, kein minutenlanges Kartenwälzen mehr vor der Fahrt, kein Verfahren, reinsetzen und losfahren und jederzeit im Blick, ob man es noch pünktlich schafft oder nicht. Notizen schreiben wir nicht mehr ab, eine Software macht das für uns. Medien konsumieren wir nicht mehr in Ruhe, wir zappen zwischen den Kanälen und Angeboten, schnell gelangweilt, wenn eine Handlung oder Information zu langsam kommt, keine neuen Impulse auf uns eindonnern. Dass manche Prozesse einfach physikalisch und mechanisch sind und Zeit brauchen wollen wir zunehmend nicht mehr hören. Für uns Designer bedeutet das oft, dass ein Kunde nicht versteht, warum die 100-seitige Broschüre nicht doch in einem oder zwei Tagen gedruckt werden kann – und oft werden Termine so gebaut, dass man sich wirklich eine Art Digitaldruck in hohen Auflagen wünschen muss. Bei Korrekturen wird, kaum sind die Mails angekommen oder kaum die Änderungswünsche durchgegeben, kaum eine Stunde später nachgefragt, wo die neuen Fassungen bleiben. Egal, wem du heute eine Mail schreibst, wenn sie eine gewissen Länge erreicht und Dinge erklärt, beschleicht dich schon beim Absenden das Gefühl, niemand wird sie wirklich lesen – nicht ohne Grund gibt es ja längst Software, die dem Empfänger den eingehenden Text in eine Kurzfassung zusammenschnürt. Und dass Ideen und Kreativität sich in keinerlei Zeitplan pressen lassen und einfach auch etwas Ruhe brauchen, ist nahezu eine Tabu-Aussage geworden.

Jeder hat es eilig, wenn er nicht gerade als Kind oder Rentner außerhalb des Systems steht und sich das Irrenhaus-Treiben amüsiert anschauen darf und wie Hans-Jochen Vogel amüsiert-schockiert die SMS-Sucht der Kanzlerin aus dem Altersheim heraus kommentieren kann, als zugleich etwas befremdlich wirkendes Symbol einer vergangenen Ära von Schreibmaschinen und Aktenordnern. Aber selbst die Pensionäre, man sieht es in Stuttgart, haben keine Geduld mehr, sich die Umbaumaßnahmen für einen Bahnhof anzusehen, den sie nie mehr nutzen werden. Das gleiche Gefühl, das sich gegen den Winter positioniert – bitte keine Störungen in der Komfortzone – ballt sich hier gegen Bagger und Kräne. Es mag Sachgründe für und gegen S21 geben, aber im Kern geht es um die Frage, wie viel Geduld und Veränderungs-Elastizität wir noch aufbringen können. Selbst die Integrationsdebatte lässt sich auf Ungeduld reduzieren, leider – es scheint, als brächten Sarrazins Jünger den muslimischen Einwanderern nicht die Geduld entgegen, sich langsam in eine Balance zwischen Identität und Integration zu finden. Obwohl dieser Prozess Dekaden braucht und durchaus erfolgreich läuft, scheinen wir als Gesellschaft die Energie zur Hilfe, die Ruhe und Reife für diesen Prozess nicht mehr aufzubringen und zucken nervös zwischen Realitätsverschleierung einerseits und hysterischen Überfremdungsängsten andererseits. Die Wutbürger wippen nervös mit dem Fuß, als wäre ein generationenüberspannender Vorgang ein zu spät kommender Zug, der unser Effizienzkorsett zum Platzen bringt. Wir haben keine Zeit für gesellschaftlichen Wandel, also lehnen wir ihn ab.

Längst sind wir nicht nur ungeduldig, wir fiebern der Zukunft entgegen. Trailer, Leaks und Websites verraten uns Details von Büchern, Filmen und Serien bevor sie überhaupt fertig geschrieben oder gedreht sind, neue Alben kursieren im Web, während die Musiker noch im Studio stehen, Apple stellt Software vor, die erst in einem Jahr überhaupt erscheint – wir werden permanent mit einem Hunger auf das nächste kommende Ding, das nach der nächsten Ecke auf uns wartet, aufgeladen. Wir sind nie mit dem zufrieden, was jetzt ist, sondern hecheln ungeduldig schon der nächsten Etappe entgegen. Ich bin da keine Ausnahme, habe schon als Kind zuerst das Ende vom Krimi gelesen und mag bis heute Spoiler über alles – dieser präkognitive Blitz, der ja immer nur ein Teil des Ganzen ist und der erst Sinn macht, wenn man dann das Buch tatsächlich liest oder den Film sieht. Mein Hang zu Multitasking und Ungeduld ist so alt, wie ich zurückdenken kann – aber wenn solche ADHS-artigen Eigenschaften in der gesellschaftlichen Psyche massenhaft aufblühen, sind es nicht mehr unbedingt positive Features, im Gegenteil.

Wir entwickeln uns nicht nur zu einer hektischeren und oberflächlicheren Gesellschaft, wie von zahlreichen Autoren oft etwas kurzsichtig prognostiziert (wie in Schirrmachers unsagbar schlechtem Buch), sondern vor allem zu einer permanent wütend-ungeduldigen. Witterungsbedingte Verspätungen und Verkehrsengpässe lösen bei vielen Menschen offenbar Gefühle aus, die aus dem Anlass heraus nicht zu erklären sind. Es mag daran liegen, dass in ohnehin unsicheren Zeiten die Bürger angesichts der großen Unwägbarkeiten bei den kleinen, alltäglichen Chaos-Momenten überzogen reagieren, sich sozusagen blitzableitern am Entsorgungsunternehmen, wenn es in Wirklichkeit um die Großbanken geht, die Deutsche Bahn für die Terrorismus-Angst und Wirtschaftskrise büßen muss. Es mag auch sein, dass wie in so vielen Dingen 40% besser zu ertragen sind als 90% – je besser es uns geht, umso schärfer nehmen wir die immer kleiner werdenden Restunterschiede war. Unsere Welt ist schneller geworden, die Befriedigung eines Wunsches nahezu aufschubfrei… umso schlimmer ist vielleicht, wenn doch einmal etwas nicht so läuft, wie man es gewohnt ist. Wo sich unsere Großeltern von Krieg und Wiederaufbau nicht haben beirren lassen, scheint uns schon eine vereiste Autobahn aus der Balance zu bringen.

Natürlich kann es kein Zurück zur Ruhe geben, und ich wäre der letzte Mensch, der das propagieren würde. Die Welt wird schneller und das ist in der Natur unserer Evolution, nicht erst seit einigen Jahren, sondern seit Anbeginn der Geschichte. Eskalation ist menschliche Natur. Dennoch darf man nicht vergessen, das Muße, Ruhe und Nichtstun entscheidende Lebensfaktoren sind. Es ist erwiesen, dass Ideen eine Inkubationszeit brauchen. Informationen sammeln, nachdenken, drüber schlafen, Ideen kommen lassen, das ist die Mechanik der Kreativität -, und das gleiche gilt für das Leben als solches. Es sollte hyperaktive Phasen geben, aber auch Abschaltphasen, Anspannung und Entspannung, Dehnung und Erschlaffung, in sinnvoll-weichen Sinusbewegungen. Ein Gummiband, das immer nur gedehnt wird, reißt nun mal. Das hat nichts mit Burn-Out-Moden zu tun, sondern ergibt sich aus dem Kreislauf der Natur, wo wir solche Wellen immer wieder sehen, das Auf- und Absteigen, Anwachsen und Zurückgehen, Ebbe und Flut. Es schadet also nicht, diese Gegensätze als gut zu sehen und Hemmungen wie Schnee oder verspätete Züge entspannt als Gang der Dinge, als unweigerlichen Bestandteil des Seins zu begreifen, nicht als Hindernisse, die es zu bekriegen gilt. Es ist gut, wenn es schneit und wir langsamer werden müssen. Es ist okay, wenn Müll mal ein paar Wochen länger liegen bleibt – umso mehr wissen wir zu schätzen, wie unsichtbar und reibungslos die Infrastruktur normalerweise läuft. Erst durch das Ausbleiben des reibungslosen Funktionierens wird das uns umgebende Versorgungssystem spürbar, sichtbar. Erst wenn die Bahn zu spät kommt, verstehen wir die Logistik, die dieses Netzwerk normalerweise vorantreibt. Im Scheitern wird also auch die Schönheit eines bestehenden Systems spürbar. Wer den Schnee nicht genießt, sondern sofort manisch solange fegt, bis wieder der Asphalt sichtbar wird, hat vielleicht tatsächlich ein Problem, die Welt zu genießen. Und ist es nicht eigentlich ein tolles Abenteuer, über Schnee und Eis zu schliddern auf der Autobahn, nachts um Drei – kann man das bei aller Panik um das schöne Blech nicht auch mal genießen?

Liebe Leserbriefschreiber und Straßenfeger, liebe Armbanduhrchecker an den Flughäfen, liebe Schlangenvordrängler – ich bin ja genau so ungeduldig wie ihr, genauso übertaktet, genauso unfähig mal ein paar Stunden ohne Twitter oder RSS, ohne Mail oder Medien klarzukommen. Ich verstehe euch ja. Aber es gibt Situationen, da ist es gut, den inneren Kontrollfreak in den Schrank zu stellen und das Leben nicht als Fließband misszuverstehen. Es gibt Brüche, Pausen, Unwägbarkeiten unter der ja nur scheinbar glattgezogenen Zivilisationsfassade, und die kleinen alltäglichen Störungen können als Erinnerung daran dienen, wie fragil die Balance unseres Alltags ist und wie groß der Luxus, den wir genießen. Wir erleben meist keine Orkane, keine Sturmfluten und noch hat uns niemand Hochhäuser weggesprengt – lasst uns verschneie Straßen und rutschige Gehwege, Warten am Bahnhof und unklimatisierte Züge als homöopathische Dosen der Risiken wahrnehmen, die wir gebändigt haben.

Auf keinen Fall aber sollten wir uns nach einer 100%ig kontrollierbaren, klimatisierten, beheizten Welt sehnen, in der es keine Überraschungen mehr geben kann und alle Züge immer pünktlich fahren, alle Briefe immer zeitig eintreffen, es wäre die langweiligste aller Existenzen.

12. Januar 2011 11:46 Uhr. Kategorie Stuff. Tag , , . 13 Antworten.

ChkChkChk: Uebel und Gefährlich Hamburg

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Es ist winterlich kalt in Hamburg und das Ambiente des Uebel & Gefährlich ist auch nicht gerade tropisch-warm, sondern wirkt eher einem dystopischen Gefängnisfilm entsprungen – und vielleicht ist das der Grund, warum die New Yorker bei diesem Gig seltsam verkühlt wirken, vielleicht liegt es auch an den teils tragisch bedingten Umbesetzungen der letzten beiden Jahre, die sicherlich eine Auswirkung auf den Sound von ChkChkChk haben dürften. So oder so, gemessen am Kölner Konzert von 2007 wirkt die Band verhalten, es ist fast symbolisch, dass Nic Offer Shirt und Hose anbehält, und auch ansonsten scheint er eher das Partyanimal zu spielen als es wirklich zu sein. Er flirtet ein bißchen mit einem bauchfreien Groupie in der ersten Reihe, der er einige Tanzschitte zeigt, er posiert wie der junge Jagger, er springt über die Bühne, er macht die Publikums-Anheizer-Sprüche, aber es wirkt etwas routiniert, unecht. Was vielleicht verständlich ist, wenn man sich den Tourplan der Band ansieht, die nahezu pausenlos auf wirschem Kurs durch Europa tourt – wer bei dem Programm und mit so wenigen Offdays noch aufrichtig spontan auf der Bühne ist und nicht bloß «funktioniert» muss übermenschliche Energiereserven haben. Entsprechend fehlt es an den ekstatischen Momenten, denen die Energie aus allen Poren strahlt – diese explosiven Steigerungen, in denen die Band ursprünglich mit unfassbarer Geduld das letzte Prozent Kraft aus ihren ProgressiveFunk-Nummern melkt.

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Aber auch mit 75% haben die !!! genug Power, um die frierenden Hamburger auf die Tanzbeine zu bringen und den dreiviertelvollen Raum ins Schwitzen zu bringen. Wer es nicht besser kennt, dürfte trotzdem mehr als zufrieden den Saal verlassen – die einzig wirklich maue Nummer war die letzte Zugabe, die schon eine gewisse Kehraus-Qualität hatte, ansonsten ist jeder Track Uptempo, trocken und minimalistisch nach vorn geprügelt, belebt von den psychedelischen Gitarren von Mario Andreoni, die zu den bemerkenswertesten Features dieses Konzertes gehörten. Andreoni schraubt sich mit Delay und Effekten zu einer phänomenalen Funk-Schrammelei hoch, die mal an New Order, mal an Niles Rogers erinnert und in den besten Momenten den Sound mühelos dominiert.
Es mag daran liegen, dass vor dem Konzert eigentlich nahtlos die Talking Heads liefen – aber tatsächlich fällt bei dem Konzert auf, wie sehr sich !!! Elemente des Sounds von David Byrne & Co aufgreifen und sich zu eigen machen. Wo die Talking Heads aber unterküht und intellektuell daherkommen, abstrakt und nicht selten kopflastig, fusionieren !!! das zackige Bassgerüst der Heads, die schwirrenden Gitarren und den fast körperlosen Gesang zu einer Art Indie-Funk, der mitunter wenig Bandbreite bietet, selbstähnlich bleibt, aber deutlich mehr für die Tanzfläche geeignet ist. Daran, dass draußen der Schnee rieselt, denkt in diesen zwei Stunden jedenfalls keiner, auch wenn der Schweiß nicht so von der Decke tropft wie man es von Chks bisher kannte.

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2. Dezember 2010 11:39 Uhr. Kategorie Live. Tag , . Keine Antwort.

AluPen

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Sicher, sicher – Steve Jobs glaubt nicht an Stifte und das iPad. Aber natürlich schreibt es sich mit einem Stift viel besser als mit dem bloßen Finger, der ja doch eher unsmooth über die Glasfläche fährt. Nachdem ich den Pogo Stylus eher unhandlich fand und das nicht ganz preiswerte Stiftlein auch binnen von einer Woche seinen Clip verlor, bin ich auf den AluPen gestoßen. Der klobig wirkende Pen wirkt nur auf den ersten Blick unhandlich – der hohle Aluminiumkorpus ist mit Gummi gefüllt und relativ leicht, etwa so schwer wie ein guter Füller, auch die Größe ist sehr angenehm und die große Form passt erstaunlicherweise sehr gut zu der ja auch etwas grobmotorigeren Art, auf dem Pad zu schreiben – weil es einfach noch keinen wirklich guten Stylus fürs iPad gibt, das kapazitative Display lässt keine wirklich «feine» Lösung zu, ist die Schrift ja immer eher so, als würde man mit einem Edding schreiben. Das rundliche Gummiende des Stiftes ist nicht – wie man meinen könnte von Photos – hartes Gummi, sondern innen hohl und federweich, so dass man ganz fluide und natürlich damit schreiben kann und tatsächlich halbwegs lesbare Ergebnisse erzielt … oder in meinem Fall ebenso unleserlich wie meine Handschrift eben auch auf Papier wäre. Auch Skizzen und Zeichnungen gehen hiermit gut von der Hand und mit Software wie Brushes oder Sketch dürfte der AluPen ordentich Spaß machen, sofern man (wie unter anderem ja David Hockney) in der Lage ist, auf dem iPad zu malen. Schön wäre eine Art Clip gewesen, um den Stift zu befestigen – und die große Form lässt sich natürlich durch keine normale Notizbuch-Stiftschlaufe schieben. Andererseits ist der Stift gegenüber dem Pogo so groß, dass man ihn wenigstens nicht permanent verlegt und vergisst und passt ästhetisch und vom Schreibgefühl her absolut makellos zum iPad. Als Notizblock benutze ich meist das wunderschön gemachte Penultimate – eine der wenigen Apps, die nicht meint, Schrift in Vektorformen ummodeln zu müssen, damit es kleine PDFs gibt -, leider gibt es noch keine gute OCR für das iPad (WritePad jedenfalls erkennt bei mir nur Unsinn – hier ist eigentlich eine Marktlücke für FineReader und Co.), aber ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit, bis das besser wird.

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Bis dahin der Tipp, die Notizen, die man sich selbst als relativ kleine PNGs (etwa 110 kbpro Seite ) zumailen kann, in Evernote zu speichern – man hat dann zwar trotzdem nicht eine Textdatei (eigentlich schade, Evernote – das wäre doch ein tolles Feature), aber die Notizen werden auf dem Evernote-Server ausgelesen und man kann seine handschriftlichen Notizen je nach Lesbarkeit ziemlich treffsicher nach Textstellen durchsuchen – immerhin. Bei Kundenmeetings wirkt es immer doch sympathischer, wenn man nicht «tippt», sondern notiert (das iPad an sich ist ja immer noch so ein Ding, das bei vielen Meetings nicht gut ankommt), und man kann auch deutlich besser ohne hinzublicken mitschreiben. Mit dem AluPen funktioniert das auf dem iPad wenigstens ansatzweise lesbar – auch wenn es einen Stift und Papier noch nicht ganz ersetzt. Aber wir haben ja auch noch zig nodesign-Notizblöcke, die sollen ja nicht weggeworfen werden…

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15. Oktober 2010 15:18 Uhr. Kategorie Technik. Tag , . 2 Antworten.

So soll es sein: Webfonts bei Myfonts

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Myfonts sind seit einiger Zeit Taktangeber in Sachen Schriftverkauf im Internet. Seitdem John Collins und sein Team die Site vom häßlichen Entlein zu einer der mit den meisten Features ausgestatteten und viele große und auch kleine Foundries umfassenden Plattform gemausert hat, ist sie zu einem der schönsten Schaufenster für den Fontkauf geworden. Auch wenn ich trotzdem meist direkt bei den ja meist kleinen Anbietern kaufe (die ihre Schriften ja auch oft selbst online vertreiben) oder bei Fontshop – die Smartness und simple Schönheit von Myfonts ist beeindruckend.

Und jetzt zeigt sich Myfonts nach dem Whatthefont-Online-Schrifterkenner und dem neuen smarten Layout, das wir kein zweites typographische Features direkt online testbar macht, erneut als Wegbereiter, indem für etwa 1000 ausgewählte Schriften die Webfont-Lizenz unmittelbar eingebaut haben. Keine Extrakosten. außer bei wirklich ordentlich Traffic auf der Site und selbst dann hält sich der Preis in Grenzen, keine zusätzlichen Lizenzen, die Onlinenutzung als fontface-Kit ist einfach mit dabei. Zwar sind 1000 Schriften, so groß die Zahl klingen mag, nur ein Bruchteil dessen, was auf Myfonts angeboten wird, und die großen Anbieter setzen nach wie vor auf jeweils eigene Miet- oder Kauflösungen – aber es ist ein zaghafter erster Schritt in die Richtung, die Barriere zwischen Print und Web weiter einzureissen.

6. Oktober 2010 11:32 Uhr. Kategorie Design, Technik. Tag , . Eine Antwort.

iWork Update und iDisk

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Mit Pages, Numbers und Keynote hat Apple bereits bei Erscheinen des iPad gezeigt, wie ausgereift Software auf dem mobilen Client sein kann. Trotz aller 1.0-Mängel und trotz eines etwas süßlichen Interfaces bei Pages gehörte vor allem Keynote zu den Apps, die andeuten, wie angenehm sich auch auf dem kleinen Bildschirm und mit Fingern arbeiten lässt. Zahlreiche von der Desktop-Version bekannte intelligente Features, solide Übergänge und die ruckelfreie Wiedergabe machten zumindest denkbar, Präsentationen auf dem iPad weiterzubearbeiten oder komplett zu erstellen. Nachdem ich in den letzten Wochen etwas mit Windows-Powerpoint arbeiten musste, kann man nur sagen, dass selbst die Light-iPad-Version von Keynote mehr auf dem Kasten hat als Powerpoint. Vom Spaßfaktor, sozusagen mit bloßen Händen Text und BIlder zu layouten und förmlich spielerisch zu arbeiten, ganz zu schweigen. Numbers ist eine Software, die ich faktisch nicht brauche, aber mit Pages sind schon so einige Texte geschrieben worden, auch wenn der Sync via iTunes, Mail oder iWork.com so oder so immer etwas nervig war

In der gestern veröffentlichten 1.1-Version nähert sich Apple den Vollversion nähert sich Apple ein Stück weiter der Desktop-Fassung (PDF/XLS/PPT-Export, mehr Features) und bindet beide Softwares an WebDAV-Anbieter und an den konzerneigenen MobileMe-Cloudservice an. Dass Apple Dropbox – sozusagen die spürbar bessere Konkurrenz zu MobileMes iDisk – nicht unterstützt, ist dabei mehr als schade, denn zumindest bei mir lief der Sync mit MobileMe wie gewohnt langsam und umständlich, und die Daten kamen auf meinem Rechner erst an, nachdem ich den automatischen Sync mehrfach ein- und ausgeschaltet und manuell erneut den iDisk-Ordner aktualisiert habe. iDisk ist nach wie vor, freundlich gesagt, ein Desaster und keine solide Plattform für den permanenten Austausch von Daten. Wer eine Weile mit Dropbox gearbeitet hat, kann an iDisk wirklich nur verzweifeln, hier besteht für Apple (wie an so vielen Baustellen) echter Handlungsbedarf in Sachen schnellere Aktualisierung, Tempo, Backups, Verfügbarkeit und Verlässlichkeit. Erst dann wird sich iDisk wieder gegen den Quasistandard von Dropbox behaupten können. Update-Fehler, nicht stattfindende Syncs, hängende iDisk – das Ganze ist ein Alptraum, man kann eigentlich nur mit der iDisk arbeiten, wenn man auf die lokale Kopie verzichtet und sozusagen nur online auf den MobileMe-Server zugreift, was aber bei größeren Dateien aufgrund des recht langsamen Apple-Servers ein ziemlicher Nerv sein kann und auch nicht der Sinn der Übung. Wer einmal erlebt hat, wie unsichtbar und quasi im Hintergrund Dropbox oder sogar Evernote funktionieren, dem kommt iDisk denkbar antiquiert vor.

Ganz generell kommt man hier an den Punkt, wo Apple sich überlegen sollte, ob eine Art simples Filemanagement für iOs/MacOs nicht doch sinnvoll wäre, zum einen, weil dann mehrere Apps auf die gleichen Daten zugreifen könnten und eine Menge fauler Kompromisse wegfielen (Das unglückliche Senden an etwa) und man generell eine Art Öffnen/Speichern für alle Apps hätte anstelle der fast improvisiert wirkenden Lösungen, die es zur Zeit gibt. Den festen Ordner könnte man dann via iDisk, Dropbox, WebDAV, iTunes, WLAN und wasauchimmer aktualisieren/abgleichen und fertig. Je ausgefeilter die Apps werden – je mehr sie fast den Desktop-Versionen gleichen – umso schmerzhafter vermisst man eine Filemanagement-Struktur, die funktioniert. Es ist natürlich so, dass wir Nutzer ein immer hungriges Biest sind, das mit jeder Verbesserung nach weiteren ruft, aber die Tatsache ist, dass mich derzeit am iPad (neben dem fehlenden iOS4) am meisten ärgert, dass es für alles und jedes eine Art Sonderlösung geben muss, die sich meist extrem selbstgefummelt anfühlt, weil jede App ihre eigene Brücke zum Rest der Welt zimmern muss. Ein einheitliches Filesystem mit entsprechendem API wäre hier ein wichtiger Schritt zur Verschmelzung der Apple-Betriebssysteme.

Seltsamerweise ist iA-Writers primitive Dropbox-Lösung derzeit also tatsächlich intuitiver und schneller als die ausgefeiltere Pages-Version, die eben mit iDisk gestraft ist. An diesem Detail wird deutlich, dass Apple derzeit vielleicht zwangsläufig – getrieben vom eigenen Erfolg – an zu vielen Baustellen gleichzeitig arbeitet und dabei in allen Bereichen keine 100%igen Lösungen mehr anbietet. Eine bündige Cloud-Computing-Idee und ein Dateisystem, das Mac und Ipad nahtlos verzahnt, wird aber immer wichtiger und dürfte nach (halbwegs funktionierendem) Multitasking zu den wichtigsten Aufgaben gehören, wenn man den Erfolg des iPad vorantreiben will. Für iOS 5 wäre es also schön, wenn Apple sich einen Ruck gibt, das UI etwas überdenkt und vor allem eine einfache, aber effektive Finder-Alternative (die ja durchaus unsichtbar im Background laufen kann) erfindet, die das iPad nahtlos und intuitiv ins Netzwerk bringt und mobiles Arbeiten ermöglicht – wofür erweitertes OTF-Management ebenfalls essentiell wäre. Und spätestens dann möchte ich, dass Adobe endlich mal aus dem Koma erwacht und eine iPad-Version der Creative Suite vorstellt.

23. September 2010 11:39 Uhr. Kategorie Technik. Tag . Keine Antwort.

Writer for iPad

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Die Informations Architects legen eine einfache, in ihrer Reduktion etwas an Ommwriter erinnernde Textverarbeitungs-App für das iPad vor. Anders als das vor Features strotzende Pages ist Writer eine extrem reduzierte Software, die wenig mehr bietet als eine Tastatur und ein relativ schmales Textfenster. Nur eine Schriftart, keinerlei Formatierungsmöglichkeiten und ein entsprechend als einfaches .txt gespeichertes Dokument wirken auf den ersten Blick in der auch ansonsten eher spartanisch gestalteten Umgebung wenig vielversprechend. Dass es der Writer aber durchaus in sich hat, zeigen nicht nur Details wie die ständig sichtbare Textmenge und (geschätzte) Lesezeit (man ahnt hier, wofür iA den Writer eigentlich intern entwickelt haben könnten), sondern auch das erweiterte Keyboard und die nahtlose Dropbox-Integration. Die Tastaturergänzung macht endlich möglich, auch ohne Touchscreen zu bestimmten Stellen im Text zu springen, entweder um ganze Worte oder zeichenweise, außerdem lassen sich Klammern einfacher eingeben und Zeichen wie Gedankenstriche oder Doppelpunkt sind etwas näher gekommen. Unschön ist, dass die “-Taste leider nicht wie die eigentliche echte Tastatur von Apple bei längerem Gedrückthalten Zugriff auf anderen Anführungszeichen wie «» oder „“ gibt, sondern wirklich nur die (falschen) Zollzeichen liefert. Un ob ich wirklich ein Semikolon direkt zugreifbar habe, sei mal dahingestellt – die Coder dürfte es aber enorm freuen, denn als reiner txt-Editor dürfte sich Writer auch als fixer Editor nutzen lassen (dafür fehlt allerdings eigentlich noch eine FTP-Anbindung).

Da im reinen .txt gespeichert wird, ist Writer hochgradig kompatibel und eignet sich ideal, um etwa Blogtexte vorzuschreiben – egal, wo man danach ist, sie sind ja via Dropbox universal verfügbar und lassen sich in WP oder Ecto o.ä. in die finale Form bringen (ich warte ja immer noch auf Ecto fürs iPad, aber da selbst das MacOS-Ecto kaum weiterentwickelt wird, darf ich da wohl lange warten :-D). Das bewusst minimalistische Interface könnte im weiteren Verlauf sicher noch das ein oder andere Detail, vielleicht zumindest auch eine dezente Schriftauswahl (so schön die Monospace gewählt ist) brauchen, und wenn man schon am Keyboard herumdoktort, wäre es natürlich grandios gewesen, Umlaute ohne das nervige Tasten-Gedrückt-Halten verfügbar zu machen (nach wie vor DIE nervigste Sache an der iPad-Tastatur, die zumindet im Querformat entspannt mehr Zeichen unterbringen könnte), aber für eine 1.0er-Version ist der iA-Writer eine schöne, einfache Sache, um onthego schnell Texte festzuhalten und dabei etwas netter zu bedienen als Evernote (das ich bisher genau hierfür verwendet habe). Insofern Dank und Glückwunsch an die Kollegen von den information architects, die hier weiter den erfolgreichen Umzug vom Web zum Pad machen!

Update: Der Writer ist leider noch etwas buggy. Bei mir gibt es gelegentlich Probleme beim Wechsel von Horizontal zu Senkrecht, wenn der Umbruch sich nämlich nicht ändert und man plötzlich in einer viel zu langen Zeile schreibt. Die Lupe funktioniert nicht sauber, bei mir wird der Cursor nicht angezeigt. Und die Sondertasten über dem eigentlichen Keyboard sind stumm, was seltsamerweise enorm irritiert. Bemerkenswert positiv ist der superschnelle Start des Writer.

22. September 2010 11:17 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . Keine Antwort.

Analogue Thinking

Auch wenn ich zum Mindmapping inzwischen Omnigraffle auf dem iPad verwende – obwohl das Programm nach wie vor recht buggy ist und wichtige Features fehlen -, ist es doch immer wieder überraschend, wie gut es funktioniert, mit mehreren Leuten einfach mit Zetteln auf einer großen Wand zu arbeiten. Was zu Recht zum etwas belächelten Workshop-Klischee geworden ist, die Arbeit mit Post-Its, funktioniert nach wie vor ausgezeichnet, wenn man eine Story zu entwickeln versucht. Ich kenne nach wie vor kein digitales Mittel, dass so quick and dirty, intuitiv und schnell ist wie die gelben Zettelchen, Ausdrucke, Transparentpapier und und und. Vielleicht, weil man schneller schreiben kann, einfacher verwirft, oder weil die größere Fläche und das haptische Manipulieren das Gehirn eben doch mehr anregen als Vektorboxen schieben, weil das tatsächliche Malen auch für einen Selbst die Visualisierung und Klärung von Gedanken erleichtert, die Ordnung und Inspiration schafft… – es geht wenig über das Malen und Kleben an einer großen Wand, wo man aus Alternativen und Möglichkeite und vielen What-Ifs eben doch schnell ein If-Then konzentrieren kann. Danach geht digital fast alles schneller und besser – festhalten, in Form klopfen, Mindmapping, Projektplanung und und und… aber bisher habe ich (und als bekennender Digitalfreak kann ich fast nur sagen: leider) immer noch keine Software gefunden, die Stift und Papier völlig ersetzt.

2. September 2010 01:08 Uhr. Kategorie Leben. Tag , , , . 2 Antworten.

Inception

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Achtung Spoiler!

Inception ist eine Art reverser Rififi-Film, ein «Heist»-Movie, bei dem nichts gestohlen, sondern etwas gegeben wird – und zwar eine Idee, ein Gedanke. Dominic Cobb ist normalerweise ein Dieb, der als Industriespion in den Träumen anderer Menschen unterwegs ist, um ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Um in die USA zu seinen Kindern zurückkehren zu können, muss er aber diesmal dem Konkurrenten seines Auftraggebers die Vision einpflanzen, das geerbte väterliche Unternehmen zu zerschlagen – eine Aufgabe, die eigentlich als unmöglich gilt. Gemeinsam mit einem Team von Spezialisten macht sich Cobb an seine Mission Impossible

Life is but a dream…
Christopher Nolan zeigt von der ersten Sekunde des Films seine typische Handschrift, beginnt in situ auf einer anderen Zeit- und Wirklichkeitsebene – faktisch den Beginn des dritten Akts vorwegnehmens – und bereitet den Zuschauer damit bereits darauf vor, dass in diesem Film, ähnlich wie aber zugleich völlig anders als in Memento, tiefere Motivationen und Handlungselemente erst nach und nach verraten werden, der Regisseur also mit gezinkten Karten spielt, was nur zu der surrealen Qualität des Films beiträgt. Wie bereits bei The Prestige geht es auch hier um Spiegelungen, Täuschungen, doppelte Böden – hier aber viel überzeugender, vielschichtiger und durchdachter als jemals zuvor in einem Chris-Nolan-Film. Der Film greift zu einem der simplesten Science-Fiction-Kniffe, einem kleinen Twist, der die ansonsten unverändert als unsere erkennbare Welt entscheidend verändert – in diesem Fall die Erfindung einer Technik des gemeinsamen Träumens, bei der mehrere Menschen sediert luzide träumen und dabei eine gewisse Kontrolle über die Traumwelt erhalten. Klingt ein wenig nach The Matrix von den Wachowski-Brüdern und sieht an manchen Stellen durchaus auch so aus, ist aber ein kleineres, bescheideneres Konzept als das World-Building in The Matrix. Aber wie bei Matrix schimmern hier Untertöne von Philip K. Dick durch – denn wenn man bis zu vier oder fünf Schichten Traumwelten inklusive Rückblenden und Täuschungen durchdringen muss, ist die Frage nach dem «Was ist real?» eine der entscheidenden im Film. So entscheidend, dass an dieser Frage die gesamte Wahrnehmung des Films entlamng in zwei Richtungen gehen kann, eine affirmative und eine bitterböse. Nolan zitiert nicht nur Eschers berühmte paradoxe Treppen in den Bauten der Traumwelt mehrere Mal, er hat auch seinen Film selbst zu einem Escheresken geschlossenen Enigma verwandelt, eine vertrackte chinesische Box von Hinweise und Andeutungen, Doppelbödigkeiten und Interpretationsöffnungen.

Film als Traummaschine
Es ist verständlich, das Nolan hier auf das IMAX-Format und vor allem 3D verzichtet hat, um einen möglichst «klassischen», sich real anfühlenden Film zu machen. Paradoxerweise funktioniert der zweidimensionale, herkömmliche Film besser als Illusionsmaschine, weil die Phantasie des Zuschauers nicht durch die räumliche Perfektion und Realitätsanmaßung des 3D-Formates völlig ausgeschaltet wird. Wir bleiben in der Lage, unsere eigene Tiefe in die flachen Bilder hineinzuprojizieren, offene Stellen zu füllen, eigene Verbindungen zu finden, das Format Film nicht zuletzt als «gemacht», als Illusion an sich, zu erkennen. Nur in einem solchen Konstrukt – in der Erkenntnis nämlich, dass im Grunde JEDER Film ein «geteilter Wachtraum» ist – gelingt es Nolan, uns zunehmend die Realität der Films in Frage stellen zu lassen, Zweifel zu sähen. In jedem Film ist «Wirklichkeit« natürlich nur eine Illusion. Schauspieler schlüpfen in Rollen, täuschen auf Kommando falsche Gefühle vor, scheinbar prachtvolle Bauten bestehen aus Pappmaché (bzw. heute meist animierten Pixeln), alles an der Realität ist von einem Ausstatter sorgsam zusammengestellt und «designed», nichts ist echt und vernacular. Das Appartement mit den Photos am Kühlschrank und den liebevollen Details ist nicht seit Jahren bewohnt, sondern gekonnt so fein granuliert ausgestattet, um dem Charakter eines Films oder einer Serie «Textur» zu geben, Tiefe, Dimension – aber es bleibt natürlich eine Lüge. Und so hat Nolan klug erkannt, dass Filme selbst unweigerlich die surreale Qualität des Traums haben. Nur im Film können wir fliegen oder die Erde vom Mond aus sehen, Cowboys sein oder Aliens, in fremde Leben schlüpfen, sterben und wiedergeboren werden. Nur im Film wacht man im unrichtigen/richtigen Moment auf, um ein Happy End oder einen Schockmoment zu setzen. Nur im Film sind Gefühle so seltsam hypertroph, von Musik und Farben wie rauschhaft aufgeputscht, so surreal wie in der Traumwelt. Und nicht zuletzt gibt es im Film immer wieder diese seltsamen Brüche in der gefälschten Wirklichkeit, die Goofs und Anschlussfehler, Gläser, die halbleer und plötzlich wieder dreiviertelvoll sind, Anzüge, die sich binnen Sekunden auf- und zuknöpfen, falsche Schatten, seltsame Schnitte – all diese Brüche in der Architektur der Traummaschine Film, die die konstruierte Wirklichkeit so viel fragiler und unechter erscheinen lassen als «unsere echte Welt», die uns paranoid bemerken lassen, dass wir belogen werden, wenn der römische Legionär in der dritten Reihe eine Armbanduhr trägt.

Im Spiegelkabinett der Realität
Perfektionistisch wendet Nolan diese fehlerhafte Funktion von Film als Traumanalogie gegen sich selbst, um die «Realität», von der aus Dominic Cobb und sein Team operieren, zunehmend in Frage zu stellen. Zwar werden wir durch Cobbs «Totem» – ein kleiner persönlicher Gegenstand, den man nur selbst kennt und anhand dessen man überprüfen kann, ob man in einem Traum oder der Wirklichkeit ist, in Cobbs Fall der Kreisel seiner verschwundenen Freundin, der im Traum endlos weiterdreht, in der echten Realität aber umkippt – vergewissert, dass wir in der realen Welt sind, aber zugleich hat diese Realität seltsame Eigenschaften. Die aber ebenso gut auch einfach die «fehlerhafte» Realität eines normalen Films und Drehbuchs sein können und sich nicht viel von der Traumhaftigkeit etwa eines durchschnittlichen James-Bond-Films unterscheiden, wenn Cobb etwa ohne sinnvollen Anlass gejagt und angegriffen wird oder wenn die Schauplätze ohne Zeitverlust und ohne Reise rasant wechseln und wir übergangslos von Japan zu Afrika wechseln. Die Sets sind makellos durchgestylt, Anzüge, Möbel, Fahrzeuge, alles perfekt von einem Art Director zusammengestellt, stets untermalt von Hans Zimmers hyperdramatischen Arrangements. So wie Ariadne uns in einer grandiosen Szene zeigt, wie sie ihre Welt baut und verändert, zu einer endlosen Spiegelung-in-der-Spiegelung-Fata-Morgana verwandeln kann, ist auch die gesamte Filmwelt nur ein Konstrukt, das willkürlich ist, nur den Gesetzen des Architekten – also Nolan – gehorcht.

