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HPIV

Dank Sandra habe ich das Glück, Potter-Fan der ersten Stunde zu sein. Die hat mir den ersten Band in Englisch in die Hand gedrückt und gezwungen, dieses «Jugendbuch» zu lesen. Trotz aller Mängel des ersten Bandes (und aller weiterer), besitzen die Bücher von JKR von den ersten Seiten Weg einen Charme und eine fast verlorene Schreibweise, die auf modernere Art Elemente von Jugendbüchern, die man selbst mochte (Monitor, Schloß Schreckenstein, Herr der Ringe) verbindet, dazu kleine befriedigende Spannungskurven innerhalb der jeweiligen Bücher, und dabei eine schriftstellerisch eher wenig berauschende, aber durchaus fesselnde Schreibe. Band II und III waren «more of the same», aber bei diesen Reihenpublikationen ist es ja irgendwie so, daß man sich freut, einmal im Jahr oder einmal alle zwei Jahre liebgewonnene Figuren wiederbesuchen zu dürfen um zu schauen, wie es so um sie steht. Beileibe nicht so gut und dabei noch selbstironisch wie Pratchetts Discworld und hier und da dreist zusammengeklaut (u.a. bei Neil Gaimans Books of Magic), war lange Zeit der Potter-Boom eine Sache, die einen selbst verwunderte. Ein Trend, der aus dem Nichts entsteht, wie ein Stau, der wie eine Grassroots-Bewegung so schnell und so global umfassend entstand, daß es selbst die internationalen Verlage , die auf solche Erfolge gar nicht vorbereitet sind, überrascht hatte. Man konnte nicht anders als mit dem Carlsen Verlag sympathisieren, der bei Potter III fast unterging an der Last des Erfolges, bei IV aber bereits bewies, daß ein guter Verlag solche Mittel und Möglichkeiten geschickt nutzen kann, um sich für neue Chancen zu öffnen.


Ich träume bis heute davon, daß Rowling die Rechte an der Potter-Welt bis Band VII für sich behalten hätte. Man stelle sich vor: Keine Filme, kein Merchandise. Nur die Bücher. Ich denke, sie und ihre Berater hatten Angst, daß der Hype keine weiteren vier Bände überleben würde, daß die Zeit reif für den Cash-In war, daß nicht zuletzt ein professionelleres Marketing von Warner den Boom sogar weiter anfachen würde. Aus meiner Sicht ist das Gegenteil eingetreten. Gekommen sind relativ enttäuschende B-Filme, die die Bücher eher auf britisches TV-Serien-Niveau herabziehen und zudem die Schwächen in den Plots von JKR, die sich zu stark an einer eher rigiden immergleichen Formel und der intrinsischen Logik von Telespielen orientiert, eher stärker bloßlegen als die Bücher, in denen der Charme des am Rande Passierenden (und insofern aus den Drehbüchern getilgten) von dieser erzählerischen Strukturschwäche eben bestens ablenkt. Merchandising und Filme haben das Interesse an den Büchern, wenn überhaupt, vielleicht sogar eher abklingen lassen. Die Kids spüren, wenn sich ein Geheimtip, eine intime, persönliche Sache, die nur rein zufällig Millionen anderer teilen (aber auch zuhause, unter der Bettdecke, mit dem Buch in der Hand), verwandelt in eine gigantische Geldmaschine, die unglaubwürdig und hohl wird und ganz offensichtlich der ökonomischen Maxime folgen muß. Jeder Fan haßt es insgeheim, wenn sein Fetisch zum Massenerfolg wird. Das Fiebern vor der Buchveröffentlichung war eine Sache… aber Filme, Butterbrotdosen, Kostüme, Radiergummis, ein ganzes offizielles globales Corporate-ID für die Figuren? Please. Ich glaube, eher wäre der Erfolg der Bücher ohne all dies sogar noch gestiegen. Band VII wäre ein Höhepunkt des stillen authentischen Hype geworden, ein kleines Marketing-Wunder ohne jede Profi-Trickserei, the last real thing. Stattdessen geht seit dem zweiten Film der Buchumsatz zurück… weil die Leute auf den Film warten, von dem sie ja wissen, daß er kommen wird. Weil das Buch gegenüber demFilm so viel mehr anstrengend wirkt. Keine zweidimensional vereinfachten Charaktere, keine aufs Minimum reduzierten Plots, keine Musik, keine Bilder. Das ist ja schon mehr Arbeit. Die Alleinstellung des Buches als einziges Potter-Medium ist nun ja dahin, mit Hörbüchern und Filmen. Zudem hätte Rowling die Zeit und den freien Kopf für die Bücher gehabt, ohne sich um die Verfilmungen kümmern zu müssen, die – wie man an den Parallelen zwischen dem Film Prisoner of Azkaban und dem Buch Half-Blood Prince merkt – sich durchaus im gedruckten Werk niederschlagen. Man merkt auch, wie einzelne Figuren im Buch der Charakterisierung im Film angeschmiegt werden, was schade ist, wie zudem die Handlung auf Filmniveau zugeschnitten wird (explosives Ende, CGI-machbare Special Effects, drehbuchkompatible Dialoge, lineare Handlung, dazu etwas – im Film weglaßbarer – Füllstoff). Alles in allem ist das schon schade. Und wenn ich gerade träume: Band IV war für mich ein Schlüsselmoment der Serie. Nach all dem Pussyfooting war hier ein spürbarer Sprung da, eine Ernsthaftigkeit, ein Volumen, fast greifbar die Realisation, daß man ein «Big Thing» geworden ist, der Wunsch, sich nun an Legenden wir Herr der Ringe messen zu können. Am Ende von Band IV erwartete ich, daß Rowling nun die ewiggleichen Plots Dursleys – Weasleys – Reise – Hogwarts – Quidditch – Voldemortsböserplanderwochewirdvereitelt – Dursleys aufgeben würde, um uns in den letzten drei Bändern einen Wagneresquen Krieg der Magier zu präsentieren, mit Potter als zentraler Figur. Den Mut zu haben, auf eine andere Ebene zu springen, nach literarischer Größe zu greifen

