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HOW TO BURN COMPLETELY

I got some bad news for you, sunshine... Es reicht meist ein Blick in die Branchenmagazine, um zu wissen, ob es einer Branche gut oder schlecht geht. Schau in die Page und du weißt, dass es dem Grafik-Design derzeit gar nicht gut geht. Neben dem spärlichen Stellenmarkt findet man da vor allem eine Anleitung, wie man ideal als Freelancer oder kleine Design-Agentur um Kunden buhlt, mit welchen Tricks man gegen die großen Agenturen eventuell noch überleben kann, dass man Netzwerke braucht, keine Freundschaften, dass alles Ökonomie ist. 

Trübe Aussichten, wenn man Design studiert, oder? Nach einem Studium von dem nach der BA/MA-Trennung selbst die meisten Dozenten kaum noch ernsthaft behaupten, dass es qualitativ prima sei, geht es nahtlos in ein un- oder unterbezahltes Praktikum und dann raus in eine Arbeitswelt, in der einerseits immer mehr von deiner Art unterwegs sind – und oft auch noch alle gleich denken,alle gleich aussehen, alle gleich gut sind – zum anderen die Kunden immer mehr selbst können, oder die Druckereien gleich Design mit anbieten oder jeder dritte Hartz-IV-Umschüler auf einmal Web-Designer wird. Design, das weißt du selbst, ist längst nicht mehr so schmusig wie zu Otl Aichers oder Willy Fleckhaus Zeiten, wo auf einen guten Gestalter ungezählte Anfragen kamen und jemand wie Aicher allen Ernstes eine ganze Olympiade betreuen durfte. Das macht heute ein Global Player wie Wolf Olins mit 180 Angestellten in London und New York. Heute ist die Situation eher umgekehrt. An manchen FHs kommen 100 Bewerber auf einen Studienplatz – und das nimmt eigentlich ganz schön die Relation von Designern zu Kunden vorweg, die Designer umfliegen potentielle Auftraggeber wie Motten das Licht. Das verbiegt, das drückt Preise, das macht aus dem ehemaligen Spielplatz Design zunehmend ein hartes, durch und  durch professionalisiertes Business.

Beschissene Aussicht, oder? Das darfst du durchaus als Chance begreifen. Zum einen natürlich, indem du dich weniger um Kerning und Trapping kümmerst und mehr um dein XING-Netzwerk, die richtigen Leute kennen lernst, die Kunst der Self-Promotion meisterst. Wen du kennst wird wichtiger als was du kannst. Dieses Spiel kann man durchaus mit Freude betreiben und die Selbstvermarktung sollte deshalb eigentlich längst auf jeden Lehrplan gehören. Klar, es gibt die Sorte still im Kämmerlein werkelnder Introvertierter, aber deren Zeit läuft ab. Die Designbranche bricht aus ihrem Kokon und muss lernen, mit der Welt zu kommunizieren. Also raus aus dem Sandkasten und mit den anderen Kindern zusammen spielen.

Auf der anderen Seite sollte die Tatsache, dass du als Designer inzwischen da angekommen bist, wo die Geisteswissenschaftler und Künstler seit Dekaden sind – dem Studium in die  potentielle Arbeitslosigkeit – doch auch ungemein befreiend sein. Während in anderen Fächern wie BWL stramm durchgezogen wird und es vom ersten Semestern an quasi-neurotisch nur um die Karrierechancen geht, nicht um den Spaß am Studium, nicht um Selbstverwirklichung, ist Gestaltung im weitesten Sinne jetzt zunehmend auch die Sorte Studium, in der DU im Mittelpunkt stehst, nicht dein späterer Arbeitgeber. Dein persönliches Glück und Wollen, nicht das Geld – als Designer, so leid mir das tut, verdient man eh nicht allzuviel Geld. Wer Sicherheit und Verdienst will, sollte lieber über eine Beamtenkarriere nachdenken. Noch dazu ist der Design-Job unbequem. Irgendeiner weiß es immer besser, irgendeiner beurteilt dich immer – dein Prof, die Kollegen im Team, irgendeine Jury, die Frau des Kunden, die da auch noch eine Idee hatte. Keiner redet einem Elektriker ins Handwerk, als Designer ist das Alltag. Die Kunden zwingen dich zu kruden Kompromissen, die Peers zerfleischen dich dafür. Es gibt gemütlichere Jobs, wirklich. Landschaftsgärtner zum Beispiel. Sonne, frische Luft und wirklich selten Klienten, die meinen, sie kennen sich besser mit Schattenrasen aus als du. 