Die Konstruktionselemente eines durchschnittlichen Films werden so in Nolans Händen, je tiefer wir in den Film eintauchen und je mehr wir das Zwiebelschichtenmodell von Wirklichkeit als Abfolge immer tieferer Traumebenen verstehen, in denen Dominic Cobb wie ein getriebener Mann umherirrt, zu einer Waffe gegen die Realitätsvorvermutung des Kinos. Was auf der einen Wahrnehmungsebene ein relativ normaler, wenn auch smarter, Actionthriller mit sauberem Happy End ist, kann genauso deutlich komplexer gedacht sein, wenn man nur will. Und diese Frage hängt seltsamerweise von einem Kinderspielzeug ab, das selbst zu einem Symbol für Hypnose und traumhafte Schwerelosigkeit geworden ist – dem Kreisel.

Das Totem
im ersten Akt des Films erklärt Cobbs Assistent Arthur der neuen «Traumarchitektin» Ariadne (ein vielleicht etwas übersmarter Name in einem FIlm voller zu anspielungsreicher Namen wenn man an aber von Ellen Page toll gespielt – man muss aber bedenken, dass, wenn alle Figuren aus Cobbs Unterbewusstsein kämen, die Namen natürlich doppeldeutig sein dürfen, weil jede Figur auch eine Funktion hat und zugleich ein hermeneutisches Echo darstellt, jede Traumfigur ist ein Symbol) die Funktion des Totems als Gradmesser der Realität. Arthur selbst benutzt einen gezinkten Würfel, Ariadne später eine selbstgebaute Schachfigur – anhand der spezifischen Eigenschaften des «Totems» lässt sich individuell die Frage beantworten, ob man im Traum eines anderen ist, da der andere das Totem nicht 1:1 nachbauen kann, weil er diese Eigenschaften nicht kennen kann. Arthurs Würfel wird immer, weil gezinkt, auf eine spezielle Zahl fallen – die aber niemand außer ihm kennt. Entscheidend dabei ist, dass niemand anderes dieses Totem kennen und berühren darf, weil es ansonsten nicht mehr nur dem Inhaber vertraut ist. Cobbs Totem ist nicht sein eigenes – es ist das Totem seiner Ex-Frau. Cobb und seine Frau «Mal» (auch ein zu vielsagender Name für Cobbs Gegenspielerin) haben sich in früheren Traumexperimenten in immer tiefere Traumschichten hervorgearbeitet, bis sie in einer Art zeitlosem Limbo ankamen, wo sie gemeinsam alt wurden. (Dass sie gemeinsam gealtert sind in dieser Traumwelt enthüllt Nolan erst gegen Ende des Films und macht uns damit klar, dass auch die Rückblenden, die wir von Cobb sehen, nie wirklich ehrlich oder echt sind, sondern wir auch noch belogen werden, weil Cobb sich selbst belügt). Um aus dieser Traumwelt zurückzukehren, pflanzt Cobb seiner Frau, die von der Echtheit der Welt überzeugt ist, als «Inception» den Zweifel an der Realität des Traums ein, indem er ihr eigenes Totem – den Kreisel – in dem Safe, wo Mal ihn symbolisch eingesperrt hat (und somit ihre Zweifel verdrängt), zum Drehen bringt… in der Traumwelt dreht sich der Kreisel ohne Widerstand, ohne Ende. Mal und Cobb entfliehen dieser Traumschicht durch Selbstmord, lassen sich von einem Zug überfahren (wiederkehrendes Symbol, der Zug, den Cobb wiederholt als Schuldmotiv verwendet und sich sozusagen selbst mit einem Zug attackiert), um in der «Realität» zu erwachen. Der einmal in Mal eingepflanzte Zweifel an der Echtheit dieser Welt nagt aber weiter an Mal, die sich schließlich mit einem weiteren Selbstmord aus dieser Welt zu flüchten versucht und Cobb überzeugen will, mit ihr zu springen. Cobb ist überzeugt, dass Mal durch diesen Suizid wieder im Limbo gelandet ist und plant, sie zu befreien – tatsächlich ist der gesamte Plot von Inception sein Versuch, zu Mal in die tiefste Traumschicht zu gelangen. Seit ihrem Selbstmord verwendet Cobb Mals Totem als «Realitätstest».

Nur: Es ist nicht sein Totem. Nolan betont immer wieder, wie wichtig das Selbstgemachte und Geheime an einem Totem ist. Inwieweit Cobb oder jemand anderes insofern in der Lage wäre, den Kreisel auch in einem Traum zum kippen zu bringen, ist nicht sicher. Die Tatsache, dass der Kreisel in der «Realität» kippt heißt nichts weiter, als dass Cobb selbst überzeugt ist, in der Realität zu sein. Angenommen, Mal hätte Recht gehabt und die Welt, in die sie mit Cobb aus dem Limbo zurückkehrt, ist nicht die echte Welt, sondern nur eine weitere, tiefere oder höhere, Traumschicht – wir würden uns als Zuschauer im gesamten Film in Cobbs Kopf befinden. Da uns Nolan keinerlei eigenes Totem gibt, nichts, woran wir als Zuschauer die Realität des Gesehenen beurteilen können, keinen Special Effect, der die Traumsequenzen von der Wirklichkeit unterscheidet, ist von Anfang an unklar, wo wir eigentlich sind. Wir beginnen mit einer Traumsequenz in der Zukunft, die in eine Traumsequenz führt, die zu einer weiteren Traumsequenz darüber führt – und von dort vermeintlich in die Realität. Was aber, wenn die «Realität» auch nur Cobbs Traum ist? Die Oberflächlichkeit der ihn umgebenden Charaktere – die nur seine Projektionen wären – die Rolle von Ariadne, die ihn fast therapeutisch durch die Traumwelt führt, die surrealen Handlungs- und Szenenwechsel, der alberne McGuffin im Plot mit Robert Fischer Jr und der Firmenauflösung… alles nur Traumhandlung. Und in seinen Träumen versucht sich Cobb, selbst zu heilen, seinen Weg zu finden, eine Entscheidung zu treffen. Dass er am Ende des Films in diese geträumte Realität zurückkehrt, und sich sein Happy End formt, die gleiche Entscheidung trifft, die Mal im Limbo traf, sein Totem ein letztes Mal dreht und dann ignoriert, um zu seinen Kindern zu gehen – die in all der Zeit kein Jahr gealtert zu sein scheinen, sogar noch die gleiche Kleidung tragen – ist nur seine Abfindung damit, dass er nicht mehr in die Realität zurückkehren kann (wie immer die aussehen mag). Mit seinem Abschied von Mal verdrängt Cobb die letzten Zweifel, den letzten Warner, der ihm die Unechtheit seines Daseins mahnend zuruft – und baut sich schließlich seine eigene hermetische Welt. Dass das Happyend so scheinbar reibungslos und schnell am Ende kommt, liegt daran, dass Cobb immer schon alle Fäden der Handlung in der Hand hatte – alle Konflikte, aller Verfolgungen sind Kräfte seines Bewusstseins, die gegeneinander kämpfen, ihn tiefer in den Traum oder in die Realität ziehen wollen. Nolan lässt am Ende offen, ob der Totem sich weiterdreht oder umkippen wird – und zu Recht, denn diese Frage ist bestenfalls noch für den Zuschauer interessant, Cobb selbst hat sich entschieden, in seiner Traumwelt zu bleiben. Dass der Kreisel sich eventuell weiterdreht – dass Dominic Cobb ihn überhaupt benutzt – sagt uns nur, dass er diesmal luzide weiß, dass er in einer Traumwelt ist. Ob der Kreisel steht oder fällt, ist seine (vielleicht unbewusste) Entscheidung. Zugleich kann man argumentieren, dass vielleicht der Kreisel gar nicht Cobbs echtes Totem ist, sondern sein Ehering (was dann eben doch ein Happy End bedeuten würde)… Nolan lässt das alles bewusst offen für Deutungen. Vielleicht trägt er den Ring am Ende aber auch deshalb nicht, weil er mit Mal abgeschlossen hat, nicht im gemeinsamen Limbo ist, sondern in seiner eigenen Traumwelt, die er als solche und als «seine» finale Realität akzeptiert? Katharsis nicht als Aufstieg in den Wachzustand, sondern als entspanntes Absinken in die Traumunwirklichkeit, als sanft seufzendes Einsinken in die Filmsurrealität. Dass der «Kick» des Aufwachens von dem Lied «Je ne regrette rien» («Ich bedaure nichts»), also einer retrospektiven Hinnahme des Geschehenen, einer melancholischen Akzeptanz, begleitet wird, ist so ironisch wie symbolisch.

Und dann wachten wir auf…
In The Matrix liefern uns die Wachowski-Brüder am Ende die klassische Märchen-Variante, unsere Helden erwachen aus dem bösen Alptraum und beginnen die Rebellion gegen einen scheinbar erkennbaren Gegner, in A Scanner Darkly entkommt Bob Arctor seinem drogeninduziertem Realitätsverlust in eine stumpfe Apathie des Hirnschadens. Selbst diese einfachen Lösungen gibt es bei Inception nicht mehr. Es gibt nicht einmal einen Gegner. Inception ist der Kampf eines Mannes gegen sich selbst, gegen Schuldgefühle und innere Emigration, gegen Verlust und Trauer – letzten Endes aber ein Kampf ohne Entkommen. Cobb kann sich am Ende nur damit abfinden, in einer positiveren Traumwelt zu leben, in einem selbstgeschaffenen noch tieferen Limbo, die sich nur unwesentlich von der Welt unterscheidet,die er zusammen mit Mal geschaffen hat – und sich nur dadurch unterscheidet, dass Cobb wie Mal zuvor verdrängt hat, dass er diese Welt erschaffen hat. Zugleich ist diese Interpretation nur eine von mehreren möglichen – es lässt sich genauso gut annehmen, dass die Realität wirklich die Realität ist oder etwa, dass wir im ersten Akt noch die «reale» Wirklichkeit erleben, am Ende aber erst in einer weiteren, tieferen Traumschicht sind… die Möglichkeiten, den von Nolan gelegten Fährten zu legen, sind fast unendlich. Und warum auch nicht? Es ist nur konsequent, dass ein Film über Träume uns zu Traumdeutern macht, die in jedem Symbol, in jeder Verzweigung, ein zu lösendes Mysterium entdecken, Indizien sammeln, zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Das macht den Film so überlegen unangreifbar – jedes Loch in der Handlung kann ja Absicht sein – und zugleich zu einem wahren Metafilm, einem Diskurs über die fehlerhafte, surreale, traumwandlerische Qualität nahezu jeden Films, jeder Fiktion. Es ist bewundernswert, dass Nolan einen so exzellent produzierten Film hingelegt hat, der einerseits strikt nach Hollywoods Regeln spielt und einen reißerischen, absolut spannenden Blockbuster mit üblicher Kinohandlung und -logik abgeliefert hat – und darunter einen subtextreichen Film mit Widerspüchen, Paradoxien, Haken und Ösen, Doppelbödigkeiten, eine Echokammer von Unsicherheiten, die immer flirrender werden, je näher man hinschaut, je mehr man drüber nachdenkt. Ein Film, der zugleich Bond-Blockbuster und Lynch-esques psychologisches Puzzlespiel ist, in dem die Teile nie ganz zusammenpassen und immer wieder neue Möglichkeiten eines fertigen Bildes entstehen. Ein Film, der zwei komplett unterschiedliche Zielgruppen bestens bedient, ein Auteur-Film, der kein Kassengift ist, eine persönliche Vision, die Mission-Impossible-Actionkino mit Nouvelle Vague vermählt. Ob am Ende die Realität mit einem Happy End obsiegt oder ob Cobb endgültig in der tiefsten Tiefe seines persönlichen Limbos verloren ist und jeglichen Realitätsbezug verloren hat – anything goes. Selten war Kino so lustvoll postmodern.

Do Electric Sheep dream of Androids?
Es ist kein Zufall, dass Cobbs Team nahezu typisch die Kernfunktionen bei Dreharbeiten abdeckt. Drehbuchautor, Setdesigner, Locationscout, Makeup, Techniker, Schauspieler – die allegorischen Verbindungen zwischen Filmdreh und bewußtem, tagwachem Träumen sind deutlich. Auch, dass die Traumwelten typische Hollywood-Thematiken besetzen und Fischer wie einen Protagonisten durch diese hetzen – die typischen Vater/Sohn-Problematik (die hier zugleich symbolisch ist für Cobbs tatsächliche Versöhnung mit dem Verlust von Mal), Verfolgungsjagden à la Roger-Moore-Bond – passt zu der Idee, dass Nolan hier die Filmmaschinerie, die sonst unsere Träume ersetzt und diese formt, nutzt, um die Verhältnisse zwischen echten und fiktionalen Traumwelten umzukehren. Alles ist künstlich, aber wir glauben daran, alles ist nur symbolisch, ohne dass wir das von den Symbolen bezeichnete völlig durchschauen oder begreifen können, also müssen wir die Lücken und Löcher mit unseren Ideen und Phantasien füllen. Nolan nutzt den Film selbst als «Inception», als Stiftung einer viralen Idee über die «Realität» von Filmwelten – und ihm gelingt das Kunststück, dass wir mit dem Angehen des Lichts nicht «aufwachen», sondern einen Nachgeschmack dieser Idee mit in die echte Welt hinübernehmen und die Wachtraum-Qualität von nahezu jedem Film, die Zweidimensionalität, Produktionsdetails, Schnitte und zahllose andere Bedingungen der Filmproduktion unweigerlich ergeben. So wird Inception zu einer schillernd-holographischen Meditation über unseren eigenen Wunsch, der Realität zu entkommen, durch Träume, durch das Eintauchen in die Traumwelten anderer Menschen per Buch, FIlm, Musik, Theater – zu einem Film, der nicht intelligent ist, obwohl er sich einer Blockbuster-Ästhetik bedient, sondern der seine Geschichte einzig und allein in dieser Manier erzählen konnte, der die großen perfektionistischen Bilder der Traummaschine dekonstruiert und neu zusammensetzt, bis wir uns fragen, was wir eigentlich selbst wählen würden: Sedierung oder Wachzustand, Traum oder Realität?

30. Juli 2010 11:55 Uhr. Kategorie Film. Tag , . 11 Antworten.

CS5 Erste Eindrücke

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Installation
Die Installation fühlt sich nach wie vor ausgesprochen seltsam an. Man startet die DMG, klickt auf das CS5-Icon, ein neues Ordner-Fenster mit «Install» öffnet sich und erst nach klicken hierauf geht es wirklich einigermaßen los. Ich kann verstehen, dass Adobe auf der Windows wie auf der Mac-Plattform ein ähnliches Benutzungserlebnis herbeiführen will, aber der Preis dafür ist, dass es sich auf beiden Plattformen nicht «nativ» anfühlt. Man klickt auf OS X mehrfache Subroutinen, bevor die Installation überhaupt startet, das systemübliche drag’n'drop-Installieren gibt es nicht. Statt dessen setzt Adobe auf eine eigene Installationsroutine, im Adobe-Air-üblichen Look, in dunkelgrau und blau gehalten, die nicht nur bizarr lange dauert, sondern dem Nutzer das Gefühl gibt, sein Betriebssystem komplett verlassen zu haben. Abgesehen davon, dass solche eigenen UIs eine Menge Arbeit darstellen und extrem anfällig für Veränderungen sind, während Standardroutinen einfach immer up-to-date aussehen, weil sie an das jeweilige UI des Betriebssystems andocken können, frage ich mich, wieso Adobe als fast letzte Firma der Welt auf einer eigenen Sub-Oberfläche besteht, anstatt auf GUI-Standards aufzusetzen. In Sachen Usability ist das ein Flop.

Photoshop
Was lange, lange, lange währt, wird endlich wahr. Während das deutlich preiswerte und nicht so viel leistungsschwächere Tool Pixelmator bereits seit langem 64bit bedient und dabei unglaublich schnell ist und sehr große Dateien verdauen kann, hat es bei Adobe halt etwas länger gedauert, die 4-GB-Grenze zu sprengen.
Photoshop fühlt sich in 64bit greifbar schneller und reaktiver an und kann endlich seinen großen Speicherhunger besser bedienen. In Zeiten, wo die meisten Rechner für Bildbearbeitung 8-32 GB RAM haben, ist das auch mehr als überfällig.

Vielleicht fühlt es sich aber auch nur schneller an, weil noch keine Plug-Ins (außer Exposure 3 von Alien Skin und Adjust 4 von Topazlab) unter 64bit laufen, alle anderen Plugs lassen sich nur nutzen, wenn man im 32bit-Modus startet. Das ist irgendwie ärgerlich und man sollte einen Weg gefunden haben, um Plugs als 32-bit-Subapplikation laufen zu lassen. Also laufen derzeit zwei Photoshop-Versionen auf meinem Rechner.

Die neuen Tools wie Formgitter und inhaltssensitives Füllen sehen auf den ersten Blick vielversprechend aus – aber auch hier wird nur die Praxis zeigen, was sie taugen.
Das inhaltssensitive Füllen scheint nach einigem Probieren eher Matsch und Chaos als brauchbare Ergebnisse zu bringen… man hat ein Objekt meist schneller weggestempelt als es hiermit zu entfernen. In einigen kritischen Stellen vorsichtig angewandt, waren die Ergebnisse aber brauchbar. Der Puppet Warp wirkt hochkomplex und keineswegs mit «Verflüssigen» zu verwecheln, weil hier nach «physiologischen» Regeln ein ganzes freigestelltes Objekt modifiziert werden kann. Ob das für andere Dinge als Arm/Bein-Verschiebungen und einfachste Animationen sinnvoll ist… abwarten.

Die verbesserte Kantenbearbeitung einer Auswahl ist beeindruckend. Ich glaube nach wie vor, dass sich im Grunde mit pixelbasierten Methoden kaum wirklich gute Freistellergebnisse erzielen lassen – am saubersten wirkt irgendwie immer noch das Pfadwerkzeug –, ist hier mit sehr einfachen Schritten gerade bei Haaren tatsächlich ein beeindruckendes Ergebnis zu erzielen, das sogar teilweise Farben aus dem Hintergrund entnehmen kann. Ein schlechtes Photo kann man so auch nicht retten, aber ein sauber photographiertes Objekt mit Flusen oder Haaren, die sich für «hartes» Freistellen nicht eignen, hat hier vielleicht eine Chance.

Die Objektivkorrektur muss ich mir noch in Ruhe ansehen – ich mache das meist direkt in Lightroom oder idealerweise in LensDoc. Inwieweit Photoshop hier leistungsstark ist und ob es genügend (passende) Objektive sowohl für die Canon5DII (was vielversprechend aussieht) als auch für die S90 (leider bisher nichts) gibt.

HDR machte bei den ersten Versuchen sowohl mit einzelnen Bilder und Fake-HDR-Toning als auch mit Serienaufnahmen keinen sonderlich guten Eindruck, da habe ich bessere Tools gesehen. Allerdings ist der Workflow von Bridge/Lightroom zu Photoshop geradezu genial einfach, vom RAW zum HDR ist ein Kinderspiel. Verwirrend ist, dass die HDR-Preview mit dem fertigen Ergebnis nicht unbedingt viel gemein hat. Bei den ersten Versuchen wirken Farben im Ergebnis zu satt, der ohnehin übertriebene HDR-Look einfach zu übermächtig. Mit etwas Feintuning lässt sich das hoffentlich besser verwenden.

Auch mit dieser Version führt das Photoshop-Team vorsichtige UI-Änderungen ein, etwa ein neues Zoom-Verhalten, das zunächst ungewohnt, nach einiger Einarbeitung aber extrem nützlich ist. Ähnlich wie das Pixelraster oder Preview-Effekt beim Stempel lassen sich alle diese Änderungen aber auch wieder deaktivieren. Wenn Adobe PS noch einige ästhetische Einstellmöglichkeiten verpassen würde (wie bei Lightroom oder bei Bridge), wäre PS wahrscheinlich eines der vielseitigsten Programme am Markt, das der Nutzer sich völlig an seine eigenen Bedürfnisse und Arbeitsprozesse anpassen kann, inklusive der Möglichkeit, komplett eigene Funktionspaletten zu erstellen.

Die in Extended deutlich gewachsenen 3D-Features habe ich noch nicht ausprobiert… ich habe aber bisher auch noch niemals in PS «dreidimensional» gearbeitet, da gibt es im Zweifelsfall bessere Werkzeuge.

Keine Frage – aus dem CS5-Paket hat sich bei Photoshop am meisten getan. Wie bei fast allen neuen Features einer Software, die so lange am Markt ist, darf man sich fragen: Braucht man das? Und die Frage kann sich nur jeder selbst beantworten. Die Schwäche von PS ist sicher derzeit, dass es mehr und mehr versucht, die eierlegende Wollmilchsau zu sein, während andere Programme in 3D, HDR, RAW-Processing einfach als Spezialisten deutlich besser dastehen.

Außerdem wird klar, dass das Interface etwa gegen das von Lightroom einfach altbacken und überarbeitungsbedürftig ist. Photoshop trägt den Ballast von zwei Dekaden im Gewand und das merkt man an allen Ecken und Enden, zumal die PS-Gemeinde Adobe jedes mal lyncht, wenn selbst völlig veraltete Routinen endlich mal abgeschaltet werden.

Indesign
Rein optisch ist in Indesign ebenfalls wenig passiert. Aber tatsächlich sind es diese kleinen UI-Änderungen, die das Upgrade sinnvoll machen. So ist es beispielsweise jetzt direkt über die Menüleiste möglich, Farben für Flächen und Konturen zu ändern (womit wir bei gefühlten zehn verschiedenen Methoden sind, dies zu tun), und die Software merkt automatisch, ob man einen Text markiert hat oder eine Fläche. Zwei Zeilen Text einfärben geht so viermal so schnell wie bisher. Die überarbeitete Ebenenpalette ist auf den ersten Blick verwirrender als bisher – obwohl durch Illustrator grundsätzlich ja vertraut – aber auch deutlich leistungsfähiger. Die neue schnellere Auswahl von Rahmeninhalten wird nach etwas Umgewöhnung ein echter Bonus sein.

Der PDF-Export im Hintergrund ist auch so eine Sache, die schon längst fällig war, immerhin kann Word schon seit fast zehn Jahren im Hintergrund drucken. UI-technisch ist das extrem schlecht gelöst, weil man zunächst denkt, gar keine visuelle Kontrolle mehr über den Export-Fortschriftt zu haben, bis man entdeckt, dass es unter Fenster > Hilfsprogramme > Hintergrundaufgaben eine Palette gibt, in der, wenn man sie nur breit genug aufzieht, ein Export-Balken erscheint. Den aber hätte man ganz charmant auch in der Fußleiste des Programmfensters unterbringen können. So fühlt es sich etwas unelegant an – was schade ist, weil das Feature an sich sehr gelungen ist, man kann endlich auch während langer Dokument-Exporte schon weiter arbeiten und sogar den nächsten PDF-Export starten. Es mag spät kommen, aber es kommt and god bless.

Die Modifikation von Seitengrößen in Indesign ist an sich keine Innovation, dtp tools hatten hier mit Page Control bereits seit CS3 gezeigt, wie einfach und effektiv das geht (wie sie auch seit langem zeigen, dass eine Photoshop-artige «History»-Palette mit Snapshots usw. funktioniert). Jetzt geht es endlich auch ohne Plug-Ins und es läuft anscheinend solide genug. Etwas ärgerlich finde ich, dass man direkt aus der Seitenpalette heraus nicht frei Seitengrößen ändern kann, sondern dort nur definierte Größen (auch selbstdefinierte) nutzen darf.

Die Mini-Bridge bringt eine aus Fotostation bei mir sehr beliebte Funktionalität nahtlos in die CS-Suite und dies sehr komfortabel: Über ein kleines Menüfenster kann man sich die Bilder eines Ordners in den verschiedensten Formen anzeigen lassen, ohne aus der Applikation zu Bridge o.ä. switchen zu müssen. Nicht so übersichtlich wie Bridge, nicht so komfortabel wie Fotostation (das aber gegen Bridge generell zusehends abstinkt), aber eine willkommenere Erweiterung von Bridge und bei bestimmten Projekten sicher extrem hilfreich.

Die neuen Auswahltools finde ich ad hoc erst einmal verwirrend. Was bei den ersten Tests ganz prima war, wird beim Arbeiten in komplexen Layouts sehr schnell auch sehr nervig, weil man nie ganz weiß, ob man nun den Rahmen schiebt oder doch schon aus Versehen wieder ins Innere des Rahmens gerutscht ist und nun den Content herausschiebt. Wahrscheinlich Übungssache. Aber manchmal wünscht man sich dann doch wieder die alte Schwarzer Zeiger/Weißer Zeiger-Lösung zurück.

Die Möglichkeit, Text über Spalten hinweg zu setzen, ist so simpel wie überfällig und wird Magazinmacher und Broschürenlayouter mit vielen Zwischentiteln maßlos beglücken.

Die neuen Multimedia-Funktionen… da muss man sehen, was die Zukunft bringt. Adobe bereitet sich hier auf etwas vor – den Sprung zum animierten ePrint –, was leider auf einem der wichtigsten Trägermedien dieses Sprungs (iOS) mangels Flash-Support nicht funktioniert. Wenn Adobe nicht einen Trick findet, um in PDF völlig ohne jede Notwendigkeit eines Players Flash einzubetten (und sofern Apple dann nicht auch noch PDF ausgrenzt), ist die ganze Flash-Integration in CS5 eher für die Katz und Adobe setzt aufs falsche Pferd. Ansonsten wirkt es auf den ersten Blick seltsam, direkt in Indesign einfache Animationen usw zu machen und diese direkt nach SWF/HTML zu exportieren. Dürfte aber erleichtern, einfach schnell und integriert mit einem Werkzeug, die Interaktivität eines groben Website-Scribbles zu zeigen. Wobei ich die weniger und weniger in Indesign mache. Wobei man sehen muss, wie das Zusammenspiel mit Dreamweaver und eventuell auch mit Catalyst ist – es reicht ja, wenn man einen soliden und anschaulichen Dummy hinkriegt.

Was mir immer noch fehlt ist eine effektive, InCopy-lose Kooperation an einem Dokument im Team, aber auch Editierbarkeit per Browser durch den Kunden (einschränkbar), eine bessere Lösung für «formlosen» also fluiden/dynamischen Content, eine effektive und solide Datenbank-Lösung, die an MySQL andocken kann, aber auch an Excel uswpp (und zwar komfortabel, die meisten Plug-Ins sind hier ein Alptraum). Also Dinge, die das Publishing team- und kundenfreundlicher sowie webkompatibler machen. Und eine ganze Menge Details, von simplen Sachen wie einer glyphen/kontextsensitiven Unterstreichung, bessere Trennung, besseres Ligaturhandling und und und… all sowas steht auch noch auf der Wunschliste. Indesign entwickelt sich in eine neue Richtung, und die alte Richtung… das banale gute alte Printdesign… ist nicht einmal ansatzweise perfektioniert.

Bridge
Der Bildbrowser, früher ein wahrer Alptraum, mausert sich zu einem mehr als alltagstauglichen Tool, das zusätzliche Werkzeuge wie etwa FotoStation eigentlich für die meisten Designer überflüssig macht. Neue Export-Funktionen, die MIni-Bridge, ein spürbar aufgeputschtes Tempo, der nach wie vor unschlagbar modulare Arbeitsbereich und viele andere Detailverbesserungen haben Bridge vom Ärgernis zum Rundum-Werkzeug gemacht, das zwar immer noch fast allergisch langsam auf EPS reagiert (eigentlich ja ein Adobe-Hausformat, mit dem FotoStation sehr viel besser zurechtkommt), ansonsten aber fast unersetzbar geworden ist. Ich würde mir fast wünschen, Bridge und Lightroom (und evtl. Photoshop) würden verschmelzen.

Illustrator
Ich arbeite selten mit Illustrator, vielleicht weil ich Freehand-User war und mit Illustrator nie war wurde. Bis heute finde ich, dass Illustrator einfach nahtlos in Indesign eingebaut sein sollte und fertig, und ich denke, irgendwann wird Adobe das auch so handhaben. Man muss aber klar sagen, dass Illustrator sich mit CS4 und 5 gemacht hat – der ehemaligen Schnecke ist ein passables Arbeitstempo beigebracht, es gibt endlich unterschiedliche Seitengrößen (wenn auch seltsam gelöst), Farben und Pinsel sind etwas freundlicher und vielseitiger gelöst, man kann endlich in Perspektive zeichnen, und es gibt einfachere Tools zum Editieren von Beziers. Anders gesagt: Illustrator ist da angekommen, wo FH und selbst CorelDraw schon vor Jahren waren. Aber das durchaus in einer eleganten und überzeugenden Art. So sehr, dass man fast Lust hat, sich endlich mal mehr mit Illustrator zu beschäftigen.

Soweit der erste Eindruck. Flash/Dreamweaver und Co.sind nicht so meine Werkzeuge, auch wenn sie natürlich installiert sind – aber ich konzeptioniere Websites, Programmieren ist nicht mein Bereich, das können andere deutlich besser. Marian klang recht begeistert von Flash, Catalyst klingt grundsätzlich nach dem Flash-für-Non-Action-Script-Menschen, das ich seit Jahren von Adobe sehen möchte (also müsste ich es ja mal antesten), und Dreamweaver ist eh nicht mein Ding, aber wenn es jetzt CSS besser unterstützt, kann man es ja noch mal ansehen. Ich hätte immer noch gern ein Programm, das so intuitiv wie iWeb oder Indesign ist, aber deutlich mehr Power hat und dem Programmierer danach nicht wieder bei 0 anfangen ließe. Aber ich denke, die Zukunft ist fast eher, Sites direkt programmierend zu entwerfen, das wird ja dank neuer CSS-Features immer naheliegender, direkt vom Wireframing ins Coding zu gehen.

CS-Review klingt nach einer guten Idee, die sich hier leider aus verschiedensten Patchwork-Flicken zusammensetzt (Adobe.com, Browser-Lab), die alle etwas unreif aus dem Adobe-Labor zu torkeln scheinen und auch nicht einwandfrei laufen (CSReview hat bisher bei mit Indesign bei jedem Start der Funktion zum Absturz gebracht). Der cloudbasierte Austausch mit Kunden ist ein hoch wünschenswertes Projekt, auch wenn PDF dazu ein gruseliger Zwischenschritt ist. Ich will meine Indesign hochladen und der Kunde soll in von mir definierten Umfang Text- und vielleicht auch einfache Bildmodifikationen machen können. Dazu wäre eine Web-to-Print-Anbindung sinnvoll (Formulare und Textanbindung, die Datenbankbasiert in Layouts mündet). Gibt es alles einzeln, aber Adobe vertut hier die Chance, eine Art MobileMe für Designer – einfach zu bedienen, funktional, beim Kunden akzeptabel – zu etablieren. Und bitte gratis. Für CSReview noch einmal Geld nehmen zu wollen, wahrscheinlich 200 bis 300 Euro im Jahr, ist übrigens leider bizarr. Laßt das lieber den Bonus sein, der zum legalen Kauf motiviert, statt hier nochmals zuzuschlagen. Es nervt ohnehin, dass man immer und immer wieder für getrennte Cloud-Services einzeln Jahresgebühren zahlt (MobileMe, Evernote, Dropbox…)

Insgesamt fällt auf, das Adobe es immer noch nicht geschafft hat, den einzelnen CS-Komponenten ein gemeinsames Antlitz zu geben, geschweige denn hinter den Kulissen für Ordnung zu sorgen. Wo selbst billigste Softwares sich sauber in OS X installieren, veranstaltet Adobe in der Library ein kaum noch nachzuvollziehendes Chaos an Ordnern und Subordnern ohne jede Logik und Vernunft. Tastaturbefehle, Aktionen und andere Individualisierungen werden nicht von vorherigen Fassungen zu CS5 übernommen (nicht einmal als Option), nach der Installation beginnt eine wahre Orgie an Einstellungen, die man vornehmen muss, wie es bei keinem anderen Programm auf dem Mac der Fall ist. Die gleiche Funktion ist in jeder CS-Tochter irgendwie leicht anders gelöst, Tastaturkürzel sind ungleich, man hat nie das Gefühl in einer Software zu sein, sondern statt dessen werden mit Rücksicht auf User, die seit 1985 dabei sind, die ältesten Standards weitergepflegt, anstatt einen neuen, gemeinsamen Standard zu pflegen. Das Ergebnis ist, das ich eine Sache, die ich in Indesign mit verbundenen Augen tue, in Illustrator nur nach Konsultation der Hilfe-Funktion und Google sauber geschafft bekomme – bei zwei so fast deckungsgleichen Applikationen ein Horror. Dass Photoshop eine History hat, Indesign aber nicht, dass die Ebenenpalette in AI und ID jetzt zwar weitestgehend ähnlich, aber dafür völlig anders als in PS ist, ist doch undenkbar (übrigens fühlt sich auch die Tatsache, dass bei PS auf einer Ebene immer nur ein Objekt sein kann, auch antiquiert an, es wäre revolutionär, wenn ich mit Pixeln so arbeiten könnte wie in AI mit Objekten – mehrere pro Ebene, mehrere Ebenen, völlig frei, ein Ende der 700-Ebenen-PSDs). Adobe braucht dringend ein Großreinemachen in Sachen Interface-Design, Useability und Nutzerfreundlichkeit.

Das Fazit ist eigentlich, dass CS5 ein herausragendes Upgrade wäre, läge der Preis nicht bei um 1000, sondern bei 200 bis 300 Euro. So aber hat man das Gefühl, für eine Menge Bugfixes, für ein immer noch unausgegorenes UI und für kleine, eigentlich eher hinter der Kommastelle liegende Verbesserungen sowie ein paar mehr oder weniger nützliche Features doch arg zur Kasse gebeten zu werden. In dieser Sicht – wieder einmal – fühlt sich Adobe alt an. Es ist eine der letzten wirklich teuren Softwares, eines der letzten Mega-Pakete, der Download ist teurer als die DVD-Box, das Interface ist (immer noch) aufs gruseligste ins Deutsche übersetzt (diesmal so buggy, dass IndesignShortcut-Sets aus CS4 teilweise in der deutschen Version von CS5 nicht laufen, weil Tastenbezeichnungen MIT übersetzt wurden (Strg wurde zu Befehl, z.B.). Adobe fühlt sich an wie ein Dinosaurier – und man wird das Gefühl nicht los, ein Befreiungsschlag täte der Firma gut. Indesign konnte sich gegen Quark so gut behaupten, weil Adobe seinerzeit die Idee Layoutsoftware gegenüber Pagemaker komplett neu gedacht und das alte Programm (weitestgehend) eingestellt hat. Das gleiche täte den Photowerkzeugen und vor allem auch den Web-Tools von Adobe sehr sehr gut. Man sollte überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, einige der Programme zu kombinieren oder sogar so modular zu werden, dass man sie ALLE wirklich zu einer Suite macht… der Anwender würde dann in nur noch einer Oberfläche arbeiten, ganz unabhängig zunächst von der Frage, ob er Print oder Web macht, und Bildbearbeitung, RAW-Workflow, Beziérkurven, aber auch Animation und Programmierung würden modular in objektbezogen zugeladen. Die modulare Struktur würde den Code einfach halten, das Programm trotz enormen Umfangs schmal… und im Grunde könnte man sogar das Vertriebsmodell revolutionieren, weil man sozusagen «In App» dazukaufen kann, was man braucht. Wichtiger aber: Von der ersten Konzeption bis zur Programmierung einer Site, vom ersten RAW bis zur druckreifen PDF alles unter einem Dach. Das wäre dann auch eine Suite, die den Namen verdient und auch den horrenden Preis von 3000 Euro für die DesignPremium-Version (immerhin teurer als ein durchschnittlicher iMac und nicht viel billiger als ein MacPro) rechtfertigen.

So, wie es derzeit ist, kann ich jeden verstehen, der nur noch jede zweite Version upgraded, weil die Sprünge einfach zu marginal ausfallen – und damit bedroht Adobe sich eigentlich selbst. Die Zeit wäre nach dem desaströsen Chaos, das die Fusion mit Macromedia bis heute bewirkt, reif für einen kompletten «Relaunch» des Creative Suite zu einem besseren, moderneren Produkt. So gut die Suite – die ja mehr eine «Anthology» ist, eine lose Zusammenstückelung von Software-Komponenten, die kaum wirklich miteinander verbunden sind – heute ist, die Herausforderung für die Zukunft ist nicht, noch einen Photoshop-Trick mehr zu erfinden und als das neue Schwarz anzupreisen, der Trick ist, eine integrativere und mächtigere und zugleich einfachere Gesamtlösung für das Design für morgen anzubieten, das nicht mehr ganz Print, aber eben auch nicht mehr ganz Web sein wird. Und mit der Gestalten dann auch in Zukunft eben noch einmal einen Tick mehr Spaß macht…

6. Juli 2010 20:53 Uhr. Kategorie Technik. Tag . 3 Antworten.

Kokolores in der Novum

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Die Novum lesen wir ja ohnehin sehr gerne im Abo und lieben sie wegen der immer schönen Vorstellung von ausgefallenen Papieren und Drucktechniken, aber diesen Monat war die Freude im Büro extragroß, als unsere Praktikantin Danny entdeckte, dass ihr Diplom «Kokolores» in der Novum-Diplomschau vorgestellt wurde. Danny und ihr Freund Sebastian liefern sich derzeit fast eine Art Gefecht, wer öfters gefeatured wird… ;-)

21. Juni 2010 17:40 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Roter Faden Taschenbegleiter

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Begleitet von einem sehr lieben Brief, einigen Postkarten und einem Extra-Büchlein kommt mein Taschenbegleiter von Roter Faden hier an. Die individuell auf der Homepage «konfigurierbaren» Ledermappen im Format A6 bis A sind aus einem Diplom von Beate Mangrig hervorgegangene, wunderschöne und liebevoll gefertigte Begleiter, die man von ganz schlicht bis grellbunt zusammenklicken und mit zahlreichen Features versehen kann. So kann der bei mir graue Filz innen auch bunt sein, oder Leder – und die Außenseite kann auch statt aus weichem Leder aus toughem Tanzboden gefertigt sein. Die Anzahl der Innentaschen oder der Klammern ist ebenfalls modifizierbar.