Denkste.

Order of the Phoenix kehrte nahtlos zurück zu der regulären Erzählstruktur von I-III, verbannte Potter und Konsorten an den Rand des eigentlichen Geschehens. In Band V wäre nichts anders, vielleicht wäe sogar weniger Tragisches passiert, wenn Harry, Ron und Hermione nicht in das Geschehen eingegriffen hätten. Die Kinder werden zu Störfaktoren. Potter wird zu einer Art «zentraler Randfigur», auf den zwar die Kamera voll gerichtet bleibt, der aber eher nur peripher in den eigentlichen Konflikt zwischen Gut und Böse eingebunden ist. Der Wissen nur löffelweise erhält. Band V fühlte sich an wie eine Art Füllstoff, auch wenn ich finde, daß er zusammen mit Band VI einen schönen Kontext bildet, da auch Band VI dem gleichen Schema folgt. Auch hier kämpft Potter auf einem Nebenschauplatz, vereitelt in Wirklichkeit nichts, ist bloßer Statist im großen Spiel, Stichwortgeber der eigentlichen Figuren, die wir aber nur nebulös erkennen können. Es ist fast interessant, einen großen Konflikt so heruntergebrochen zu erleben, der Ansatz erinnert an Shyamalans Signs von, wäre Potter nicht eben doch durch die Prophezeiung und seine enge Bindung an Voldemort die eigentlich zentrale Figur. Es ist, als würden Siegfried und Hagen den Ring zu 90% als Nebenfiguren in einem Keller bestreiten, während über ihnen unsichtbar für uns eine neue Welt entsteht.

