
Anselm Weber, keine Frage, macht in Essen so vieles goldrichtig, dass es nur konsequent scheint, ihn nach Bochum zu holen (auch wenn ich persönlich Weber in Essen gehalten und Oberender in Bochum gesehen hätte – zwei gute Leute so nah beieinander, das wäre ideal, fast Berliner Verhältnisse :-D). Wie viele andere Intendanten mixt er gekonnt Etabliertes und Experiment, Feuilleton und Bestseller, Klassiker und Progress, Politisches und Pretiöses, produziert – wie eben Hartmann Anfang 2000 in Bochum oder Khuon in Hamburg – Pop-Theater im allerbesten Sinne, mutiert das Theater zum breitgefächerten Angebot für die verschiedensten Zielgruppen, zu einer Art Senderfamilie von Klassik bis Alternative.
Zu solchen Konzepten, und den Freiraum des subventionierten Theaters nutzend, gehören natürlich Experimente – wie beispielsweise Elmar Goerdens schöne neue Nutzung des Theater Unter Tage als Kristo Sagors Wohn- und Spiellabor Neue Heimat, aber eben auch wie Webers Hoffnungsträger, in dem die Regieassistenten des Grillo in der Heldenbar, wo sonst Lesungen und Parties stattfinden, kleine Stücke inszenieren dürfen.
Vor eher familiären Kreis also präsentiert Christina Pfrötschner drei Männer in einem Boot – allerdings nicht Heinz Erhardt, Hans-Joachim Kulenkampff und Walter Giller, sondern Matthias Eberle, Fritz Fenne und Roland Riebeling, verstärkt von Nicola Mastoberadino. In dem kurzen Stück finden sich die drei Herren auf einer Art Floß wieder, ohne Proviant, und diskutieren bereits in situ ohne lange Umschweife, dass einer der drei sich wohl wird freiwillig den anderen zum Fraß wird vorwerfen müssen. Was sonst tatsächlich im Assessment-Center für angehende Führungskräfte in etwas milderer Form ein Psychotest ist – wer opfert sich, wer setzt sich durch -, gerät zum Duell zwischen Riebeling und Fenne, druck- und humorvoll und angemessen grotesk überzeichnet. Die nicht wirklich theatralische Umgebung und das Minimal-Bühnenbild sowie der schnelle, unverklärte und überzeichnete Handlungsaufbau bedingen, dass die Darsteller sich schlecht verstecken können, unmittelbar vor dem Publikum funktionieren müssen. Schnell entpuppt sich Riebeling als treibende Kraft von Sławomir Mrożeks Farce «Auf hoher See», wenn er nicht nur festlegt, dass einer der Schiffbrüchigen gegessen werden muss, sondern sich auch schnell auf einen Kandidaten festlegt, der vor allem eins nicht: Nicht er selbst. Es geht weniger um die ethischen und moralischen Fragen, als vielmehr um die rhetorischen Kniffe, mit denen die Oberschicht – Riebelings Figur «Der Dicke» entpuppt sich bald als Fürst, entgegen seinen Behauptungen, ein armer Waise zu sein – mit dreisten Lügen und Finessen die Unterschichte «auffrisst», zumal die Demokratie schon bald als untauglich entsorgt wird, nachdem es dem Fürsten selbst an den Kragen gehen könnte. Der Einakter, dem man mitunter die noch nicht post-ideologische Ernsthaftigkeit der Sechziger Jahre anmerkt, auch wenn die Regisseurin den Text spürbar gestrafft hat, überspitzt die Märtyrer-Demagogik dabei so drastisch, dass am Ende nicht nur Fennes Figur, ausgerechnet der Schmächtigste der drei, förmlich froh ist, sich für die Kameraden in den Kochtopf zu werfen, sondern auch das Publikum trotz der etwas schwerfälligen Ideologie des Textes gut unterhalten ist.
«Auf hoher See» ist ein Stück, das man meist an Amateurbühnen zu sehen bekommt, eine vielleicht bewusst bescheidene Materialwahl von Pfrötschner, die hier auf viele Tricks verzichtet, auf die junge Regisseure gerne hereinfallen. Keinerlei Effekte, keine Mätzchen, keine Schwurbeleien – das Stück wird klar und schnell, im besten Sinne klassisch, aufgezogen und die Regie konzentriert sich darauf, den Text zu gliedern, die besten Darsteller zu versammeln und diese ins ideale Licht zu rücken. Keine Spur von Sturm-und-Drang-Allürenoder dramaturgischen Extremen, mit denen andere Neo-Regisseure (und nicht nur die) sich profilieren wollen oder von anderen eventuellen Schwächen abzulenken versuchen, statt dessen der Mut, sehr nacktes und klares Theater – der Location angemessen – machen zu wollen und dem Stück an sich und seinen Absichten gerecht zu werden. Das ist, zumal für ein Nachwuchstalent, inzwischen ungewöhnlicher als man es sich eigentlich wünschen möchte und zeigt die kühle, fast filmerische Handschrift, die keine mehr sein will, die eher dokumentarisch und klar wirkt. Was andere Regisseure erst nach einer ganzen Weile können – ein Stück einfach sauber umsetzen und für sich wirken lassen – gelingt hier ad hoc so gut, dass man sich fast fragt, warum Pfrötschner hier unter dem Artenschutz des Hoffnungsträger-Banners und nicht längst auf einer größeren Bühne präsent ist… und umgekehrt vielleicht, ob sie den kleinen Rahmen der Heldenbar nicht eben doch für mehr Experiment hätte nutzen können. Vielleicht ist der Weg bei der neuen Generation von Regisseuren, erst verlässlich zu zeigen, was man handwerklich kann und sich dann zu entdecken, wenn man etabliert ist :-D.
21. Januar 2009 08:24 Uhr. Kategorie Live. Tag Theater. Keine Antwort.