Der Clou der Taschenbegleiter sind die Metallklammern, mit deren Hilfe Magazine, Bücher, Notizen und auch von Roter Faden selbst gelieferte Notizhefte und Kalender eingeklemmt werden können. Dadurch durchaus reisefertig festgehalten, kann man trotzdem schnell Inhalte wechseln, Seiten umblättern und hat zugleich ein praktisches Lesezeichen, was beim Kalender oder Notizen tatsächlich eine große Hilfe ist. Die Klammern selbst wirken etwas wackelig, sind es aber nicht, sie müssen nur flexibel sein, um verschiedenste Inhalte aufnehmen zu können – einziges Manko ist, dass das Metall der Klammern sich gern in das Papier der eingeklammerten Hefte bohrt, wenn man nicht acht gibt – mein Kalender hat schon einige Löcher, es mag aber an mir liegen :-D. Insgesamt macht der Taschenbegleiter einen robusten Eindruck, ist aber anders als etwa Moleskine oder viele andere Produkte vor allem flexibel aus weichem Leder und Filz gemacht, also nicht steif, sondern eher wie ein dickes Heft. In den weichen inneren Filz kann man Taschen verschiedener Größe integrieren lassen, und ich hoffe zumindest, dass ich in den A4-Überformat-Taschenbegleiter (aufgeklappt etwa so groß wie ein A4+Wacom Intuos) in die hintere große Tasche auch ein iPad kriegen dürfte während vorne Notizblöcke und andere Kleinigkeiten reinpassen.

Dabei ist der Taschenbegleiter nicht nur ein smarter Organizer, der beliebige Inhalte fassen kann, sondern Beate Mangrig bietet auch noch elegant gestaltete Zusätze an, die daraus eine Art Moleskine-auf-Stereoiden machen. Ein ausgezeichnet gestalteter, fadengenähter Kalender 2010, schöne Notizhefte auf Naturpapier sowie kleine Büchlein oder Klarsichtfolien bieten jedem Kunden die Möglichkeit, seinen ganz eigenen Organizer zu strukturieren. Inwieweit man dies gegen die Flut der digitalen und sinnvollen Organisationstools noch nutzen kann/mag, muss jeder entscheiden, aber es ist an sich großartig, einen so gut gestalteten Wochenkalender immer vor Augen zu haben, ohne zu iCal switchen zu müssen. Alle Details der Drucksachen sind liebevoll und inspirierend gemacht, gut gestaltet, ohne jemals aufdringlich zu sein, alles wirkt selbstverständlich, funktional, natürlich und und sind den geringen Preis 100% wert. Also: Bestellen und genießen.

Mehr Bilder nach dem Break…

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15. April 2010 10:55 Uhr. Kategorie Design. Tag , , . 5 Antworten.

Zeche Bochum Kaki King live

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Ganz ehrlich: Dieses Konzert hätte das zehnfache an Publikum verdient. Ich gebe zu, obwohl ich sogar einen Track von ihr auf einem Cure-Tributealbum hatte (der zwar schön ist, aber kaum zeigt, was sie tatsächlich kann) ich habe Kaki King bisher auch nicht gekannt, bei PlanB auf EinsLive entdeckt, ein Album gekauft und sofort den gesamten Back-Katalog. Katherine Elisabeth King ist nichts anderes als großartig, jedes Album ein spürbarer Evolutionsschritt. Und in der Zeche Bochum spielt sie vor gefühlten 100 Leuten. Auch kein Wunder, wenn der Gig nur übersparsam angekündigt wird, Das spricht für schlechtes Marketing der Plattenfirma, leider. Denn neben etwas fetterer Backline und besseren Sound wären hier einfach 900 Leute mehr perfekt gewesen. Denn musikalisch bieten King und ihre zwei Mitstreiter, Jordan Perlson am Schlagzeug und Dan Brantigan an EVI und Trompete, allerfeinste Qualität. Jeder der drei Musiker ist alleine einen Konzertbesuch wert, und da Perlson und Brantigan genügend Raum bekommen, um zu zeigen, was sie können, verlieren sie sich nie im Schatten der Über-Gitarristin King. Programmatisch fällt beim Konzert die Entwicklung vom Akustikgitarren-Wunderkind zur Indie-Songwriterin live durch einen harten Bruch auf, bei dem die Band von der Bühne verschwindet und King absolut surreale Dinge mit ihren Saiten veranstaltet, die den wahrscheinlich im Publikum anwesenden Gitarrenfreaks die Tränen in die Augen treiben dürften, etwa bei Playing Pink With Noise mit einem unglaublichen Mix aus Obertönen, perkussiven Sounds, und einer Zupfarbeit die beim Hören auf einem Album schon beängstigend ist, live gesehen aber einfach atemberaubend wirkt, ebenso wie ihre Arbeit an der Steelguitar. Bei der einzigen Zugabe zeigt King dann auch nochmal zusammen mit einem Loop-Sampler, dass sie eigentlich auch gut alleine 120 Minuten unterhaltsam sein könnte, springt mittendrin, während die Loops noch laufen, von der Bühne, hüpft durchs spärliche aber dafür ehrlich begeisterte Publikum und konstruiert Schicht um Schicht einen ganzen Song. Umso feiner, dass die Band mit ihrer Fingerfertigkeit mithalten kann und gerade den Songs von den letzten Alben den perfekten Schliff gibt. Es fehlt im Fundament etwas an Bass, obwohl Brantigan berauschend zeigt, wie gut sich ein Saiteninstrument mit einem digitalen Blasinstrument ersetzen lässt, obwohl der Drummer sogar bei einem Song via Pads den Bass mitspielt – aber irgendwie merkt man ab und zu, dass es in den tiefen Frequenzen an Energie fehlt, zumal ein Basser Brantigan mehr Raum geben würde, frei in den hohen Lagen zu spielen, wo er absolut brilliert, wenn er die Chance bekommt, seine Synth-Solos zeigen den erfahrenen Jazzer als gleichauf mit der Gitarrengöttin King, und wenn er zur realen Trompete greift, geht die Sonne auf. Perlson spielt ein hochdramatisches Schlagzeug, das trotz der relativ schlechten Raumakustik des recht leeren Saales begeistern kann – von leisesten Zwischentönen bis zum ganz großen Kino liefert er dynamische Bandbreite, rhythmische Eleganz und bewahrt bei aller Energie, die er an dem Silver-Sparkle-artigen Yamaha-Kit entfaltet stets eine nerdige Ruhe und Eleganz, die er nicht einmal verliert, wenn er sich in dubbigen, an Stewart Copeland erinnernden Reggae-Grooves oder psychedelischen Monstersoli verliert. Mitunter spielen die Drums ein wenig zu wirsch für die Songs, so dass die ohnehin fragile Bandkonstruktion noch dünner wirkt, aber alles in allem hält Perlson mit solider Fußarbeit die musikalischen Netze, die Brantigan und King in die Luft wirbeln, phantastisch geerdet.

Wie auf dem Junior-Album wirkt der Gesang etwas zu verhallt, zu weit weg, aber das passt vielleicht ideal zu einer Person, die auf der Bühne davon erzählt, dass sie sich nicht traut, auf eine eMail von Melissa auf der Maur zu antworten und die auch ansonsten so wirkt, als würden sie die üblichen Popstar-Klischees eher langweilen… auch wenn der pinke WahWah auf der Bühne ein phantastischer Hello-Kitty-Moment ist, wenn King in einer Art und Weise auf ihrem Effektgeräten herumstampft, dass es mich im besten Sinne an Ute Rettler (unsere alte Gitarristin bei These Foolish Things) erinnert. Gerade die Junior-Tracks zeigen das Potential von King nicht nur als Instrumentalistin der Extraklasse, sondern auch als Songwriterin und Sängerin, die hier ganz wunderbar irgendwo zwischen Lush und Shoegaze-Sounds luftwandelt und schnelle, aber perfekt entspannte Songs präsentiert. Man kann nur hoffen, dass King und ihre Band in anderen Locations ihrer recht umfassenden Tour entweder kleinere Bühnen oder deutlich mehr Publikum haben – idealerweise letzteres, verdient wäre es allemal.

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5. April 2010 10:00 Uhr. Kategorie Live. Tag . 2 Antworten.

Der Spiegel und das iPad

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Wer bei Spiegel Online über das iPad liest, wundert sich, denn es wimmelt dort nur so von Superlativen, die Apples neuem Gadget eine fast atemlos orgiastische Liebeserklärung hinlegen, die so gar nicht zu früheren eher Apple-kritischen Artikeln des Hamburger Blattes, das ja eher für seinen unbestechlichen Journalismus bekannt sein möchte, klingen.

Einige Beispiele:
besser, schöner, atemberaubender
nach wenigen Minuten will man ohne es nicht mehr leben  
Nirwana
Wunderapparat
auf Anhieb eine Revolution, eine Zeitenwende
sanfte, matt-metallene Rückfläche
Eleganz der schwarzen Hardware
großzügige Layout
enorm viel schneller
Websites öffnen sich in Sekunden
nach zwölf Stunden gerade mal etwas mehr als die Hälfte der Batterie verbraucht
rasante Prozessor-Geschwindigkeit
phantastische High-Resolution-Display
Bildqualität, an die kein iPhone, kein MacBook und auch kein großer Mac herankommt
spektakulärste iPad-App ist iBooks
strahlender, heller, realer
Fotos erscheinen auf dem iPad so klar und plastisch wie rückbeleuchtete Dias
Das iPad könnte nun seine neue Hoffnung sein

Auch wenn es hier und da leicht kritische Untertöne gibt – jeweils sofort korrigiert durch einen rosigen Blick in die Zukunft -, liest der Artikel sich alles in allem so, als habe ihn ein Apple-Marketing-Team persönlich zusammengeschrieben. Selbst dezidierte Apple-Nerd-Sites wie Engadget oder TUAW kriegen das mit mehr Distanz und Fingerspitzengefühl hin und können dem iPad deutlich kritischer und differenzierter begegnen als ausgerechnet der Spiegel und lassen es zum Beispiel im Vergleich mit dem Kindle nicht ungeschoren oder geben sich wenigstens die Mühe, technische Daten – die Apple selbst nicht liefert – herauszufinden. Und im Gegensatz zum Spiegel weisen die meisten Sites darauf hin, dass das 4:3-Display des iPad eben alles andere als ideal für Filme ist, und wo der Spiegel die Gewissheit hernimmt, dass ein HD-Film auf einem 1024×768-Display besser wirken will als auf, sagen wir, einem 27″-iMac-Display, ist mir ein Rätsel. Bei aller allgemeinen Begeisterung über das neue Spielzeug, gibt es reichlich kritische Kommentare zu dem Fehlen von Flash, Multitasking und Kamera, zu der Unhandlichkeit des Geräts beim Schreiben, zum Gewicht, zu mangelnden Output-Optionen, zu der Tatsache, dass Apple jede Menge Adapter überteuert einzeln verkauft und so weiter… Wie kommt es also, dass ausgerechnet der Spiegel so hüperhüper ist?

Und dann schaut man auf die deutsche Apple.de-Site und findet dort die Antwort: auf dem iPad direkt auf der Hersteller-Site ist als ein premium-Inhalt der iPad eben Spiegel Online gefeatured, denn der Spiegel ist in Deutschland ein essentieller Mediapartner von Apple, verkauft seine App auf der iPhone/iPad-Plattform und hofft, hier einen Contentvertrieb für seine diversen Inhalte gefunden zu haben. Im Grunde ist dieser Kniff von Apple genial – wie sollen WallStreetJournal, NYT, Spiegel, Bild usw. diesem Produkt noch kritisch gegenüberstehen, wenn der Hersteller zugleich ein absolut essentieller Vertriebspartner geworden ist, mit dem man eine strategische Partnerschaft eingegangen ist und der es wie kein zweiter versteht, Partner gegeneinander auszuspielen? Wen wundert es da noch, dass das Time-Magazine Jobs gleich auf das Cover holt und dem iPad nicht nur einen weiten Bereich des Heftes widmet, sondern auch noch Apple per se feiert?

Keine Frage, Apple hat es binnen einer Dekade geschafft, vom fast untergegangenen Unternehmen zur globalen Megabrand zu werden und ist gerade im Begriff, die allgemeine Vorstellung von Computernutzung neu zu definieren – aber gerade große Marken wie Nike, McDonalds, Google oder eben Apple brauchen einen ebenso kritischen Journalismus, der die Markenpolitik beobachtet, korrigiert und erdet. Die gar nicht mehr so leise Arroganz von Apple im Verhältnis zu BluRay, HDMI, Adobe, Google oder Amazon ist in den letzten beiden Jahren, oft zum Nachteil der Benutzer, sehr deutlich geworden, und wenn die Marke derzeit eins gar nicht braucht, dann Ticker-Tape-Paraden und teenagerhaftes Jubelgekreische, sondern einen kritischen Blick auf die oft solipsistische Firmenpolitik, auf die bei aller großartigen Innovation oft leidende Qualität im Detail, auf die monopolistischen Strategien der Marke. Anders gesagt: Das Jubeln darf den Apple-Fans überlassen werden, die Presse sollte kritische Distanz wahren. Denn wenn es anfängt, umgekehrt zu werden, muss Apple sich eigentlich eher Sorgen machen.

4. April 2010 14:09 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , , . 3 Antworten.

Warten auf die Tram

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Von Hanno Bennert kommt endlich die Tramway heraus, anscheinend jetzt unter dem griffigeren Namen Tram, und das bei Chester Jenkins exzellentem Fontlabel Village. Ich bin gespannt und freu mich drauf – sieht nach einer schönen, klaren Schrift aus, die Hanno hoffentlich mit einigen tollen OTF-Features versehen hat.

1. April 2010 14:27 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Typographie und iPad

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Einer der traurigen Aspekte des iPads – und aller eBook-Readers – ist, dass die Typographie von den Händen des Gestalters in die des Users überwechselt, und die des Hardware-Herstellers, in dessen System eben nicht Sabons und Bembos, sondern Verdana, Arial, Times und bestenfalls Georgia angeboten werden. Nimmt man dazu falsche Kapitälchen, Blocksatz und einen fluiden Umbruch, der den Text den jeweiligen Bildschirmbedingungen anpasst, ist das Ergebnis ein typographischer Alptraum. Gerade als Leser amerikanischer Bücher ist man ja nicht allzu verwöhnt, und viele neue Bücher aus Deutschland haben teilweise auch einen Blocksatz und Umbruch aus der Hölle, aber die «Bücher» auf dem iPad ähneln eher schlecht gestalteten Homepages aus den frühen 90ern. Ich hoffe, dass es bald Möglichkeiten geben wird, in eBooks verbindliche Schriften einzubingen und typographische Opentype-Features zu nutzen. Denn so, wie das auf Apples Preview-Video aussieht, ist das bestenfalls eine Kompromisslösung, nichts, was mir beim Lesen Spaß bereiten würde.

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30. März 2010 14:40 Uhr. Kategorie Design, Technik. Tag , , . 3 Antworten.

Sneak Preview: Abril

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Typetogether stellen in ihrem aktuellen Newsletter einen hochspannenden Preview vor – die Abril. Wie so viele Fonts der letzten Zeit, unter anderem ja auch die Ingeborg der Typejockeys, ist die Abril ein moderner Remix einer alten Form, mit modernen Features, die Veronika Burian und José Scaglione bei Flickr zeigen. Was der Fontfeed ganz zu recht mit dem NewBeetle, dem neuen Fiat500 oder dem Mini vergleicht – vertraute Formen, die fast nostalgisch machen und sofort vertraut sind, und doch ist da ein Touch von Design und Features, der es durch und durch in der Jetztzeit verankert. Abril sieht vielversprechend aus und hat die Eleganz der aktuellen Typographie der Zeit. Man darf gespannt sein und sich vorfreuen – trotzdem gibt es bei mir manchmal eine leise Stimme, die eigentlich auch mal schön wäre, wenn es neben den ganzen Revivals auch mal Schriften zur Zeit gäbe, die ganz und gar ihren eigenen Flair haben. Manchmal ist es etwas schade, dass die Zeit der Experimente mit der Fuse anscheinend beendet war. Es war gut, Schrift so mutig auch jenseits der Anwendbar- und Lesbarkeit als Medium erforscht zu sehen…

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26. März 2010 14:14 Uhr. Kategorie Design. Tag . Eine Antwort.

Hello Spaceboy…

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Immerhin ist Print noch nicht tot – das fast mythenumwobene neue iPad-Produkt von Apple zwischen iPhone und Laptop ist in der ersten Generation noch nicht so ausgereift, dass die Buchhändler sich die ganz großen Sorgen machen müssen. Ein hintergrundbeleuchteter Bildschirm, noch dazu spiegelglänzend, ist alles andere als lesefreundlich – was für Websites und Comics vielleicht gerade noch geht ist beim Lesen von, sagen wir, Infinite Jest, sicher eine Qual für die Augen. Wer längere Zeit im Dunkeln versucht hat, mit Stanza zu lesen, weiß, wie sehr die Augen hinterher sirren – selbst wenn man den Bildschirm schwarz und die Typo weiß macht, was Apple in dem Versuch, das Buchfeeling zu imitieren unergonomischerweise nicht getan hat. Was bei einem an sich als Smartphone deklarierten Gerät okay ist, ist bei einem selbsternannten Kindle-Killer ziemlich entnervend – ein matter Bildschirm und ein deutlich sanfteres Licht in einer Art Lese-Modus wären nötig gewesen. Erst, wenn der iPad  wie ein Buch aussieht und sich auch mehr danach anfühlt, wird er (es?) den ganz großen Erfolg haben… und ich bin auch recht sicher, dass es nicht angenehm ist, ein rigides Stück Metall in der Badewanne in der Hand zu haben oder im Bett. eBook wird auf jeden Fall durch den iBookstore einen großen Boost erfahren, aber noch ist der Sprung nicht so, wie man es nach Apples Ankündigungen vielleicht befürchten durfte.

Denn auch ansonsten ist das iPad sehr deutlich eine 1.0-Version. Keine Kamera, keine Front-iSight-Video, kein USB, kein Flash, kein Multitasking, das für Europäer denkbar miese Tastatur-Layout, der eher etwas albern wirkende Versuch, die Logik des iPhone 1:1 auf ein viermal so großes Display zu übertragen, indem man den Leerraum zwischen Apps ändert, die etwas klobige 4:3-Optik mit dem riesigen Bildschirmrand, und der fehlende Schritt hin zu «echten» Programmen und eben dem normalen OS X, sind deutliche Minuspunkte, und es gibt sicherlich noch mehr (wie etwa die Tatsache, dass das Tastatur-Dock scheinbar nur hochkant funktioniert, die Apps aber teilweise quergedreht besser funktionieren, etwas Mail), wobei die Kamera das wohl ausschlaggebendste ist und Apple scheint dies auch zu wissen – warum sonst einen unschönen Adapter zum Anschließen von Cardreadern anbieten (und vor allem: wieso nicht wenigstens einen USB/SD-Slot einbauen, Platz wäre doch gewesen). Anscheinend ging es hier darum, einerseits dem iPhone noch einen relevanten Vorteil zu belassen sowie den Preis und das Gewicht niedrig zu halten, anders ist auch die Trennung zwischen Geräten mit 3G und ohne 3G-Hardware nicht zu erklären. Dazu kommen die (noch) fehlenden passenden Apps zum Format – iphone-APplikationen dürften sich, von 480 auf 1024 hochskaliert, etwas albern anfühlen. Der iPad wirkt also bis zu einem gewissen Grade ebenso unausgereift, wie das iPhone erster Generation, bis hin zum Aluminium-Rücken. Derzeit ist es mehr eine Art gewachsener iPod-Touch, was trotzdem sicher für einige Millionen verkaufte Geräte reichen dürfte.

Aber man weiß ja, wie das iPhone sich entwickelt hat, insofern sollte klar sein, wie der iPad sich entwickeln dürfte. in 12 bis 18 Monaten wird sich viel getan haben: OS 4.0 fürs iPhone dürfte Multitasking und eventuell ein überarbeitetes UI für Pad und Phone bringen, und der iPad 2 wird sehr wahrscheinlich auch Features wie Kamera, Video usw. mitbringen. Und mich würde wundern, wenn Apple nach der vehementen Kritik an den Glossy-Bildschirmen bei MacBook und iMac nicht längst an einer Methode arbeitet, um die gleiche nahtlose, kratzfeste und oberflächenbeschichtete Art von Bildschirm auch unreflektiv anzubieten.

Wichtig ist vor allem, dass Apple selbst begreift, mit dem iPad keinen aufgeblasenen iPhone-Bruder auf den Markt bringen zu können, sondern ein komplett neues Produkt, das ein anderes Interface und eine eigene Logik braucht. Eine Tastatur, bei der man Umlaute geduldig aufklappen muss, mag am «Handy» okay sein, nicht bei einer Art Miniatur-Laptop, das mit einer eigenen vollen Textverarbeitung reüssieren will.  Es ist fast überraschend, vielleicht nur normal nach all dem Hype, wie unausgereift das Interface in vieler Hinsicht noch wirkt. Man kann nur hoffen, das OS 4 hier Verbesserungen bringt, denn richtig ernsthaft eMails schreiben wird man mit der Tastatur auf keinen Fall können, da sind Umlaute und Zahlen einfach wichtig – und es sollte vom Platz her bei 9,7 auch denkbar sein, diese unterzubringen.

Dennoch darf man sich natürlich nichts vormachen – gestern hat Steve Jobs, der selbst das Zeitalter des «Personal Computers» mit eingeläutet hat, dieses auch beendet. Die Idee vom Computer auf dem Schreibtisch, wie wir sie kennen, ist eigentlich schon mit dem iPhone gestorben, und das Pad ist der nächste logische Schritt – weg von offenen, noch relativ user-kontrollierten Systemen, hin zu einer Art glorifizierten Videorekorder, der einfach zu bedienen, fast unerlässlich praktisch und hochelegant ist, aber ein im höchsten Maße kontrolliertes und geschlossenes System, eine BlackBox, bei der es unter der Oberfläche mehr darum geht, dass damit bestimmte Produkte konsumiert werden. Filme, Fernsehen, Musik, Bücher, Spiele, Applikationen – an denen Apple natürlich jeweils mitverdient. Wer weiß, in welchem Maße bereits das iPhone oft den Gang zum Rechner überflüssig macht – oder diesen auch vervollständigt und neue Programme sinnhaft macht, die ohne eine mobile Lösung nie existieren würden – kann sich bereits heute denken, wie ein iPad in 2 oder 3 Jahren das «Computing» ändern wird. Bereits mit dem iPhone sind uns fast unterschwellig zwei große Revolutionen nahegebracht worden: Unmittelbarere Interface-Interaktion per Berührung statt per Eingabehardware (und wer Apples Patente kennt, weiß, dass sich hier noch einiges tun wird) und die Idee des «Always on», der Tatsache, dass man nicht mehr ins Internet «geht», weil man ja ohnehin schon immer drin ist, dass Notizen, Daten, Applikationen, jederzeit ohne nennenswerte Wartezeit und ohne Browser aus der «Wolke» kommen. In Sachen Multitouch hat das iPad nach vielen Gerüchten seltsamerweise nichts neues geliefert – in Sachen Cloudcomputing wird es aber sicher einen Meilenstein darstellen.

Denn bereits in der ersten Generation braucht man kaum Phantasie, um sich vorzustellen, wie grandios das iPad für Meetings ist, wo man durch PDF und JPG gemeinsam Entwürfe oder Bilder abgleichen kann wie auf Papier, wo man Präsentationen hält, Notizen festhält. Leider keine Photos, leider anscheinend kein WLAN-Beamer-Anschluss, alles noch sehr rudimentär, aber die Idee ist im Raum. Auch im Bereich Logistik, Bildung, Medizin, Pflege – also Bereichen, die sehr weit weg sind von dem, was Apple gestern gezeigt hat – dürfte das Pad oder die sicher zahlreich kommenden Klone große Chancen haben. Apple hat bereits vor einem Jahr gezeigt, wie die API des iPhone den Anschluss von medizinischen Meßgeräten erlaubt, mit dem Pad wird nun denkbar, dass Ärzte eine Art digitales Klemmbrett haben und damit mobiler mit ihren Patienten arbeiten können, die Daten aber trotzdem zentral gesammelt werden. In Schulen sind neben offensichtlichen multimedial/hypertextuellen Lehrbüchern mit Bild und Video auch beispielsweise interaktive Tests denkbar. Und in der Logistik dürfte klar sein, dass ein solches Gerät ganz neue Möglichkeiten der Dateneingabe, Datenbankpflege usw ergibt. Auch im Shoppingbereich, ganz nebenbei – zumal ja bereits mit dem iPhone ein komplettes Kassensystem mit Scanner usw existiert. Ähnlich wie der Smart tut das iPad zwar so, als wäre es ein hippes Produkt für die Yuppie-Zielgruppe, in Wirklichkeit aber wird es sich wahrscheinlich am ehesten auch in anderen Bereichen entfalten – von der Altenpflege bis zum Krankenhaus, von der Uni bis zum UPS-Fahrer. Vorausgesetzt, die Käufer akzeptieren den zunächst relativ hohen Preis von 500 bis fast 1000 Dollar (mit Accessoirs, 64 GB und 3G ist man da ja nun mal… beim Preis eines MacBook).

Ich persönlich war mir vorweg relativ sicher, mir einen iPad zuzulegen, weil er für die Art, wie ich zunehmend arbeite, wie geschaffen ist. Von der mobilen Kommunikation bis zu den grandiosen Interaktionsmöglichkeiten in Meetings ist das Produkt mehr als vielversprechend, und auch die Idee, schnell auf dem Sofa Texte zu schreiben, ohne ein brutzelndes Laptop auf den Knien zu haben, ist attraktiv. Das iPhone hat sich so konsequent in so viele Bereiche des Alltags von mir geschummelt, dass ein großer Bruder völlig logisch wirkt.
Wäre da nicht das Ding mit der Kamera und der Tastatur. Die Kamera weniger als Kamera gedacht, dafür ist das Pad zu unhandlich, sondern als Dateneingabegerät. Eins der magischen Dinge am iPhone ist die Kombination von Tools wie Evernote und der (wenn auch miserablen) Kamera, mit der man ganz fix Notizen, Whiteboards oder ein tolles Photo in einem Magazin festhalten kann. Selbst wenn die Kamera 100% als Accessoire kommen wird, ist das einfach ein großes Manko, fast ein Killer-Argument gegen das jetzige Pad. Und die Tastatur geht in dieser Form nicht, niemand außerhalb der USA wird damit länger schreiben wollen – und Apple scheint das auch zu ahnen, warum sonst ein DOCK mit Tastatur anbieten. Und selbst wenn es die lange überfällige BT-Verbindung zwischen Phone/Pad und der Apple-Tastatur gäbe (technisch ja denkbar, beides Bluetooth, und auch mit Jailbreak bereits möglich), muss es doch bitte machbar sein, eine vernünftige Multitouch-Tastatur anzubieten und nicht eine hochgezoomte Version der ja recht gruseligen iPhone-Tastatur. Seltsamerweise hat Apple es also gestern geschafft, die vorab existierende Begeisterung für das Produkt einerseits zu rechtfertigen – das iPad wird ein ganz zentrales Produkt für Apple werden -, andererseits spontan abzukühlen. Die Tastatur ist Software, da würde ich auf ein neues OS hoffen… aber die Kamera? Die wird unweigerlich bestenfalls erst in der nächsten Hardware-Generation kommen. Es ist also gut möglich, dass ich das iPad 1 überspringe, was ich selbst etwas schade fände, zugegeben. Die Idee, lässig beim Kaffee mit dem Team die kommenden Termine in iCal einzupflegen (oder besser eine voll funktionsfähige App für Merlin zu bekommen – hinthint), hat schon was.

So oder so, bei allen Nörgeleien an einem 1.0-Gerät, ist gestern das Ende einer Ära eingeläutet. Das Ende des Desktop-PC, das Ende von Fernsehen in der bisherigen Art, vielleicht das langsame Ende von Zeitschriften, Magazinen und Büchern in Printform. Wer einmal die Jamie-Oliver-App angetestet hat, weiß, wie schwach gegen diese multimediale, interaktive Präsentation ein gedrucktes Kochbuch wirkt. Und Olivers 20-Minuten-App ist die erste ihrer Art, da wird noch viel kommen. Über die Möglichkeiten, die Videokonferenz/Voip, die WLAN/3G-Vernetzung mehrerer Geräte (Multiplayer!) oder gar RFID und Augmented Reality dem iPad eröffnen, darf man kaum spekulieren, man kommt zu schnell in den Bereich der SF… aber sie dürften gewaltig sein. Das iPad wird daheim und im Business ein ständiger Begleiter werden, wie es das iPhone in den letzten Jahren geworden ist. Mit dem iPhone hat eine Art neue digitale Zukunft begonnen, das iPad – und die folgenden Produkte von Apple – werden diese Idee sicherlich ausbauen. Wer sich also in den letzten Monaten und Jahren Sorgen um den Moloch Google gemacht hat, darf längst begonnen haben, bei Apple alle Alarmglocken läuten zu hören – elegant und unsichtbar wird sich diese Firma in einer Art und Weise in unser Leben graben, gegen die Google weitestgehend harmlos wirken dürfte.

Für die Verlage bedeutet das iPad eine neue Goldgräberzeit. Weg vom reinen Buch, hin zu «lebenden» Applikationen, zu Rich Content. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Programmierer demnächst für Random House und Co arbeiten werden, um iTunes-LP-artige Buchformate anzubieten oder Apps zu entwickeln. Mich würde wundern, wenn bei G&U nicht längst manisch an einer Basic-Cooking-App mit In-App-Kauf von Rezepten, Video, Shoppinglist usw. gewerkelt wird. Jeder Kochbuch-Verlag darf sich die Jamie-Oliver-App ansehen und ein lautes, deutliches KA-CHING dabei hören. Reisebücher und andere Infomationsbücher dito. Für die Belletristik muss man abwarten, ob sich das grandiose Buch-Interface beim genusslesen durch einen kalten glänzenden Computerbildschirm ersetzen lässt. Gerade nicht in Deutschland, wo es durch die Buchpreisbindung keinen nennenswerten Preisvorteil gibt. Dennoch wird iBook auch hier sicherlich mehr Staub aufwirbeln als der Kindle dies bereits tat. Die Verlagsbranche wird einen Umbruch erleben wie seit Erfindung des Rotationsdrucks oder des DTP nicht mehr.

Die Buchhandlungen vor Ort dürfen die Keynote von gestern mit gemischten Gefühlen sehen. Aus der eigenen Erfahrung: Seitdem ich eComics lese, sinken meine Bestellungen bei meinem Händler. Mit schlechtem Gewissen, aber ich habe einfach keine Lust mehr auf Longboxes von Altpapier. Bei Büchern ist das ganz anders – kleiner, besser zu lagern, altern besser, haptischer und digital auch leseunfreundlicher -, aber klar ist, dass auch hier ein Umbruch eingeläutet ist. Für die Sortimenter bedeutet dies, dass sie sich noch mehr auf Service, Beratung und Feeling umstellen müssen, sie (wahrscheinlich sinkende) Leserschaft härter umwerben. Als würde es nicht reichen, dass Lesen eh (zum unendlichen Leidwesen von Kultur und Wirtschaft) immer weniger beliebt ist, kommt jetzt auch noch erstmals halbwegs ernsthafte Konkurrenz zum bedruckten Papier auf. Und von einem Buchbook im AppleStore hätten Thalia, Hugendubel aber auch die kleine Buchhandlung an der Ecke denkbar wenig. Die großen Fillialisten werden hierunter noch härter leiden als die kleinen Sortimenter, die näher am Markt und den Kunden sind – aber auch die werden sich wohl einiges einfallen müssen. Und ehrlich gesagt ist das ja vielleicht auch gut. Eine gute Buchhandlung konnte immer noch gegen Amazon bestehen, sie wird es höchstwahrscheinlich auch gegen Apple können, wenn sie engagiert und sympathisch am Ball bleibt.

Ich bin insofern sehr gespannt, ob wir den Tag gestern als zweiten (nach dem iPhone) Anbruch eines neuen Computerzeitalters betrachten werden, in dem Ubiquitous Computing sich endgültig durchgesetzt hat, oder ihn irgendwann als eine Art endgültigen Sprung in den Abgrund des Internets und der digitalen Medien betrachten, den vielleicht fatalen Abschied aus der Vielfalt der Gutenberg-Galaxis und das wohlige Sich-Ergeben in absolute Monopolstrukturen.

28. Januar 2010 08:55 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . 3 Antworten.

Photo Apps für das iPhone

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Hier wie versprochen eine kleine schnelle Übersicht Photo-Apps fürs iPhone, die ich benutze:

ZoomLens
Beileibe nicht perfekt ist diese Digital-Zoom-Software fürs iphone, aber solange es keine – à la Sony – in das Gehäuse integrierte optische Zoomfunktion gibt, ist es manchmal besser, ein hochskaliertes Photo zu haben als gar keins. Für 0,79 € tut Zoom Lens, was es kann und das recht stabil und schnell. Aber eher ein App, das man sehr selten brauchen kann.

Quad Camera
Die Auflösung der erzeugten Bilder ist, wie bei vielen iPhone-Photoapps, einfach gruselig schlecht. Trotzdem macht QuadCamera schon Spaß, wenn der Vierfach/Achtfach-Lomo-Spaßkamera-Effekt sich natürlich extrem schnell abnutzt. In der Praxis nutze ich QuadCamera so gut wie nie.

Camera Bag

Der Klassiker unter den Filter-Tools fürs iphone simuliert schnell, glaubhaft und in voller Auflösung verschiedene Spaßkameras wie die Holga, die Lomo, Crossentwicklung oder Leica-artigen s/w-Photographie und darf auf keinem iPhone fehlen. Schön wäre hier – wie bei den meisten Apps – wenn man in das Bild hineinzoomen könnte, um den Filter besser beurteilen zu können, oder wenn man auf die Parameter des Filters mehr Einfluss nehmen könnte. In Sachen Quick&Dirty ist CameraBag aber absolut klasse und der Holga-Effekt ist – vor allem gemischt mit anderen Apps – wirklich brauchbar.

CinemaFX
Dieses App von Nexvio ist ein weiterer Klassiker. Schnell, solide, exzellentes Interface und einprägsame, wenn auch nicht immer sinnvolle, Effekte plus die Möglichkeit, das Bild aufzuhellen, den Kontrast zu ändern, zu drehen und zu beschneiden machen CinemaFX zu einem sinnvollen Werkzeug, um Bilder schnell aufzuwerten. CinemaFX speichert die Bilder in voller Auflösung und bietet einige Effekte, die viele andere Tools in dieser Form nicht anbieten.

PhotoFX
Tiffen ist eigentlich als Hersteller von Objektivfiltern für Spiegelreflex-Kameras bekannt, produziert aber auch Photoshp-PlugIns (die allerdings wenig berauschend sind) und iPhone-Filter. PhotoFX ist vergleichsweise teuer, liefert aber auch professionelle Ergebnisse (sofern man das von einer Handy-Applikation überhaupt behaupten kann und will): Die Filter speichern in voller Auflösung, sind in Grenzen editierbar und lassen sich kombinieren. PhotoFX hat eine reiche Auswahl verschiedenster Filter, von denen sich ab der neuesten Generation einige zusätzlich als In-App-Kauf dazu erwerben lassen.

CoolFX
Die kleine Schwester von PhotoFX für 0,79 € liefert einen abgespeckten Umfang, aber durchaus andere Filter als die PhotoF-Sammlung, so deutlich mehr Schwarzweiß- und Noise-Effekte, interessante Lichtdiffusion und feiner abgestufte BleachingBypass-Filter.

HiCon
HiCon war eines der ersten und trotz zahlreicher Abstürze und Softwareprobleme besten Schwarzweiß-Apps und ist immer noch ein ausgezeichnetes Tool, das im Grunde nur eine einzige Sache kann und keinerlei Eingriff zulässt, aber ziemlich gute Ergebnisse zeitigt. Nicht ganz so unberechenbar, aber mitunter auch nicht ganz so dramatisch wie Spica, ist HiCon immer noch ein klasse Tool um etwas Leica-Flair auf das iphone zu bringen. Den Farbfilter kann man, meiner Meinung nach, völlig vergessen.

