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HARRY POTTER AND THE DEATHLY HALLOWS

Harry Potter and the Deathly Hallows

Achtung: Lang und voller Spoiler :-D.

Das Problem an Harry Potter ist sein eigener Erfolg. Nicht nur, weil JK Rowling seit dem Verkauf der Potter-Franchise (und nichts anderes ist es ja) an Warner mehr und mehr unter Druck zu arbeiten scheint, sogar in ihren Büchern zunehmend an die Verfilmung zu denken scheint, nicht mehr frei drauflosarbeitet – sondern vor allem wahrscheinlich, weil sich bei mir selbst als Rezipient die Erwartungen verschoben haben. Als ich den ersten Potter-Band las (weil Sandra mir sofort nach Lesen der ersten deutschen Carlsen-Ausgabe das britische Paperback in die Hand gab), habe ich es als Kinder-/Jugend-Buch gelesen. Plotungereimtheiten, die Mangelnde sprachliche Individualität vieler Figuren, die aus Erwachsenensicht eher banale Handlung… wen schert das bei einem Kinderbuch, das überraschend lustig verschiedene Genre mixt, ein bisschen Fantasy liefert, ein bisschen britischen Internatsroman, das hübsche kleine Spannungsbogen hat und einen sympathischen, leicht gebrochenen Helden bietet? Ich habe die ersten drei Potter gelesen, wie man Schloss Schreckenstein, Monitor oder Fünf Freude lesen würde. Der Megaerfolg und der selbsterklärte Anspruch der Autorin, mit jedem weiteren Buch erwachsener zu werden (so dass sich Band Sieben faktisch an 17/18-jährige wendet) sorgen aber natürlich für eine veränderte Perspektive – zumal Rowling selbst in Band 4 einen qualitativen Sprung vollzieht den sie in 5, 6 und 7 weitgehend wieder zurücknimmt. Goblet of Fire war – relativ zu den vorangegangenen drei Bänden – der Sprung von episodenhaft wirkenden Geschichten zum Versprechen einer durchgehenden Narration, zur «Saga». Entsprechend war ich bereits von Order und Halfblood etwas enttäuscht, die dieses Versprechen nicht wirklich einlösen und den «Bürgerkrieg» zwischen weißer und schwarzer Magie fast an den Rand der Handlung zwängen. Band 5 und 6 wirken einfach vorsichtig, ausgebrems, als habe sich Rowling selbst über Band 4 erschrocken.

Es gibt insofern in meiner Phantasie eine Art Potter-Paralleluniversum, in dem die letzten drei Bände stringenter dem vierten Buch folgen. Im fünften hätte Voldemort die Macht übernommen, der gesamte sechste Band hätte in einer von den siegreichen Death Eaters dominierten kryptofaschistoiden Welt gespielt, die dem Lesealter der Potterfans entsprechend bereits ordentlich düster hätte ausfallen dürfen (man denke an den ersten Tripods-Band von John Christopher – und der ist von 1967) und im siebten Band dann das Wagneresk bombastische Finale, Gut gegen Böse, große Opfer, furchtbare Verluste und in letzter Sekunde dann doch der bittersüße Sieg über die tyrannischen Magier.

Statt dessen dümpelten Band 5 und 6 vor sich hin, der Tod von Sirius und vor allem der von Dumbledore wirkten so unüberzeugend, dass ich nach Band 6 sicher war, dass Albus wiederkommen könnte, weil es ein eindeutiges Hintertürchen gab. Und im siebten Band gibt es dann ein seltsames Gemisch aus abrupter Hektik und seltsamen Stillstand. So, als würde die Handlung von drei Büchern in eins gestopft, dies aber so kurzatmig, dass das verbleibende Vakuum in dem – ja nicht allzudicken Band – mit Zeltplatzabenteuern und sinnlosen Wiederholungen von «Ron/Hermione/Harry streiten sich» aufgefüllt werden muss.

Deathly Hallows ist insofern ein seltsames Buch, finde ich. Die wenigen Figuren, die Rowling über die Klinge springen lässt – und man verzeihe mir, zu einem epischen literarischen Konflikt gehören aus meiner Sicht echte, schmerzhafte Opfer – sind mir reichlich egal gewesen, zumal die meisten Tode Offscreen stattfinden. Den Tod von Auror MadEye Moody kriegen wir nie zu sehen, die emotionale Wirkung ist gleich Null. Hedwig stirbt, nachdem sie in Band Sieben zuvor absolut untätig war… weil Harry selbst sie fallen lässt??? Noch unbewegender als dieses «Hoppla» geht es wohl kaum.

