
Für einen Moment hatten wir Angst, dass das Cover der aktuellen Brand Eins verdammt gefährlich nah an der Idee zum nächsten Philharmoniker-Saisonheft ist. Wobei das Cover an sich auf etwas basiert, was ich in grauer Vorzeit im Blog vorgestellt habe – das wunderbare niederländische Photoprojekt Exactitudes. In Wirklichkeit, finde ich, ist es aber völlig anders. Abgesehen davon, dass Ari Versluis eigentlich Gleichförmigkeit in der Illusion von Individualität bloßstellt und wir das genaue Gegenteil planen – Vielfalt zeigen – ist es eher ein Riff auf den wunderbaren Duane Hanson, der (dank sei Thomas Oberender, der mich mit seiner Hanson-Faszination angesteckt hat und dieser im ersten Züricher Schauspielhaus-Saisonheft dann auch gefolgt ist und der dafür ein dickes Danke im Impressum haben wird) schon mehrfach in unserer Arbeit auftauchte. Im Grunde wollen wir das, was Thomas in Zürich gemacht hat auf eine ästhetische Ebene bringen, näher bringen, wärmer drehen und dabei zugleich Hanson umdrehen – anstatt aus Menschen Skulpturen zu machen, die in ihrer fast satirischen Überzeichnung des Echten zur Persiflage der Human Comedy geraten, wollen wir ein Jahr lang die Menschen an sich zu Kunstwerken erklären, so wie sie sind. Keine Frage sind auch Blogs wie The Satorialist eine Inspiration – der beweist, wie grandios Leute von der Straße aussehen kann (und in diesem Fall wirklich wie gut angezogen auch die everyday people in Metropolen sind) So bandbreitig, wunderbar, peinlich, lustig, tragisch, wie es nur eben geht. Die wirkliche Inspiration zu der Idee ist aber viel einfacher – als wir im letzten Jahr die Astronauten-Photos machten, wurden wir vor allem im Bahnhof von ganz großartigen türkischen Kids belagert, die unbedingt photographiert werden wollten, bei fast 2 Minuten Belichtungszeit aber nur als Lichtstreifen verewigt wurde. Aber die Sache ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Jeder will heute auf die Bühne, jeder will ein Star sein, ein Kunstwerk. Das alte Warhol-Ding. Diesmal also kriegen die Kids ihre Chance. Und die Omis. Und die Straßenfeger. Und die Businessmen. Dass es dabei ausgerechnet Bielefeld sein wird, eine Stadt die eben nicht so hip und ergo zwangsläufig etwas eitel ist wie Zürich, Berlin, Paris oder New York – genau das dürfte den Reiz der Sache ausmachen. Das Ganze ist einschönes Experiment und wir sind sehr gespannt, ob die Leute mitmachen – und wer uns vor die Kamera treten wird.
Eine der tollen Sachen dabei ist, dass wir – wie in den beiden Vorjahren – eine eigene Bildästhetik fahren. Das ist immer riskant, es ist SO viel einfacher, fertige Bilder aus dem Portfolio eines Photographen zu nehmen als passende eigene Bilder in kürzester Zeit zu erzeugen – aber es macht auch ungeheuren Spaß. Wir haben die Portfolio-Sache vor einigen Jahren ja mit den Sannah-Kvist-Bildern auch gemacht, quasi das Heft als Galerie dieser großartigen Photographin genutzt, aber maßgeschneidert auf die Stadt des Klienten eingehen zu können und selbst en Kick zu haben, eine theoretische Idee mit allen Problemen und Widrigkeiten visuell umzusetzen, ist doch unbezahlbar…
27. März 2009 21:13 Uhr. Kategorie Arbeit, Leben. Tag nodesign, Photographie. Keine Antwort.