Spica
Spica ist eine relativ neue B/W-App, die in der neuen Fassung nicht nur live gemachte Photos, sondern auch Bilder aus der Photoroll bearbeiten kann. Im Dunkeln gemachte Bilder werden teilweise extrem rauschig und aufgehellt, aber es gibt derzeit keine App die unter den richtigen Bedingungen sehr dramatischere Schwarzweißmotive erzeugen kann. Spica hat ein ziemlich zufälliges Element – manche Bilder sind regelrecht unbrauchbar und kommen aus anderen Anwendungen deutlich besser, aber andere Bilder werden umwerfend.

Effects Lab
Exzellentes kleines Programm, das relativ normale Bearbeitungsmöglichkeite – Helligkeit, Sättigung, Histogramme, Gamma usw. – liefert und insofern ideal ist, um ein Bild jenseits von Effekten zu optimieren. Die Filter lassen sich kombinieren, Effects Lab arbeitet in voller Auflösung und bringt einen Haufen recht brauchbarer Fertig-Effekte mit.

Photo Forge
Photo Forge ist am nähesten an einer Art Pocket-Photoshop. Trotz des eher gewöhnungsbedürftigen Interface ist der Funktionsumfang mit Pinseln, Retusche, Filtern, Crop usw hervorragend. Auch hier gibt es fertige Filter, aber wichtiger sind die sehr umfangreichen Möglichkeiten, ein Bild an sich zu optimieren.

iFlash Ready

Eines der vielen vielen Pseudo-Blitz-Tools für das iPhone. Die alle an sich nicht viel bringen – dunkle Bilder kann man damit kaum retten, bei an sich guten Bildern aber durchaus, je nach Bild, einen interessanten Effekt erzeugen. Speichert in voller Auflösung.

CameraKit
CameraKit mochte ich zunächst gar nicht, weil es ein hochgradig unintuitives Interface hat und nicht gerade schnell ist, aber die Effekte sind relativ einzigartig und überzeugend – und in der Kombination durchaus überraschend und unkalkulierbar. Dem Look einer Spielzeugkamera, den anderen Tools versprechen, kommt CameraKit überzeugend nahe.Vignettierung, Überbelichtung, Falschfarben und B/W,  Push-Process – mit einer ganzen Reihe von individuellen Einstellungen erzeugt CameraKit am Ende ein meist überzeugendes Bild (nur sollte das Ausgangsbild hell genug sein).

Edwin
Edwin macht eigentlich nur Rahmen um Bilder und wendet einen leichten Effekt an.Nett, aber kein Must-Have-Tool, zumal nur einer der Rahmen brauchbar ist und die Rahmen an sich immer gleich bin, es also keine Variation gibt – womit das Tool leider ein ziemliches One-Hit-Wonder ist.

Lomo
Verspricht, was Camera Kit besser hält – die Lomokamera im iPhone. Eigentlich eine App, das ich kaum noch benutze, die aber bei manchen Bildern (die allerdings ordentlich hell sein müssen) schon gute Effekte bewirkt, ohne dabei aber je an das echte LomoFlair zu kommen. Ist übrigens schade, dass kein Tool wirklich glaubhafte Lomo/Holga-Lichteinstreuungen machen kann. Die App, die ziemlich umfangreiche Lomo-Filter bietet, die man als User aber in keiner Form beeinflussen kann, verschiebt etwas die Farben und dreht am Kontrast, arbeitet auch mit Bildern aus der Photoroll  und ist vor allem als Vorstufe für Weiterbearbeitung in anderen Filtertools gut brauchbar.

Polarize
Polarize hät, was es verspricht – es wandelt iphone-Bilder in Polaroids um. Allerdings ohne den Charme des echten, sehr zufallsbasierten Ergebnisses. Im Grunde scher auch eher eine One-Hit-App, wobei schon erstaunlich ist, wie sinnvoll ein Polaroidrahmen um die schlechten iphone-Pix wirkt.

Naked Touch
Naked Touch hat ein seltsames Konzept, es speichert Bilder in einer eigenen Gallerie, die von der Roll unabhängig ist. Es liefert – sehr schön umgesetzt – die üblichen Bildbearbeitungstools (Farbbalance, Helligkeit, Sättigung, Kontrast/Helligkeit), ibt dem User sehr umfangreiche Farbmanipulationsmöglichkeiten an die Hand, arbeitet in voller Auflösung, und zudem die Möglichkeit, die bearbeiteten Bilder zu facebook, flickr, tumblr oder via Mail zu versenden.

Mill Colour
Und noch eine App, die – sehr fein abgestuft – Manipulationen an Helligkeit, Sättigung, Kontrast, Gamma usw zulässt und auch einige vorgefertigte Filter mitbringt (Crossentwicklung, s/w, Bleached usw). Die Editiermöglichkeiten sind in Vergleich zu anderen Tools etwas eingeschränkt und teilweise so fein unterteilt, dass die Arbeit mit Mill Colour etwas nerven kann, zumal eigene Begriffe wie Gain oder Lift nicht auf den ersten Blick einleuchten. Auf der positiven Seite kann man in die Bilder hineinzoomen und so recht fein entscheiden, ob der gewünschte Effekt erreicht ist.

Best Camera
Best Camera kann eigentlich nicht sonderlich viel, vor allem wenn man von den Photosharing/Social-Web-Funktionen der Software keinen Gebrauch macht, liefert aber durchaus sehr geschmackvoll Out-of-the-Box-Effekte, die sich zwar kombinieren, aber nicht vom Benutzer verändern oder abstufen lassen. Es gibt aber durchaus hässlichere Instantfilter und meist liefert BestCamera ganz solide Ergebnisse.

Perfectly Clear
Perfectly Clear ist eines der zahllosen Bildoptimierung/Aufhell-Tools, die versuchen, den iphone-Bildern den Grauschleier auszutreiben. Wie alle Tools entsteht dabei oft ein stärkeres Rauschen, aber Perfectly Clear ist mit seinen fein einstellbaren Filtern und der sehr smarten Vorher/Nachher-Ansicht eines der besseren Angebote und rettet manche Photos wirklich.

LoMob
LoMob ist eine etwas seltsame App. Auch LoMob wischt nur mit vorgefertigtem Filter über die Bilder und ist langfristig sicher eher ein One-Hit-Wonder, aber eine krudere Versammlung von Lofi-Filtern gibt es derzeit im Appstore wohl kaum. Diverse Effekte und Rahmen, leider ohne große Variationsmöglichkeiten, aber durchaus erfinderisch gemacht – wie etwa neben dem üblichen Lomo/Pola-Sachen auch mit Transfereffekten und TTV-Looks – nutzen sich sicher schneller ab als ein guter, effektvoller und irgendwie ehrlicherer S/W-Filter, machen aber für 1,50 auf jeden Fall lang genug Spaß, um die Investition zu lohnen… außerdem lassen sich aus der Kombination mit anderen Filtern durchaus spannende Effekt erzielen.

Photoshop.com mobile
Was soll ich sagen? Der Klassiker der Bildbearbeitung kommt endlich auch in Deutschland aufs iphone und der erste Eindruck ist: Too little, too late. Wo andere Softwares schon fast Funktionen des «echten» Photoshops simulieren, ist Adobes eigene App eher eine Spar-Bildbearbeitung, fast eher ein Beta-Konzept als eine vollständige Software. Das Interface, bei dem einfach durch Slide-Bewegung auf dem Bild die Werte geändert werden und das generelle Handling ist absolut 1a und professionell, aber die etwas seltsam unstrukturierte Ansammlung recht beliebiger Instant-Effekte und die andererseits sehr begrenzte Auswahl von Editing-Möglichkeiten wirken fahrig und (noch) konzeptlos. Auch die Begrenzung auf die Adobe-eigene Gallery-Plattform wirkt etwas unzeitgemäß, Facebook, Twitter und Flickr dürften hier eigentlich nicht fehlen. Hier wirkt Adobe ein wenig hinter der Zeit – aber wir reden hier von der Firma, die immer noch 32-bit in Sachen Bildverarbeitung auf dem Mac anbietet und bei 3,7 GB den RAM-Riegel vorschiebt ;-). Andererseits ist das App gratis, etwas unerwartet bei Adobe, und wer will da meckern?

Hipstamatic
Diese Simulation einer alten analogen Kamera macht es einem eigentlich schwer, sie zu mögen – Effekte müssen als In-App-Kauf extra bezahlt werden, die Rahmen sind nicht abschaltbar, man kann keine Bilder aus der PhotoRoll  nachträglich bearbeiten, die Einstellmöglichkeiten sind fast nicht vorhanden, es dauert ewig, bis ein BIld gespeichert und bearbeitet ist, und die ersten Versionen des Programms sind eigentlich permanent abgestürzt. Mit anderen Worten: Hipstamatic ist genauso unsicher und unkontrollierbar wie echte alte analoge Photographie. Ohne, dass ich wirklich sagen könnte, warum, ist dieses Programm in den letzten Monaten die Software geworden, mit der ich am meisten Photos mache. Zum einen, weil die Bilder wirklich ordentlich verändert werden und man in der Kombination von Film, Linse und Blitz eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Bildveränderung hat, zum anderen, weil sie bei allem Frust eben auch phantastischen Spaß macht. Und darum geht’s ja.

Plastiq
Die Plastiq Kamera ist ebenfalls eine Simulation, allerdings weniger konkret als Hipstamatic – und obwohl an sich userfreundlicher, macht sie alles in allem keinen Spaß. Unter den vielen Effekt-Apps, die es inzwischen im Appstore gibt, ist dies leider eine der schwächeren. Recht interessant ist das Feature, dass Bilder im Background bearbeitet werden, während man weiter photographieren kann. Man kann sogar die App verlassen und beim nächsten Start werden die Bilder weiter durch den «Darkroom» gezogen. Leider sind Effekte  - s/w, Sepia, Posterize, Lomo, Holga usw – alle schon bei Tools wie CameraBag oder CameraKit deutlich besser vorhanden.

Retro Camera
Einen etwas anderen Weg als die meisten anderen Photoapps geht Retro Camera, bei dem ein Bild sukzessive vom Benutzer nach und nach mit verschiedenen Rahmen und Overlays, Grains und anderen Effekten auf Alt trimmen lässt. Tatsächlich ist hier etwas Geduld gefragt und die Ergebnisse sind nicht immer das, was man eigentlich erwartet, sondern eher ein wenig Kitsch-as-Kitsch-can. Aber grundsätzlich wenigstens einmal ein Programm, das etwas völlig anderes versucht. ich glaube, mit viel Fingerspitzengefühl lassen sich hiermit eigentlich ganz nett auf Alt getrimmte Photos machen, wenn man so etwas braucht.

MonoPhix
Es ist unweigerlich so, dass im Appstore mehr und mehr kleine Programme das im Grunde gleiche leisten – und die Entscheidung, welches davon nun das jeweils Beste ist, wird immer schwieriger. MonoPhix liefert im Kern die gleichen Ergebnisse wie CoolFX, Spica oder HiCon, erlaubt aber dabei eine gewisse Kontrolle der Veränderung von Licht und Dunkelheit in den Bildern. Die Bilder werden nicht ganz so genial wie die gelungenen Spica-Photos, sind aber im Zweifelsfall auch nicht so rauschig-schwarzweiß-zerstört wie Spica es eben oft liefert. Die Oberfläche ist gestalterisch ein Greuel und die Bilder werden etwas matschiger, unschärfer, als ich gut finde – aber die Einstellmöglichkeiten machen das mitunter etwas wett.

15. Oktober 2009 14:23 Uhr. Kategorie Technik. Tag , , . 9 Antworten.

Achim Böhmer & Sara Hausmann: Retrodesign

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Nachdem im Fontblog bereits ausgiebig und kontrovers über Achim Böhners und Sara Hausmanns Retrodesign diskutiert wurde, und das Buch in der Form von dem sicher nicht zu leichtfertiger Kritik neigendem Markus Zehentbauer recht kritisch beleuchtet wurde, habe ich ganz besonders über ein Rezensionsexemplar aus dem Hermann-Schmidt-Verlag gefreut, um mir selbst ein Bild machen zu können. Das folgende ist – wie immer bei mir – kein «echter» offizieller Review, sondern die Sachen, die mir beim Durchlesen und -blättern durch den Kopf gingen, spontan und wie immer unredigiert.

01: Preis-Leistung
Wer 89 € für ein Buch dieses Umfangs, dieser Verarbeitungs- und Veredelungsqualität und nicht zuletzt der Recherche, die darin steckt, für überteuert hält, dem fehlt vielleicht ein Einblick in normale Verlagskalkulation oder er/sie ist schon von der Wirtschaftskrise mental erfasst– denn wenn man das Buch in der Hand hat, kann kein Zweifel an dem Preis aufkommen. Retrodesign ist vielleicht nicht ein Buch, dass sich jeder kaufen will und wird, weil es ein spezielles Thema dekliniert, aber wer sich für diesen Themenbereich interessiert – ob als Student, Dozent oder Profi -, kann wenig Zweifel daran haben, dass dieser Überblick eine Menge Zeit und Liebe gekostet hat und jeden Pfennig wert ist. Allein die Organisation der verwendeten Bilder in druckreifer Auflösung und mit den nötigen Abdruckrechten muss eine enorme Zeit gekostet haben – anders als bei den meisten anderen Designbüchern kann man ja hier nicht mal eben einen lustigen Mail-Aufruf an Büros und Agenturen starten, sondern muss gezielt nach Material fahnden, die Rechteinhaber aufspüren, eventuelle Lizenzen und VGBildkunst-Kosten tragen. Insofern ist allein – und das ist ja nur ein Teil dieses Buches – die Bilderflut schon den Preis wert. Anders als große Verlage wie etwa Taschen kann Schmidt sich (wahrscheinlich) nicht komplett durch Querfinanzierungen behelfen und muss insofern einen realistischen Preis für ein Buch wie dieses nehmen (zumal man vorher ja nie weiß, welches Buch ein Bestseller wird… wäre sofort klar, dass Retrodesign sich grandios verkauft, könnte man es wahrscheinlich sogar tatsächlich preiswerter kalkulieren, but you never know), und die Veredelung (die durchaus nicht so unnötig pompös ist, wie im Fontblog behauptet, sondern durchaus stimmig – erinnert mich übrigens ganz entfernt aber durchaus positiv an Beate Blaschczoks «Genesis»-Bibel und will vielleicht eben ein wenig eine «Style-Bibel» sein, insofern passt der Look schon) ist in Sachen Preis sicher nicht der ausschlaggebende Faktor, macht das Buch aber im Regal deutlich stabiler als ein Paperback und auch sehr viel schöner… und das darf bei Design doch bitte ruhig ein Faktor sein. Nicht zuletzt dürfte es den Machern auch mehr Spaß bereiten, ein «schönes» Buch zu machen als ein «sparsames». Man kann Sara und Achim absolut nicht verdenken, einfach auch ein bibliophiles Buch machen zu wollen, im Gegenteil – es würde uns allen doch auch so gehen :-D. Und den Spaß an der Sache, am Retrodesign ebenso wie an der Möglichkeit, ein großes Buch zu diesem Thema auch ordentlich zu gestalten, spürt man dem Buch an vielen Stellen an.

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Edel in rotem Kunstleder und mit schwarzem Schnitt: Die Retro-Bibel.

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Aufwendige Package: Das Cover stellt das Ordnungssystem des Buches vor und besticht mit zahlreichen Finessen.

02. Das Buch
Das Buch, man merkt es schnell beim Lesen, versucht den Spagat zwischen «Schau»-Buch/Inspirationsquelle und Sachbuch, bis hin zur Gestaltung ist es insofern unweigerlich recht ähnlich mit anderen Büchern aus dem Schmidt-Verlag, die Lust und Lernen verbinden, etwa Strichpunkts fff-Buch oder auch Kribbeln im Kopf. Diese Schnittkante zwischen Information und Entertainment ist dünn und man scheitert schnell auf einem der beiden Gebiete, die kaum ein Autor gleichermaßen fundiert und elegant bespielen kann (mit Ausnahme des großartigen The Art of Thinking Sideways). Was durchaus keine Schande ist, manchmal ist der Versuch das eigentlich Wichtige und Retrodesign scheitert ja keineswegs. Ein trockenes wissenschaftliches Buch über appropriatives Design wäre einerseits zudem sicher ebenso langweilig wie andererseits eine reine Bildsammlungsflut – dafür reicht oft auch ffffound.com. Retrodesign besticht durch eine wahre Sammelwut von Arbeitsbeispielen quer durch alle Epochen, die ohne jeden Zweifel den Zweck des Schaubuches absolut erfüllen – es gibt reichlich zu gucken und viel zu entdecken. Glaubhaft, vielleicht nach einer Weile etwas vorhersehbar, wenn man das Konzept einmal erfasst hat, belegen die Autoren, dass Design appropriativ arbeitet, d.h. neue Gestaltungen oft Remixe alter Ideen sind. Mit feiner Akribie sind durch alle wichtigen Stilepochen Beispiele aufgeführt, die dem heutigenDesign Rückgriffe in die Vergangenheit nachweisen. Diese Detektivarbeit klappt natürlich mal eher besser, mal eher schlechter – mitunter bringen die Autoren in der Jetztzeit einfach auch ganz eindeutig als Zitat gemeinte Arbeiten als Beleg, aber dass Zitat-Design, dessen eigentlicher Sinn ja nun einmal eben genau die Rückbezüglichkeit ist, eben auch unweigerlich «Retro» sein muss, ist eigentlich eher tautologische Beweisführung.

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Böhmer und Hausmann gelingen dabei immer wieder schöne «Swipe-File»-Beispiele, und insgesamt ist diese Strecke, die ja mehr zeigen und überwältigend beweisen als erklären will, durchaus sehenswert, auch wenn sich beim Lesen irgendwann beim ein oder anderem vielleicht ein Hauch von Fleißübung einstellen mag.  Seite um Seite belegen die Autoren, dass ganz postmodern nahezu jede wichtige Stilepoche heute in Architektur, Design, Illustration und Alltag widergespiegelt und aufgegriffen ist. Obwohl wichtige Beispiele fehlen – beispielsweise vermisse ich Peter Saville komplett, nicht nur ein wichtiger Designer per se, sondern vor allem zu Beginn seiner Laufbahn wirklich der Großmeister des Stil-Klaus (und zugleich jemand, der heute ironischerweise selbst permanent zitiert wird, nicht mehr als Rückgriff auf Savilles Quellen (Tschichold, Expressionismus usw), sondern meist als 80s-Zitat) – ist der Effekt oft frappierend gelungen, wenn etwa Renaissance-Architekturelemente auf modernen Plattencovern wieder auftauchen oder fernöstliche Majolika-Porzellanmalerei 2006 eine Absolut-Anzeige zu inspirieren scheint. Es ist ein wahrer Bildersturm, und es schadet der Theoriebildung nur geringfügig, wenn die Autoren von Achta-Design einige Male ihre eigenen Arbeiten featuren. Was bei fff noch okay war – der Mix aus Theoriewerk und einer kleinen Prise Eigenwerbung -, weil Strichpunkt ja ganz einfach in Deutschland sehr sehenswerte und insofern bei aller Bescheidenheit zeigenswerte Geschäftsberichte macht, hinkt hier etwas, weil es ja gerade darum geht, neutrale Beispiele für einen selbst behaupteten Trend zu finden… da eignen sich eigene Arbeiten eigentlich weniger, zumal gerade das eigene Beispiel im Klassizismus auch nicht so wirklich funktionieren will und eigentlich keine volle Doppelseite rechtfertig. Nichts gegen Self-Promotion, das gehört bei dieser Art von Büchern irgendwie einfach dazu, aber es unterminiert genau hier einfach die Ausgangsposition des Buches ein wenig, wenn das einzige Beispiel, das man anführt, von einem selbst kommt. Wobei man ganz klar sagen muss, dass die Autoren sich mit eigenen Arbeiten weitestgehend vorbildlich zurückhalten, das Einschmuggeln eigener Projekte habe ich schon viel schlimmer gesehen. In einem Buch, dass den theoretischen Anspruch aber etwas höher hängt – kunsthistorisch ja viel höher als etwa fff  – fällt es eben doch etwas auf, wenn die Beispiele nicht 100% «neutral» sind. Der Freude an der Sammelleidenschaft und der visuell überzeugenden Präsentation der Similaritäten über Jahrhunderte hinweg tut das aber keinerlei Abbruch.

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Das Buch wird von einer schön gegliederten Übersichtsseite eröffnet und bietet in einer Art Intro/Preview, das im Grunde das folgende weitestgehend zusammenfasst und zugleich gut einleitet. Was ist Retrodesign, was ist Redesign, was ist Revival – all diese Begriffe, die durch den Design-Äther schwirren werden hier kurz (und mitunter, wahrscheinlich aus Platzgründen, etwas unkritisch) definiert, so dass man gut gerüstet in den Hauptteil des Buches geht.

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Ordnung muss sein: Das Buch gliedert Retrodesign klar nach «Epochen» mithilfe verschiedener Icons für jede Einflussperiode, die auf den einzelnen Beispielseiten wieder auftauchen und die Navigation erleichtern. Bei der Flut von Zeitströmen können die Icons aber nie so klar und eindeutig sein, so dass doch nocheinmal daneben steht, welche Periode behandelt wird (was, zugegeben, die Icons etwas redundant macht ;-)).

Das Buch ist zudem immer wieder durch mitunter vielleicht etwas fragwürdig gestaltete Zitatseiten gebrochen (jeder weiß, ich bin kein Freund sinnloser floraler Dekoration, aber  beim Thema Retrodesign kann es ja nicht ohne gehen, dennoch hätte ich mir hier vielleicht etwas weniger eigenes Design gewünscht, als vielleicht eher noch mehr passendes Material anderer Quellen – bei diesem Thema hätte die eigene Gestaltung noch einen Hauch zurückhaltender ausfallen dürfen…. kein Manko, aber ein spontaner Eindruck, den ich persönlich hatte. Aber siehe oben: Spaß an der Gestaltung :-D)

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Zitatseite: Seltsamerweise taucht diese Art von Seite nur einmal auf, dabei wären mehr Stellungnahmen von Designern zum Thema Retro sicher spannend gewesen.

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Typographie: Vielleicht etwas zu sehr auf Klischees reduziert ein visueller Überblick darüber, welche Schrift zu welchem Stilcluster passt.

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Talent borrows, Genius steals: Retrodesign wartet mit einer wahren Flut von Beispielen für «entliehenes» Design auf.

Im Schlußteil wird im Kapitel Retro Style ein kurzer informativer Trip durch die verschiedenen Einflußcharakteristika geboten. Reich bebildert mit Beispielen aus Layout, Kunst, Objektkunst/-design, Typographie und Architektur der vorgestellten Periode, ordnen die Autoren von dekonstruktiv bis organisch verschiedene designhistorische Perioden von der Renaissance bis zum Dekonstruktivismus und versuchen so eine Art einfache Matrix von Stilelementen und -möglichkeiten zu bilden. Dieser Teil bildet vielleicht mehr als der mitunter etwas zu groß bebilderter Mittelteil des Buches ein wirkliches Herzstück von Retrodesign und ich hätte mir gerade hier mehr gewünscht – mehr Bilder, mehr Theorie, mehr Quellen, mehr Tiefgang. In der gegebenen Kürze liefern Hausmann und Böhmer eine sehr solide, gerade für Studenten als Einstieg geeignete Synopse verschiedener Design-Epochen, eine Art Parforce-Ritt durch die Gestaltungsgeschichte, interessanterweise rückwärts gefasst von der (De-)Konstruktion zur eher organischen Formensprache der Vergangenheit. Obwohl rund 150 stark, kann hier natürlich kein kunsthistorisch umfassender Abriss geleistet werden – muss auch gar nicht. Wenn dieses Kapitel es schafft, die Leser auf eine bestimmte Epoche neugierig zu machen, oder neue Verbindungen zu entdecken, dann reicht das ganz einfach an dieser Stelle. Tiefer gehende (und oft dann eben weniger ansprechend gestaltete oder geschriebene) Literatur gibt es ja – und auf diese wird im Anhang auch verwiesen.

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Natürlich wird man hier immer Löcher finden oder Oberflächlichkeiten, je nachdem, in welcher Epoche man sich bewegt (im Dekonstruktivismus fehlen mir beispielsweise hier  wichtige Namen und Strömungen wie etwa Morphosis oder vor allem die Cranbrook Academy aber auch Hard Werken usw. Aber wie gesagt: jeder hat seine Steckenpferdepoche und wer sich hier mehr interessiert, kann ja Poynors Design Without Boundaries lesen :-D.) Der Überblick ist klar gegliedert, flüssig zu lesen und als Einstiegsreferenz wiederum ein beachtliches Stück liebevollster Sammelarbeit. Im Retro Review werden die Epochen dann – doppelt genäht hält besser – nicht als Überblick dargestellt, sondern etwas vertieft. Zusammengenommen kann man bei einem Buch dieser Art, dieses Preises eigentlich kaum mehr verlangen – für 90 Euro ist das insgesamt ein sehr umfassender, sehr liebevoll gemachter Blick über die Design/Kunst/Schriftgeschichte der neueren Vergangenheit.

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Überblick: Retro Style und Retro Review vertiefen und gliedern die Stileinflüsse.

03. Retro = Zukunft?
Die erste Doppelseite des Buches stellt dem Werk ein «Retrodesign ist Zukunft» voran. Einige Seiten später folgt «Retrodesign ist Styling». Nun mag es an der persönlichen Definition des Wortes liegen – Styling bedeutet für mich ausnahmslos inhaltsfreies, rein oberflächliches Gestalten ohne Tiefendenken – aber so ganz kriege ich diese Thesen nicht zusammen. Wobei ich mich mit der zweiten, treffenderweise nach meiner eigenen negativen Definition von Styling, sehr anfreunden kann, mit der ersten so gar nicht. Denn ja, Retrodesign ist Styling, oberflächlich, oft das Verwenden historischer Halbwertsverfallreste, Recycling, oft ohne jedes Verständnis für die hinter den kopierten Elementen liegenden Bedeutungen. Wer Helvetica verwendet, weil sie «cool» aussieht oder Blümchenranken, weil sie «emotional» sind, betreibt natürlich kein Design, sondern eben «nur» Styling und reagiert damit eher oberflächlich (sprich: laienhaft) auf sozusagen herumliegende visuelle Stimuli. Retrodesign ist insofern erschreckend oft vor allem gedankenloser Kitsch, Nostalgie am Nasenring, Zitatenstadl.

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Je weiter zurückliegend, ergo verklärter die zitierte Phase ist, umso gräßlicher und dümmer oft das Zitat. Während ich im Aufgreifen von Elementen der Postmoderne und des Dekonstruktivismus wenig reines «Retro» entdecke, sondern eine (dia)logische Weiterentwicklung von Trends der letzten Dekade (so wie die 90s ja auch Entwicklungen der 80s weitergeführt bzw. gekontert haben), so ist das Zitat von Elementen aus den (meist) Amerikanischen 50s oder des Rokoko inhaltlich meist nicht fundiert, sondern (oft) reines Oberflächen-Design. Das als «Zukunft» zu bezeichnen, die reine Rückwendung, den Kitsch, das permanente Zitat, das sich bestenfalls durch Mix/Match oder eine deutliche Prise Ironie und gewollter Coolness aufwertet, ist eher traurig. Es ist eher bezeichnend für die Tristesse des immer noch andauernden fin de siècle, dass wir kollektiv in einer Falle stecken, in der der Blick nach vorn so unmöglich zu sein scheint, dass man nur in der Kiste der Vergangenheit kramen kann. Wie ein verlassener Liebhaber, der sich seufzend alte Photos der Verflossenen ansieht, anstatt rauszugehen und sich frisch zu verlieben – und genauso pathetisch ist auf Dauer betrachtet auch das anhaltende Retrodesign. Ist es gefällig? Sicher – der Mini, der Beetle, der Fiat 500, der Einfluss von Braun bei Apple, der Britpop 3.0… zahllose andere Kulturobjekte, keine Frage: Retrodesign ist Emotion. Retrodesign ist zum guten Teil sicher Teil der Gegenwart – Konsumimpuls durch emotionalisiertes Design, Stimulanz von Kindheitsfragmenten und kollektivem Unbewussten.

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Aber Retrodesign ist eben nicht Zukunft. Jedenfalls hoffentlich nicht. Es sei denn, die Zukunft IST die Vergangenheit. Es wäre traurig, sich so bereitwillig dem neoliberalen Ende der Geschichte, dem Ruf nach preiswerterem und dozilerem Immerwiederaufkochen von Vergangenheit hinzugeben, die Hoffnung fallen zu lassen, dass es etwas originär Neues – beziehungsweise eine evolutionäre Fortschreibung der (Kunst-)Geschichte -  geben könnte. Es ist als Grundhaltung eine Müdigkeit, die falsch ist für jedes Handwerk. Es ist nicht zuletzt der Wunsch bestehender Systeme, sich sozusagen selbst memetisch-kulturell als «unveränderbar», als (r)evolutionsresistent zu definieren… wenn Design und Kunst nur noch aus Rückgriff bestehen, wenn keine Visionen für Morgen oder Utopien für andere Gesellschaftsformen mehr bestehen, dann ist politisch auch die «Gefahr» für einen politischen und sozialen Paradigmenwechsel eben gering – insofern, überspitzt gesagt, ist Retrodesign eben auch die hübsch bestickte Kuscheldecke eines reaktionär-konservativen Wellness-Kapitalismus. Was man nicht denken kann, was Kunst und Kultur als Entwurf (als Design also) gar nicht erst vordenken, das kann man auch gesellschaftlich nicht umsetzen. Insofern ist Retrodesign durchaus so kritisch zu betrachten wie die in Orwells 1984 aufgezeigte Restriktion sprachlicher Codes durch «Neusprech». Design sollte nicht Tiefkühlkost sein, die aus Fertigbestandteilen aufgewärmt wird… im Gegenteil, Design sollte der brennende Hunger auf Morgen sein. Ob im kleinen, etwa beim Auftritt eines Unternehmens oder im großen, gesamtgesellschaftlichen Kontext: Gutes Design ist Wandel, Veränderung, Restrukturierung, Optimierung, Infragstellung des Status Quo. Was wir also brauchen – als Designer aber auch als Gesellschaft – ist natürlich der Wille zu Wandel und Aufbruch. Gerade Designer als Agents of Change, als Wegbereiter und Boten des positiven Wandels, sollten sich nicht rückwärts definieren. Retro darf Design nur insofern sein, dass wir auf den Schultern der Designgeschichte stehen – und bewusst der Möglichkeiten, die sich hier bieten – nach vorn sehen. Da sind die Architekten durchaus weiter als wir – die zitatenlastige, wenig moderne  Reimagination des Adlon-Hotels in Berlin wurde nicht ohne Grund ebenso angegriffen wie der billige Ansatz, den Schlossplatz in Berlin einfach historistisch zu rekonstruieren.

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Derartige – im Kern ja eigentlich ahistorische, weil Geschichte nicht als fortlaufenden und thermodynamisch einmaligen Prozess verstehende – Geschichtsverkleisterung sieht die Branche zu Recht als anachronistisch und altbacken an – Architektur will zeitgenössisch sein, modern, mit dem Gesicht der Zukunft zugewandt, auch wenn der Wind da etwas rauher ist. Stilzitate ja, aber eben weitergedacht, umgewandelt und als Element einer an sich stets fortschreitenden ästhetischen, experimentell und mitunter gern auch avantgardistischen Profession. Aus der Vergangenheit lernen, aber für die Zukunft gestalten. Wir Designer dürfen uns das ruhig abschauen – die Leidenschaft für hypermoderne Technik und Materialitäten, den bei Architekten bereits eher angekommenen Umweltgedanken (wo ist der LEED-Standard für das Grafikdesign?), das städtebaulich-strategische Denken, den Wunsch nach urbaner Transformierung, den Schimmer von Futurismus. Retro ist in der Architektur keine Tugend und kann es auch für Grafikdesign eigentlich auch nicht sein. Retro funktioniert als kurzfristiger Push-Button der Kindheitserinnerungen, der emotionalen Fragmente – und somit am besten in der Werbung (zugegeben, die Trennung zwischen Design und Werbung wird immer dünner). Wer Prilblumen lustig als grafisches Element zitiert – und vergisst, wie die Rollenverteilung der Geschlechter in der ursprünglichen Prilblumen-Zeit aussah, oder warum die tristen Küchen mit bunten Stickern etwas Individualität brauchten – dringt nicht in die potentielle Tiefe von Design, sondern bleibt an der illustratorischen Oberfläche, bei reinen visuellen Effekten. Das ist bedrückend wenig für eine Branche, die sich «Kommunikation» (und nicht «Grafik») an ihre Türen schreibt, oder?

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Insofern ist der jugendliche Optimismus, den die Autoren mit Retrodesign verbinden – aber dies ist natürlich nur meine persönliche Meinung – nicht in dieser Form angebracht und reduziert Design auf das Zitat, den Remix, das Mash-Up kultureller Fragmente. Tatsächlich lese ich Retrodesign eher als Warnung, nicht andere kunsthistorische Epochen zu klonen, sondern selbst eine eigene klare, frische und zeitsymptomatische Semantik in Kunst, Architektur, Objekt- und Mediendesign hervorzubringen.

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Und was will man mehr als von einem Buch – auch wenn die Autoren es vielleicht gar nicht primär beabsichtigen – als die Sinnlosigkeit und den Stillstand von Design über Jahrhunderte und Dekaden hinweg eben Seite um Seite gezeigt zu bekommen: Beispiele für ein Designverständnis, dass nichts anderes tut als alten Wein in neue Schläuche zu füllen? Retrodesign ist es allein schon wert, gelesen zu werden, um mit eben Retrodesign als gestalterischer Strategie bitte ein für alle Mal aufzuhören.

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Zugleich macht das Buch aber auch klar, dass es zum einen für einen Designer nicht schaden kann, einen zumindest kursorischen kunsthistorischen Überblick zu haben – den genau Retrodesign auch sehr gut vermittelt. Gut gegliedert vermag das Buch dem vielleicht ziellosen Herumzitieren gerade vieler Studenten ein Wissensfundament zu verleihen, Bewusstsein zu schaffen für die Grenzen und Möglichkeiten des Zitatenstadls. Mit dieser kritischen Haltung im Hintergrund, auch das vermittelt das Buch, kann der Stilmix und das Zitat, natürlich auch gezielt eingesetzt werden und – vom Kitsch zum provokativen Angriff auf die Bastion ewiger Werte gewendet – kommunikative Speerspitze sein oder auch einfach auch nur mal Spaß machen – es ist sicher nicht die Zukunft des Designs, aber eben auch nicht der Untergang des Abendlandes, sondern eines der vielen, vielen Mittel zum Zweck, einer der vielen Pfeile im Köcher des Designers. Es ist ein assoziativer, spielerischer Umgang mit kulturellen Prefabs, die in fähiger Hand ja durchaus zu überzeugenden neuen Lösungen zusammensetzbar sind – und zugleich arbeitet jeder Mensch natürlich unweigerlich mit der Fülle seiner Erinnerungen und Eindrücke, also muss und darf unweigerlich die Vergangenheit und ihre Ausdrucksformen in die Arbeit von Design einfließen.

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Wie vielfältig die Möglichkeiten sind, daran lässt Retrodesign keinen Zweifel aufkommen und gibt zugleich Inspiration, vielleicht mehr als stets die gleichen stockphoto-artigen Ranken und Blumen und 50s-Assoziationen zu benutzen und nach anderen Inputs zu suchen. Wobei ich zugeben muss, dass ich das mit Mitte 20 auch anders gesehen habe, die Kritik am Recycling-Design kommt mit dem Alter und der Langeweile am Wiedergekäuten, der reinen Oberfläche. Den beiden Autoren ihre Begeisterung für «Styling» vorzuwerfen ist insofern vielleicht deplaciert – sie haben die Ennui mit Oberflächendesign vielleicht einfach noch vor sich und können sich noch für den «Style» mehr begeistern als für die Substanz, das schicke »Wie ist es gemacht)» wichtiger finden als das trockenere «Was soll es sagen?»… was ja bis zu einem gewissen Grade eben auch in Ordnung ist, man durchläuft ja unweigerlich Phasen im Leben eines Gestalters. Dass ich selbst mit 40 Substanz und Aussage, Klarheit und Effizienz suche und mir eigentlich erscheint, dass die visuelle Umsetzung sich dann fast zwangsläufig aus einer überlegten strategischen Betrachung der Aufgabe ergeben wird, muss und darf und sollte nicht unbedingt das Denken von 20jährigen Jungdesignern prägen, die natürlich bitte Sturm und Drang machen sollten, ansonsten hätte es Cranbrook und damit später eben den im Buch oft zitierten David Carson nicht gegeben.

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Zugleich ist auch klar, auch den Autoren selbst, so scheint mir, dass hier nur ein Teilbereich schaffenden Designs beleuchtet wird – die Aufgabe eines Buches mit dem Titel Retrodesign kann und soll ja nun mal nicht sein, Design jenseits des Zitates vorzustellen. Es ist sozusagen ein Design-Genre-Buch, wie auch Western, SF oder Horror und Belletristik nur Genre der Literatur darstellen. Die Schlussfolgerung, dass alles Design unweigerlich Retro sein kann/darf/sollte, wäre insofern sicherlich falsch und sicher auch nicht von den Autoren beabsichtigt. Im Gegenteil, Retrodesign lässt keinen Zweifel daran, dass es vor allem darum geht, die Wandelbarkeit, den Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten schöpferischer Arbeit zwischen Kunst und Dienstleistung zu feiern.

