
Howard Hughes ist einer dieser gigantischen amerikanischen Mythen, die heute fast in Vergessenheit geraten sind. Ins Gedächtnis gerufen wurde er mir vor allem durch seine Nebenrolle in James Ellroys großartigem American Tabloid, aber sicher nicht zuletzt auch durch den Film Aviator, der durch genau dieses Buch inspiriert ist, das Hauptdarsteller Leonardo diCaprio wohl gelesen hatte. Brown und Broeske entfalten eine Lebensgeschichte, die sich von Anfang bis Ende wie ein Thriller liest: Die Story des überverhätschelten Jungen, der sich zum Filmmogul, Flugpionier, Geschäftsmann, Militärindustriellen und Liebhaber nahezu jedes Stars in Hollywood aufschwingt und dessen Ende als Gefangener seiner eigenen Zwangsneurosen und seiner mormonischen Berater-Mafia umso tragischer wirkt. Das Buch melkt natürlich die alte Genie-und-Wahnsinn-Geschichte, tut dies aber auf eine hochspannende Art. Man hat oft das Gefühl, man liest vier Biographien gleichzeitig, weil Hughes einfach so hyperaktiv war, so monomanisch. Der Pilot, der mit 14 seinen ersten Flug macht, 1935 beginnt, erste Rekorde aufzustellen, eigene Flugzeuge (mit)entwickelt, 1938 in unter vier Tagen die Welt umrundet, 1946 bei einem Absturz seiner revolutionären XF-11 in Beverly Hills fast ums Leben kommt und mit schweren Brandverletzungen davonkommt, um den Flug nur zwei Jahre später erfolgreich zu wiederholen, Chef von TWA wird und diese Airline zum ernsthaften Konkurrenten für PanAm aufbaut. Der Erfinder, der Waffen und radikal neue Flugzeug- und Helicopterkonzepte erfindet, Satellitenprototypen mitentwickelt und Air-to-Air-Missiles entwickelt. Der Filmemacher, der bereits 1930 mit dem absurd teuren und in Sachen Flugzeugcinematographie unübertroffenen Hells Angels in die Filmgeschichte einging, der hinter Scarface, The Outlaw, Stromboli, Angel Face und zahllosen anderen Produktionen stand. Der Womanizer und seine endlosen Affairen mit Stars wie Joan Crawford, Bette Davis, Ava Gardner, Jane Greer, Jean Harlow, Rita Hayworth, Katherine Hepburn, Janet Leigh, Ginger Rogers, Jane Russel und Lana Turner, der sich zugleich einen regelrechten Harem an namenlosen Starlets hielt, die er mit Knebelverträgen an seine Produktionsfirma RKO band, in gemieteten Wohnungen wie Gefangene hielt und eher wie Sammelstücke behandelte, die er haben mußte, dann aber vergaß… und der beispielsweise versuchte, Sylvester gleichzeitig mit drei seiner Ladies zu verbringen, ohne daß die Frauen voneinander wußten. Schließlich die tragische Figur, von Zwangsneurosen und Krankheiten geschüttelt, der am Ende seines Lebens unter Überdosen von Drogen hinter geschwärzten Fenstern dahinvegetierte, nackt, ungepflegt, verdrogt, die Fingernägel so lang, daß sie sich einrollten, Opfer jener Mormonen, die ihn eigentlich pflegen sollten und die sich nach und nach durch Intrigen und clevere Strategien sein Imperium aneigneten, Hughes überhaupt nur noch vom Valium und Codein nahmen, um ihn der Presse vorzuführen oder ihn Verträge unterzeichnen zu lassen, bevor sie ihn am Ende en route zu einem Hospital einfach sterben ließen. Ein Finale wie von Shakespeare erdacht, ein intriganter Königshof um einen genialischen, aber dem Wahn verfallenen Caesaren. Sein descent into madness ist beängstigend geschildert und steigert sich von seltsamen Verhaltensauffälligkeiten zu seitenlangen manischen Anweisungen zum ausgeprägten Wahn – Hughes verbrennt regelmäßig seine Kleidung, vermeidet Körperkontakt jeder Art, ernährt sich fast ausschlielich von Hershey Schokoladenriegeln und faßt wirklich alles nur noch mit Kleenex-Tüchern an. Er verfaßt seitenlange manische Anweisungen, wie seine Kleenextücher-Schachteln zu positionieren sind, wie «Nahrung» zuzubereiten ist; er bauftragt ein Heer von Detektiven, die seine Gespielinnen ausspionieren. Am Ende starb Hughes geschrumpft, dehydriert, übersäht mit Injektionsspuren, von Fehlernährung angeschwollenem Bauch, mit nur noch 45 Kilo völlig unterernährt, mit Syphillis dritten Grades und stark degenerierten Hirnzellen, im April 1976, nachdem seine Berater ihn drei Tage lang bewußtlos in Acapulco, Mexiko hielten, auf dem Flug in ein Hospital in Houston, wo seine Lebensreise auch begann.
Zu sagen, daß Hughes Leben ein Krimi gewesen ist, wäre eine Untertreibung. The Untold Story deutet auch Verstrickungen mit der US-Regierung (darunter eine grandiose Farce in Zusammenhang mit der Watergate-Affäre, durch die Hughes eher unfreiwillig Nixon zu Fall brachte, den er eigentlich sehr bewunderte), mit Geheimdiensten und deren Ex-Mitarbeitern an, die jeden Verschwörungstheoretiker glücklich machen dürften. Am Ende legt man das Buch kaum aus der Hand, so spannend und so tragisch endet die Story. Es ist kein Wunder, daß Stan Lee seinen Iron Man (Anthony Stark) an Howard Hughes Skandalen und Genie orientierte (noch bevor Hughes endgültig aus der Öffentlichkeit verschwand), oder daß eben James Ellroy die Intrigen um den späten Hughes als Backdrop für seine düsteren Moralgeschichten aus den USA der 60er nutzt. The Untold Story ist ein hochspannendes Buch, und Peter Harry Brown und Pat H. Broeske geben sich alle Mühe, die Solidität ihrer Recherchen zu belegen, was auch nötig ist, weil vieles einfach zu unglaublich klingt. Oft hat man das Gefühl, die Autoren deuten aus Angst vor Prozessen einiges nur vorsichtig an oder kontern sogar nach ihren fast 600 Gesprächen mit Vertrauten und Zeitgenossen von Hughes bewußt einige Gerüchte – wie etwa die homosexuelle Beziehung zwischen Cary Grant und Hughes –, aber das bestärkt nur das Gefühl, daß Hughes eben wirklich eine amerikanische Legende geworden ist, größer als der tatsächlich dahinterstehende Mensch, den man nun einmal nie ganz wird durchdringen können. Und genau so hätte er es auch gewollt – Hughes hat schließlich bereits zu Lebzeiten versucht, seine sämtlichen Unterlagen zu vernichten, um wie Greta Garbo zum Mythos zu werden. Und das ist ihm gelungen. Howard Hughes bleibt ein faszinierendes Paradox.
7. Juli 2006 14:41 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.
[...] dort geprägt. Er verkörpert die Vorstellung eines brillanten Waffenschmiedes in der Gußform von Howard Hughes, ein brillanter und von den Frauen umschwärmter Erfinder im Dienste der USA, der schließlich [...]