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Helene Grimaud: Bach

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Das hier wird nicht leicht – normalerweise lasse ich die Finger davon, öffentlich aufzuschreiben, was ich zu meinen Jazz- und Klassik-Sachen denke. Pop ist so viel einfacher, weil ich da auf einen Hintergrund zurückgreifen kann, Verbindungen verstehe, Fäden sehe. Klassische Musik, und eigentlich auch Jazz, sind fremde Orte für mich, unerlernte Orte, die ich zwar seit Jahren besuche, wo ich mich aber immer wieder verlaufe und kaum auskenne. Ich höre alle Musik wie Pop – also intuitiv. Und das ist für normale Musik okay, aber selten für Klassik-Reviews. Ich will das ein wenig ändern, weil ich sonst selbst hier – und das Blog ist ja wenig mehr als ein Notizbuch – meine Erinnerungen verzerre und mir selbst die Chance nehme, eben auch über die Klassik-Scheiben nachzudenken… und das tut man seltsamerweise, wenn man darüber schreibt, ganz anders, als wenn man nur hört. Im Formulieren entdeckt man bewusst andere Seiten der Musik. Warum sollte ich das nur mit Popmusik tun? Im vollen Bewusstsein, mich gründlich zu blamieren und meiner Ignoranz auch noch eine öffentliche Bühne zu geben – mehr als sonst schon -, werde ich also ab jetzt vorsichtig auch ein paar Klassik/Jazz-Sachen hier reinpacken. Es ist – wie beim Pop auch – alles andere als ein echter Review, sondern einfach nur ein persönliches Reagieren auf Musik und insofern, in diesem Falle nur eben noch mehr, fehlerhaft.

Seit einigen Jahren wird der kommerzielle Klassikmarkt, fest in den Händen weniger großer Label aufgeteilt, wie Pop behandelt. Zwar süßlicher, kitschischer verpackt als Rock und Pop, eben vermeintlich zielgruppenaffin, aber doch mit klaren Starstrukturen, gut aussehenden jungen Talenten, die mit enormen Marketingaufwand gepusht und dann in die großen Arenen gezogen werden – ob diese Verwertungsstrategien der Musik als solches oder gar den Stars selbst wirklich gut tun, sei dahingestellt. Als Musiker hast du in der Klassik nicht die gleichen Möglichkeiten wie in den anderen Bereichen, dich zu entwickeln, selbst zu komponieren, dich auszudehnen. Im Pop ist es eher normal, eigene Kompositionen zu spielen, in der Klassik eher nicht – und so werden die Starpianisten, -streicher und -sänger durch das verkaufbare Repertoire gehetzt, spielen sich durch die Werkskataloge, um für die Backlist und für die Tourneen Material zu haben. Hélène Grimaud ist eines dieser fast beängstigenden Hypertalente, trotz inzwischen 38 Jahren hochphotogen,  die von der Universal-Tochter Deutsche Grammophon so perfekte Marketingpolitur erhält, dass man sich scheut, sie ernst zu nehmen. Umso wütender und entschlossener klingen ihre Bach-Einspielungen, fast gehetzt jagt sich Grimaud durch die legendäre c-Moll-Prélude und -Fuge. Furios wütende Spannungen zwischen laut und leise und ein dabei paradoxes, fast Gould-esques Flair mechanischen und etwas gefühlslosen Spiels, bei dem man das Gefühl nicht los wird, einem dampfbetriebenen Spielautomaten zuzuhören, der mit dem Stakkato eines Stummfilmpianisten die zu schnell ablaufende Handlung eines Harold-Lloyd-Films begleitet. Positiv formuliert also ist Grimaud trotz etwas halligem Sound und gerade in den leisen Passagen einem Gefühl von zuviel Pedalarbeit seltsam respektlos vor Bach, schält eine innere Härte und Mathematik der Musik heraus, entmystifiziert und säkularisiert und arbeitet so aus dem vermeintlich Sakralen und Erhabenen der vertrauten Kompositionen (die zum großen Teil aus dem Wohltemperierten Klavier stammen) eine moderne Kälter heraus, die wenig dazu einlädt, sich unter Kopfhörern zu kuscheln. Zwar gibt es «weiche» Nummern, wie etwa das C-Dur-Präludium, aber selbst hier setzt Grimaud klirrende, rasante Akzente, die allerdings noch verträglich sind zu der wütenden Geschwindigkeit, in der sie das d-Moll-Präludium zerpflückt. Wo andere Pianisten – was ja durchaus auch schön sein kann – auf weiche Akzente und Gefühl setzen, baut Grimaud eine Leistungsschau auf, in der Anschläge präzise wie computergesteuert sitzen und in der eine lichte klare Härte die Musik durchdringt – eher Le Corbusiers Sainte-Pierre als die Bach-Kirche in Arnstadt. Atemlos und stählern, hallig und dennoch stumpf wie ein Faustschlag wirken die Präludien und Fugen unter Grimauds Händen – sicher ungewohnt, sicher kalt, aber nach etwas einhören vielleicht gerade dadurch frisch und unpiefig, zumal Grimaud sich durch einen irgendwie ungebürstet und etwas willkürlich erscheinenden Katalog von Bachs eigenen Bearbeitungen, aber auch Interpretationen von Busoni, Rachmaninow oder Liszt arbeitet. Das verleiht dem Album einen etwas sprunghaften Eindruck, der umso seltsamer wird durch den plötzlichen Gegensatz zu den etwas süßlicher wirkenden d-Moll-Konzert für Klavier und Orchester, fast transluzent zurückhaltend eingehüllt von der Kammerphilharmonie Bremen, die Grimaud präzise und überaus unaufdringlich begleiten. Auf Busonis Chaconne in d-Moll fährt Grimaud von extrem schlanken, fast pointillistischen Tontupfern zu monströsen stählernen kantigen Klangskulpturen auf und so gewinnt die Romantikexpertin auch Bach ein Gefühl der gequälten Seele ab, ein fast wütendes Suchen nach dem ursprünglichen Klang in Bachs Musik. Das gibt dem Album eine Strenge, die weitab von besinnlicher Schmuse-Wellness-Klassik ist (als die man das wohltemperierte Klavier zu oft hört) und schält einen skulpturalen, filigranen und doch aus solidem Stahlbeton bestehenden Entwurf heraus, der nicht immer gefällt – und auch nicht gefallen will – aber auf jeden Fall meist beeindruckt. Für eine kommerzielle Starpianistin immerhin ein bemerkenswerter Ansatz, Bach und seine Interpretationen juxtapositioniert zu re-interpretieren, zu dekontextualisieren, neu zusammenzusetzen, Brücken zu bauen und eine allzu vertraute Musik schreiend und klirrend in die Gegenwart zu zerren, urban zu machen. Das unmögliche Unterfangen, etwas Neues in Sachen Bach zu liefern, ist hier vielleicht nicht durchgehend gelungen, aber zumindest engagiert versucht.

17. April 2009 10:12 Uhr. Kategorie Musik. Tag . 9 Antworten.

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