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04. Fazit
Von einem Buch – selbst aus dem Hermann-Schmidt-Verlag – darf man keine Wunder verlangen. Insofern ist Retrodesign natürlich unweigerlich nicht in der Lage, eine Jahrhunderte überspannende kulturelle Entwicklung wirklich detailliert auszuleuchten. Anlass zur Kritik wird es also immer an einigen Stellen geben können, weil der Mut zur Lücke unweigerlich eingebaut sein muss – ansonsten kann man ein solches Buch kaum angehen und muss in stocksteifer Respektstarre vor der historischen Wucht verharren. Obgleich ich persönlich das Design des Buches etwas unausgewogen finde – die rein sachlichen Seiten mag ich sehr, aber die eher gestalterischen Doppelseiten weniger, manches ist schon an der Grenze zum reinen Selbstzweck – ist es eine bisher so nicht dagewesene Querschau bisheriger Stileinflüsse und ihrer Protagonisten, mit einer bewundernswerten Sammlung herausragenden Materials. Als jemand, der selbst im Bereich Typographie einen historischen Abriss vom Art Deco bis in die 90er als Vortrag verfasst hat, weiß ich, wie schwer an exzellentes Bildmaterial zu kommen ist, und allein hierfür gebührt den beiden Autoren unbedingter Applaus.

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An einer final überzeugenden einheitlichen Ordnung und vertiefenden kritischen Haltung zu «Retro» mangelt es hier unweigerlich, aber das ist die logische Konsequenz eines Buches, das sicher weniger dem wissenschaftlichen Diskurs als vielmehr der Inspiration und Übersicht dienen will, dass zu Recht den Spaß an der Sache über die Substanz stellt. Dass die Autoren selbst sich für Retrodesign begeistern, kann und sollte man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen wollen – wer das Stilzitat ablehnt, würde wohl kaum so viel Zeit in ein so liebevoll kuratiertes Buch stecken wollen.

Letztlich ist das Buch trotz einiger Kritikpunkte in den Details für unter hundert Euro einfach prachtvoll gemacht, liebevoll zusammengestellt, geschrieben und gestaltet – ganz deutlich sichtbar das Ergebnis harter und begeisterter Arbeit, gut zu lesen, wunderschön anzuschauen und insofern ein Buch, dass man, wenn man sich mit Design beschäftigt und nicht völlig frei von Zitatanflügen arbeitet, zu diesem Preis eben absolut selbstverständlich in sein Regal stellen darf und muss. Es ist ein schönes Manifest, das Debatten anregen dürfte, gerade weil es Design etwas unkritisch als rückblickende Tätigkeit betrachtet.

Aber wie sagen Karin und Bertram Schmidt-Friderichs in ihrem Verleger-Vorwort so schön: «Rückblicke sind nötig, um vorausschauen zu können.» Insofern darf und kann man hoffen, dass ein Kompendium wie Retrodesign den Blick frei macht für die Möglichkeiten, Zukunft zu gestalten.

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Retrodesign:Stylelab gibt es unter anderem bei Amazon, im Shop des Verlages, und idealerweise direkt beim kleinen Buchhändler eures Vertrauens. Think local :-D

4. Juli 2009 16:22 Uhr. Kategorie Buch, Design. Tag , . 9 Antworten.

Fontshop News

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FlexOT von dem stets famosen Paul van der Laan, leider nicht als Pro.

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P22 Brass ScriptPro von Michael Clark und Richard Kegler.

Zwei Fonts, die mir in der neuen Fontshop-News aufgefallen sind, bestätigen zwei aktuelle Trends, finde ich. Zum einen eine Rückkehr – sofern man bei einer 10 Jahre alten Schrift davon sprechen kann, aber es geht ja darum, dass sie jetzt angeboten wird – zu einer fast Gill-Sans/Frutiger-artigen eleganten serifenlosen Ästhetik, die ein wenig von dem Pattern der bisherigen Helvetica/Din-Rips einerseits und der ja fast zahllose Thesis-Derivate andererseits abweicht und eine andere Art von Retro-Ästhetik (nichts anderes ist Helvetica/Akzidenz/Univers ja auch, ein International-Style-Retroismus) einbringt, die weicher, mehr 70s ist. Das vorletzte Heft von Raffinerie für das Schauspiel Zürich ging in diese Richtung, viele andere Sachen auch. Läutet für Akzidenz etwa doch die Glocke? Schwer zu glauben, so beliebt wie der Font und seine vielen Brüder bei gerade jungen Designern sind, zumal Helvetica ja irgendwie zu allem gleich gut passt/nicht passt.

Zum anderen die Rückkehr von Scriptfonts, die weniger eine simple Handschrift emulieren, als start zurückgreifen zu den geschwungenen Nachkriegsformen, Reklamemalerei, Retroanklängen aus den USA. Die Mister K von FSI, obwohl ästhetisch sicher etwas anders, natürlicher gehalten, ist auch so ein Beispiel für neue Scriptfonts, die die Features von OpenType ausgiebig nutzen, um mit alternativen Glyphen und intelligenten Ligaturen ein möglichst natürlich wirkende Faux-Kalligraphie anzubieten für all die Designer, die keinen Ed Benguiat in sich schlummern haben («If you need a script typeface, why don’t you draw it yourself? You’re designers, right?»).

Beides, ganz unabhängig von einander, Trends zu einem wärmeren Retrofeeling, das erschreckend gut zu dem erhöhten Wellness-Kuschelbedürfnis einer Krisenwirtschaftsgesellschaft passen würde.

11. Juni 2009 07:56 Uhr. Kategorie Design. Tag . 3 Antworten.

Axel

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Erik Spiekermanns neue Schrift Axel sieht tatsächlich sehr nach einer alten Spiekermann-Schrift, der OfficinaSans aus, die nur ordentlich korrigiert und etwas schmaler gerückt wurde. Da die Officina eine sehr lebhafte Vergangenheit hinter sich hat und ich insgeheim eigentlich fast länger mit einer FSI-Überarbeitung gerechnet hat, überrascht mich das nicht ganz, vielleicht eher die Veröffentlichung beim deutschen Fontshop-Vertrieb selbst, nicht bei der Foundry. Das macht aber durchaus Sinn, wenn man sich den Kampfpreis von nur 9,90 Euro für vier Schnitte ansieht, mit der die Schrift eingeführt wird und die Tatsache, dass hiermit natürlich ideal die (gravierend verbesserten) Merkzettel- und Kauffunktionen der neuen Site vorgestellt werden können. Bei 9,90 Euro klickt man ja mal eben auf Kaufen und kann schnell selbst erleben, wieviel netter das Shopping geworden ist – bei 399 Euro eher weniger. Insofern darf man davon ausgehen, dass die Axel mit ihrem bis Ende Juni datierten Angebotspreis vor allem Promotion für den Site-Relaunch machen soll. Ob es danach eine ausgebaute Axel bei FSI geben wird, abwarten.

Auszubauen wäre nämlich einiges. Die Axel kommt – bei dem Preis mehr als korrekt – recht eingeschränkt daher. Hinter dem OTF-Paket verbirgt sich im Grunde ein Windows-TrueType, ohne großen Extra-OTFPro-Zeichensatz, ohne Small Caps, ohne verschiedene Ziffernarten, ohne Fremdsprachen. Was nicht nur angesichts von 10 Euro vertretbar ist, sondern auch andeutet, wohin es die Axel zu treiben scheint: Dies ist, offenbar, kein Font für Mac-affine Designer, die sich in Indesign austoben und ein Maximum an Glyphen wollen, sondern eher eine knackige und handwerklich saubere Lösung für Office-Nutzer an Window- und Mac-Rechnern. Obwohl OS X mit iWork natürlich OTF-Features nutzen kann, sind Office-Nutzer seit Jahren in Sachen OpenType außen vor (was sich mit der nächsten Version ändern soll). Bis dahin liefert die Axel eine saubere Lösung, zumal die SmallCaps (unter Word usw unerreichbar, wenn SC in den OT-Glyphen liegen) ja ausgelagert sind.

Die Axel ist insofern inoffiziell Spiekermanns erster Font für Windows und Mac-OS, eine Art hochökonomischer Systemschrift, die man weniger (nur) für Printdesign benutzt, als vielmehr, um relaxt Tabellen und Texte am Rechner zu bearbeiten. Dafür sprechen das ausgedehnte manuelle Hinting (der Alptraum jeder Fontkonvertierung), das eine hochwertige Bildschirmdarstellung und auch gutes Druckbild bei Inkjet und Laser gewährleistet und die Nutzung von Cleartype, für die spezielle Nutzung als Tabellensatzschrift empfiehlt sich Axel nicht zuletzt dadurch, dass hoch- und tiefgestellte Bruchziffern mitgeliefert sind und einige mathematisch Sonderzeichen.

In der langen Historie der Officina ist es vielleicht ironisch, das eine für die Schreibmaschine entwickelte Schrift nach Umwegen als die Mutter der Understatement-Designtypographie der 80s/90s jetzt wieder da ankommt, wo sie hingehört: In die Büros, als Schrift für die Nachfolger der Schreibmaschine, auf Computern und Laptops. Also: Zugreifen, solange der Preis noch so niedrig ist. Vielleicht erleben wir ja so eine Off…ähm Axel-Renaissance. :-D

25. Mai 2009 15:14 Uhr. Kategorie Design. Tag . 6 Antworten.

Typo Berlin 2009 Space Tag Drei

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Last not least die Bilder vom dritten Tag, ebenfalls unedited. Ganz wichtig: Ich habe die Photos natürlich nicht selbst geschossen, sondern hauptsächlich stammen sie von Katharina und Stefanie, die den ganzen Tag die schwere Kamera in der Hand hatten und tolle Momente eingefangen haben – 1000 Dank!!!

(weiterlesen …)

23. Mai 2009 23:59 Uhr. Kategorie Design. Tag . 6 Antworten.

Christoph Ingenhoven bei Arte

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Gestern live im Fernsehen, heute in zwei Teilen bei arte: Das Interview mit dem deutschen Top-Architekten Christoph Ingenhoven, für den wir seit über zehn Jahren on und off arbeiten, 2008 sogar recht intensiv (auch wenn sein neues CD und die Site von KMS stammen). Christoph ist nicht nur einer der Architekten, die sich Sustainability und denkende Architektur schon auf die Flagge schrieben, als es noch nicht Mode war, sondern in Wettbewerben und Premium-Projekten immer wieder jemand, der es mit seinen Architekten schafft, ikonographische, spannende Architektur nicht aus gestaltertischer Eitelkeit, sondern als Notwenigkeit, als Lösung zu erfinden. Ingenhovens Denken über Architektur, sein Arbeitsfieber, sein Perfektionismus und sein Drive sind uns über die Jahre immer wieder eine Inspiraton gewesen. Wir freuen uns wirklich immer, in die Projekte seines über Jahre gewachsenen, hervorragenden Team in Düsseldorf einzutauchen.

Ich hätte mir den Arte-Beitrag vielleicht ein wenig mehr als «echtes» komplettes Feature über das gesamte Büro und den Output von Ingenhoven Architekten gewünscht, aber ein Einblick in Christophs Denken ist so oder so immer sehenswert.

Danke an Ben für den Tipp.

18. Januar 2009 14:35 Uhr. Kategorie Online. Tag . 2 Antworten.

Roomba

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Ladies and Gentlemen, wir sind an dem Punkt angekommen, zu dem ich über meinen Staubsauger blogge – please fasten your seatbelts. Ernsthaft, da ich selbst über Blogs auf die Idee gekommen bin, ist es nur fair, die Liebe weiterzugeben.

Der Roomba 560 ist ein Staubsaugerroboter, der automatisch durch einen Raum fährt, durch diverse Sensoren geleitet und … staubsaugt. Die Reaktion von allen Leuten, die das bisher gehört und dann erlebt haben, war ausnahmslos: «Was für ein Quatsch….» (Anschauen, was der Roomba so macht) «…Ich will auch einen!»

Denn es ist natürlich Nerdsville, sich einen Staubsauger-Roboter anzuschaffen, aber wenn man auf drei Stockwerken wohnt, einen Hund und keine Zeit hat, greift man irgendwann zu seltsamen Ideen. Ich habe das Ding in John Byrnes Forum kennengelernt, ein paar Youtube-Videos gesehen, und spontan bei Amazon geordert (ich habe gestern gesehen, dass es ihn inzwischen auch bei Cairo gibt, Synchronicity).

Die Sache ist: Das Ding funktioniert bestens. Man muss den Boden Roomba-sicher machen, also Kabel etwas aus dem Weg bringen (weil er sich trotz anders lautender Werbeversprechen des Herstellers absolut darin verhakelt), und allzu leichte Sachen etwas aus dem Weg räumen, ansonsten findet der Roomba seinen Weg völlig allein durch den Raum, saugt eine Stunde vor sich hin und schnurrt wieder zu seiner Ladestation zurück. Die Saugkraft ist eher schwach, vielleicht mit einem guten Tischstaubsager zu vergleichen (dessen Lautstärke der Roomba auch in etwa hat) und insofern für einen Akku-Sauger, der über 60 Minuten durchsaugt, auch angemessen, aber durch die außenliegende spinnenartige Rotationsbürste und die beiden Bürsten unter dem Roomba ist die Reinigungsleistung trotzdem sehr beachtlich, weil das Gerät sich sehr effektiv den Dreck in die Saugdüse bürstet. Dazu kommt, dass der Roomba mit eben roboterhafter Geduld und Gründlichkeit durch den Raum saust, die kein Mensch so aufbringen würde, und zudem durch seine geringe Bauhöhe auch unter Betten und Sofas saugen kann, und das mit der gleichen Ruhe und Präzision wie über all sonst auch. Er lässt keine Ecken aus, die man selbst gerne mal vernachlässigt und durch die Redundanz seiner Programmierung ist das finale Saugergebnis fast erschreckend – wenn man die Saugkammer ausklopft sieht man etwas entsetzt, wie dreckig ein an sich sauber wirkender Boden in Wirklichkeit war.

Durch die eingebaute Zeitschaltuhr kann man Roomba problemlos von selbst starten lassen und auch wenn der kleine Roboter sich ab und an mal verklemmt, verkabelt oder auf etwas drauffährt und abschaltet – im großen und ganzen sind die Ergebnisse beeindruckend, was umso mehr überrascht, als dass der Roomba der preiswerteste seiner Art ist – der kleine 530 beginn bei 299, der 560 kostet 399 – während Modelle von Siemens oder Kärcher bei um die 1000 Euro liegen. Das Ergebnis nach schon einer halben Woche sind deutlich saubere wirkende Räume und – das mag ein Placebo-Effekt sein – eine reiner wirkende Luft. Für mich als Hausstauballergiker so oder so eine großartige Sache, weil gerade der Staub, der sich in Ecken oder unter Möbeln ansammelt rigoros weggesaugt wird

Der Roomba wirkt so, als müssten relativ regelmäßig die Bürsten und Filter gewechselt werden – das Gerät sieht schon nach einigen tagen Drecksarbeit nicht mehr sehr ladenneu aus – aber die Wartungskits sind bei iRobot (kriegt Asimov eigentlich Lizenzgebühren für die Verwendung dieses Namens?) relativ preiswert zu erstehen, das sollte kein schwerwiegendes Problem sein, solange Nachschub verfügbar ist. Der Roomba ist dabei laut Handbuch komplett demontierbar, so dass jedes einzelne Bauteil angeblich problemlos austauschbar ist. Oh, und man kann ihn auch hacken, wenn man will…

Mit im Paket sind zwei sogenannte Virtual Lighthouses, die den Roomba von einem Raum zum anderen weisen und auch als Virtual Walls dienen können und den Roomba bestimmte Bereiche ignorieren lassen. Beides bei uns zunächst nicht so nötig, insofern habe ich die Lighthouses noch nicht getestet. Die Bedienungsanleitung braucht man fast nicht, weil die Bedienung zum einen wirklich kinderleicht ist, zum anderen eine Computerstimme auf bestimmte Probleme hinweist und den Roomba erläutert. Nur für komplexere Fehlermeldungen braucht man dann das Handbuch vielleicht.

Im Roomba sind Technologien verarbeitet, die iRobot für taktische Robots im militärischen und polizeilichen Dienst entwickelt hat (u.a. als Bombenentschärfer) – und ehrlich gesagt, macht es einfach Spaß, dem mit einigen Humor programmierten Maschinchen bei der Arbeit zuzusehen. Der launige Countdown vor dem Start aus der Ladestation (die den Robot in drei Stunden wieder auf Grün hat), die manchmal unfreiwilligen Irrfahrten zurück in die Ladestation, die Art, wie der Roboter vor Treppen stoppt oder sich aus Ecken herausnavigiert, ganz zu schweigen davon, dass es Emma natürlich absolut fasziniert, was da auf dem Boden herumschwirrt und dreisterweise ihre schönen gemütlichen Haare entfernt.

Ein Staubsauger-Roboter ist irgendwie die Mischung aus Kindheitstraum und der Sorte Einkauf bei der man selbst an seinem Verstand zweifelt, während man noch bestellt,weil die Idee an sich so bizarr ist. Bei weiterem Nachdenken ist es aber nichts anderes als eine Spülmaschine oder ein Staubsauger an sich, der ja auch nur ein Besen mit Motor ist – nur kann der Besen jetzt etwas besser seine Umwelt sehen. In Form von Navigationssystemen, iPhones und solchen Haushaltsrobotern kommt immer mehr Technologie in unseren Alltag, die man einerseits sicher immer kritisch hinterfragen kann, deren praktischer Nutzwert in der Entbindung von dusseligen, zeitfressenden, unkreativen Arbeiten aber kaum wegzudiskutieren ist. Wer einmal mit einem TomTom-System durch eine fremde Stadt gefahren ist, wird sich nicht unbedingt nach verzweifelten Suchen auf Falkplänen zurücksehnen – und wer eine Weile dem Roomba bei der Arbeit zusieht, fragt sich, warum man das nicht viel früher angeschafft hat.

12. Oktober 2008 09:31 Uhr. Kategorie Technik. 6 Antworten.

The Police: LTU Arena, Düsseldorf

Wenn ein Veranstalter darauf hinweist, früh zu kommen, wenn man in den Innenbereich will, sollte ich das in Zukunft beherzigen. Als ich etwa 30 Minuten vor Konzertbeginn in der mit 50.000 Besuchern nicht wirklich ausverkauften, aber subjektiv schon zu vollen LTU-Arena ankam, war etwa in der Mitte des Innenraums eine Barriere aufgezogen und Zutritt jenseits des Blocks gabs nur mit den legendären Armbändchen. Nicht das erstemal, dass bei Großkonzerten diese Taktik gefahren wird – und ich hasse es jedesmal. Im vorderen Bereich der Halle war es dadurch deutlich zu leer und die Leute in den ersten Reihen nicht die besten Fans, sondern notorische Zufrühkommer. Insofern kein Konzert zum Mitfeiern, sondern eins, wo man nominell im Rahmen des Möglichen in der ersten Reihe steht (es sei denn, man will sich an drei Security-Leuten vorbeifighten), aber trotzdem gefühlte drei Kilometer weg vom Bühnengeschehen ist. Ganz zu schweigen vom Sound. Warum Leute diese Großkonzerte besuchen, wrd mir ewig ein Rätsel bleiben, geschweige denn, warum Bands sich einen Sound antun, bei dem bereits in der Mitte der Halle nur noch ein verhallter Brei überbleibt, aus dem ab und zu eine Bassdrum und eine Hihat herausragt, die Gitarre fast untergeht, der Bass erahnbar ist und einzig die völlig verhallte Stimme von Sting klar heraussticht. Ich kenn miese Bootlegs mit besserem Sound. Nichts dagegen, dass solche Stadion-Gigs für die Band eine Kapitalmaximierung sind – ein Konzert mit 50.000 Besuchern mal ca. 100 Euro sind besser als 10 Gigs mit 3000 Leuten für 50 Euro. Aber als Besucher hat die Sache mit Live-Erlebnis wenig zu tun, vor allem, wenn man Police bisher in kleineren Venues erlebt hat (Gruga, Dortmunder Westfalenhalle).

Generell ist es so, dass die drei Mann von Police in der gigantischen Halle etwas verloren wirken – da rettet auch die bei solchen Großkonzerten übliche LED-Technologie, Lichtorgie und Videowand nichts. Die Musiker gehen in der gigantischen und etwas beliebig wirkenden Lichtorgel unter, und können sich, um von den Kameras auch bloß gut aufgenommen zu werden, auch nur noch sehr eingeschränkt bewegen. Während rüher bei Police ein permanentes Jogging und Springen angesagt war, wurde dieser Gig mehr stur an einer Stelle stehend heruntergespielt – was natürlich auch mit dem Alter der Protagonisten zu tun haben kann. Zudem kommen der Sound von Police und Stadion etwa so gut zusammen wie Autokino und Achterbahn – das filigrane Gefrickel von Andy Summers und Stewart Copeland verliert sich in der Hallsuppe des Raumes und die Band reagiert darauf, indem sie scheinbar bratiger und geradliniger spielt – Copeland brettert teilweise einfach nur noch auf den Becken herum und spielt deutlich reduzierter, um sich nicht im Soundbrei ganz zu verlieren.

Das Publikum macht mir etwas Angst. Mag sein, dass ich auf zu viele kleine Konzerte gehen, wo ich der Old Man bin, aber es ist … weird, neben Leuten zu stehen, die sich BEGEISTERT vom letzten Fury in the Slaughterhouse oder Reamon-Konzert erzählen. Ich meine, wer geht denn da bitte hin??? Wenn du das fünftmal solche Kommentare von Leuten neben dir hörst, bekommst du die ersten Zweifel am Publikum. Police, das war mal DubNewWavePunk, aber hier knutschen die Pärchen bei den unvermeidlichen Hits herum und neben dir (in der 60. Reihe wohlgemerkt) flippen Leute am Crowdbreaker aus, die rein optisch ansonsten in irgendeiner Steuerbehörde Formulare ausfüllen. Das ist, kurz gesat, gruselig, aber das Publikum ist mit der Band gealtert, arriviert, bürgerlich, pummelig. Das sind die Leute, die auf Ü30 und Ü40-Parties gehen und immer wieder gern With or without you von U2 hören wollen, oder eben (seufz) Every Breath you Take.  Leute, die 90 Euro über haben, um ihre Jugend nochmal aufflackern zu sehen. Leute wie ich also, nur, dass ich hier hochgradig fehl am Platze bin. Das Publikum feiert natürlich (berechenbarerweise) die genau falschen Songs. Bei Demolition Man oder Hole in my Life gibts verwirrte Blicke, bei Roxanne und So Lonely wird natürlich ausgeflippt, da lassen Uschi und Horst die Sau raus. Vielleicht haben Police es verdient, als ihre eigene Coverband auftreten zu müssen und vor diesen Leuten spielen zu müssen, aber wenn du genau hinsiehst und -hörst, merkst du, wie sehr es der Band an den Nerven spielt, im Rentenalter immer noch die gleichen Sachen spielen zu müssen. Da werden die großen Hits gerade am Ende des Konzertes geliefert, aber eben wirklich geliefert. Die Band versucht teilweise dekonstruktiv an die Sachen heranzugehen und verliert sich zu meiner großen Freude ausgerechnet bei meiner persönlichen Hassnummer Roxanne in einer großartigen Jamsession, die nichts mehr mit dem Track an sich zu tun hat, um dann – und da merkst du, es geht vom Fun zurück zur Arbeit – noch einmal den Refrain rauszuklotzen, damit die Leute mitgröhlen können.

Was schade ist, denn die freieren Teile, in denen die Band etwas vor sich hin frickeln kann, sind grandios. Police zeigen streckenweise, wie sehr sich die musiker mit dem Alter gewandelt haben. Es ist die gleichen Musik wie Mitte der 80er, als die Band sich auf dem Zenith des internationalen Erfolgs auflöste, aber gespielt nach einer persönlichen Evolution, die vor allem bei Sting und Andy spürbar ist. Andy hat nach zwei Dekaden als eher esoterischer Jazz-Gitarrist ein Können erreicht, das dem seiner Police-Zeit weit voraus ist. Live bekommt er weiten Raum für Soli und entwirft Klangwelten, die hypnotische Eleganz haben. Als der Älteste der Band macht er rein optisch keine gute Figur, aber spielerisch hört man zwanzig Jahre Übung, Training, Entwicklung in jeder Note, auch wenn er sich mal verspielt. Experimenteller und spiritueller denn je ist der ohnehin immer schon markante Gitarrensound von Police und das ist eine unfassbare Bereicherung. Sting selbst hat ebenfalls eine Karriere hinter sich, die ihn einen weiten Weg vom nasal klingenden Shouter von Outlandos D’Amour gebracht hat, hin zu einem eher im kratzig.tiefen Bereich brillierenden Vokalisten, der zwar nur noch kommerziellen Mist produziert, aber dennoch eine der markantesten Stimmen der Branche besitzt. Und so klingt dieses Konzert ungewöhnlich, weil Sting nahezu jeden Track relaxter, bluesiger singt als früher, anders phrasiert, andere Betonungen setzt, Strophen schleift und Refrains reduziert. Sein Gesang erinnert eher an die Police-Coverversionen, die er bei MTV Unplugged gesungen hat, es ist Police 1980 gesungen von Sting 2008. Und das bringt die Musik in einen komplett neuen Kontext. Zusammen mit der scheinbaren Rücksichtnahme auf Stewart Copeland, der gegen Ende des Gigs zunehmend greifbare Probleme hat, seinen jugendlichen Drive an den Drums aufrechtzuerhalten (der aber trotzdem eine stellare Performance hinlegt, unfassbar, wie gut Stewart immer noch ist), sind die Tracks insgesamt etwas langsamer geworden, ruhiger. Obwohl die Band auch ordentlich auf die Pauke haut, sind die besten Momente immer jene, in denen sie die Tracks weitgehend verändern, filtern, remixen. Du merkst manchmal, wie das Publikum einen Track am Anfang kaum erkennt (Voices Inside My Head/When the World ist running down – grandios gemacht) und auch in den Songs selbst liefern Police immer wieder großartige Breakdowns, in denen sie fast frei improvisieren und zeigen, wie gut diese Band sein kann, wenn sie sich für einen aus dem Korsett der Greates-Hits-Machine befreit. Gerade am Anfang des Gigs leisten sich The Police den Luxus, auch mal Semi-Hits zu spielen (Driven to tears, Invisible Sun, wo übrigens ein unsagbar kitschiger Video lief mit bettelnden Kinderaugen, surreal schlecht) und diese Freiheit tut dem Konzert gut, es sind ausnahmslos die Offbeat-Songs, die wunderbar reinterpretiert und ausgebaut sind, während die Crowdpleaser relativ rausgerotzt wirken. Wenn die band aber aufspielt und sich in der Musik verliert, entstehen unsagbar gute Momente, deren psychedelische musikalische Energiezeitlos und beachtenswert ist. The Police sind live immer noch eine Größe für sich.

Trotz oder gerade wegen des fortgeschrittenen Alters liefern Police hier wirklich ein Konzert ab, das einen Neuigkeitswert hat. Wo andere Bands, die nochmal aus der Rente kommen, um sich den Ruhestand mit einer letzten Welttournee zu finanzieren eher musikalisch mieser wirken als zuvor, zeigen Police einen tatsächliche Fortentwicklung des vertrauten Materials, die ich so nicht erwartet habe und die das Konzert trotz der vielen Stadion-Rock-Probleme absolut erlebenswert machen. Es ist ein bisschen morbide, eine abgehalfterte Band, die durch ein solches Comeback immer Gefahr läuft, den eigenen Mythos zu zerstören, zu sehen – aber Police reißen das Steuer wirklich herum und liefern einen Gig, der zugleich nahtlos an die Glory Years anschließt und dochklar die Entwicklung der Bandmitglieder in der Zwischenzeit – vor allem eben Stings geändertes gesangliches Spektrum – respektiert.

Einen surrealen Moment gibt es dann allerdings am Ende, als die Band bei Next to You eine Art Collage von Photos und Videoschnipseln vergangener Zeiten zeigt. Vor der Folie dieser Bilder von jungen Typen um die 20/30, die noch nicht wussten, dass sie am Anfang einer der größten Karrieren der Popgeschichte und einem unweigerlich dazugehörenden Trip in die Entfremdung von sich selbst standen, haben die drei Männer auf der Bühne etwas rührend vergängliches, etwas trauriges. Wenn das Publikum nach dem Konzert auf dem Weg nach draußen sanft sagt :«Alt sind ‘se geworden», dann meint es im Grunde sich selbst. The Police stehen gegen den Zahn der Zeit auf der Bühne, spielen gegen die eigene Unwichtigkeit an, wollen sich wie alte Cowboys noch einmal beweisen. Sting, graubärtig und sonnengegerbt sieht nicht umsonst aus wie ein altgewordener Seemann, der noch einmal auf Walfang gehen will, und stellt nicht umsonst im engen Netzshirt seinen unverändert großartigen Body aus, dokumentiert seine Vitalität, schreit mit reibeiserner Stimme gegen das absehbare Karriere-Ende an. Hier fackelt eine Band das letzte Feuerwerk ab, feiert eine letzte Auferstehung, und man fragt sich vor allem, wie es für Stewart und Andy, die neben The Police eigentlich nie viel in ihrem Leben gepackt gekriegt haben (während Sting den Ruhm zumindest in eine achtbare, wenn auch künstlerisch zunehmend insignifikante Solokarriere ummünzen konnte), sein muss, wenn das einzige große Ding in deinem Leben diese sechs Jahre Police sind – bis hin zum hohen Alter, wenn du einen Schatten dieses Ruhms nochmal mühsam reanimierst – wenn man also 80% seines Lebens als Has-been verbringt und von der glimmenden Restwärme eines kurzen Novamomentes existiert. Wie schon Copelands Everyone stares-Film bleibt ein seltsamer Nachgeschmack, bei dem das Leben als Popstar eines der traurigsten ist, dass man sich denken kann – vor allem, wenn es vorbei ist.

9. Juni 2008 13:11 Uhr. Kategorie Live. Tag . 3 Antworten.

Die Ferien des Monsieur Hulot


Ich liebe es, alte Filme im Kino zu sehen – und ich liebe Jacques Tati, dessen Playtime zu den grandiosesten Filmen aller Zeiten zählt – was also liegt näher, als sich Sonntags bei strahlendem Sonnenschein in das überraschend volle Eulenspiegel zu setzen, um Die Ferien der Monsieur Hulot zu sehen? Die Sondervorstellung – eine wunderbare Hommage an einen verstorbenen Onkel, der mit Spitznamen Hulot genannt wurde – lief gottseidank ohne den zuvor angedrohten möglichen Filmriss ab und zeigt, das Tati schon 15 jahre vor Playtime in seinem zweiten Film der gleichen Thematik folgte, wenn auch hier mit deutlich weniger subtilem Humor und weniger künstlerischer Ambition. Wie es sich für einen trainiertenPantominen gehört, ist Les Vancances ein seltsam stummfilmartiges Vehikel, in dem Sprachfetzen, Radiostimmen, Musik gleichermaßen eher einen Klangteppich ergeben als eine nachvollziehbare Handlung, vielmehr verfolgen wir Alltagsszenen, die eine grobe Rahmenhandlung durchflechten, in der Tatis Figur Hulot unsicher durch die modernen Zeiten tapert. Eindeutig inspiriert vom großen amerikanischen Stummfilm, von Keaton und Chaplin, von den Marx Brothers und Harold Lloyd, hat dieser Film noch eine oft groben Humor, den Hulot später zunehmend ablegen sollte, aber auch leise Zwischentöne, die an sich tausendmal zeitloser, komischer sind. In wunderbarem Schwarz-Weiß – nur im letzten Moment wird der Film für einen kleinen augenblick wunderbarerweise farbig -  ist vor allem überraschend, wie zeitlos die Bilder wirken, bewegte Photos aus einer Welt mitte der Fünfziger, als alles noch seltsam naiv war und zugleich die Modernität von Autos, Radio und Jazz, nicht zuletzt von internationalen Touristen, allen vorweg die Deutschen, seltsam bizarr wirkt, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.  In dem Film steckt ein naives und zugleich sarkastisches Staunen über den Tourismus, über die Gäste, die den ganzen Tag im Hotel sitzen, in Bussen anreisen, deren Verhalten im Film befremdlich und alien wirkt in der kargen Schönheit des bretonischen Urlaubsortes, in den einzig Hulot als seltsam lauter Störfaktor einfällt. Selbstironisch und zugleich liebevoll bespiegelt Tati die Modernen Zeiten, und es wirkt befremdlich, hier vorweggenommen Loriot, Monthy Pythons und Benny Hill nebenbeiander zu sehen, die sich allesamt bei Tati bedient haben, aber den Kern seiner Arbeit weggelassen haben – die deutlich inszenierten, aber eben deshalb so echten Szenen aus dem Alltag, die Surrealität kleiner Gesten und Momente, die brillante Kreativität, die jeden Moment des Films durchzieht und ihn der Komik enthebt (ohne ihn jemals unkomisch zu machen) und zu einem Kunstwerk macht, das einen Vorgeschmack auf die spätere atemberaubende Genialität von Playtime gibt.

21. April 2008 20:12 Uhr. Kategorie Film. Tag . 3 Antworten.

Architektur als Pornographie

Warum ist Paris Paris – und nicht etwa Dubai ? Warum ist London nicht New York? Warum ist Düsseldorf nicht Singapur? Jede Stadt, egal ob Megapolis oder Dorf, hat ihren eigenen Geist, ihren spezifischen Atem – und es ist genauso schade, wenn eine Kleinstadt eine gewachsene Struktur ad hoc durch «Unser Dorf soll schöner werden» dem roten Klinker opfert, wie wenn europäische Städte amerikanischen – oder fernöstlichen – Potenzwahn verfallen. Schaut man sich zum Beispiel die Finalisten des von der EPAD ausgerufenen Wettbewerbs um den Tour Signal im Pariser Busisnessviertel La Defense an, so fällt auf, das der der Geist der gigantomanischen Viagra-Architektur zunehmend auch wieder – nach einer Pausenphase – in Paris Einzug hält. Die Finalisten – darunter Schwergewichte wie Foster, Libeskind oder der frisch Pritzker-preisgekrönte Jean Nouvel – gehören zur absoluten Crème internationaler Architekten, aber dennoch stoßen ihre Entwürfe seltsamerweise unisono auf Befremden. Es ist ein seltsames Gefühl von deja vu, das sich einschleicht – gerade so als habe jeder beteiligte Architekt weniger über den Ort nachgedacht, als vielmehr einfach nur blind dem Zwang seiner gestalterischen Handschrift und einem Hang zur Größe gehorcht. Fosters Entwurf sieht aus wie die Londoner Swiss-Re-Gurke Remixed, Libeskind Entwurf erinnert frappierend an seinen WTC-Entwurf und Nouvel hat überraschenderweise einen eher langweiligen Kasten produziert, den ein gigantischer oben aufgesetzter Big-Brother-Bildschirm wohl retten soll – mehr Times Square als Place Pigalle. Alle Entwürfe scheinen seltsam losgerissen, skulptural, haltlos – sie könnten ebenso in Dubai wie in Moskau stehen, in Los Angeles wie in Düsseldorf. Dazu noch gleichen sich die Skyscraper an sich inzwischen untereinander so sehr, dass man die Architekten kaum mehr auseinanderhalten kann – da wird gedreht und zugespitzt, verformt und gebogen und das Gebäude am Rechner in immer neue Kontorsionen gezwungen, als wolle man beweisen, das Beton und Glas endlich auch real so modelbar sind wie die virtuellen Vektoren und Pixel, mit denen die Büros ihre – ebenfalls immer gleicher werdenden – Renderings und Animationen erstellen.

