
Im Grunde hätte es dieser Film bei mir leicht haben können. Nachdem ich bis etwas Band 4 ein wirklicher Anhänger von JK Rowlings Juniormagier war, fand ich Band 5 und 6 relativ schlecht – handlungsarm, zögerlich, ein Rückschritt hinter Band 4 -, so dass ich mich an Order of the Phoenix kaum noch erinnern kann. Da war die vage Erinnerung an einen bedeutungslosen Tod und daran, dass die gesamte Handlung im Grunde nicht anders verlaufen wäre, wenn Harry und Co. NICHTS getan hätten, was für ein Buch etwas seltsam ist, man möchte als Leser ja schon, dass die Helden etwas bewirken. An mehr kann ich mich kaum erinnern, insofern bin ich fast neutral an den fünften Film der Potter-Reihe herangegangen, ohne mich allzu sehr an das Buch zu erinnern. Und so war es ausnahmsweise mal eher Stefanie, die sich am Ende des Films über die zahllosen Ungereimtheiten, Auslassungen und Abweichungen vom Buch ärgerte, ich selbst hatte die Details einfach vergessen. Aber auch ohne den direkten Vergleich mit der Buchvorlage ist Potter V ein denkbar unspannender Film geworden, der trotz der Länge atemlos durch die Handlung hechelt und trotzdem immer wieder Abkürzungen nehmen muss, die die Textur der Vorlage verwischen. Charakterentwicklung und das Gefühl von Authentizität, die die Bücher stets prägten, sind im Film aus reinen Gründen der Straffung nicht denkbar. Harrys wütende Teenager-Phase, die widersprüchlichen Gefühle von Isolation, Wut, Liebe… bleiben im Film nur anskizziert und gehen im Gewusel von Figuren und Spezialeffekten unter. Die tatsächliche Leistung der Buchvorlage – eine Serie von Coming-of-age-Büchern anzubieten, die einer jungen Zielgruppe literarisch verpackt in einen Mix aus Internats- und Abenteuerroman die Probleme des Erwachsenwerdens veranschaulicht – fällt insofern dem Medium Film, das sich am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren muss, zum Opfer.
Denn für Zwischentöne hat das Bildmedium keinen Raum, alles muss in emotionalen Bildern und Tönen auflösbar sein, nicht erklärt werden, sondern visualisiert. Zwangsläufig muss es einem Blockbuster mehr um eindrucksvolle Bildsprache gehen als um die Evolution von Charakteren – zumal die Veränderung eines Charakters nahezu diametral den Bedürfnissen von Warner Brothers an die Marke «Harry Potter» entgegensteht. Die Idee eines möglichst realen, sich wandelnden, wachsenden Charakters ist das Gegenteil der Idee eines niedlichen Kindermagiers mit Blitznarbe und Strubbelfrisur, den man auf zahllosen Merchandiseprodukten verkaufen kann. Diese unweigerliche Verkürzung ist bei jedem medialen Wechsel von Buch – ein Medium, das genau von Charaktertiefe, Echtheit und narrativer rationaler Evolution lebt – zu Film – ein Medium, das von Bildimpulsen, emotionalen Affekten lebt – fast unvermeidlich und mitunter auch spannend. Es gibt icht umsonst wenig gute Verfilmungen und nicht ohne Grund ist FIlm immer dann am überzeugendsten, wenn er auf ein Original-Drehbuch, also auf eine für den Film geschriebene Story aufsatteln kann. Adaptionen sind immer kritisch.
Bei der Potter-Reihe aber, immerhin die vielleicht meistgelesensten nicht-religiösen Bücher weltweit, verwundert dieser laxe Umgang. Es muss den Machern klar sein, dass der fünfte Teil einer Reihe nur von Hardcore-Fans konsumiert wird, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Großteil der Zuschauer auch Band 5 gelesen haben wird, liegt also nahe. Unter diesen Umständen so hart von der Vorlage abzuweichen, ganze Inhaltsstränge zu verwerfen, Handlungen und Motive zu verändern und komplett neue Handlungselemente frei zu erfinden, scheint mir da etwas gewagt. Es ist mir ein Rätsel, warum Warner nicht einfach zwei Filme pro Buch macht, dann aber der Dichte der Vorlage möglichst treu zu bleiben versucht. So, wie es jetzt ist, reduzieren die Filme die Buchvorlage – an sich ja nicht unbedingt literarische Meisterwerke – auf Kirmes-Special-Effects, auf eindimensionales Heldenepos zwischen Kapuzenpulli und Zauberstab.
