
Ich muß zugeben, daß Max Frischs Homo Faber nicht zu meinen Lieblingsbüchern zählt. Frisch zwingt eine unglaubwürdige, auf die pure Cipher reduzierte Figur durch den Plot einer griechischen Tragödie, bei der man permanent die Hände des Autoren in der Handlung sieht, weil sich Unwahrscheinlichkeit auf Unwahrscheinlichkeit türmt, was Faber zwar ironisch kommentiert, was aber nie wirklich zu einem glaubhaften, sich selbst entwickelnden ehrlichen Plot gerinnt. Mag sein, daß Frischs latent frauenfeindlicher globaler Selbstfindungs-Road-Movie zur Zeit seiner Entstehung wichtig war, und rein handwerklich ist er schon sauber, aber das Buch per se hat mich nie berührt. Frisch erzählt eine in einer Art intellektueller Fingerübung eine eher verschwurbelte Moralfabel, keine echte Geschichte. Carver packt mehr Emotionalität in vier Zeilen Text. Mich hat Faber stets gelangweilt. Ebenso Schlöndorffs Film mit Sam Sheppard, der bleiern versucht einen Plot zu entwickeln wo niemals einer war.
Kriegt man aus diesem Stoff also ein Theaterstück? Die Gefahr ist groß, die Geschichte nachzuerzählen und grau und monochrom zu sein wie das Buch, drucklos wie der Film. Ich hätte es mir als Fosse-esques Minimaldrama vorstellen können, klar, technoid, ambient… aber Christian Schlüter und Claudia Lowin gehen genau den umgekehrten Weg. Sie nutzen die offenen Struktur des Bielefelder Theaterlabors, um eine Art Gangway ins Publikum zu bauen, die Bühne als abstraktes Amphiteater gedacht, in dem sich Fabers Leben abspielt. Das Bühnenbild von Anke Groth skizziert die Orte der Handlung mit minimalen, fast verspielten Handgriffen, die im sandkastenbeigen Bühnendekor eher die Phantasie anregen als wirklichen Backdrop zu liefern, den Rest erledigen rasante Kostümwechsel und die Schauspieler. Und die sind traumhaft gecastet. Stefan Imholz gibt Faber im Clark-Kent-Look als nervösen, getriebenen Verneiner, Leistungsmensch, mit der Intensität eines Psychopathen, während sein Alter Ego Stefan Gohlke lässig wie ein Playboy («Move on, Baby»), mit der Nonchalance eines Harald Schmidt über die Bühne tänzelt, die rechte Hirnhälfte zu Imholz’ rationalem Irrsinn. Beide teilen sich den immensen Text des Stückes auf, zerlegt, rekonstruiert, trotz des immensen Wustes nie monologisierend. Ines Buchmann als Hannah ist die perfekte Besetzung für den spröden intellektuellen Sexappeal der älteren Frau, Gastdarstellerin Katharina Uhland begeistert als Sabeth wunderbar naiv-verspielt-lkebensfroh das Publikum und ich glaube, Christina Huckle (die mir schon bei Kalka als Extrem-Darstellerin aufgefallen ist) ist so überzeugend, daß sich am Ende ein paar Leute im Publikum wahrscheinlich seriös fragen werden, ob die Frau nicht doch Amerikanerin ist, zumal eine simple Monroe-Mietzi-Perücke sie fast bis zur unkenntlich verkleidet. Die drei Frauen klauen den Fabers die Worte, die Show, ob als griechischer Chor der Stewardessen oder in den Hauptrollen der drei Frauen in Fabers Leben, kontern mit Sexyness und Witz Walter Fabers morose Nabelschau, drei völlig unterschiedliche permanente Verführungen in der sterilen Intellektualität des modernen Menschen Faber.