Es ist insofern vielleicht symbolisch, das Fosters Entwurf – an Englishman in Paris – frappant an einen riesigen goldenen Vibrator gemahnt, fast unwillkürlich irnosch wirkendes Mahnmal eines nach 9-11 seltsam wirkenden Größenwahns. Architektur mutiert hier zur Pornographie – zur Leistungsschau, in der lauter, höher, schneller, weiter und vor allem härter die Maßregel ist. So wie die aufgedunsenen Penise und Brüste der Sexindustrie überzeichnete Fetisch-Karikaturen sind, legt sich hier eine Branche als dem reinen Schaueffekt, der bloßen BlingBling-Oberflächlichkeit verfallen da. Wo Thom Maines Büro Morphosis mit dem Tour Phare in La Defense wenigstens eine düstere vulkanische Science-Fiction-Dekonstruktion in das Stadtbild zimmert und man sich – bei aller Kritik daran, dass hier ein fast 20 Jahre alter Trend anscheinend im Mainstream aufgekocht wird – zumindest freut, das ein solch offensichtliches unverschämtes Monster einen Wettbewerb gewinnt und Paris zur Skyline aus einer Mischung von BladeRunner und Herr der Ringe verwandelt (wenn der Tour Phare doch nur schwarzes Glas wäre)… vermisst man beim Tour Signal diese konzeptionelle Ironie des SCI-Arc-Mitgründers und generellem Branchen-Bad-Boy Mayne. In dröger Fröhlichkeit wuchten sich die fünf Finalistenzu immer größeren Kunststücken hervor, und versuchen Paris im Wettbewerb mit London, Dubai und anderen Brand-Cities aufzupolieren. Und verpassen dabei ein wichtiges Detail…

Paris ist eben nicht Dubai. Paris ist nicht New York oder Singapur oder Peking. Paris ist eine europäische Stadt, und die Versuche, in La Defense – wie schon in den siebziger Jahren – eine Art amerikanische Betonwüste zu implementieren, einen Skyscraper-Irrgarten mit sechsspurigen Straßen und als Alibi hinzugefügten krümeligen Grünflächen, wird zwangsläufig fehllaufen. zwar retuschieren die Architekten in ihre Renderings gern geschäftig umherwimmelnde Menschen ein, doch realiter sind die Bauten natürlich menschenfeindlich. Die virtuellen Kunstmenschen sehen nicht ohne Grund aus wie aus der Apple-Werbung entstiegene Yuppie-Zombies, die entweder mit Aktentaschen und Laptops busy sind oder nach der Arbeit noch schnell ein paar schicke Cocktails und etwas Party brauchen. Spielende Kinder, einkaufende Mütter wirst du in diesen Phantasiewelten nie finden – und die sähen eben auch etwas seltsam aus vor gigantischen goldenen Penisfaksimiles. Tour Signal vertut – wenig überraschend – die Chance, den Trend zu absurden Comic-Phantasien zu durchbrechen und Architektur zu schaffen, die auf den Ort, auf den Menschen zugeschnitten ist. Die man sieht und sagt: Dieses Gebäude kann nur in Paris funktionieren, für den Geist dieser Stadt.

So sehr ich mutige, skulpturale, narrative Architektur-als-Selbstzweck-Gebäude liebe, sie dürfen nicht zu einem stagnativen Wiederholen inzwischen vertrauter Formen, die aus dem freien Morphen von Pixeln am Bildschirm, also in Folge der beim Entwurf verwendeten Technologie, resultieren. Keiner der fünf Finalisten zeigt einen wirklich mutigen, neuen, frappierenden, das Denken erweiternden Ansatz – im Grunde sind die Architekten seltsam brav und bieder geblieben, zwar zeitgenössisch schick, aber irgendwie unweigerlich kitschig – eine Art hyperrealer postmoderner Twist des Gelsenkirchener Barocks. Es fehlt die visionäre Kraft des ähnlich gigantomanischen Bauens der Sechziger und Siebziger, das immerhin noch schlimmstenfalls nach Buck Rogers, bestenfalls nach Kubrick und Zarathustra klang. Aber hier – humorlose Entwürfe, die bierernst wie mittelalterliche Schlösser und wie Pharaonengräber wirken und einer ähnlichen Großmannssucht folgen. Es ist natürlich bezeichnend, dass heute die höchsten Häuser der Welt die Zentralen des Geldes sind, so wie früher zu den Kirchtürmen aufgeschaut werden musste – aber diese Architektur der Macht ist alt und langweilig und niemand ist mehr beeindruckt, ganz im Gegenteil, diese Form der Zurschaustellung bringt nur den wachsenden Gegensatz zwischen Managern und Kunden, Vorständen und Angestellten, in eine symbolisch greifbare Form. Man hat nach 911 nicht wirklich erwarten dürfen, dass diese Inszenierung von Geld, dieses seltsame neureiche Zeigen-Müssen, aufhört und das jemand darüber nachdenkt, warum ausgerechnet diese Attacke solche Symbolkraft hatte. Aber es wäre schon gewesen, wenn die Creme der Internationalen Architekten umdenken würde, anstatt sich stumpf selbst überbietend im Feature-Wahn zu versinken, trunken von der eigenen kreativen Kraft, unfähig zu hinterfragen, was und warum man seinen Job tut, eingefangen im täglichen Flow immer größer werdender Projekte. Wie die as Droge funktionierende Pronobranche auf der Suche nach immer neuen Kicks Jahr um Jahr zu extremeren Mitteln greifen muss, um ihre Konsumenten noch zu erregen, verfällt auch die Architektur in den Gangbang-Modus. More is More.

Was Paris gebraucht hätte, ist eine bescheidene Geste – nicht noch ein Highlight in einer Cityscape, in der sich die Hochhäuser längst um Aufmerksamkeit prügeln. Ein flaches, offenes Gebäude – nicht wie hier Ideen, denen man schon im Rendering anmerkt, das es faktisch ken echtes Erdgeschoss gibt, keine Kommunikation nach aussen. Der Tour Signal soll Business, Hotel, Shopping und Wohnen koppeln – aber wer will im Bauch dieser kühlen Monstren wohnen? Es wäre schön gewesen, wenn die Entwürfe die Authentizität, das Verwuselte, das Kleine und Lebendige von Paris eingefangen hätten, wenn es einen Europäischen Entwurf gegeben hätte, der au die Märkte, die kleinen Cafés, die Bäckereien, die Bars der Stadt eingegangen wäre, anstatt auf eine Hochhauslandschaft zu setzen, die genauso auch anderenorts denkbar ist. Solche Bauten als Highlight zu setzen, als Kontrapunkt zum Charme des Altgewachsenen, ist eine grundrichtige Strategie – ansonsten verstaubt die Stadt – aber solche modernen Highlights lassen sich nicht wie Salzkrümel wahllos auf einen Brezel streuen, sie müssen erzählerisch sparsam und und visuell aufregend sein. Maynes Tour Phare erfüllt das ansatzweise – und eben darum brauchte es beim Tour Signal einen Counterpoint, einen warmen und bescheidenen, einen wachsenden und für die Menschen gedachten Ansatz. Die Oase zu Morphosis’ Dark Tower.

Die Gleichförmigkeit der Entwürfe, die Homogenität der Ideen – nicht zuletzt folgend aus zu starker Konzentration auf dem Markt der Superstars und der allzu gleichen Werkzeuge – zieht sich seit mindestens gut ein oder zwei Dekaden hin.In einer Zeit, in der der Megakapitalismus seine Konsenskraft verliert und man wieder ernsthaft darüber nachdenken sollte, wie man Demokratie erfahrbar und bewahrbar macht, wirkt es seltsam anachronistisch, wenn ansonsten kluge und kritische Architekten unreflektiert weiter die spiegelnden Kathedralen des Konsums in die Städte stemmen, die ebenso gut in jede Diktatur passen würden. was in die Skyscape von Dubai passt, ist in Paris nämlich eben genau aus diesem Grunde falsch – auch wenn Nicolas Sarkozys an Bling-Bling-Stil der Politik vielleicht das Gegenteil vermuten lässt. Die Architektur wirkt heute oft zu autistisch, aufgebläht, egozentrisch – und inzwischen viel zu nahe an einer Großmannssucht von Albert Speer gemischt mit der Ästhetik eines Hugh Hefner. Retuschiert, bereinigt, glossy, hyperperfekt. Und doch seltsam altbacken.

Das Hochhaus ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Das 1885 erbaute Home Insurance Building in Chicago – mit nur zehn Stockwerken aus heutiger Sicht eher flach – macht klar, wie sehr sich das Hochhaus als Art Wabenstruktur für den Bienenschwarm des seinerzeit emergierenden Angestelltentums anbot – eine krude Biokybernetik für die damaligen Versuche, das Arbeiten vieler Menschen an einem Ort (bei gleichzeitig hohen Grundstückspreisen) zu organisieren. Aus heutiger Sicht wirkt dieses Baumodell zunehmend unsinnig – Webanbindung, HomeOffice, Chat- und Videomodule und eine zunehmende Orientierung von Arbeitsprozessen in überschaubare Teams und Gruppen lassen die anonymen und kalten verwaltungstrutzburgen eher abschreckend wirken. Von außen betrachtet tun dir die Menschen leid, die in 300 Meter hohen Gebäuden arbeiten müssen, Ameisen im Labyrinth. Modulare, distributive und – und hier stoßen Architekten an ihre Grenzen – eben nicht mehr gebaute Kommunikationslösungen, die dezentral und funktional, biologischer und dynamischer erdacht sind sollten zum Modell der Stadtpanung und Architektur im 21. Jahrhundert werden, um den mobilen und höchstfluiden Lebensstil unserer Zeit wider zu spiegeln. Die Zeit der Dinosaurier in der Architektur sollte zu Ende gehen – und ein Denken, das mehr mit DNS, mehr mit Molekülen und Genen, Nanotechnologie und Entmaterialisierung zu tun hat, aufkommen. Der Tour Signal zeigt, abgesehen von stilistischen und handwerklichen Verzierungen, dem stets in Zeiten inhaltlicher Leere aufkommenden Hang zum Ornament eben, keinen erzählerischen Fortschritt gegenüber Gebäuden von Anfang des 20. Jahrhunderts. Das bedeutet, am Ende von 100 Jahren, das Spektakel und schiere Größe, ergo Pornographie, anstelle realer Fortschritte und Lösungen gekommen sind.

Es wäre doch spannend, wenn sich das ändern würde…

4. April 2008 08:55 Uhr. Kategorie Design. Tag . 2 Antworten.

Philip K Dick: Lies Inc.

Lies Inc. ist ein seltsames Buch, eine Art Mash-Up in Buchform. Ursprünglich 1964 als Kurznovelle The Unteleported Man gemeinsam mit einem anderen SF-Buch als Double Feature veröffentlicht, wurde Dick ein Jahr später gebeten, 1965, es zu erweitern für eine vollwertige Publikation. Der Verlag lehnte das neue Material jedoch ab und erst heute – nachdem einiges verloren gegangen ist, wieder umgeschrieben wurde, neu zusammengesetzt, Seiten wiedergefunden und rekonstruiert – ist das Buch in seiner von Dick geplanten Form erschienen. Dick selbst hat den erweiterten Teil etwa ins letzte Drittes des Buches geklemmt, in Kapitel 8 bis 15 – und so entsteht ein seltsam surreales Bucherlebnis. Den in dem nur einem Jahr zwischen 1964 und 65 hat sich anscheinend Dicks Schreibstil entscheidend gewandelt. Während sich das Originalmaterial eher wie ein typischer Dick-SF-Stoff anfühlt, ist der nachträglich eingeschobene Block eher ein völlig unwirklicher LSD-Trip. Der ursprüngliche Plot behandelt eine überbevölkerte Erde, deren Bewohner mit Hilfe einer Einweg-Teleportationstechnik zu einem entfernten Planeten «Whale’s Mouth» flüchten. Von diesem Planeten gibt es keine Rückkehr, nur überfröhliche Videobotschaften werden gesendet – und als die sich als Fälschung herausstellen entscheidet sich Rachmael ben Applebaum, mit dem letzten Raumschiff seiner ruinierten Firma, den 18-jährigen Flug zu diesem Planeten zu unternehmen, um selbst leibhaftig zu überprüfen, wie es auf Whale’s Mouth aussieht. Diesen Plot verziert Dick mit den üblichen Elementen – einer fast allmächtigen deutschen Firma THL, die die Teleportation monopolistisch verwaltet, einer zweilichtigen UN, die vielleicht Gegenspieler, vielleicht Partner von THL ist. Dicks essentielle Frage nach der «Realität» steht im Mittelpunkt,m aber ansonsten ist es eine relativ straightforward geschriebene Sf-Adventure-Geschichte, eher mit dem Flair einer Kurzgeschichte als eines komplexen Buches. Auch die tatsächliche Auflösung ist eher so-so. Der eingeschobene nachträglich geschrieben Block hingegen fühlt sich an wie ein Fiebertraum, vor allem im Kontext des restlichen Buches. Charaktere werden wild ausgetauscht, sterben (um dann, in der Rückkehr zum ersten Teil seltsamerweise wieder lebendig zu sein), absurde Parawelten erscheinen, die gesamte eigentliche Handlung wird zu einem LSD-Trip de luxe, Dick hebelt einfach seinen eigenen Plot aus und führt Elemente ein, die im späteren Verlauf nicht wieder aufgegriffen werden. Dieser Bruch in der Narration ist an Unwirklichkeit nicht zu beschreiben. Die UFO-Entführungsszene aus «Das Leben des Brian» ist noch am ehesten ein Vergleich – wenn man sie das erste Mal sieht. Der nachträgliche Stoff ist ein permanentes What-the-Fuck-Gefühl. Es ist großartig, diese mitten in einem Kapitel stattfindende Juxtaposition von zwei völlig verschiedenen Gesichtern desselben Autoren zu erleben – und seltsamerweise macht gerade diese Inkongruenz, diese Beule in der Erzählung, das Buch hochinteressant. Mit einem Mal ist der Boden in der Fiktion weggerissen und als Leser bist du aus der Story hinausgeworfen, aus dem allzu wohligen Erzählmodus, in einem Zustand, der wie Kafka auf harten Drogen, wie Samuel Beckett, wirkt, wo es nicht mehr um Inhalte geht, sondern um Emotionen, um Angst, um Wahn, um die Wirkung von Worten an sich. Mit einem Mal ist man in einer Art Mischung aus Psychotherapie/Brainwash-Gruppe und KZ gelandet, in dem jegliche Realität, jegliche Wirklichkeit permanent hinterfragt werden muss, in dem ein massives Gefühl von Mißtrauen und Paranoia herrscht – um dann zurückzukehren zur normalen SF-Novelette. Das ist ein literarisch wunderbarer Mindfuck, ein seltsames Kunststück, Surrealismus als SF zu verkaufen.

Lies Inc. ist nicht mal annähernd ein Meisterwerk von Dick wie Scanner, Valis, Androids oder High Tower - wobei Dick selbst ja abstruserweise auch The Zap Gun zu seinen besten Büchern zählte ;-). Es ist eines dieser zusammengeschusterter post-mortem publizierten Dinger, mit denen man echt vorsichtig umgehen muss, es hat so einen Hauch von Archivplünderung. Aber für den Hardcore-PKD-Fan ist es ein Juwel, weil es eine Bruchstelle im Oevre des Autoren nicht nur markiert, sondern in einem einzigen Buch dokumentiert. Was man ansonsten immer nur vage im Gesamtwerk von Dick spürt – die Wellen, die Übergänge, die Brüche in seinem Leben und Werk – ist hier exemplifiziert. Und das macht Lies Inc. zu einer Entdeckung.

26. März 2008 10:43 Uhr. Kategorie Buch. Tag . Keine Antwort.

MICHAEL CRICHTON: NEXT

Ich habe mir fest vorgenommen, endlich mal die etwa 40 teilweise seit 2003 hier herumliegenden Bücher abzuarbeiten, bevor ich mir wieder neue Sachen kaufe. Der gute Vorsatz wird nicht lange halten… beginnt aber gleich mit einem besonders schrecklichen Buch, das ich nicht umsonst so lange hab herumliegen lassen. Wie die Atomkraft in den 50er Jahren, ist die Genforschung eine der latenten freiflottierenden Ängste, die unsere Gesellschaft heute plagen. Wo früher radioaktive Insekten die Menschen verseuchten, sind es heute seltsame Genexperimente, die schief laufen. Michael Crichton, mit seinen Romanen stets an erster Stelle, wenn es darum geht, aus Techno-Angst einen Roman zu schmieden, der sich nicht umsonst in seinem letzten Roman mit der Klimakatastrophe und im Vorletzten mit Nanotech beschäftigte, liefert mit Next einen Gen-Thriller. Kein unbekanntes Terrain für ihn, hat er doch im Grunde schon mit Jurassic Park auf GenTech abgehoben… auch wenn es da vielleicht eher um die Chaostheorie ging. Crichtons Stärke ist, normalerweise, einen komplexen, langweiligen technologischen oder wissenschaftlichen Komplex so in das Gewand eines (meist eher platten) Thrillers zu packen, dass der eigentlich dröge Stoff Textur und Dimension gewinnt, Fleisch und Blut. Und an und für sich gelingt das oft. Kein Buch von Crichton, selbst nicht wirkliche Klassiker wie The Andromeda Strain oder Sphere, kam für mich jemals an die Brillanz von seinem Film Westworld heran, der nicht nur Jurassic Park weit vorweg nahm – beide Stoffe sind nahezu identisch – sondern einer der (trotz der primitiven Siebziger-Jahre-Optik) seminalen und besten Tech-gone-wrong-Filme schlechthin ist. Nicht ganz 2001, aber Yul Brunner ist einfach perfekt in der Rolle des durchgebrannten Cowboyroboters, der sich wie ein Vorfahre des gefühlskalten Terminators durch die Vergnügungswelt von Westworld mordet. Ob Airframe oder Rising Sun Disclosure oder Prey - stets hat Crichton einen Weg gefunden, akute Themen aus dem Wirtschafts- oder Wissenschaftsteil der Zeitungen literarisch so zu verwässern, das Bestsellermaterial daraus wurde. Und das meist, und so soll es bei Pageturnern ja sein, auf durchaus fesselnde Art. Airframe zum Beispiel habe ich in einer einzigen Nacht durchgelesen.

Next hingegen ist so erschreckend schlecht, dass man es im Grunde nur weiterliest, weil man – wie bei einem Autounfall – sehen will, ob es noch schlimmer kommt. Crichton führt eine fast unüberschaubare Vielzahl von Figuren ein, darunter auch die inzwischen etwas zum Klischee geronnene «Starke Frau in Trouble». Alex heißt sie diesmal, und ihr Vater, sie und ihr Sohn werden von einer Gentech-Firma verfolgt, weil die Zellen ihres Dads ein Heilmittel gegen Krebs enthalten könnten. Daneben lernen wir eine Phalanx von Wissenschaftlern und Managern kennen, leuchtende Schildkröten, Kinderschänder, zwei sprechende Affen und einen klugen Papagei mit britischem Akzent. Keine der Figuren aus dieser Charakterfront wird uns je unter die Haut gehen, sie bleiben offensichtliche Pappkameraden, deren fiktionale Erlebnisse nur dazu dienen, die von Crichton am Ende des Buches nochmal in Klartext verfassten Meinungen zur Gentechnologie zu illustrieren. Und so häufen sich die Zufälle, die Deux Ex Machinae und die Paradoxien doch etwas platt, zu einer Kakophonie von Events, die im Ganzen völlig belanglos an uns vorangetrieben werden, wie eine miese Zirkustruppe. Das am Ende des Buches alle einzelnen Handlungsstränge mit fast surrealer Gewalt zusammengetrieben werden, sprengt dann endlich die grenzen der Glaubwürdigkeit. Wer beim (natürlich zufälligen) Treffen von Dave, dem menschlichen Schimpansen und Gerard, dem (natürlich englischsprechenden) französischen (!!!) Papagei in einem Wellness-Resort nicht milde Lachkrämpfe kriegt, dem ist nicht zu helfen. Selbst Crichtons typischer Blick in die Strukturen von Unternehmen gerät zum Klischee. Fast schablonenhaft tauchen gierige Unternehmer, rücksichtslose Wissenschaftler, überforderte Richter und mediengeile Politiker auf – Crichton bemüht sich zu keiner Sekunde, die Klischees überhaupt noch zu ummanteln. Jede Figur ist nur eine Sprechpuppe, an der der Autor seine Ansichten zur Gentechnologie illustriert. Am Ende verkommt das Buch endgültig zur Lachnummer, die man eigentlich nur erträgt, indem man die Rollen kurzerhand vor seinem geistigen Auge von den Monthy Pythons übernehmen lässt. Aber anders auch beim besten Willen nicht. Wenn ich viel zu arbeiten habe, liebe ich es, Trashbücher zu lesen, aber Jesus, so mies muß es ja auch nicht sein. Das Thema transgener Züchtungen bietet eigentlich Stoff für spannende, gute und smarte Bücher – Next aber ist nichts davon. Wo Prey noch leidlich spannend war (und eigentlich nur wegen der Connection zu Lost), ist Next einfach nur ein durcheinander geratener Unfall aus Ansätzen, die gut gemeint, aber schlecht gemacht sind. Das allerschlimmste: ich müsste eigentlich noch Crichtons vorletztes Buch, State of Fear lesen. Mal sehen, ob ich mich nach Next dazu überwinden kann…

15. Oktober 2007 10:31 Uhr. Kategorie Buch. 10 Antworten.

PLANET TERROR

Mal ganz unter uns: Autokino ist für Trash-Filme grandios. Currywurst, etwas Alkohol, ein Hund auf dem Rücksitz und auf der Leinwand vor dir grotesk-absurder Horrormüll, das hat schon was für sich. Und in der Rubrik Trash-Film ist Robert Rodriguez Abgesang auf die B-Movie Horrorgenre der achtziger Jahre nicht zu unterschätzen. Schon der Soundtrack ist so unverschämt wundervoll bei Carpenter und Konsorten gestohlen, dass man die ganze Zeit Spaß hat, aber auch ganze Einstellungen und Szenerien erinnern an Halloween, einige Situationen an Assault on 13th Precinct, die Zombies sind natürlich von George Romero und das reine Level an Splatter bei Sam Raimi (Evil Dead) abgeschaut. Romero hat das Splatterzombieitalohorrorgenre 1968 mit Night of the Living Dead miterfunden, in der ersten großen Welle von Filmen, in denen Handlung ebenso egal war wie guter Geschmack und das Horrorgenre ins Absurde überspitzt wurde, einem absoluten No-Budget-Kultfilm sondersgleichen, an dessen Pop-Ikone der lebenden Leichen Planet Terror nahtlos anküpft. Überhaupt sind Zombies ja derzeit wieder sehr «in», und treiben in Comics und auch auf der Leinwand (Dawn of the Dead als Remake, aber eben auch 28 Days/Weeks Later) wieder munter ihr gehirnfressendes Unwesen. An Dawn of the Dead erinnert Planet Terror denn auch ungemein, ebenso an zig Plots von Stephen King, an Dario Argento und nicht zuletzt natürlich an die zweite Hälfte von From Dusk Till Dawn. Keine Frage, Rodriguez hat hier ein unglaubliches Genre-Spiegelkabinett geschrieben, gedreht, vertont und geschnitten. Planet Terror zelebriert ungeniert bis hin zu Filmrissen, fehlenden Filmrollen, digital montierten Kratzern und Brandblasen (für die ein dreiköpfiges Team verantwortlich zeichnet) den Stil des großen amerikanischen Horrorkinos und überzeichnet dabei noch dreister als Evil Dead es je konnte. Die postmoderne, enthemmte Gesellschaft, in der es keine Tabus mehr zu brechen gibt, schlägt hier durch. Die Symbiose aus GoGo-Girl und Maschinengewehr, in From Dusk Till Dawn schon als Sexmachine-Penispistole vorweggenommen (wo man sich ja auch schon fragte:«Wir zur Hölle wird da eigentlich abgedrückt?»), ist symbolisch für die völlige Abschiednahme von der Schamgrenze, den ultimativen Over-The-Top-Gestus von Planet Terror. Gesammelte Hoden im Glas und Tarantinos zombifiziert-hüttenkäseschmelzender Penis gehören dazu ebenso wie die sexyböse Ärztin Dakota Black oder spärlich bekleidete Screamqueen-Opfer. Rose McGowan (die inzwischen so dürr ist, das Mischa Barton dagegen übergewichtig wirkt), die in DeathProof ja einen eher frühen Tod starb, darf hier als Heldin von der Nacktänzerin zur Madonna mutieren, Bruce Willis hat einen großartigen Überraschungsauftritt, Tarantino persifiliert seine Vergewaltiger-Rolle in From Dusk Till Dawn, und überhaupt scheint die ganze Crew einen irren Spaß daran zu haben, die ja seinerzeit durchaus eher ernst gemeinten, unfreiwillig peinlichen Filme ihrer Jugend zu parodieren. Das eine fehlende Filmrolle einen riesigen unlogischen Handlungssprung kaschiert, dass die Logik des Films sich nach den ersten zwei Minuten verabschiedet, dass völlig dreist die Elemente von etwa siebzig anderen Horrorfilmen stiehlt, dass genüsslich aus eigenen Filmen und von Tarantino zitiert wird (Sherrif Earl McGraw aus Death Proof und Kill Bill, Tarantinos erster Auftritt, der an seine Alias-Folge erinnert, zahlreiche Anspielungen an Kill Bill und Reservoir Dogs und sogar an Death Proof [Jungle Julia])… all das macht klar, dass Planet Terror – wie Death Proof - in erster Linie ein Hommage-Film ist, eine Zitatenorgie, ein ironisch gebrochenes Insider-Ratespiel. Wo Tarantino aber schafft, selbst den Trash noch mit Subtext aufzuladen und die Hommage auf eine eigene Ebene zu wuchten, ergibt sich Rodriguez dem Originalmaterial und begnügt sich damit, die Lautstärke hoch auf 11 zu drehen. Planet Terror ist einfach trashiger, lauter, absurder, verrückter, aberwitziger und unsinniger als die Bad-Taste-Vorbilder, mehr Blut, mehr Sex, mehr Gore. Wie in den El Mariachi-Filmeb, wie bei Sin City oder Spy Kids zeigt sich Rodriguez als multitalentierter Handwerker, als Auteur alter Schule, der einen Film fast im Alleingang stemmt, als begnadeter Kopist und Stilist, als jemand, der mit nahezu keinem Budget einen groß wirkenden Film synthetisieren kann … aber im Grunde hat er jenseits von nackter Over-the-top-Ästhetik wenig zu sagen. Rodriguez hat keine Botschaft, keinen Inhalt. Sein Medium transportiert Bilder und Affekte, aber wenig mehr. Nicht ohne Grund ist Sin City eine 1:1 Kopie des Comics. Im Gegensatz eben zu Tarantino, aus dessen Zitatenstadl immer auch etwas neues und einzigartiges emergiert. Aber was soll’s: Planet Terror ist ein verdrogter Zombiefilm, verdammt, wer braucht da INHALT? Sexy, blutig, lustig, irre, witzig und natürlich frei von jeglichem Ballst, von Sinn und Handlung – also genau so, wie es sein soll. Und insofern ein absolut (un)würdiger Nachfolger für From Dusk Till Dawn.

Oh… und wie Death Proof hat auch Planet Terror ein Kickass-Plakat. SO sehen Kinoplakate aus.

14. Oktober 2007 16:24 Uhr. Kategorie Film. 5 Antworten.

MATRIX II

Nicht der Film, die Schrift. Zuzana Licko hat einen ihrer großen Klassiker, die 1985 veröffentliche Matrix komplett neu entwickelt. Emigre war damals einer der Vorreiter der digitalen Revolution und die Matrix eine für die Ausgabe auf niedrig auflösenden Geräten (sprich Postscript-Bürodruckern) optimierte Schrift, die ursprünglich sogar auf einer Bitmapgestaltung basierte. Minimalistisch gestaltet, wies die Matrix ein Minimum an Bezierkurven auf und hatte trotzdem einen modernen Gestus und wurde prompt ein Klassiker der 80er, wie die Meta, die aus einem ähnlichen Ansatz zu einem ganz anderen ästhetischen Ergebnis gelangte. In den Neunzigern bereits deutlich ausgebaut, lief die Matrix wie ein Lauffeuer um die Welt. Jetzt hat Licko die Matrix vier Monate lang aufwendig überarbeitet, remixed, optimiert und als umfassende Open-Type-Familie veröffentlicht, die sich – weil ästhetisch leicht anders als das Original – Matrix II nennt.

Die Matrix, weil so sehr Kind ihrer Zeit, habe ich lange lange nicht mehr verwendet – wie eben auch die per se neutralere Meta bei mir Alterserscheinungen zeigte und erst durch die ultraleichten Schnitte wieder moderner, zeitgemässer wirkte. Ich bin gespannt, ob der – tatsächlich ja sehr moderate – Remix der Matrix zu einer Renaissance dieses Fonts führen wird.

29. August 2007 10:51 Uhr. Kategorie Leben. 3 Antworten.

MODERN ART = TRANQUILIZER

In Arztkliniken fällt mir immer auf, wie identisch die Einrichtung ist. Abgesehen von den Praxisräumen, die einfach ungepflegt und alt sind, ist in modernen Räumlichkeiten nahezu immer die absolut gleiche weiße Strukturtapete vorhanden, ein Hang zu hellen Hölzern, gefrostetem Glas und etwas Metall – alles sieht aus wie ein Shopping Interieur von vor 15 Jahren. Und nach einer Weile nimmt man fast keine Unterschiede mehr wahr zwischen den einzelnen Ärzten, nicht zuletzt weil fast ausnahmslos gleiche bis ähnliche Bilder an den Wänden hängen. Gesichtslose pseudomoderne Kunst, amorphe, aussagefreie und vor allem absolut motivlose Wischiwaschigemälde, die bar jeder Aussage zur Wanddekoration degradiert sind. So wie in Krankenhäusern gerne Drucke moderner Künstler hängen, sammeln sich in den Praxen zunehmend diese Fließbandbilder, die man ganz offensichtlich en bloc bei eBay kaufen kann. Es scheint, als solle, ganz anders als von der modernen Kunstbewegung ursprünglich gewollt und geplant, das snnfreie Wirbeln von Farben nicht zu Kontemplation und Anregung einladen, sondern einfach beruhigen, wie eine Art visuelles Valium.

Wie kommt das? Verpassen die Ärzte – durchaus Leute, die von Einkommen und Status mehr Möglichkeiten hätten – so nicht die Chance, ihre Räumlichkeiten und Wartezimmer zu Orten von Kommunikation zu machen? Warum nicht Werke lokaler Künstler – also echte Kunst – featuren? Liegt es daran, dass eBay-Einweggemälde so verzückend günstig sind (ich meine, 99 Euro für 2 Meter Bild… das ist schon verlockend) oder sind die Inhaber selbst nicht kunstversiert oder interessiert, hängen Artwork also nur aus Alibigründen auf? Ist es der Wunsch nach Neutralität, Sterilität, Professionalität? Warum gibt es einen «Look» bei Ärzten, wenn doch jeder Arzt eher seine Individualität, seine eigenen Vorlieben im Raum dokumentieren könnte… wie anders lassen sich seine Qualitäten als Mediziner ad hoc ablesen, als in der Liebe zum Detail und der Individualität der Räumlichkeiten, in denen er Tag für Tag arbeitet? Irgendwas stimmt für mich nicht mit dieser «Blandness» der Praxen. Es beunruhigt mich etwas, wenn ich jenseits von schäbig/veraltet und modern/sachlich keine weiteren Kriterien in der Einrichtung habe, die den Menschen hinter dem Kittel sichtbar machen, dem ich meine Gesundheit anvertraue. Dabei haben wir derart viele Ärzte, die zudem fachlich nicht selten für den Laien zunächst substituierbar wirken, dass eine Qualitätsplazierung qua Design – Auftritt, Einrichtung, Website, Mitarbeiteroutfits, Umgangsformen und und und… mehr als sinnvoll wäre, um sich schnell aus der «weißen» Masse hervorzuheben. Und damit meine ich keine Werbung per se, sondern einfach Mut zum eigenen Weg. Und sei es nur bei der Wahl der Tapete, der Stühle, der Bilder und Topfblumen —

25. August 2007 15:51 Uhr. Kategorie Stuff. 3 Antworten.

DEATH PROOF

Es wäre sicher ein Fehler, diesen Film als «echten» Tarantino zu betrachten, da er als Tail des Grindhouse-Projektes von Quentin Tarantino und Roberto Rodriguez eben bewusst als Junk angelegt ist, als Hommage an die billigen Double-Feature-Filme aus der Jugend der beiden Regisseure, die billigen B-Movies, Action, Horror und Sexploitation, deren Spurenelemente man in den Werken beider Regisseure ohnehin immer wieder findet. Es ist ein Fehler des Verleihs, auch wenn wir so in Deutschland eine etwas längere Filmfassung zu sehen bekommen, den Film als vollwertigen Tarantino zu vermarkten, der Film funktioniert so einfach nicht wirklich. Denn während vollwertige Filme wie Kill Bill oder Jackie Brown spürbar mit Handlung und Tiefe aufgeladen sind, bleibt das Grindhouse-Projekt ganz greifbar ein schneller Spaß, ebenso wie Tarantinos Four Rooms oder die Folgen von ER/CSI, bei denen er Regie geführt hat. Ein bisschen Junkyard-Spielplatz, im Grunde ein QT-Fetisch-Film, in dem sich Tarantino so pur wie nie zuvor – ohne jede Ablenkung durch einen realen Plot – seinen Hauptthemen widmet: Filme, Autos, Gewalt und Frauen.

Filme
Ex-Videothekar Tarantino erweist sich auch hier als wandelndes Filmlexikon zwischen High und Low Culture, der scheinbar übergangslos Jean Seberg, Sam Peckingpah, John Hughes, Kris Kristofferson, Steve McQueen, Burt Reynolds und Barry Newman aneinanderkettet. Death Proof erweist sich als fast erschlagender kultureller Zitatenschatz, ebenso vollgepackt mit Filmzitaten, Songs, Plakaten und anderen Restbeständen aus Tarantinos Kosmos, ein eklektizistisch glitzernder Cocktail, in dem fast jeder trashige Roadmovie eine Ehrensalve erhält, und Tarantino sogar mehrfach seine eigenen Filme zitiert (am auffälligsten mit der Farbe von Kims Wagen, mit den Big Kahuna Burgers, mit dem aus Kill Bill I stammenden Ringtone Twisted Nerve, mit dem großartigen Gastauftritt von Sherrif Earl McGraw (Kill Bill & Dusk Til Dawn) und und und). Auch dass mit Kurt Russel ein Schauspieler in der Hauptrolle präsent ist, der mit einem absoluten Junkmovie (John Carpenters Escape from NY) seine Filmkarriere begann und der hier die kaputte Coolness von Snake Plissken karikieren darf, macht deutlich, wie sehr sich Death Proof gegenüber anderen Tarantino-Filmen als quick & dirty abhebt, aber eben doch deutlich die Handschrift des Regisseurs zeigt. Die massive (Selbst-)Referentialität zeichnet ja auch Filme wie Pulp Fiction oder vor allem Kill Bill aus, ist hier aber noch greifbarer als in Kill Bill. Death Proof ist auf diesem Level ein Filmnerd-Festival, bis hinab zu den Nummernschilder ein alle Level des Films durchziehender Trip durch die Amerikanische Road-Movie-Geschichte mit klaren und auch sehr versteckten Andeutungen, die den gesamten Film zu einer Art Quiz werden lassen. Von der Ente auf Kurt Russels Motorhaube bis zum letzten T-Shirt, alles deutet auf etwas anderes hin, was den Film, der selbst fast ohne Handlung auskommt, noch mehr als Metamedium erscheinen lässt, als einen Film über Filme. Wo Kill Bill auf eine Flut von Western, Anime, Horrorfilme, sowie auf japanische und chinesische Kultmovies eingeht, konzentriert sich Death Proof auf meist amerikanische Muscle-Car-Movies. Dass Tarantino in der stilistischen Kopie schlechter B-Movies sogar so weit geht und Schnittfehler, Dialogdoppler, Farbsprünge, Anschlussfehler und so weiter, bewusst einbaut und so bereits rein optisch an die amerikanischen und italienischen Trashklassiker der Seventies anknüpft, ist da nur konsequent.

Autos
In einer der deutlicheren Filmreferenzen wird Gone in 60 Seconds genannt – «Das Original, nicht dieser Angelina Jolie Bullshit». Dahinter steckt mehr als nur eine Verneigung vor H.B. Halickis Granddaddy aller Autojagd-Filme, nämlich auch eine sehr greifbare Antipathie gegenüber neuen Autos. In Dominic Senas Remake mit Nic Cage und Angelina Jolie stehen primär moderne Muscle Cars im Vordergrund, nicht mehr die klassischen amerikanischen Dreamcars aus der Zeit vor der Ölkrise. Autos wie der 1971er Ford Mustang oder der Dodge Challenger. Getunte V8-Motoren, an denen jeder Zentimeter Blech nach Machismo und American Dream aussieht – und die auch nur auf den endlosen Highways in den USA wirklich Sinn machen. Liebevoll umkreist Tarantinos Kamera im staubtrockenen Licht von Texas diese Dinosaurier, Überbleibsel aus einer Zeit, in der man noch in Bars rauchen durfte und bei denen Autobauer noch nicht an Klimaschutz und Hybridmotoren dachten, sondern an Sexappeal. Das Auto ist ein Fetisch der US-Gesellschaft, ein Aphrodisaikum, ein Turn-On wie es am besten J.G. Ballard in Crash beschrieb. Und QT feiert diese Sehnsucht nach dem prä-digitalen Zeitalter, der analogen, mechanischen Welt, in der Detroit noch Mittelpunkt der Autokultur war, in der nicht windkanal- und marketinggetestete Kleinwagen auf den Highways unterwegs waren, sondern kraftvolle, böse, unsichere Maschinen mit harten Lenkrädern, riesigen Sitzen und ohne Airbags und anderen Schnickschnack. In der Autofahren noch ein gefährlicher Sport war. In der finalen Jagdsequenz zwischen Stuntman Mike und Kim, Zoe und Abby rasen die beiden Dodge über den Highway, im weißen Challenger sitzen die Helden, im schwarzen Charger der Schurke, so einfach kann die Welt sein. Während dieser Autoverfolgung rammen die Old-School-Muscle-Cars mehrere Mittelklassefahrzeuge und SUVs aus dem Weg, fast achtlos in die modernen Fahrzeuge rasend, die prompt ins Schleudern geraten und von der Straße trudeln. Besser kann man die Verachtung für moderne Autos, für die heutige Kultur, für ein verwöhntes, verweichlichtes Zeitalter, vielleicht nicht in Bilder packen. Die Dinosaurier, die metallene Haut längst rissig und verbeult, nehmen sich neben den modernen Lutschbonbon-Autos immer noch aus wie ledergesichtige Kriegsveteranen, wie Cowboys inmitten einer Gesellschaft, die ihr Fleisch im Supermarkt kauft. So wie Russels Knautschgesicht den Männermythos einer vergangenen Zeit heraufbeschwört – und sei diese Zeit auch nur 40 Jahre her – so sind auch die Autos selbst Abgesang einer härteren, ehrlicheren, dreckigeren Welt.