Die Frage ist also: Warum studierst du eigentlich ausgerechnet Design? Wie viel bedeutet dir die Sache? Würdest du es studieren, wenn es Geld kostet? Würdest du auch Design studieren, wenn du todsicher im späteren Leben als Taxifahrer dein Geld verdienen müsstest? Die Chancen, keinen oder einen zweitklassigen Job zu kriegen, steigen jedes Jahr. Wer will sich durch ein Studium quälen, das zu diesem Ziel führt.  Das Studium sollte für dich also einen intrinsischen Wert haben, unmittelbar glücklich machen. Du studierst nicht für deine Eltern oder deine Kinder, sondern für dich selbst. Nicht für morgen, für jetzt.

Die Frage ist also: Was bringt dir das, was du machst. Genau jetzt? Fühlt es sich gut an? Ist es wie Schule, nur mehr von dem immer gleichen Zeug, oder fühlt es sich an, als würde jemand deinen Kopf in Brand stecken? Kriegst du den Kopf verdreht, den Horizont erweitert, wie sich das gehört? Lernst du das Leben kennen? Entwickelst du dich? Du solltest nicht weniger von deinem Studium erwarten als dass es dich komplett verändert, mit Feuerzeugbenzin übergießt und anzündet, dich in Verzweiflung und Euphorie stürzt, die ganze Achterbahn. Wenn das nicht ist, wenn du dich durchbeißen musst, steig  an der nächsten Ecke aus, in einen anderen Bus. Als Designer verkaufst du später nicht, dass du in Photoshop pixeln kannst oder in Illustrator Pfade baust – du verkaufst deine Euphorie. Deine Energie, deinen Glauben, deine Leidenschaft. Du bist wie ein Musiker, wie ein Autor, wie ein Künstler – dein Erfolg liegt in dir selbst, in dem, was du zu geben hast. Niemand fängt an, Gitarre in einer Band zu spielen, weil er an die Rente denkt, oder?

Damit ändert sich, was du von deinen Dozenten, deiner Schule willst. Und vor allem ändert sich damit, was du von dir selbst verlangen solltest. Mach keine halben Sachen, mach keine «Hausaufgaben». Vergiss Scheine, vergiss Noten und mach dich auf die Suche nach den Sachen, die dich in Brand stecken. Vergiss die Trennung von Studium und dem «eigentlichen» Leben. Glaubst du, Jimi Hendrix oder Duchamp haben von 9–5 gearbeitet und dann vorm Fernseher gehangen? Sein und Machen ist eins. Das Studium ist nur Teil deines Weges und du solltest so viel daraus ziehen, wie du nur kannst. So, als würdest du in einem Freizeitpark mit voller Wucht jede Achterbahn antesten, jede Wildwasserbahn mitnehmen. Mach Dozenten zu Mentoren und werde vom Student zum Agenten, zum Abenteurer. Entdecke Design als Ausdrucksform, als Selbstverwirklichung… nicht als Job. In Wirklichkeit geht es in Design nicht darum, irgendwann mal Werbung für Zigaretten oder Burgerketten zu machen, sondern darum, dich selbst mitzuteilen, wenn du etwas zu sagen hast – und im Studium kannst du entdecken, OB du etwas zu sagen hast. Und wie du es am besten phrasierst. Design ist mehr als Werbung und mehr als Styling, mehr als Verpackung – Design ist Songwriting, Revolution, Science Fiction.

Das Studium wird damit zum Abenteuerspielplatz, auf dem du herausfindest, ob du zur Selbstentzündung in der Lage bist. Deine Dozenten sollen dich begeistern, aber noch mehr solltest du SIE anstecken, mitreißen, umwerfen. Wenn du nur Aufgaben gut machst, von denen du «begeistert» wirst, stehen dir triste Berufsjahre voraus. Der Trick ist in Wirklichkeit, so lange in die Tristesse der Wirklichkeit zu boxen, bis sie großartig wird. Nicht die Aufgabe, eine Lampe zu designen, muss den Designer begeistern, der Designer muss mit Begeisterung eine Lampe machen. Und die kommt von innen, die kommt aus dir selbst. You gotta kick the darkness till it bleeds daylight. Dich selbst zu begeistern und diese Faszination weiterzugeben wie eine Fackel, das ist dein Job – ein Leben lang. Menschen ergreifen, berühren begeistern, wütend, traurig, lustig machen.

Und es könnte nichts besseres geben, trust me.

veröffentlicht in der Botenstoff 02

18. November 2008 16:49 Uhr. Kategorie Design. 10 Antworten.

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