
Ohne das «DJ» kommt Helmut Josef Geier hier (mal wieder) daher und legt ein dichtes, seltsam zeitloses und unverortbares Konzeptalbum vor, das zwischen Techno, House, Retroelektro und anderen Stilelementen sehr elegant pendelt und dem Geierschen Selbstanspruch auf Größenwahn absolut gerecht wird. Mit dem großen Gigolo-Vorbild Bryan Ferry startet das Album relaxt in einen amorphen fast 10-minütigen Opener, dessen clubbige Entspanntheit sofort durch das strengen Kraftwerk/Techno-Gerüst von Electronic Germany gebrochen wird, sofort gefolgt von der basslastigen Housenummer «The DJ», in der – schon wieder ein in die Jahre gekommener Lebemann – P.Diddy den Text liefert. Hell macht einen parforce-Trip durch die Nachtszene und es fast ein Wunder, dass er sich in der Vielfalt der Stile nicht öfter im Ton vergreift, sondern stets zurückhaltend genug bleibt, um in seinen skizzenhaften ausgedehnten Fragmenten glaubhaft zu bleiben. Flirrende Sequenzer, analoge Sounds, Laptronica, Heaven-17-Anklänge, Art-of-Noise-Sampling-Spielerei, stampfende 4/4-Beats, alte Drummachines, fette Bässe… es gibt wenig an dieser Platte auszusetzen, auch wenn Hell der Todesritt zwischen Tag und Nacht und zwischen den verschiedenen Dancefloor-Stilen nicht immer 100%ig gelingt. Die Nachtseite ist eher pulsierend, metallisch und hart, die Tagseite eher chilly und optimistischer, abgeklärter… bis zu einem gewissen Grade liefert Hell hier Tanzmusik für die Angekommenen, die Etablierten, den Groove zum Familienvan, aber das ist in seiner eigenen Biographie ja durchaus auch okay und Can-inspirierte-Einwürfe wie das einminütige Carte Blanche zeigen, dass Hell durchaus auch experimentell bleiben kann, weiter denkt als bis zur nächsten Party, und die Platte insgesamt auch ihre anstrengenden und herausfordernden Momente hat. In den durchweg langen, ausgedehnten Nummern gelingt es Hell, einen fast unvereinbaren Stilmix zusammenzubringen und durch verbindende Sounds und Instrumentierungen eben doch stimmig zu amalgamieren, so dass zusammen eine Art John-Carpenter-Patchwork-Soundtrack entsteht, der bis zum letzten White-Noise-Rauschen von Silver Machine ein hörenswertes Gesamterlebnis ergibt. Wo andere in die Jahre gekommene DJs in der Glut der langen Partynächte zu Asche zerfallen, erweist sich Hell als Phoenix, der sich mit diesem Konzeptalbum zu einer Art David Bowie der Technogeneration stilisieren darf.
8. Dezember 2009 11:17 Uhr. Kategorie Leben. Tag Electronic. 3 Antworten.
und trotzdem ist es unter “D” sortiert ;-)
beim amazon stöbern ist mir allerdings mal aufgefallen, das miss kittin and the hacker ein 2. album gemacht haben. wusste ich noch gar nicht. oh man.. in letzter zeit geht echt alles an mir irgendwie vorbei
Aufmerksame Betrachter des 94er Videos ‘Hyper Hyper’ der brachialbontempi Truppe Scooter werden hingegen erkennen das der Hell eigentlich schon immer Hell hiess, in späteren Karriereabschnitten aber, zugegeben, inkongruent bis liederlich mit dem präfixoiden DJ war.
Ich meine bei Daft Punk – Teacher wäre es noch DJ Hell gewesen. Hab aber ganz zufällig nicht den kompletten Text im Kopf.
“brachialbontempi Truppe” ist übrigens ne SEEEEHR schöne Bezeichnung und vor allem absolut zutreffend!