Gewalt
Death Proof ist kein Film fürs erste Date. Die Gewalt ist kurz und hart und blutig und wie Stuntman Mike zuerst Pam und dann Shanna, Arlene und Julia umbringt, ist schöner, ehrlicher Splatter. Denn schließlich ist Death Proof nicht nur irgendein Car-Chase-Movie, sondern ein Crossover mit Elementen aus Splatter/Serienmörder-Filmen. Wie in jedem guten Film dieses Genres erfährt man dabei wenig über den Täter, außer, dass er durch eine Narbe entstellt ist und seine mäßige Karriere als Stuntman irgendwann vor 15 Jahren beendet war. Kurt Russels fast opernhaft angelegter Stuntman Mike ist die Quintessenz desFilm-Slashers, der sein Mordinstrument, und was wäre phallischer als ein Auto, als Penisersatz benutzt und die Frauen, die er niemals ins Bett kriegen kann, umbringt. Eine Figur, die nahtlos anschließt an Genre-Proto/Stereotypen Freddy Krueger, Michael Myers oder Jason Voorhees und doch zugleich tiefer geht. Die Gewalt in Death Proof hat etwas Suizidales, Mike schrottet in der ersten Filmhälfte seinen Chevy Nova und landet selbst schwer verletzt im Krankenhaus. Russel schafft es, der Figur einen seltsamen surrealen Vibe zu geben, hinter die coole Fassade hängt er eine emotionale Tiefe, die sich in Mikes Gespräch mit Arlene im ersten Filmdrittel zeigt. Russel kann je nach Bedarf tödlich cool wirken, oder abrupt lächerlich, bedrohlich oder am Ende zum feige winselnden Verlierer mutieren, der von der Mädchenbande ganz im Stile eines Kungfu-Shaw-Brüder-Films vermöbelt wird. Anders als in bisherigen Tarantino-Filmen wirkt die Gewalt hier aber nie surreal überzeichnet oder gar ironisiert, nach der stilisierten Over-the-top-Blutorgie Kill Bill scheint Death Proof sogar relativ wenig Brutalität aufzuweisen. Aber wenn sie kommt, kommt sie frei von jeglichem Sarkasmus, hart, trocken und böse. Die Climax der ersten Filmhälfte ist so unerwartet, so grandios geschnitten, dass sie deutlich emotionaler wirkt als andere Filme, die vergleichsweise exhibitionistischer mit Verstümmelung umgehen.

Die Gewalt steht hier noch deutlicher im Gegensatz zu den lang ausgestreckten Dialogsequenzen als bisher bei QT. War schon Kill Bill nahezu in einen Sprech- und einen Actionteil untergliedert, so wird diese Tendenz bei Tarantino hier vollends manifest. Der Anfang beider Filmhälften liefert scheinbar belang- und endlos wirkende Small-Talk-Fetzen aus dem Leben der beiden Girlgruppen. Kulturelle Anspielungen, gespräche über Figuren, die im weiteren Verlauf nie wichtig werden und andere Gimmicks hauchen den Figuren Leben ein und machen als postmoderne Fingerübung einfach Spaß. So wie Tarantino schon in Pulp Fiction eine Fallhöhe zwischen Small Talk (die berühmte Viertelpfünder-Passage von John Travolta etwa) und Ultragewalt herzustellen vermochte, lullt auch Death Proof den Betrachter effektiv ein, bis die Alltäglichkeit abrupt gestört wird. Ganz à la Elmore Leonard ist dabei Russel der fast albern wirkende Gernegroß im Satinjäckchen, der nur so lange eine Witznummer ist, bis er die ersten Leute auf dem Gewissen hat. Das dabei im zweiten Teil des Filmes die Handlung der ersten Teils nahezu spiegelbildlich stattfindet und Mike vielleicht zu schnell auf eine ebenbürtige Truppe von Tough Chicks trifft, ist der Dialoglastigkeit des Filmes geschuldet, die dem Film das Slasher-übliche Tempo nimmt.

In ihrem Gespräch mit Mike antwortet sein späteres Opfer Pam auf die Frage, wie denn ihrer Meinung nach tödlich wirkende Stunts in Filmen gemacht werden, bei denen sich Autos mehrfach überschlagen und in Brand gehen: «Ähm.. CGI?» Die Verachtung des durch die Computertechnologie arbeitslos gewordenen Stuntman-Losers scheint Tarantino zu teilen. Wie bei den Autos, ist er auch bei den Effekten Traditionalist, Death Proof ist rein visuell eine Verbeugung vor der klassischen Stuntarbeit, nicht umsonst spielt Uma-Thurman-Stuntdouble Zoe Bell sich selbst in einer der Hauptrollen spielt. Es ist eine Hommage an das Unperfekte, das Grobschlächtige, das letztendlich Brutale im Film. Eine Sehnsucht nach einer Zeit also, paradoxerweise, in der Frauenhasser wie Stuntman Mike noch am Drücker waren. Womit wir beim letzten Fetisch wären…

Frauen
Bei Death Proof agiert Tarantino nicht nur als Autor, Regisseur und vor der Kamera, sondern auch erstmals als Kameramann. Mehr Auteur-Kino geht kaum. Während seinen älteren Filme stets Männerfilme sind und Themen wie Ehre, Macht, Gewalt und anderes Alpha-Male-Gehabe zentral sind, ist Death Proof wie schon Kill Bill ein Frauenfilm. Nicht ganz in dem Sinne eines Meg-Ryan-Filmes, aber Tarantino präsentiert starke, selbstbewusste Frauen, die den Männern den Rang abgelaufen haben in Sachen Sexualität und Durchsetzungsvermögen. Während «The Bride» in Kill Bill noch fast herkömmlichen Rollenklischees folgte (Heirat, Kinder), wird bei Death Proof bereits zu Anfang klar, dass die Girls das Sagen haben. QT huldigt in Death Proof auf fast verschwenderische Art und Weise seinem Fuß- und Hinternfetisch, degradiert die Mädchen also im klassischen Exploitation-Film zu eindeutigen Sexobjekten, lässt die Kamera genüsslich und voyeuristisch an den Körpern seiner weiblichen Hauptdarsteller entlanggleiten, nutzt sie ebenso als Fetischobjekte wie die Rundungen der Autokarossen. Death Proof fehlt in manchen Sequenzen nicht mehr viel zu einem sehr sehr soften Pornofilm.

Auf der anderen Seite sidn QTs Mädchen Powergirls im besten Spice-Girl-Sinne. Ihre Sexualität nutzen sie als Machtquelle, Jungs sind in ihren Gesprächen mitunter zu reinen Sexobjekten degradiert, sie tragen Waffen und lassen sich auf Motorhauben festschnallen und werden trotzdem Gaga, wenn sie eine italienische Vogue in die Hände bekommen können. Die Frauen in Death Proof sind nicht die kristallharten entmenschlichten Killermaschinen wie wir sie aus Kill Bill kennen, und die sich im Falle von The Bride erst wieder rehumanisieren müssen, aber sie sind auch alles andere als hilflose Opfer. QT beweist ein gutes Ohr für Frauentalk in den Dialogsequenzen und entwirft zugleich eine Gesellschaft, in der sich die Rollenklischees von Mann und Frau aufgelöst haben, in der Machismo-Typen wie Stuntman Mike mit ihren Anmachsprüchen ausgedient haben und nur noch naive Opfer-Mädels wie Pam abschleppen können, aber von Frauen wie Abby und Co eben den Hintern versohlt kriegen. Es ist ein – nicht sonderlich mitfühlender – Abgesang auf einen Männertypus, der in einer zunehmend von Frauen dominierten Welt ausgedient hat. QT baut hier auf einem Heldentypus auf, der in Alien, Schweigen der Lämmer, Single White Female und anderen Filmen bereits etabliert wurde, aber selten so viel «machismo» hatte, so selbstverständlich war. Death Proof ist sicher nicht der erste postfeministische ilm, aber der erste, der den neuen Rollen-Status-Quo mit QTs cinematographischen Appeal flirrend heiß und lässig auf die Leinwand bringt. Wo der normale Slasher-Flick auf das last girl setzt, das zum Täter mutierende Scream-Girl-Opfer – Jamie Lee Curtis hat’s in Carpenters Halloween vorgemacht -, emergiert hier eher eine aus einem Russ-Meyer-Film entsprungene Truppe von Supervixens, die sich von vorneherein nichts gefallen lässt und gar nicht erst zum Opfer wird, sondern sofort mit breitem Grinsen zur Jagd auf den Killer ansetzt. Der Killer wird zur Beute.

Insgesamt ist Death Proof beileibe nicht an Kill Bill, Pulp Fiction oder Jackie Brown zu messen. Es fehlt an Tiefe, an Polyvalenz, an Handlung. Und dennoch ist er eine Studie von Tarantinos Faszination en miniature. Ein kleiner dreckiger Film – der gerade im Autokino wirklich absolut perfekt war – dessen totales Fehölen voN Handlung, wie auch die großartigen Edit-Fehler, keinen Zweifel dran lassen, dass er hingerotzt, low-budget, trashig sein SOLL. Death Proof ist ein Spaghetti-Western erster Güte, eine wunderbare Verbeugung vor einem sterbenden Genre, vor einem Punk-Denken über Film an sich. Nicht umsonst hebt Rodriguez Grindhouse-Beitrag auf das Erbe der Zombie-Filme ab, die ihre ganz eigene Trashlegende sind. Tarantino schließt mit diesem Film an sein Oevre als Kultregisseur (und -autor) an, als jemand, der wie David Lynch ohne falsche Rücksichten seiner ganz eigenen Vision von Kino-Erzählungen folgt und der sich in Death Proof seltsam pur wie selten zuvor zeigt. Die Frage ist, ob QT sich mit der Rolle des Meta-Filmers zufriedengibt und den Rest seiner Karriere Hommage betreibt, oder ob er (wieder) an den Punkt kommt, wo er auf der Basis seines enormen Know-Hows über die Filmhistorie wieder eigene Geschichten zu erzählen vermag. So oder so gibt es derzeit keinen zweiten Tarantino, und jeder seiner Filme ist an sich ein kleines Meisterwerk jenseits von Gut und Böse, insofern darf man auf Inglorious Bastards, den nächsten «echten» QT schon jetzt gespannt sein.

30. Juli 2007 18:19 Uhr. Kategorie Film. 12 Antworten.

EiN PAAR HALBWEGS ABSCHLIESSENDE MEHR ODER MINDER UNGEORDNETE GEDANKEN ZU VISTA

Nach einiger Testzeit – ich habe in den letzten Wochen zwei Rechner 64 und 32 bit mit Vista eingerichtet und gemoddet, zeitgleich zwei Rechner mit XP – kann ich sagen, dass man als XP-User eigentlich (noch) keinen sonderlichen Grund für ein Update hat. Mit Skins wie dem Brico-Vista-Inspirat-Pack, mit Object Dock Plus und Yahoo/Konfabulator Widgets und Exposer für XP und Switcher für Vista (den ich visuell sogar noch etwas besser finde als Exposé) und natürlich etwas Zeit lassen sich beide Systeme oberflächlich nahezu identisch machen, abgesehen von dem Glas-Effekt von Aero. Im grunde ist das Endergebnis – wie Vista an sich ja auch – nahe dran an einer Art sleeken, schwarzen Apple-Skin. Nach wie vor etwas schade, dass Apple stets die Interface-Sachen entweder erfindet oder genial von Freeware integriert und Windows dieser Entwicklung immer etwas hinterherhinkt (und das – im Falle der Sidebar – auch noch schlecht). Ich denke, mit der Zeit werden sich aber für die sehr flexible Aero-Oberfläche zahlreiche exzellente Mods finden. Wie immer ist Windows out of the box ein saumiserables System, das aber langfristig ein Hochmaß an Flexibilität bietet, einfach weil es binnen kurzer Zeit mit diversen Tools umstrickbar wird :-D.

Grandios ist für alle Vista-Installateure das Tool vLite, mit dem man schon von Start weg unwichtige Bestandteile des OS aus der Installation weglassen und zugleich eigene wichtige Treiber einbinden kann. Einfach zu handhaben und hochwirksam – allein das Entfernen fernöstlicher Sprachmodule spart auf der DVD 1,4 GB. Warum Microsoft dem User bei der Installation solche Entscheidungen nicht einfach selbst lässt, ist mir allerdings ein Rätsel. Ist aber im Trend. Bei Office 2003 konnte ich noch weitestgehend selbst konfigurieren, was installiert wird, bei Office 2007 sind meine Optionen spürbar eingeschränkter. Mehr und mehr Software installiert sich stillschweigend wie die Anbieter es wollen, CS3 ist auch so ein Beispiel. Das soll kundenfreundlich sein… ist es aber in Wirklichkeit nicht.

Vista lässt sich mit etwas Einsatz sehr gut zurückschrauben zu einem halbwegs soliden, halbwegs schlanken OS mit dem sich sehr gut arbeiten lässt. Einige Features sind ziemlich großartig, andere Sachen nerven eher und waren unter XP einfacher, cleaner gelöst. Vieles bedarf bei XP weniger Nerverei als bei Vista, weil Vista versucht, sicherer zu sein. Es mag ein Sicherheitsfeature sein, dass du auch als Admin einige Dateien und Ordner nicht manipulieren darfst… aber es ist im Vergleich zu XP eher ein Rückschritt im Alltag. Ich frage mich schon, wie ein unerfahrener User Office installiert, wenn er – selbst als Admin – die dazu nötigen Dateien nicht überschreiben kann. Es gibt natürlich einen Workaround, aber… solche Sicherheitsfeatures sollten sich global (wie ja zB das UAC und Defender auch) deaktivieren lassen und fertig. Windows ist immer noch zu sehr an IT-Menschen orientiert.

Würde ich heute einem Einsteiger ein System empfehlen müssen, so würde ich ihn zu Apple raten. Einfach, weil Apple keine Computer verkauft, sondern Videorekorder. Fertige Hardware, fertige Software, aus der Kiste, einschalten, fertig. Don’t think. Nicht ganz mein Ding, ich würde wahrscheinlich sofort auch beim Apple rumwerkeln (mich machen zig Sachen an OSX madig… alles an OSX out of the Box missfällt mir, auch die Hardware (Mighty Mouse zum Beispiel) ist ein Alptraum. Ich hab am WE zehn Minuten an der MM gearbeitet und kam mir vor wie behindert. Das Ding sieht stylish aus, aber liegt schlecht in der Hand, ist dysfunktional und kann de facto mal nichts im Vergleich mit selbst den einfachsten Logimäusen, gegen eine MX Revolution hat man so eine Art Steinzeit-Feeling an der MM. Wer arbeitet freiwillig mit sowas?), aber für nen Anfänger… perfekt. Das ist bei Microsoft einfach nicht mehr der Fall. Als blutiger Laie bekommst du ein überladenes OS, als Power-User musst du halt sozusagen gegen das System an sich arbeiten, um dann am Ende aber ein relativ schönes OS stehen zu haben. Die dazu nötige Zeit würde ich einem Anfänger aber sparen wollen. Apple ist anfängerfreundlicher, weil ein closed system. genau die Sachen, die mich nerven, sind hier für Anfänger solide durchdacht und gemacht und stringenter als bei Microsoft. Ich denke, die hermetische Ankoppelung von Hard/Software und ein stark in Richtung Computer-sind-Haushaltsgeräte driftendes Denken bei Macintosh dürften der Marke, neben dem überzeugenden Design und dem überragend schlauem Marketing, ein Wachstum eröffnen, das Microsoft sogar in einigen Segmenten alt aussehen lassen wird. Vista ist, muss man ganz klar sagen, Microsoft Eigentor schlecht hin – es GIBT keinen besseren Grund, zu Mac zu wechseln. Das OS fühlt sich fast bis ins Detail wie ein Apple-Nachbau an, ist aber ohne Feintuning deutlich klobiger und uneleganter und unintuitiver gemacht. Warum also nicht gleich zum Original greifen? Wenn bei MS irgendwer irgendwie halbwegs mitdenkt, sollte es sehr schnell einen Nachfolger geben, der eigene Akzente setzt, der sich deutlich einfacher für Laien anfühlt und deutlich modularer und offener auf Profis zugeht. 98 und XP waren sehr solide Betriebssysteme, Vista ist alles, aber eben NICHT der Wow-Effekt.

Dabei ist Vista derzeit weder stabiler noch schneller als XP, und – vorausgesetzt, man installiert auf beiden Systemen Norton 360 oder eine andere Sicherheitslösung – auch nicht sicherer… und auch nur einen Hauch schöner :-D. Ein großer Wurf, nach der langen Wartezeit, ist das alles nicht. Mir wäre deutlich lieber, es gäbe ein modulares, sehr leichtes OS, das sich mit offenen Modulen erweitern lässt und dem Pro-User ein Maximum an Spielraum gibt. Vista entfernt sich von dieser Denke eher, Microsoft und Apple werden sich hier immer ähnlicher, orientieren sich an Onkel Otto und Tante Agathe. Macht ja auch Sinn, der Markt wird dorthin gehen.

Vista ist insofern etwas wie Quark XPress, der letzte Schrott, wenn man es auspackt, aber mit zig Plug-Ins und Modulen ganz schön in den eigenen Workflow zu integrieren. Ein paar Bugs hab ich dem System IMMER noch nicht ausgetrieben, aber das sind Kinderkrankheiten, das wird schon noch. Man darf auch nie vergessen: Microsoft hat es sehr viel schwerer als Apple. OSX ist für ein relativ fixes Hardwaresystem gebaut. Windows muss in zigtausend möglichen offenen Konfigurationen, fast hardwareunabhängig, funktionieren. Das ist ein gigantischer Vorteil für den User, ein Geschenk an Freiheit, aber eben auch Balast für die Software, die viel flexibler sein muss und insofern schon vorn vorne herein mit viel mehr Treibern und anderem Ballast daherkommt. Dazu noch ist die Firma – wie viel zu viele Softwareanbieter, auch Apple und Adobe – inzwischen marketingorientiert, nicht mehr entwicklungsorientiert. Was in allen drei Fällen ein ziemlicher Rückschritt ist. Jede neue Version dieser drei Anbieter scheint etwas weniger neue brauchbare Features zu bieten, aber in anderer Hinsicht oft auch Rückschritte darzustellen. In CS3 sind im Detail solche Rückschritte greifbar, bei Vista ist nahezu kein FORTschritt zu verzeichnen. Die Firmen sind zu vorsichtig.

CS3 läuft übrigens allerdings unter Vista bereits – gerade unter MultiCPU – spürbar fixer als unter XP. Ich denke, neue Softwares werden einen Grund bringen, umzusteigen. Und in ein oder zwei Jahren wird es von Mods und Skins für Vista so wimmeln, dass man bedenkenlos switchen kann.

Einstweilen aber würde ich dazu raten, bei XP zu bleiben. Ist Vista bereits installiert – auf einem Laptop o.ä. – würde ich es MASSIV abspecken und rekonfigurieren. Mit einer Ausnahme: Ich selbst habe Aero – obwohl Speicherfresser – nicht abgeschaltet, ich mag den Glasslook einfach :-D. Aber auch hier wäre es schön. wenn der User mehr Einstellungsmöglichkeiten hätte… Aber abgesehen von der neuen Oberfläche und marginalen Verbesserungen, merkt man kaum eine Art von Quantensprung zwischen XP und Vista, im Gegenteil. Microsoft hat sich erschreckend streng an XP orientiert und keine wirkliche Weiterentwicklung der IDEE von Betriebssystem geliefert. Bei Apple gab es einen – schmerzhaften – Sprung von System 9 und der alten Denke hin zu UNix und OS X, der sich jetzt langsam wirklich auszahlt. Leopard liefert anscheinend noch KEINE Überarbeitung der unsagbar augenkrebsigen Aqua-Oberfläche, im Gegenteil, alles wird noch bunter. Aber wenn die Site und das iPhone einen Vorgeschmack geben, findet anscheinend ja in Cupertino langsam ein (zu vorsichtiges) Umdenken in Sachen GUI statt, hin zu cleaneren, ruhigeren Strukturen.

Ich denke, langfristig sind beide OS keine Lösung, aber die Open-Source-Angebote (meist Linuxbasiert) sind bisher auch bestenfalls halbgar und haben – eben anders als Windows – nicht den Vorteil des nahezu unerschöpflichen Softwareangebotes. Trotzdem. Ein schlankes OS, modbar, kompatibel, offen, schnell, leicht und mit einem schnellen, schicken Interface… vielleicht mit dem Flair von Native-Instruments-GUIs… man muss ja mal träumen dürfen. Ich verstehe bis heute nicht, warum niemand von MINI lernt, das offene, flexible User-Konfigurierbarkeit ein klarer Marktvorteil sein kann. So wie man bei MINI Dachfarbe und Spiegelfarbe und zig andere Module einzeln konfigurieren kann und so – für einen industriellen Anbieter – zu einem relativ individuellen fahrzeug kommt, so sollte man als Rechneruser auch in der Software möglichst viele Details personalisieren dürfen. Ohne Hacks, sondern als Standard.

Fakt ist aber, Apple UND Microsoft werden sich weniger und weniger für den Rechnermarkt interessieren und mehr und mehr in Nebenbereiche (Entertainment, Webangebote, Mobile) einsteigen, weil im Consumersegment einfach mehr Geld steckt. Was vielleicht aber bedeutet, über kurz oder lang, dass irgendwelche smarten Programmierer aus der Not eine Tugend machen. Wäre ja nicht das erste mal… oder arbeitet wirklich noch jemand mit Internet Explorer :-D?

Die wirklichen Verbesserungen bringen dementsprechend eher kleine Entwicklungen aus Free- oder Sharewaresegment, die sich unglaublich professionalisiert haben. Mit Hilfe von Widgets und anderen Tools lassen sich Betriebssysteme inzwischen – unabhängig vom Ausgangs-OS – völlig umstricken. Der Yahoo-Microplayer ist in den Background eingebettet, minimal, und tut genau so seinen Dienst wie der Mediaplayer, nur schöner, leichter, smarter. Und das, denke ich, ist ein Signal für die Zukunft: Minimales, schlankes, offenes OS. Und darauf aufbauend modulare Skins und Tools. Die hinter den Widgets steckende Idee von einem hochgradig individualisierbaren Patchwork-Betriebssystem ist die Zukunft, hoffe ich.

16. Juli 2007 08:03 Uhr. Kategorie Technik. 10 Antworten.

MODEST MOUSE LIVE MUSIC HALL KÖLN

Nach der sound- und bildgewaltigen Show der Chemical Brothers wirken Modest Mouse am Dienstagabend in Köln seltsam normal. Einfach sechs Jungs, die nach etlicher Wartezeit auf die Bühne kommen, ihre Instrumente umschnallen und loslegen, mit recht langen Pausen zwischen den Songs, mit etwas verpeilten Ansagen und mit einem eher gewöhnlichen Rock’n'Roll-Lichtset, ohne besondere Features. Pure Musik also, nach vorne getrieben von Joe Plummer und Jeremiah Green, die mit zwei Percussion/Drumkits für Druck sorgen. Bei manchen Stücken sind die beiden nicht 100% synchron, was den Sound oft etwas matschig wirken lässt, aber der schiere Druck, den die Band bei manchen der härteren Songs entfalten kann, lebt spürbar von der Mischung aus Drums, Percussion und live gespielten elektronischen Sounds. Auf dieser Druckwelle surfen entspannt die anderen Bandmitglieder, allen vorweg Multiinstrumentalist Tom Peloso, Ex-Smiths-Gitarrenwunderkind Johnny Marr und natürlich Sänger Isaac Brock, der mit dem natürlichen Charme eines Serienmörders durch den Abend führt. Die Mods spielen natürlich Tracks vom neuen Album und haben mit dem Oberhit Dashboard sofort die vollgepackte Halle im Griff, aber auch Klasisker wie Doin’ the Cockroach oder Spitting Venom. Obwohl die meisten Tracks ja eher in der Americana-Mid-Tempozone liegen, also gar nicht sonderlich schnell daherkommen, wird in der Moshpit getobt als gäb es kein Morgen mehr. Mag sein, dass ich von einigen Nachtschichten, den ChemBros und acht Studen Dozententum noch etwas ausgelaugt war, aber kürzer hab ich es selten an der Bühnenfront ausgehalten, das war Terror. Tatsächlich steht die extreme Fanreaktion etwas im Widerspruch zur Band selbst, die eher relaxt, fast gelangweilt-professionell durch die komplexem Songstrukturen spielt. Den meisten (sichtbaren) Spass strahlt Johnny Marr aus, der fast unsichtbar im Klangkorsett der Band verschwindet, und für einen Mittvierziger enorm lässig aussieht. Es ist einfach prima zu sehen, dass so ein großer und wichtiger Musiker nicht wie so viele einfach versackt ist, sondern mit Modest Mouse einen neuen Hafen für seine Ideen gefunden hat. Isaac Brock singt, schreit und wimmert sich durch die Songs, die – je weiter der Abend fortschreitet – immer besser und druckvoller werden, zumal die Band die ruhigeren Songs eher in der Mitte des Sets spielt und sich am Ende auf orgiastisch ausgestreckte Classics beschränkt. Gemessen an anderen Live-Acts – etwa den musikalisch ähnlich gelagerten Kaizers Orchestra – wirken Modest Mouse etwas wenig show-orientiert, vielleicht brav, aber die Musik, die Stimmung im Publikum und die reine Energie, die sich während des Konzertes aufbaut, ist den Eintritt mehr als wert.

Bilder nach dem Break…

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5. Juli 2007 12:07 Uhr. Kategorie Live. Eine Antwort.

LCD SOUNDSYSTEM: SOUND OF SILVER



DFA-Records
-Chef, DJ , Remixer und Mr. LCD-Soundsystem James Murphy hat mit dem überlasziven North American Scum längst den ersten großen Hit dieses neuen zweiten Albums ausgekoppelt, auf dem einiges anderes an Hitmaterial steckt. Eine Melange aus dem Discoflair der späten Siebziger mit New-Wave-Sequencing und Analogsounds der 80er ergeben ein seltsam schmales, elegantes und leichtfüssiges Album, das mit 9 durchweg recht langen Tracks beeindruckt. Direkt der Einstieg Get Innocuous macht mit einem Kraftwerk-artigen Bassbeat klar, wo die Reise hingeht, wunderbar getoppt von Murphys David-Bowie-at-his-best-Gesang. Wunderbare echte Drums nehmen dem Song die Sterilität und man ist mitten drin in Ashes To Ashes mit Heaven 17 als Feature Guest. In Sachen Opener eines Albums ist dieser Track kaum noch zu toppen, ein urbaner Moloch, für Kopfhörer ebenso geeignet wie für den Dancefloor. Es ist überraschend, wie Murphy seit dem ersten Album und 45:33 (seinem nur Online verfügbaren Nike-Jogging-Track, das zumindest partiell auch in Sound of Silver zweitverwertet wurde – oh, und ist der Titel des Tracks nicht an sich schon eine wunderbare Verbeugung vorm Vinyl?) gewachsen ist und wie live die Songs klingen. Time to get away zeigt Murphy von einer anderen Seite, mehr Byrne als Bowie, mit dem Fun der frühen Talking Heads, eher funky als monolithisch.

Murphy liefert Hipster-Disco vom feinsten, ebenso selbstreferentiell wie in den Plattenkisten seiner Jugend wühlend, eine Menge der Tracks klingen als wären sie aus einem alternativen 80s-Universum zu uns gekommen, das schneller und härter war als unsere 80s. Stroboskopen-Bassläufe, warme Analogsounds, relaxte Roland-Drumsounds, und Murphy, der ekstatisch über den feingewobenen Musikteppich hinwegschreit. Dabei wandelt die Platte phantastisch zwischen den Emotionen, wird ruhiger, zieht wieder an, kommt von der entspannten Hypnose von Someone Great scheinbar nahtlos zu der orgiastischen Percussionwut von Us vs. Them (wieder mit diesem großartigem nöhlenden Bowie-Feeling in den Refrain-Vocals). Das überraschende ist, dass dieser eklektische Stilmix doch überzeugend kohärent bleibt, ein gesamtes Album ergibt, das mehr ist nur als eine Ansammlung einzelner Tracks. Es macht Spaß, Murphys Einflüsse zu erraten, ein musikalisches Trivial Pursuit von geklauten Bassläufen und Melodien, Phrasierungen und Feelings. Und doch ist Sound of Silver kein reines Flashback-Album, keine blosse Hommage an die New Yorker Discos der späten 70s und frühen 80s, sondern ein fröhlicher eklektischer Mix aus Punk, New Wave, Elektro, Indie, der mit viel Spaß und Verve zusammengerührt ist. Nicht umsonst ist ein in Alufolie verpackter Betonmischer auf dem Cover zu sehen – oder zumindest etwas, was so aussieht :-D. Das viel von der Musik mit Live-Instrumenten eingespielt ist, macht einen absoluten Bonus aus und drückt etwa Watch the Tapes weit nach vorne. Die Musik bleibt nie steril, sondern greift den Geist der frühen Discotracks auch in der Produktion aus. Echter Funk braucht echte Instrumente ;-). Die einzig nennenswerte Schwachstelle des Albums ist das unsagbare öde New York I love you but you drag me down, schon vom Titel her eine erkennbare Morrissey-Hommage, die einfach überhaupt nicht auf die Platte passen will und nur als Gag durchgeht, dafür aber zu lang ist. Ansonsten ist Sound of Silver ein Must-Have-Album, postmoderne Popmusik auf der Höhe der Zeit. Eine Underground-remixte Version des Albums bekommt man übrigens hier

21. März 2007 09:50 Uhr. Kategorie Musik. Keine Antwort.

SCHADESCHADESCHADE…

Gestern kam eine eMail von Vaughan Oliver, laut der sich sehr über die Einladung freue, aber leider akut nicht als Sprecher für die Typo im Mai zur Verfügung stehe. Nachdem im Dezember schon Dirk Rudolph abgesagt haben, kommen damit zwei von meinen großen Helden, die fast unzertrennbar mit dem Thema Musik und Grafikdesign verbunden sind, nicht. Neben Peter Saville, Neville Brody und natürlich Storm Thorgerson sind Vaughan und die Dirk Heroen der Gestaltung von Vinyl und CD. Storm Thorgerson ist mit Hipgnosis Urgestein, hat schon für Zeppelin und Pink Floyd gearbeitet, ist aber auch heute noch mit Acts wie Muse oder Mars Volta musikalisch in guten Gewässern unterwegs, Vaughan, Peter und Neville haben die 80er fast im Alleingang geprägt, ganze Generationen von Designern inspiriert und ein für allemal Grafik Design auf breiter Front aus der Dienstleistunsgecke herausgeholt. Und Dirk ist in meinen Augen der deutsche Ausnahmedesigner in diesem Bereich, mit einem ganz distinktiven eigenen Stil, und jeder von euch hat eines seiner Alben schon einmal in der Hand gehabt. Allein Vaughan und Dirk auf einer Bühne zu haben – Rudolph ist ein großer Fan von Oliver und ursprünglich deutlich von dessen Stil beflügelt gewesen – wäre den Eintritt der gesamten Typo wert gewesen.

Wirklich schade, dass die genialen Gestalter anscheinend zugleich (und ja eigentlich sympathischerweise) keine Rampensäue sind, sondern eher lichtscheue Wesen, die sich in ihrer Arbeit, nicht in Keynote-Vorträgen ausdrücken. Saville hat schon vor ein paar Jahren bei der Typo die große Bühne gescheut und im kleineren Saal dann für einen natürlich vollends überfüllten Saal gefüllt. Jürgen Siebert schrieb mir, dass Zuzana Licko seit nunmehr zehn Jahren jede Einladung ausschlägt. Das traurige daran ist, dass wir so nur indirekt von diesen Legenden lernen können und zugleich, dass wir sie nicht gemeinsam feiern können :-D. Die Herangehensweise an ihre Arbeit ist bei allen genannten Designern höchst unterschiedlich und extrem spannend. Auch als Profi kannst du nie aufhören, von solchen Meistern zu lernen und von ihnen fasziniert zu sein, den Persönlichkeiten, den Ideen, der Arbeit, dem Denken. Mag sein, dass ich hier nur mal mein persönliches Pantheon vereint sehen wollte, aber das Visual Artwork in der Musikbranche wäre ohne diese Herren ebenso undenkbar wie ohne den unsterblichen unglaublichen großartigen Reid Miles. Es ist so, als würden wir in zehn Jahren über Buchdesign reden und Chip Kidd würde eine Einladung ablehnen. Einfach schade – und in Kidds Fall gottseidank unwahrscheinlich :-D.

Natürlich wird die Musik-Typo trotzdem explosiv. Jürgen, Benno und ihr Team haben sich Klaus Voormann gesichert, der gerade eben ja im Design Report ein wunderbares Feature hatte, mit Kim Hiorthoy ist einer meiner aktuellen Superhelden am Start, einer der intuitivsten und sparsamsten und smartesten und spielerischsten Designer der letzten Jahre, Großmeister des Jazzplakats Niklaus Troxler wird einen, darauf sei gewettet, unglaublichen Vortrag zaubern, und ich denke, die ein oder andere Überraschung hat der Fontshop sicher eh noch im Ärmel…

Aber trotzdem… müssen Genies immer so verdammt publikumsscheu sein? :-D

14. März 2007 08:47 Uhr. Kategorie Leben. 20 Antworten.

300 Trailer

Der zweite Trailer des auf Frank Millers Comicbook basierenden Sparta-Epos 300 ist ein weiterer Schritt hin zur Konvergenz von Film und VR-Gaming. Was in zahlreichen anderen Filmen bereits angedeutet ist, kann man hier fast greifen: Film und Video-Spiel verschmelzen technologisch und ästhetisch zu einem Medium. 300 greift visuell vorweg, was in einigen Jahren der Standard im Gamingbereich sein dürfte: ein unwirklicher Mix aus Virtueller Umgebung und digitalisierten Realdarstellern. Das Ergebnis sind interaktiv steuerbare Filme – und diesen Möglichkeiten scheinen die Spielemacher nach wie vor etwas hilflos gegenüber zu stehen. Hier deutet sich die Möglichkeit einer komplett neuen Vorstellung narrativer Strukturen an, verzweigt, dynamisch, diskursiv multitextual, explorativ, die unsere bisherigen Vorstellung von Erzählung, von Autorenschaft etwa so verändern dürften wie der 12″-Remix in den 80ern die Vorstellung von einem «Song» erodiert und revolutioniert hat. Es gab plötzlich nicht mehr den «einen» Song, sondern Variationen, Iterationen und man konnte sich – wenn auch nur aus einer vorgegeben Auswahl – seinen Favoriten auswählen. Oder, inzwischen, selbst tätig werden und Songs remixen, wie vor einigen Jahren eine phantastische Fan-Page bewies, die sich faktisch jedes Björk-Lied gleich mehrfach rekonstruktiv zur Brust nahm.

Ich hatte mit Marian kürzlich das Gespräch, dass ich denke, wir haben inzwischen mehr als genug Spiele, die an die untersten Instinkte der Käuferschaft appellieren. Adrenalin und explizite Gewalt engen die Konsolenspiele auf eine zu kleine Zielgruppe ein, und sozial weisen sie nicht in die richtige, positive Richtung. Wir brauchen Spiele, die anregen, die kreativ machen, die den Spieler nach oben ziehen und bereichern. Bisher ist aus meiner Sicht ausnahmslos das Buch das Medium, das dich klüger, weiter, reicher macht. Gefolgt, mit einigem Abstand von Film und Musik, die beide schon eher emotional sind, niemals so in die Tiefe gehen können wie Buch, niemals die Reichhaltigkeit an Textur hergeben. VR-Spiele, wie sie sich oben andenken ließen, könnten diese Tiefe erreichen und überbieten, indem sie aus der hierarchischen Struktur fest vorgegebener Autorenstrukturen herausbrechen. Ein Buch hat einen festen Verlauf, in einem Spiel könnte ein Autor mehreren Verlaufssträngen parallel folgen, verschieden Charakteren usw. Solche neuen Formen von Erzählung könnten zugleich – über soziale Netzsoftware – von mehreren Onlineautoren weiterentwickelt werden, digitale Facfiction im Rahmen einer Spielumgebung. All dies existiert im Ansatz bereits und wartet nur auf den technologischen, aber vor allem auch den gesellschaftlichen Durchbruch.

10. Dezember 2006 23:03 Uhr. Kategorie Technik. 2 Antworten.

5D

Aufgrund eines Sensordefektes und eines neuen Auftrags mußte/konnte ich von der 20D auf die Canon EOS 5D umsteigen. Auf den ersten Blick sind die Kameras weitgehend identisch, so daß man das neue Modell ohne einen Blick in die Bedienungsanleitung, fast wie im Schlaf (ich bin ja seit der ersten Digital-SLR bei Canon) zusammensetzt. Leider hat Canon auch diesmal wieder einen neuen Batteriegriff konstruiert, es wird etwas nervig, auch den immer wieder ersetzen zu müssen, zumal sie im Grunde in der Funktion alle identisch sind und es vor der 20D ja auch ging, stets den gleichen Grip zu verwenden. Das ist doch eher Geldschinderei und nervt insofern. Das komplette Handling ist ansonsten identisch, man steigt nahtlos von einer Kamera zur anderen.