Steril und technoid ist die Vorführung – absurd passend – überhaupt nicht. Mit musicalartigem Tempo und boulevardeskem Witz mutieren Lowin und Schlüter den drögen Schulstoff zu einer schnellen und humorvollen Farce. Claudia war etwas beleidigt, als ich ihr sagte, das Stück dürfte bei den Abiklassen, die sich hoffentlich en masse in das Theaterlabor drängeln werden, gut ankommen. Aber ich glaube tatsächlich, daß es ein Lichtblick für die Schüler ist, zu sehen, was man aus dem Stoff herauszaubern kann, wie smart und sexy und lässig Frisch gemacht werden kann. Ähnlich wie bereits in der Bielefelder Elektra-Version, die aus dem staubiggriechischem Killer-Brüderpaar eine Art vorzeitlicher Matrix-Terroristen macht, gelingt bei Homo Faber ein solider Refresh alten Materials, der für die ja nicht allzu theateraffine Zielgruppe 16-20 ein Augenöffner sein dürfte.
Aber bei alle dem, bei all dem Boulevard und Humor, dem Speed und der greifbaren Lust am Improv, wird das Stück niemals flach oder dumm. Das Großartige am Theater ist ja der Prozeß der Aufladung. Jeder der Beteiligen am Stück, Dramaturgie, Bühnenbild, Regie, Darsteller, Licht und Ton, selbst wir Designer, bringt ja seine eigene Kreativität in die Sache ein, seine eigenen Ideen – und so wird ein Theaterstück meist mehr als ein Film, wo eine klare single vision vorherrscht, wie eine SHort Story aufgeladen mit Ideen, winzigen Details die jeder der Beteiligten in seinem Bereich erkämpft, einschmuggelt, erfindet. Everything counts. Die wahre Natur des Theaters, der wahre Reichtum, ist diese immense Aufladung an hermeneutischen Partikeln, an Ideenfragmenten, die wie Knochensplitter durch ein gutes Stück flirren.
Und genau solche Fragmente laden auch dieses Stück auf, wie etwa Anke Groth Leuchtschild mit «La Vida» auf der Bühne, wie die seltsame Selbst-Vorstellung von Sabeth, die Ping-Pong-Bälle, die vielen feinen Timeslices und Loops in den Texten und der Performance, die Dekonstruktion der Textlogik auf der Bühne, die kleinen Pausen und improvisiert wirkenden Einlagen, die das Stück zugleich unterminieren und bereichern, ad hoc neue Erzählformen schaffen. Und last not least natürlich gute Dramaturgie gemischt mit superben Darstellern, die es schaffen, den schnellen Humor auf der Bühne als Fallhöhe für Dramatik zu nutzen, rasant – wie etwa nach dem Tod von Sabeth – ins Gegenteil zu fallen, Zeit nicht zu be- sondern zu entschleunigen, gefroren-wortlose Posen für sich sprechen zu lassen, Trauer und Schock faßbar machen… um sofort wieder umzuswitchen – life is just a cabaret – und weiterzumachen. Diese Balance ist es, die das Stück in jeder Sekunde vor dem Kippen ins Oberflächliche rettet, bei allem Spaß am Spiel immer ein Türauftürzu-Theater vermeidet. Am überzeugensten gelingt dies, wenn am Ende des Stückes der Kreis geschlossen wird, das Licht langsam erlischt und Fabers letzte Worte von Band kommen, düster, einsam, berührend.
So schaffen Schlüter und Lowin hier, was oft nur in getrennten Stücken gelingt: Sie unterhalten hervorragend und berühren/stimulieren zugleich auf hohem Niveau. Bei vielen Stadttheater gibt es einen Riß zwischen den eher anspruchsvollen mutigen Stücken und dem Entertainment fürs zahlende Publikum – in Bochum empfand ich das oft so, hier gab es Stück bar jeden Tiefgangs und andererseits immer wieder Aufführungen, die noch stundenlang in dir nachhallten. Der Bielefelder Homo Faber ist so aufgeladen, so hyperelektrisiert mit den verschiedensten Spannungsmomenten, daß er beides zugleich liefert. Er ist verführerisch, klug, witzig, schnell, und immer wieder schlägt er dir mit einer dunklen emotionalen Ernsthaftigkeit in den Magen, die überraschend und daher wirksam bleibt.
Also: ansehen, solange es noch geht.
Photo von Philipp Ottendörfer.
12. März 2006 12:58 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.