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HARRY POTTER UND DIE VERZAUBERTEN BUCHSTABEN

Drüben beim Design-Oberserver schreibt Jessica Helfland gut aufgelegt darüber, dass es im letzten Harry-Potter-Film eine neue Art von Darsteller gibt: Die Buchstaben in der magischen Zeitung «Daily Prohet» der Potterwelt. Die tatsächlich ja zum entscheidenden Handlungsträger werden, kommentieren, auch typographisch zum Ambiente des Films beitragen und nicht selten lebhafter wirkten als die realen Darsteller. Der Daily Prophet – obwohl wie eine Art Westernzeitung aussehend, mit grungy-burned wirkenden Lettern – wirkt wie die ultimative Boulevard-Zeitung und ist im Film neben den Katzentellern von Dolores Umbridge das mit unterhaltsamste Element, zumal die Kamera (oder das CGI) in wunderbar stürzenden atemberaubenden Fahrten über die Lettern saust, in die Bilder eintaucht, dreidimensional hindurchfährt und wieder aus der Kunstwelt der Zeitung herausfliegt. Der Prophet – in den bisherigen Teilen gerne noch in einer Frakturschrift gesetzt – sieht jetzt moderner aus, als wäre er ttsächlich durch die Hände eines Designers, nicht eines reinen Produktionsausstatters gegangen. Obwohl die Assoziation von westernartigen Slabserifs mit der Welt der Magie nicht viel befriedigender ist als Blackletter, so ist schon klar, dass eine «magische« Zeitung sich dem Retro-Look der auffallend technologiefreien, computerlosen Potterwelt visuell zu subsumieren hat, eine Welt, in der Eulen statt eMails verwendet werden, Kristallkugeln statt Internet, Besen statt Düsenjets. Und dennoch wirkt das Design, vom Logo-Head der Zeitung bis zum Satz der einzelnen Textblöcke, befriedigend real. Und tatsächlich sind wir von den Möglichkeiten solcher «lebender» Zeitungen nicht mehr allzu weit entfernt, E-Paper sei Dank. Die noch in den Kinderschuhen steckenden flexiblen, papierdünnen Displays, auf denen stromsparend zunächst in schwarzweiss, zukünftig sicher auch in Farbe, Buchstaben gespeichert werden können und die in Zukunft in Auflösung und Feeling von herkömmlichen Buchseiten kaum unterscheidbar sein dürften, werden wahrscheinlich unsere Lesegewohnheiten grundlegend verändern, vielleicht auch die Art, wie wir News wahrnehmen. Ich denke, es macht schon ökonomisch Sinn, wenn man in Zukunft vieleicht nicht mehr auf Papier druckt, sondern Bücher auf ein buchähnliches multimediales tragbares Gerät herunterlädt, das von der Handhabung her nahtlos an das vertraute Buch anschließen kann, aber auch für Surfen, Notizen, Audio, Video und so weiter dienen kann – eine Art echtes «iBook», ein Art multimedialer Moleskine. Und in solchen Medien ist Typographie, sind Bilder eben nicht mehr fixiert wie auf Papier.  Bereits jetzt ist Spiegel Online ja von stillsehenden Bildern mehr und mehr zu Video gewechselt, bereits jetzt ersetzt vloggen den Podcast. Der Daily Prophet ist also keineswegs Zukunftsmusik, sondern lediglich mediale Vorwegnahme – wie Minority Report – der Medien von morgen. Die Gutenberg-Galaxie bekommt Flügel.

19. Juli 2007 11:51 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

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