Auffällig auf den ersten Blick, sind das deutlich größere LCD-Display und der größere optische Sucher. Klingt beides banal, aber allein der Sucher ist den Umstieg wert. Unglaublich, was das für einen Unterschied macht. Das man mit dem größeren LCD jetzt auf einen Blick mehr sieht vom gemachten Bild, klarer beurteilen kann, wie das Bild geworden ist, ist auch ein echter Bonus.

Die Einstellungen im Menü sind wie gehabt. Wie gewohnt findet man also auch in den Customer-Einstellungen versteckt die erweitere ISO, mit denen man der 5D einen Spielraum von 50 bis 3200 ISO geben kann, also nach unten etwas mehr als bei der 20D. Die 5D bietet dabei feinere Schritte als die 20D, was sicher in der Praxis hilft, einen netten Kompromiß zwischen Licht und Rauschfaktor zu finden. Die meisten kamerasoftwareseitigen Änderungen sind mir ansonsten meist etwas egal, weil ich ohnehin nur mit RAW-Bildern arbeite, die die Software weitestgehend unberührt läßt.

Die 5D verzichtet endlich auch auf die furchtbaren vorprogrammierten Features (Portrait, Landschaft, Nacht und so weiter) und den eingebauten Spielzeugblitz, and thank the lord for small mercies. Damit positioniert Canon die Kamera weniger im Consumer-Bereich, sondern nähert sich dem Profisegment der 1D an. Überhaupt… der Chip ist der gleiche, soweit ich weiß, und bringt auf der gleichen Fläche (echte 24 x 36, also full frame, ohne Brennweitenverlängerung) nur eben etwas größere Pixel unter, wodurch die 5D zwar eine etwas geringere Auflösung (12 statt 16) liefert, aber die besseren Bilder. Ich persönlich fand keinen sinnvollen Grund, warum die 1D noch einmal 5000 Euro teurer ist, ehrlich gesagt. Auch der Verschluß hat einen anderen Sound als die 20D, solider und professioneller (und leiser… nur leider immer noch nicht leise genug, wie ich finde), weniger klackerig. Autofocus und Verschlußzeit reagieren in Echtzeit, wie bei einer Analogkamera. Auch den Standby merkt man der Kam nicht mehr an. Wenn sie sich ausschaltet, reicht ein simpler Druck auf den Auslöser und sie ist sofort da, sogar noch einen Hauch fixer als die 20D, die ich in dieser Hinsicht ja schon völlig befriedigend fand. Im Grunde auch hier ein sehr analoges Feeling. Der Port ist USB2.0, so daß auch Echtzeit-Tethered-Shooting inzwischen auch mehr als sinnvoll sein sollte. Ein Tool wie DSLRPro solte man wahrscheinlich trotzdem nutzen, die aktuelle 1.1er Version unterstützt die 5D, so wie auch CaptureOne in der aktuellen Fassung die 5D komplett supported. Die 5D verpackt Fat32-CompactFlash-Karten, also über 2 GB. Bei den CF-Karten fallen die Preise munter, so daß man sich alsbald sicher auch 4GB in den Slot packen kann.

Und die braucht man auch, denn die 5D hat eben 12 statt 8 Megapixel, erzeugt also auch größere Datenmengen. Aber die lohnen sich. Die 5D liefert A4-Plus-Photos, die man aufgrund der großen Pixel auch problemlos noch um einiges hochvergrößern kann, die Dynamik bei einem 100-ISO-Bild gibt da einiges her. Die Schärfe und Detailtreue der Bilder ist eher erschreckend, bei Portraits kommt man nicht mehr umhin, die Bilder nachzubearbeiten, weil wirklich jedes Haar und jeder Pickel deutlich sichtbar ist.

Zudem braucht die Kamera sicher ordentliche Objektive, aufgrund des größeren Chips, der leicht allergisch auf chromatische Verzerrungen am Linsenrand reagieren wird, aber da ich ja nur L-Objektive habe, war das für mich kein Problem. Mann, ich wußte ja, eines Tages freue ich mich noch mal, an den Optiken nicht gespart zu haben.

Glasklar, läßt sich auch an der 5D einiges verbessern, mehr Megapixel sind immer gut, aber im großen und ganzen ist die Kamera ein solider Schritt nach vorn von der ebenfalls schon sehr guten 20D, und läßt im Grunde kaum noch Wünsche offen. Näher kommt man einem analogen Feeling kaum noch, und mit gestochen scharfen A4-Formaten ist die Kamera in Sachen Bildqualität endgültig auch der herkömmlichen KB-Analogkamera überlegen.

6. April 2006 19:13 Uhr. Kategorie Technik. 3 Antworten.

Die Eine und die Andere

Für Botho Strauß’ Verhältnisse mutet Die eine und die andere nahezu wie eine Rückkehr ins Persönliche, ins Kleine an. Die Inszenierung des stets phantastischen Luc Bondy, der sich ja bereits mehrfach an Stücken von Strauß abgearbeitet hat, lebt vor allem von Karl-Ernst Hermanns grandiosem Bühnenbild, das von vorneherein keinen Zweifel daran läßt, daß die Intimität und Bescheidenheit des Stückes trügerisch ist: Das Kaufhaus der ersten Szene wird zu einem ins Unendliche reichenden Vexierbild aus sich kreuzenden Linien, optischen Täuschungen und immer wieder gelingt es Hermann und den Menschen, die seine Ideen umsetzen, aus den einfachen Zutaten des Bühnebildes jede Szene minimalistisch aber überzeugend umzusetzen. War Herrmann in den Bochumer Todesvariation noch, dem Stück entsprechend ein nackter weißer Kasten, so ist die Bühne diesmal umrahmt von einer High-Tech-LED-Installation, die das Szenen-Bild kongenial und augenzwinkernd umrahmt, wie KEH ohnehin den futuristischen Aspekt von Strauss nutzt, um mit wunderbaren Lichtinstallationen aufzuwarten und die Bühne zu einem doppelbödigen Spiel mit Licht und Illusion werden zu lassen. Und das paßt in der Tat zu dem Stück, das nur oberflächlich die Beziehung zweier gealterter, einander verhaßter Frauen und ihrer Kinder abhandelt, sich in Wirklichkeit aber an griechischen Tragödien-Themen, an dem Bild der drei den Lebensfaden strickenden alten Hexen, an Zukunftskritik, und immer wieder an starker christlicher Leidenssymbolik, nicht zuletzt der Tragödie des Osten Deutschlands, versucht und manchmal eben auch in diesem Wust verhebt. Wie immer (und wie fast kein zweiter Autor) schachtelt und stapelt Strauß dabei auf der Folie des normalen «plots» so vielschichtige Meta-Ebenen, daß man außerstande ist, das Stück auf der Bühne ad hoc voll zu durchschauen und würdigen. Was dem Publikum im BE so anscheinend bleibt, ist oft der boulevardeske Oberflächencharakter des Stückes, den Bondy nutzt, um die mythologischen Elemente zu kontern. Entsprechend irrlichtert das Stück zwischen (leicht deplacierten) Lachern und sperrigen Kreuzigungsszenen im Kühlschrank-Neonlicht. Beides per se in der Juxtaposition nicht verkehrt in einem modernen Stück, aber Bondy gelingt es nicht ganz, die komplexen Inhalte einerseits transparent und andererseits zu einem homogenen Ganzen zu machen und ergo bleibt dem Publikum zumindest partiell leichte Verwirrung und damit die Flucht in die oberflächlicheren Ebenen des Stückes. Und die ist, pardon, mitunter so flach wie ein Ohnsorg-Stück angelegt. Man hätte vielleicht hoffen dürfen, daß die hier versammelten Theaterlegenden etwas mehr mit der Tiefe von Strauß’ Ansätzen hätten spielen wollen.

Die wunderbare und legendäre, hier aber leider etwas überziehende, fast boulevardesk auftretende, Edith Clever und die dagegen grandios zurückgehaltene, fast müde und somit lasziver wirkende Jutta Lampe (beide perfekt gegen die Rollenerwartungen besetzt, die eigentlich lebensmüde Insa wird von Clever im Overdrive-Modus gegeben, die lebenslustigere Lissie von Lampe aber kontrolliert, mit minimalen Mitteln gestaltet) dominieren das Stück, obwohl Dörte Lyssewski es versteht, sich als Drama-Queen und Schmerz-Aktionistin Elaine (Helene/Helena… Hauptmann, Euripides und Goethe, wir hören euch trapsen!) bei jeder sich bietenden Chance in den Vordergrund zu featuren. Obwohl ich Dörte – die ja ebenfalls ein Strauß-Veteran ist – aus ihren Bochumer Tagen mag, ist ihre Art von physischem Overacting immer wieder ein seltsamer Mix aus Einzigartigkeit und mittelfristig auch einer optischen Ermüdung, weil man ihre spezifische Körpersprache ja doch schon so oder ähnlich in anderen Stücken gesehen hat. Mir paßt es auch nicht zu sehr zu einer Rolle, die eben ein Ding geworden ist, entkörperlicht ist, und den Ich-Bezug sucht in Schmerz, in körperlicher Extremerfahrung. Es scheint mir eher wenig ratsam, ausgerechnet eine solche Rolle so auszuagieren, daß sie nahezu ununterbrochen übertrieben lasziv und körperlich daherkommt wie eine schnurrige Katze. Da fehlt die Kühle, das Leere, das Nichts. Wobei man Dörte zur Ehrenrettung lassen muß, daß sie fast schizophren zwischen der Overdrive-Elaine und einer deutlich kleinlauteren, gebremsten (und entsprechend eine Clark-Kent-Brille tragenden) Version im Kontext ihrer dominanten Mutter wechselt, da mag also durchaus ein dramaturgischer Kunstgriff hinter der hyperaktiven Elaine stecken. Die Nebenrollen wie Nagel, Schwamm und selbst Lissies Sohn Timm, schön diszipliniert und sauber als Late-Twen gespielt von Sebastian Rudolph, der verblassen neben diesem intensiven Frauen-Trio nahezu vollends.

Das Stück endet abrupt, kurz, weil Bondy eine letzte Szene des Textes komplett wegläßt, wodurch die Inszenierung offener, schwebender, im besten Sinne irritierender wird. Dieser Kunstgriff des Coitus Interruptus macht das Stück paradoxerweise runder, voller und gleicht die Boulevard-Zitate wie magisch aus. Ob man hier noch ein bittersüßes resignatives Semi-Happy-End sehen will oder ein Scheitern aller Beziehungsansätze, aller Hoffnungen, bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen. Die eine oder die andere zeigt, inwieweit Live-Theater tiefer greifen kann und phantasieanregender, weil vielschichtiger sein kann, als das Film-Medium. Das Stück ist keineswegs so minimalistisch bare bones wie etwa Fosses Todesvariationen, aber für einen arrivierten elder statesman Dramatiker wie Botho Strauß, der hier eben auch auf vertraute Melodien zurückgreift, durchaus hochbefriedigend.

25. Januar 2006 15:07 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

Mirrormask


Hier sind einige Trailer und Excerpts aus Mirrormask, dem ersten abendfüllenden Feature-Film von Designer/illustrator Dave McKean und Autor Neil Gaiman

18. November 2005 10:40 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

IRAQ – THE UNSEEN WAR

Hier

via Attu

27. August 2005 08:39 Uhr. Kategorie Online. Keine Antwort.

MIRRORMASK

Neuer Trailer. Gott, ich hoffe, der Film wird im Kino gezeigt. Das Buch zum Film ist recht unspektakulär, aber ich denke, der Film selbst wird nahezu surreal gut sein. McKeans Low-Budget-Kurzfilme waren schon gut, mit etwas mehr Budget im Rücken bin ich sehr gespannt auf die Ergebnisse.



via Neil Gaiman

19. Juni 2005 13:51 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

QUARK


Die neue Quark-Kampagne ist hinreißend. Echt. Wirklich. Mein letztes Design macht andere Menschen zu Millionären, behauptet da Chee, Senior Designer, der gern auch mal Lottoscheine gestaltet, mit der Grammatik aber auch mal Probleme haben darf. Wo Chee arbeitet, wissen wir nicht. Vielleicht in irgendeiner Datenbank für politisch einwandfreie Motive,vielleicht bei Benetton. Um Chee geht es ja mal auch gar nicht, obwohl man vielleicht aus Angst vor chinesischen Dumping-Preis-Designern schon zuerst etwas zusammenzuckt. Nein, es geht um Quark. Um XPress. 6.5. Schön erstmal, daß Quark als letzte Firma an solchen Nummern festhält.

QXP kann jetzt tolle Sachen. Die bisher nirgends nicht gingen. Ebenen, PSD-Import (einfach so, schon irre), Excel-Tabellen-Import und… Vollhammer: MEHRFACHES WIDERRUFEN.
Toll.

Mal abgesehen davon, daß «Widerrufen« eine wunderschön unbürokratische Eindeutschung von Undo ist (statt des öden Rückgängig), würde ich mich wirklich freuen, daß Quark das jetzt plötzlich alles kann. Wenn ich nicht schon seit paar Jahren mit InDesign arbeiten würde, das seit Jahren diese Features bietet. So wirkt es eher ein wenig wie spät-realsozialistische Ankündigungen…

Aber Quark kann noch mehr: «Falls Sie jemals mit QuarkXpress gearbeitet haben, wissen Sie bereits, wie Sie QuarkXPress 6.5 nutzen.» Ja, da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt vor Freude. Einfahc so wissen, wie man eine Nachfolgeversion benutzt. Wenn Sie Opel fahren können, können Sie Opel fahren. Persil – da weiß man was man hat (Jaaaa… Persil eben, steht ja auf der Packung….) Die Softwarebedienung wird zum tautologischen Argument, die laienunfreundliche Insellösung zum Verkaufsargument. QXP benutzt also demnach nur, wer zu faul ist, sich neue Tastenkürzel zu merken. Leute wie Chee halt. Das im weiteren Text als Vorteil erwähnt wird, aufgrund dieser Vertrautheit würde die «zeitraubende Suche nach Kurzbefehlen» wegfallen, ist kaum weniger erfreulich. Ich kenne ein paar Leute, die seit Jahren mit QXP arbeiten und bei bestimmten Befehlen immer noch auf eine Shortcut-Card schauen müssen.

Ehrlich, ich habe alle meine QXP4-Befehle mit WONNE vergessen.

Und dann kommt das Kaufargument schlechthin. Wenn sonst nix zieht, dann geht man auf die Preisschiene Denn QXP kostet neu nur 1738 € brutto. Also etwa so viel wie die gesamte Adobe Creative Suite 2 Premium. Ein Paket mit Photoshop, Illustrator, Indesign, Acrobat und GoLive (das, zugegeben, kein Mensch so richtig verwendet). Na, wenn das kein Grund ist, bei Quark zu bleiben.

Das Quark am Schluß nach Erfahrungen mit unerwarteten, absurden oder schlimmen Projekten fragt, die die Leser einschicken sollen, damit Quark sie veröffentlichen kann…, läßt wirklich nur noch einen Schluß zu: Adobe hat diese Anzeigenserie finanziert, um QXP den Rest zu geben. Anders ist das nun echt nicht zu erklären. So schlecht darf Werbung sonst nicht sein. Eine echte Firma würde doch eher nach interessanten, spannenden und erfolgreichen Projekten fragen, gelle?

Gott, ich arbeite schon lange nicht mehr mit QXP und vermisse es nicht und irgendwie beschleicht mich ja oft die Ahnung, daß die meisten Agenturen ohnehin so bei 4 oder 5 mit den Updates aufgehört haben… und das auch nur, weil den Entscheidern irgendwie egal ist, womit ihre Mitarbeiter täglich zu kämpfen haben. Selbst obwohl Adobe die Entwicklung von ID künstlich etwas ausbremst und die Verschmelzung der CS-Komponenten langsamer geht als sie es vielleicht könnte, ist die Arbeit mit InDesign gegenüber Quark einfach gar kein Vergleich mehr. Porsche Boxter vs. VW Bully. Aber trotzdem… wir alle brauchen Quark. Und sei es nur als letzte Bastion gegen das totale Monopol von Adobe.

Also bitteschön, Jungens: Macht’s wenigstens eine halbwegs gute Werbung, wenn es schon mit der Software nicht mehr so klappt… ja?

Danke.

7. Juni 2005 13:44 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

Beausage

Bei metacool bin ich über den Begriff Beausage gestolpert. Diego Rodriguez bezieht sich hier auf eine Worschöpfung von Grant Petersen, der damit die Ästhetik bezeichnet, die die Stufen eines Amphitheater durch die Abnutzung von tausenden von Füßen gewonnen haben, die die Motorhaube eines Ferrari 250 durch den Steinschlag gewinnt oder ein Fahrradsattel, der sich durch die Abnutzung an seinen Benutzer anpaßt. Anders als Patina oder Nostalgie, obwohl mit beiden sicher verwandt, geht Beausage ein Stück weiter und macht die Abnutzung zum integralen Bestandteil der Schönheit eines Objektes, es wird schöner durch die Benutzung. In William Gibsons großartig vielschichtigen Roman Pattern Recognition gibt es ein analoges Motiv in der reproduzierten Buzz Rickson MA1-Jacke der Coolhunterin Cayce Pollard (in der diese Beausage-Eigenschaften künstlich eingearbeitet sind, wie etwa die unsauberen Nähte). Das Buch war so erfolgreich, daß Rickson sogar eine spezielle Pattern-Recognition-Version in schwarz herausbrachte (Gibson schreibt im Buch, daß Pollards Jacke schwarz ist… es gab aber nie eine schwarze Version. Nach dem Buch war die Anfrage jedoch so groß, daß die Firma kurzerhand eine schwarze Version nachlieferte. Form follows Fiction.
Das Truetalk-Blog verknüft diesen Begriff mit dem japanischen Konzept von wasi-basi, einer Zen-Ästhetik-Vorstellung, die mit der Mangelhaftigkeit, der Inperfektion von Gegenständen zu tun hat. Die Bescheidenheit und Erdverbundenheit nicht-perfekter Gegenstände verleiht ihnen ihre Transzendenz. Wir alle kennen solche Gegenstände. Werkzeuge, die unsere Großeltern bereits benutzt haben. Der Unterschied zwischen einer sterilen fabrikneuen S-Klasse und einem liebevoll erhaltenen, aber eben doch unweigerlich benutzten 300b. Beausage hat etwas mit dem Wissen zu tun, daß solche Gegenstände nicht anonym gefertigt sind, nicht Teil eines gänzlich effizienten Produktionsprozesses, sondern Ergebnis einer liebevollen Planung und Durchführung. Beausage hat dabei auch etwas mit Materialien zu tun – Grant Petersen, der den Begriff prägte, hält fest, daß klassische, echte Materialen Beausage entwickeln, während modernes künstliches Material eher «Junk» wird (was schön zu Rem Koolhaas Analyse moderner kommerzieller Architektur als der Schaffung von Junk Space paßt), Leder altert, Polyester vermüllt. Beausage hat etwas mit dieser seltsamen Balance zwischen Benutzung und Pflege zu tun, letzten Endes mit dem Fetisch von Alltagsobjekten, mit Dingen, die uns am Herzen liegen. Nicht zuletzt auch mit einer Ehrlichkeit, die einigen Materialien einfach inhärent ist, anderen eben nicht. Ein Cellulose-Füller ist etwas anderes als ein Plastik-Füller. Genähte Ledersohlen unterscheiden sich von geklebtem Gummigemisch. Ein Backsteingebäude wird immer schöner altern als ein Betonbau.

Bei Jonathan Carroll sind es oft Uhren und Füller, die als solche Kulturfetische dienen, in Outside the Dog Museum sind es Türen und Leitern die zugleich als weitere Symbole dienen, aber auf einer Ebene als Symbol der handwerklichen Liebe dienen, die Morton Palm in diese Alltagsobjekten steckt). Bei mir ist’s mein altes Leder-Notizbuch, ein Hochzeits-Memorabilia. Nahezu jeder Mensch hat solche Herzens-Gegenstände. Und sie alle sind abgenutzt und haben Patina, haben Geschichte. Sind Fetisch-Objekte. Denen man die Liebe, die in ihrer Produktion und ihrer täglichen Benutzung steckt, ansieht.

Allein dies ist bereits fürs Produkt-Design entscheidend bei der Frage um die emotionale Aufladung von Gebrauchsgegenständen… aber Beausage geht noch einen Schritt weiter. Abnutzung erklärt schließlich auch Funktion. Der Trampelpfad im Feld zeigt den besten, sichersten Weg nach Hause. Der abgewetzte Siebdruck auf den Tasten eines Cassettenrecorders zeigt dir, weilche Tasten du drückst, um aufzunehmen oder abzuspielen. Hier bekommt Beausage eine funktionale Dimension. Die Dinge sehen nicht nur besser aus, je länger man sie benutzt, ihre Benutzung wird auch zur materielle emergierenden «Bedienungsanleitung».

Im digitalen Zeitalter, in der Patina immer öfter nur ein Fake ist (wie das Chromfinish an meinem Cooper gegenüber dem echten Chrom an meinem alten Amazon), wird Beausage zum Gegenpol einer durchindustrialisierten, oberflächlich gewordenen globalisierten Produktion, aus der die Controller Jahr um Jahr das Herzblut gepresst haben. Manufactum lebt gut von diesem Gegenpol, von der Vorstellung, daß es noch «gute Dinge» gibt, die ehrlich hergestellt sind und dementsprechend ehrlich altern werden, die Charakter entfalten können und allein durch ihre Materialität und die Liebe zum Detail unser Leben bereichern, meditative wasi-sabi-Objekte werden.

Hier sehe ich eine Überlebensnische für zumindest viele Luxusartikel. Porsche muß niemals wie Toyota agieren, weil die Autos mit Liebe gebaut werden. Die Verbreiterung der Produktpalette ist da fast eher ein langfristiges Problem. Ein SUV und ein Family-Van verwässern die Identität, die Magie, die Tradition des Produktes. Und das wird sich bitterst rächen. Denn diese ephemeren Qualitäten, die kaum ein Manager wirklich versteht, werden in einer Welt von mehr und mehr streamlined products immer wichtiger werden. Das Unangepasste, das Rauhe… das eben, was gut altert, schön verwittert. Ein echter Dodge Pickup sieht erst gut aus mit ein paar Beulen, beim X3 heult der Junior-Bankangestellte beim ersten Kratzer. DAS ist der Unterschied. Das Authentische, das sich eben nicht in einer Fabrik in Taiwan faken läßt. Das auf Benutzung ausgelegt ist. Das für Benutzung gebaut ist. In Zeiten, wo Produkte nach der Garantiefrist einfach auseinanderfallen und Ersatzteile fast so teuer sind wie ein Neugerät, klingt das wie ein Sakrileg. Oder wie eine Lösung.

Zugleich ist zu überlegen, wie sich Beausage in die Welt von Print und Screendesign einbringen läßt. Beim Buch gibt es Beausage natürlich, Bücher werden schöner, je abgelesener sie sind. Ich liebe mein Obey The Giant umso mehr, je öfter ich hineinkritzele und notiere. Das Buch ist ein Museum von Gedanken, die Poynor auf mehreren Flügen bei mir ausgelöst hat und wird insofern mit jedem Lesen schöner. Bei Imagebroschüren und Visitenkarten ist das sehr viel schwerer zu sagen… meist sind diese Sachen druckfrisch am schönsten. Man sollte überlegen, wie man den Alterungsprozeß, die Abnutzung aktiv in das Design einbinden kann, und sei es nur als kleines Experiment, indem etwa Schrift erst nach einiger Zeit sichtbar wird oder Man Seiten herausreißen muß, um bestimmte Inhalte lesen zu können..

Screen ist noch viel kritischer, schließlich können Websites kaum altern,w erden sie doch alle zwei bis fünf Jahre komplett überarbeitet. Hier finde ich aber die Idee, das die Benutzung aktiv die Site beeinflußt, interessant. Die Trampelpfad-Analogie. Bei der Rütgers Stiftung, (eine Site, die inzwischen nicht mehr lebt, sehr schade, eine völlig einzigartige FLash-Site ist zugunsten eines mageren Template-Designs aus der Kiste ersetzt worden. ) haben wir dies bereits ansatzweise umgesetzt… die Menüstruktur ergibt sich aus den zuletzt geklickten Items des Besuchers. Auch Farbe und Menüform sind modifizierbar und werden per Cookie gespeichert, die Site verformt sich also durch Gebrauch. Bei Kais Power Tools (Prä-Corel) gab es eine analoge Idee. Erst als fleißiger User kam man an bestimmte Programm-Features heran, quasi als Belohnung. Das Programm wurde also durch regelmäßige Nutzung tatsächlich besser.

Die Idee wäre weiterzuspinnen… wie wäre es mit einer Site, die komplett nicht durch einen Nutzer, sondern ganz «demokratisch» durch die Bewegungen und Vorlieben ALLER Besucher verändert wird? In der tatsächlich Trampelpfade entstehen? Stelle ich mir spannend vor. Beausage als Interface-Konzept; der Trampelpfad, das Abgewetzte als User-Metapher für ein materieloses Genre… das klingt zunächst einen Versuch wert.

Dieser Blog-Eintrag ist übrigens auch Beausage. Beim Eingeben habe ich einmal, heute morgen, das Fenster versehens geschlossen, ohne abzusenden. Vorhin ist mir der Artikel einmal abgestürzt. Jetzt ist er das dritte Mal aus dem Kopf geschrieben und dabei etwa viermal so lang geworden wie der Eintrag von heute früh. Schlecht für euch Armen, die ihr das hier eventuell tatsächlich lest, aber gut für meinen Kopf.

28. Mai 2005 19:27 Uhr. Kategorie Leben. Tag , . 2 Antworten.

KITSCH

Kitsch, das ist das, was bleibt. Von einer Epoche. Von einer Person. Von einer Idee, wenn sie nur lang genug gefiltert und auf den niedrigsten Nenner verdaut wurde. Einstein und seine Zunge, Lady Di und der Tod im Tunnel, James Dean und Pomadefrisuren, JFK und Marilyn, Marilyn und der U-Bahn-Schacht, Bruce Lee und der gelbschwarze Anzug, der dicke Elvis und das Glitzerkostüm, Mozart und die Perücke, der Barock und das Schwülstige.

Kitsch, das ist, was bleibt. In unserer Erinnerung. Was einfach genug ist, am Teflon des Gedächtnisses nicht abzugleiten. Prägnant genug. Es ist der Nippes unseres Gehirnes, die Reduktion komplexer Realität auf ein bewältigbares Simulacra. Und weil Simulation Bilder braucht, drucken wir sie auf Teller, auf Tassen, auf Poster und Zahnbürsten, machen sie im wahrsten Wortsinne konsumierbar. Wir rekreieren das Reale durch mythologische Modelle, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben müssen oder gar sollen. Die mit zahnpastaweißen Bonds und Silikonkissen von Plakaten herablächelnde Ikone Marilyn soll eben ablenken von der tatsächlich existenten Figur Norma Jean, nicht verweisen darauf. Das Modell, das Poster, das TV-Feature, die miniaturisierte Version, die konzeptionelle Abbildung, die Reduktion wird so zu unserem Wegweiser für die Wahrnehmung von Realität. Kommt das Modell mit der echten Realität in Kontakt, kommt es meist zu implosionsartigen Effekten. Niemand interessiert doch, wer wirklich hinter dem Mythos steht. Einstein war ein lustiges Genie und hat Reportern die Zunge rausgestreckt… das ist einfach als die allgemeine Reativitätstheorie zu behandeln.

Sicher, das hat mit Eindimensionalität zu tun. Kitsch kollabiert die grundsätzlich ja vorhandene Fähigkeit von Kunst und Medialität, ein multidimensionales und vielschichtiges Ganzes zu (re)produzieren auf eine einfache, eben verdaubare Ebene. Schon aus diesem Grunde ist Kitsch auch immer politisch, ideologisch, demagogisch, blendet Zwiebelschichten von Realität aus, versteckt, betont, verführt. Nicht umsonst wirkt die Propaganda totalitärer Staaten oft zu grell, zu bunt, zu kitschig.

Dies ist durchaus eine sinnvolle Funktion von Kitsch – Selektion. Anders als die von Jorge Luis Borges in «Of exactitude in science» zitierte Landkarte, die final so komplex ist, daß sie 1:1 so groß ist wie das von ihr abzubildende Empire, kann die mediale Abbildung einer Person niemals so umfangreich sein – egal wieviel tatsächlich geschrieben und photographiert wird – wie die tatsächliche Psyche und Biographie erlaubt. «Do I Contradict myself? Very well then I contradict myself, I am large, I contain multitudes» wußte schon Walt Whitman. Und Widersprüchlichkeiten passen nicht ins Klischee. Elvis, der fettleibige Redneck-Junkie und Kommunistenhasser paßt nicht zum hüftenschwingenden Elvis, der das konservative Amerika entsetzte.

Kitsch also macht Geschichte begreiflich, wenn er sich auch komplett als bunten Reigen lügenhafter Bilder und Klischees aneinanderreiht. Kitsch ist somit nicht zuletzt die reine Emotionalisierung, der Übergang ins Fiktionale, ins Religiöse. Aus gutem Grund ähneln Kitschgegenstände Ikonen-Bildern oder religiösen Items. Die von Lady Di nach wie vor zum Verkauf stehenden Tassen, Teller, Schneekugeln, Briefmarken und Eierbecher sind religiöser Natur, goldlastig und pseudo-edel aufgemacht. Die Ballhornisierung historischer oder prominenter Persönlichkeiten zu Quasi-Heiligen schafft so ein Pantheon moderner Legenden und Götzen, in die sich flugs Johannes Paul II einfügen wird, als wahrscheinlich der einzig wirklich Heiliggesprochene in diesem Zirkel. Kitsch, so ist das eben, macht Geschichte (an)faßbar, sammelbar, erlebbar. Ludwig II wird zum Musical. Mozart zum Film. Und unsere Kommunikationsindustrie ist mehr als froh, einen Mythos nach den anderen flachdrechseln zu dürfen, verdaubar zu machen, zu reduzieren auf ein paar Soundbytes und ein Poster-Photo.

Es sei dies nicht als Kritik verstanden, denn wir alle umgeben uns mit Kitsch. Ob wir Hummelfiguren sammeln oder uns in Filmdarsteller verlieben, der Wunsch nach Eskapismus aus der Komplexität ist allgegenwärtig. Wie oft hört man, daß jemand sich einen Schriftsteller, einen Schauspieler, einen Musiker ganz anders vorstellte und dann enttäuscht war, wie das Idol in Wirklichkeit war (vielleicht, weil es einen schlechten Tag hatte und ganz menschlich mies gelaunt war)? Von den Kitsch-Bildern, von der simulierten Phantasiewelt, können wir uns alle nicht wirklich freisprechen. Es wäre insofern falsch, auf die Hummelfiguren-Sammler hinabzuschauen und selbst zu glauben, daß MTV weniger kitschig und weniger Simulation sei. Speiseeis kann nach Erdbeere und nach Schokolade schmecken, bleibt aber doch schlicht und ergreifend Eis. Die rückwärtsgewandte Architektur des Adlon ist insofern ebenso Kitsch wie die nur scheinbar mutige Architektur eines Frank Gehry, die längst zu einer zitierbaren, berechenbaren und soliden Kitschform per se geworden ist, wie das MARTa in Herfords zeigt.

Versucht man, den Wunsch nach Kitsch zu verstehen, so zeigt sich also, daß er im Grunde einer Art seelischem Cocooning dient, Balsam gegen die Realität ist, eine Form von Verdrängung. Hierbei wird stufenweise die Abbildung von Realität ersetzt durch die Maskierung der Realität (bzw. die Verschleierung der Tatsache, daß es keine Realität mehr gibt, sondern nur noch die Maske bleibt), bis schließlich ein Zustand erreicht ist, in dem die Simulation nichts mehr mit der eigentlichen tatsächlichen Realität zu tun hat. Die pausbäckigen Kindlein auf Kinderschokolade- und Zwiebackpackungen sind keine Repräsentation echter Kinder, sondern Simulationen. Aber sind sie nicht niedlich? Die langbeinigen photogeshoppten Models der Vogue-Bildstrecken sind keine Repräsentation, sondern Simulation des Weiblichen. Aber sind sie nicht sexy?

In The Matrix macht einer der Rebellen, Cypher, einen Deal mit den Agenten der Maschinenwelt und verrät seine Mitstreiter, weil er es in der trostlosen «echten» Welt (von der wir erst am Ende des dritten Matrix-Teils lernen, daß auch diese Realität nur eine Simulation war), nicht mehr leben mag. Er will zurück in den Cocoon, den warmen Schoß, der Matrix. Wen schert’s, ob Fleisch echt oder Illusion ist, solange es echt schmeckt? Am ende der Matrix-Trilogie lernen wir dann entsprechend, daß es keine wirkliche Flucht aus der Kitsch-Welt der Matrix mehr gibt nicht geben kann. In Stanislaws Lems «Der futurologische Kongreß» lernt Ion Tichy, das die «Psyvilisation», die er im Jahre 2039 besucht, in Wirklichkeit komplett auf Halluzinogenen basiert, weil die Menschheit die triste Wirklichkeit nicht ertragen kann.

Keine Angst also vorm Kitsch, er ist allgegenwärtig. Ohne Kitsch keine Aufklärung, die sich verzweifelt an der Verkleisterung der Welt abarbeiten kann, ohne Kitsch nicht die wunderbare Wellenbewegung im Design, die stets fröhlich (und inzwischen postmodern fraktal überlagert) zwischen funktionaler Reduktion und ornamentaler Emotionalität pendelt und irrlichtert, in stets zielloser aber interessanter Kreisbewegung.

Keine Angst vor Wackelelvis und Lady-Di-Seifenspender. Keine Angst vor Mozart, dem Kindergenie und Frauenheld. Keine Angst vor Einsteins Zunge und van Goghs Ohr. Keine Angst vor Dalis Bart und Helmut Kohls Birnenkopf. Keine Angst vor Pamela Andersons Silikon. Das alles ist nicht die wirkliche Welt, sondern Teil unserer Reise AUS der Wirklichkeit hinaus, ins postreale. Kitsch, das ist was bleibt. Das, was formbar ist, vermarktbar ist, die konsumierbare Erinnerung an die Welt. Kitsch ist der Vorklang einer postrealen Welt, in der alles formbar, alles designbar ist und insofern dem Massengeschmack unterworfen ist.

Dieser Weg ins Simulacra-Nirvana, den muß man nicht mögen. Denn sicher klebt der Kitsch, macht blind, ist im Kern faschistoid, anti-aufklärerisch. Aber er ist unausweichlich. Je komplexer die Realität wird, um so größer der Bedarf, der Wunsch nach Kitsch. Ne waren Heimatfilme populärer als zum Ende des 2. Weltkrieges. Und in Zeiten von Hartz IV macht das Fernsehen die größte Quote mit Volksmusik.

Der Kitsch wird bleiben. Lernen wir also, ihn zu feiern.

14. Mai 2005 14:24 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

THEATER BIELEFELD PITCH

Achtung, dies wird eine ziemlich lange Bilderflut werden. Da wir aber keinen der drei in Bielefeld gezeigten Entwürfe so nehmen, wie ursprünglich im Wettbewerb vorgestellt, ist es vielleicht ganz interessant, die Sache einmal so zu zeigen, wie sie prototypisch aussah. Als Screenshots kommt das alles nicht ganz so gut und ohne die Erklärung auch nochmal etwas weniger lustig und es ist sowieso alles sehr hektisch entstanden (der Pitch hatte zwar drei Wochen Zeit, wir haben aber real nur fünf Tage Zeit gehabt, wirklich zu produzieren), aber ein Blog ist auch ein Tagebuch und da gehört auch sowas irgendwie rein.

(weiterlesen …)

2. Mai 2005 00:27 Uhr. Kategorie Arbeit. Keine Antwort.

APROPOS CARROLL

There was a feature on TV the other night about a man in lower Austria whose hobby is to scour junk shops and flea markets for old appliances– refrigerators, mixers, floor fans.. And painstakingly restore them to their former glory. That kind of small obsession has always delighted me when I see it in people. The fact someone works so hard and with so much love to make a toaster into a phoenix says we’re not all bad. Collectors, restorers, obsessives about the smallest things in life that most of us pay no attention to once they’ve outlived their usefulness. I love going to the flea market and seeing these people poring carefully over old movie magazines from the 1950′s. Or closely examining the workings of cheap Russian wristwatches. Sellers’ tables covered with only old huge steel locks, or smudged hand puppets in desperate need of everything, empty apothecary bottles. Look at the faces of the people holding those bottles, those puppets, those locks.

Hier

15. April 2005 19:42 Uhr. Kategorie Stuff. Keine Antwort.

RIP HUNTER

Hunter S. Thompson, grandioser Journalist und Autor von Fear & Loathing in Las Vegas, einer der härstesten Motherfucker auf dem Planeten, hat sich selbst in der Nacht zum Sonntag mit einem Kopfschuß das Leben genommen. Traurig und irgendwie trotzdem sehr à propos.

21. Februar 2005 10:30 Uhr. Kategorie Leben, Stuff. Keine Antwort.

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