Der Film an sich bietet Mainstreamware an und fühlt sich von den Trickeffekten und dem strukturellen Aufbau allzu vertraut an. Es ist Effektkino-Film, als eigenes Genre betrachtet, und erinnert narrativ und visuell frappierend an Spider-Man, Superman und die zahllosen anderen Filme, mit etwas mehr Herr-der-Ringe-Flair. Derart auf eine Formel reduziert und recht lieblos heruntergefilmt bleibt wenig von der ohnehin Rost ansetzenden Magie der Buchvorlagen. Potter V hat dementsprechend mehr als Zeit für einen – wenig atemberaubend und dabei zugleich arg touristisch wirkenden – Zauberbesen-Ritt durch London als für die visuell wenig beeindruckenden Feinheiten der Vergangenheit von Harrys Eltern oder des Ordens oder für die Tatsache, das Neville Longbottom ja durchaus auch der Auserwählte sein könnte. Und so kommt nahezu alles zu kurz, was den Kanon der Rowlings-Saga vorwärtstreibt und die Komplexität der Geschichte ausmacht. Am Ende bleibt ein Film, der sich anfühlt wie eine Mischung von Fantastic Four und Fünf Freunde. Das in der Verfilmung zudem ein Liebe-besiegt-das-Böse-Ende, das es so im Buch gar nicht gibt, frei erfunden anmontiert wird, ist frappierend. Wenn Potter bereits im fünften Film im direkten Konflikt mit Voldemort gewinnt… wofür brauchen wir dann noch einen siebten Film? Im Buch ist Harry hilflos – im Grunde sind Band 5 und 6 in vielerlei Hinsicht Übungen in Frustration für Harry – im Film jedoch ganz hollywoodkompatibel der Held. Wie es das Kino eben braucht, wird überzeichnet. Dolores Umbridge wird zum pinken Pudding, die Dursleys verkommen endgültig zum Mutantenstadl (seltsam, dass der Film fast kryptofaschistoid die «Muggles» so ekelig aussehen lässt, die Dursleys sind – weit mehr als im Buch auch visuell – Menschen zweiter Klasse), jede Nuance der Figuren – bei Snape und Dumbledore unersetzlich wichtig, aber auch bei Harry selbst kaum im Film vorhanden – wird abgeschliffen, bis ein handliches Klischee bleibt, das man einigermaßen in die atmosphärische Bildkulisse schieben kann. Denn Potter V lebt hauptsächlich von der irgendwo zwischen Tim Burton und Peter Jackson gelagerten CGI-Orgie, bei der nicht umsonst bei früheren Filmen Dave McKean als Art Director zur Seite stand.
Schade nur, dass der Film dadurch als solcher nicht besser oder spannender wird. Selbst der Trailer zu Philip Pulmanns Der Goldene Kompass (und diese Verfilmung dürfte ihre ganz ähnlichen Probleme haben wie die Potter-Serie ;-)) wirkt visuell beeindruckender und hat in drei Minuten mehr Punch als Potter V in zwei Stunden. Es ist die Crux der computergenerierten Effekte, dass sie abnutzen, dass der WOW-Effekt mit jeder Wiederholung nachlässt, dass sie – anders als die handgemachten Effekte – eher ein Schulterzucken hervorrufen. Das Publikum hat verstanden, dass am Rechner alles möglich ist und bleibt eben von dieser Unbegrenztheit der Mittel wenig berührt. Insofern ist CGI längst pornographisch geworden, ein Marathon von noch pulsierenderen Schaueffekten, die zugleich immer weniger Reaktion beim von all dem Bombast eher gelangweilten Publikum. Zumal, wenn die so been-there-done-that daherkommen wie hier. Am reizvollsten funktionieren die visuellen CGI-Gags, wenn sie am Rande stattfinden, eine leichte Beiläufigkeit haben, sie versagen völlig, wenn sie verblüffen oder gar begeistern sollen. Die Tatsache, dass immer mehr Blockbuster auf CGI setzen, dürfte zu einer absolute Überreizung führen. Niemand mag achtmal hintereinander die mehr oder minder gleiche Achterbahn fahren. Auch nicht die minderjährige Zielgruppe, auf die sich solche Filme mehr und mehr einschießen und für die der zunehmend nahtlose Übergang zwischen computergeneriertem Film und der ohnehin gerenderten Virtualität von Computerspielen vielleicht zur ästhetischen Normalität wird.
Unterm Strich ist die Potter-Kinoserie insofern uninspiriertes Reißbrettkino, professionell und windkanaltauglich produzierte Franchise-Blockbuster, deren erzählerische Struktur und visuelle Umsetzung nichts auch nur ansatzweise Neues zu bieten haben. Aber wenn man bedenkt, dass die Chance, die Buchserie noch einmal anständig zu verfilmen, bei fast Null liegt und wenn man bedenkt, wie frenetisch die Fangemeinschaft der Rowling-Bücher ist, kommt man nicht umhin, zu bedauern, dass niemand sich die Mühe macht, die unzweifelhafte Magie der gedruckten Vorlage auf die Leinwand retten zu wollen.
Bleibt zu hoffen, dass der finale Band der Serie nicht nur besser ist als die beiden vorangegangenen Bücher, sondern vor allem auch als die Verfilmungen…
12. Juli 2007 20:08 Uhr. Kategorie Film. 7 Antworten.
Ich hab mir das jetzt mal nicht durchgelesen und hoffe auch nicht, dass du so wahnsinnig bist und IRGENDWELCHE Dinge hier verraten hast, die man nach dem 2. Band noch gar nicht wissen kann, will und darf.
ich verbitte mir, als sonst so treue Blogleserin, weitere Beiträge dieser Art (ich kann doch so schlecht “weggucken”… es ist schon immer schwer bei den Filmtrailern wegzuschalten)
Der große Trost: Ich lese Band 7 erst nach Steffi, damit ich eben mal nichts verraten kann (wie bei Band 6, wo ich mir ihre lebenslange Wut zugezogen hab, weil ich mehr aus Versehen was gespoilert hatte) und weil es mich auch zugegeben nicht mehr so interessiert… ich kann also vorerst gar nichts kritisches verraten :-D
ich verbiete dir nun hier und jetzt das Wort :-)
»ch verbiete dir nun hier und jetzt das Wort :-)«
ob er das durchhält? :-D
Er lässt sich sicher vieles ver- und noch einiges mehr bieten aber sicher nicht das Wort, wetten?
Nicht wirklich.
och, menno…