ein freund von mir
durchstreift die stadt
wie ein hund die rennbahn
und sucht nach liebe
ich selbst renne ihm
belustigt hinterher
und streiche über meine augenbrauen
wie man das so tut
er küßt einer flurfrau
auf den staubigen mund
und hastet schon weiter
ich lächele mit den augenbrauen
nie mit dem mund
es gibt keinen grund hier zu grinsen
und sehe wie die flurfrau
unbekümmert seinen kuss
von ihren lippen wischt
wobei ich nun natürlich
meinen freund aus den augen
verloren habe
ein wenig traurig
krame ich nach ihm
in den taschen der stadt
wie nach einem gedanken
den ich einmal an besseren tagen
im schnee verlor
und nach dem frühling nicht wiederfand
den nachmittag
höre ich sein lachen
von einem spielplatz her
ich sehe ihn in den letzten
sonnenstrahlen des tages
als ich ihn endlich finde
wie er mit einem kind spielt
das lachend auf dem rücken liegt
wie eine verspielte schildkröte
für kurze momente sehen sie aus
wie vater und sohn
bis eine fette syphilis heranrennt
in ihrem flanellgrau erinnert sie mich
an meine alte schulmeisterin
mit ihrem säuerlichen duft
erhascht den sohn und trennt ihn
von dem vater der keiner ist
wie schulmeisterinnen das nun mal
so an sich haben
mit schreiender kehle
und fuchtelnden armen
vertreibt sie uns
als wären wir nur träge fliegen
auf dem leichnam ihres kindes
syphillis und ihr sohn entschwinden
und ihre schatten sind lang
und schwarz im abenddämmern
mein freund sitzt immer noch
im sandkasten
und blickt ihnen beiden lange nach
bis sie am horizont verdampfen
er schaufelt sand in seine hände
und läßt ihn durch die finger rinnen
er sieht mich an
»ich werde niemals liebe finden!«
und weil er mein freund ist
umarme ich ihn
so sitzen wir bis in den kühlen abend
er lauscht dem wind
den ich nie zuvor so kalt und hell
gehört habe
24. April 2006 14:06 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.