Der neue Band folgt insofern dem üblichen Erzähl-Pattern von JKR. Der magische Krieg findet nur in Nebenschauplätzen und Andeutungen statt, von denen Harry und die Leser wenig mitkriegen. War Potter in Band I–III noch aktiver Fokus der Handlung, wird er nun – da die Handlung gewichtiger geworden ist, über Hogwarts hinausreicht – an den Rand geschoben und wir als Leser mit ihm. In vielerlei Hinsicht hat man das Gefühl, Band II noch einmal zu lesen, dessen Handlungslogik oft auf verschiedenen Ebenen gespiegelt wird, was die Autorin – via Hagrid – an einer Stelle sogar selbst (fast aufseufzend) kundtut. Und auch Band V spiegelt sich wider, noch einmal verliert Harry, diesmal mit Dumbledore, eine Vaterfigur – das präzise zweimal hintereinander zu lesen, wirkt vage redundant. Aus der Sicht der Saga als Ganzes scheint das alles etwas überflüssig. VI liest sich, wie V, als Füllsel. Der Stoff beider Bände zusammen hätte vielleicht ein solides Buch V ergeben, aber so irritiert es insgesamt etwas. Hätte die Saga 10 anstelle von sieben Bänden, so wäre das alles ja nachvollziehbar, aber nun den finalen Konflikt auf nur noch einen Band zu reduzieren, der zumindest laut JKR kürzer als OotP sein soll… aua. Man merkt VI den mangelnden Mut an, die bereits etablierte und erfolgreiche Form zu verlassen, fühlt sich wie in einer Moebiusschleife, wie in einer open-ended Sitcom-TV-Serie. Bis zu dem Moment von Dumbledores Tod passiert wenig wirklich relevantes in dem Buch, und auch dies meist eher in Form von Vignetten am Rande, von Andeutungen, die JKR geschickt schon seit dem II. Band fallen läßt. Als Buch an sich liest sich das durchaus schnurrig weg, weil alle gewohnten und schönen Parameter da sind, als Teil einer Saga wirkt es befremdlich, weil der dramatische Aufbau, den IV lieferte, nun seit zwei Büchern und insofern über 1500 Seiten brachliegt. Das frustriert.

Inwieweit Dumbledore tatsächlich tot ist, wird man sehen. Ich sehe Hinweise, die den finalen Ausstieg unterstreichen und dramatisch macht es durchaus Sinn – auch Batman braucht eben die Tragödie, um zum Held zu werden, wenn auch bei Potter der Tod der Eltern als Motivierung hätte reichen sollen. Es scheint fast so, als sollten der Tod von Black und Dumbledore den widerwilligen Harry nun dazu bringen, doch endlich den Hintern hochzukriegen und zu kämpfen, als wolle sich Rowling selbst dazu motivieren, nun doch endlich den finalen Kampf gegen den Big Baddie Voldemort anzugehen. Wie in einem Telespiel kommt man sich vor, wo Level um Level irgendwie ein Deja Vu hervorrufen, bis mal schließlich gegen den letzten großen Gegner antreten muß und gewinnen darf, erlöst ist. (Das permanent irgendetwas gesucht oder gesammelt werden muß, wie jetzt die verbleibenden Horcruxe, unterstreicht den Videogame-Charakter noch zusätzlich). Zugleich ist Harry ohne Dumbledore natürlich deutlich geschwächt, was den Konflikt deutlich spannender (um nicht zu sagen, nahezu unmöglich, bisher erschien Albus ja stets als der einzig wirklich hochkompetente Magier im Mikrokosmos der Potterwelt) machen könnte. Dumbledore à la Gandalf zurückzubringen wäre insofern ein naheliegender, wenn auch vielleicht gänzlich unnötiger Schachzug. Daß bereits ein Gemälde von ihm in seinem ehemaligen Büro hängt, wenn auch seltsamerweise mit einem schlafenden Albus Dumbledore, unterstreicht dies.

Und doch: Mich würde es enttäuschen. Die Beziehung zwischen Dumbledore und Harry ist nicht vollends rund gestaltet, fing gerade erst wirklich an, sich zu ener gegenseitigen Respektsbeziehung («I am with you») zu entwickeln. Auch Snape als reiner platter Bösewicht… wie undramatisch wäre das, wo doch selbst der stupideste aller Klischee-Widersacher, Draco Malfoy, in VI endlich so etwas wie eine menschliche Seite kriegt, und sei es auch nur, weil er versagt. Es wäre eine enttäuschende flache Wendung für den undurchdringlichen Snape, wenn er am Ende doch nur der Villain of the week wäre, so eindimensional wie sein Name; wenn die Botschaft wäre, daß sich Vertrauen nicht auszahlt, daß Rehabilitierung ausgeschlossen ist. Erzählerisch, von der Charakterentwicklung, hätte damit der dumpfe Hollywood-Bösewicht, das simple Böse ohne Erklärung, einfach gewonnen. Dumbledores letzte Worte zu Snape, Snapes Gesichtsausdruck bei seiner Attacke… na, da könnte doch mehr dahinterstecken. Die Leiche ist nicht wirklich zu sehen, fliegt ja sofort aus dem Raum, ein Austausch wäre da eentuell denkbar. Und JKR ist er durchaus zuzutrauen, ein solcher Bluff.

Denn schließlich steckt bereits VI voller Details, die dem casual reader eigentlich entgehen, sich nur durch Diskussionen auf Foren oder Annotations erschließen. Ist der Barbesitzer in Hogsmeade Dubledores Bruder? Hat Regulus das Horcrux an sich genommen? Ist Ginny nur eine Randfigur oder existentiell für Band VII? Und so weiter… auf der Mikroebene bietet Rowling den Lesern sowohl im einzelnen Band wie auch im Hinblick auf die gesamte Serie einen ganzen Strauß von Vignetten, Anekdoten, Auflösungen, Rätseln, Verbindungen, die zur Spekulation anregen und gerade durch den oft nur anskizzierten Charakter an Tiefe gewinnen, das «Potterverse» dreidimensionaler erscheinen lassen… und eben hier, an den Stellen, die in jedem Film aus Zeitgründen fallen müssen, entfaltet sich der Charme der Reihe, nicht im großen Gut-vs.-Böse-Kampf, nicht im Internatsroman-meets-Einsteigerfantasy-Plot, sondern in der luftigen Textur der Figuren, die gerade eben dicht genug sind, um das Buch zu tragen, aber stets ambivalent genug, um als Folie eigener Spekulationen zu dienen, die also vom Leser selbst mit Motivationen und Zielen aufgeladen werden können, im besten Sinne oft einen interaktiven Charakter haben. Ist nicht gerade die Tatsache, daß eine zentrale Figur wie Neville Longbottom in diesem Buch fast gar nicht auftritt, ein Anlaß, noch mehr über ihn zu spekulieren? JKR kann tadellos das Register ihrer vielen Figuren ziehen und Randfiguren wie die bisher ja oft eher kindisch-nervige Ginny ins Zentrum ziehen (etwa ab Band V) und andere Figuren, wie Cho oder sogar Hagrid, die ihren Dienst evtl. getan haben, wieder abtauchen lassen, aber dabei selbst peripher weiter in die reiche Textur des Hogwarts-Kanon einbetten. Es ist die Stärke dieses Buches, das wir neugierig auf seine Figuren sind und bei aller Kritik (und aller Träumerei, daß ab IV ein ganz anderer Wind hätte wehen müssen) doch mitfühlen, mithoffen, mitleiden. Weniger mit Harry selbst, als vielmehr mit Ron, Hagrid, Hermione, Mrs. Weasley und all den kleinen, mit wenigen Strichen skizzierten Figuren. Hier werden gegenüber dem Buch Film und Merchandise, die nach klareren Figuren verlangen, immer scheitern. Rowling hat mit Potter einen Kosmos geschaffen, der wie geschaffen ist für Fan Fiction, der Ansatzpunkte bietet für Prequels rund um Tom Riddle und den jungen Snape, um Harrys Eltern bis hin zu deren Tode, der Platz bietet – wie andere Franchises à la Matrix und StarWars – für Comics und Serien, die diesen Kosmos weiter erforschen, was Warner sich wohl (leider) auch kaum wird entgehen lassen wollen, money makes the world go round. Es bleibt also abzuwarten, ob Rowling nach Band VII wirklich Schluß macht, oder ob sie nur mit Harry Potter selbst Schluß machen wird, um dann von anderer Perspektive aus über die Welt ihres seltsamen Magical Kingdom weiterzuschreiben.

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24. Juli 2005 16:23 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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