Der letzte Band ist freilich dabei durchaus insgesamt weniger langweilig als die beiden vorangegangenen Bücher, allein schon, weil es endlich ein paar Antworten und finale Entwicklungen gibt, was natürlich befreiend wirkt. Rowling bringt die Fänden der vorangegangenen sechs Bände – soweit ich das beurteilen kann – recht solide zusammen, schiebt alle wichtigen Kulissen und Protagonisten der Potter-Saga noch einmal ins Bild, liefert tränenreichen Kitsch und durchaus spannende Action. Gerade am Ende gibt die zweitreichste Britin der Welt so ordentlich Gas, das der Tod von Voldemort – auf den wir immerhin sieben Bücher lang hingefiebert haben – in einem Absatz abgefrühstückt ist. Das Dénouement gerät ihr dabei zu einer komplizierten und kopflastigen Antiklimax, bei der man schon beim Lesen ahnt, dass die Verfilmung des siebten Bandes die langatmigen Erklärungen mit reichlich Trickeffekten übertünchen wird. Das am Ende Rowlings Voldemort zum arroganten Dummbeutel machen muss, der von Magie im Grunde keine Ahnung hat, ist etwas unglücklich… immer schlecht wenn der große Bösewicht schlagartig zur Dumpfbacke mutiert, damit ein Kind ihn besiegen kann.

Rowling schreibt den finalen Band – vielleicht unbewusst – bereits mit Füllstoff, den man im Film getrost weglassen kann, verlustfrei, und mit großen spektakulären Effektsequenzen, die absolut für die Leinwand gemacht sind. Am Ende ist Harry auf eine so eindimensionale Art und Weise der Held, dass es etwas traurig macht. Der Harry Potter der ersten Bände war keine einfache Figur, der Potter der letzten Bände hatte nur noch zwei Facetten: Angenervter Emoboy-Warrior und großer Gutmensch. Damit hat Rowling die simplifizierte, weltweit vermarktbare, einfach konsumierbare Ikone McPotter, die Warner Brothers in den Filmen zeigt, in ihre Bücher übernommen.

Auch er Epilog des Buches – 19 Jahre später – ist eine kommerzielle Plattform. Im Grunde liest sich das Ende wie ein Pitch für eine Buch/Comic/TV-Serie mit dem Titel Hogwarts. Die Abenteuer der Kinder von Potter, Malfoy, Ron und Hermione können dann – befreit vom Ballast der Voldemort-Saga – eine einfachere, für junge Konsumenten gestrickte episodenhafte Abenteuer erleben, die sich (analog zu Band Eins der Potterbände) um Magie, Hogwarts, Beziehungen und einfache Bösewichte drehen. Das Ende eröffnet ganz neue Franchise-Möglichkeiten, die den Potter-Kosmos nicht – wie von Rowling angekündigt – beschließen, sondern im Gegenteil ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten bieten, in denen ohne die Autorin selbst mit den etablierten Figuren weiter gearbeitet werden kann. Wofür JKR natürlich stattliche Royalities erhielte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Das Problem an Potter ist also der Erfolg. Vielleicht, weil man – ich zumindest – das Buch nicht mehr lesen kann, ohne die Marketingmaschine vor Augen zu haben, die echte Welt so in Harry Potters magisches Universum hinein gedrungen ist, dass die Unschuld verloren ist. Am Ende bleibt die Dissonanz zwischen dem unglaublichen globalen Erfolg der Marke Potter und dem daran gemessen eigentlich enttäuschenden tatsächlichen Content. Insofern ist Potter wie alle großen Fetisch-Marken: Mehr Schein als Sein.

Was rückblickend bleibt ist der grandiose Spaß an dem Grassroots-Hype, den es um Harry Potter so um den zweiten, dritten und vierten Band herum gegeben hat, als aus einem unbekannten Kinderbuch plötzlich ein aus der Leserschaft heranwachsendes Phänomen wurde. Als Verlage noch von unerhörten Auflagen überrascht wurden, als Buchhandlungen spontan Parties mit den kleinen Fans veranstalteten, als es noch keinen global gleichgeschalteten durchdesignten Look&Feel der Marke gab, vom Logo bis zur Brille. Für dieses Feeling von Euphorie und Spaß am Buch – ein letztes Aufbäumen der Gutenberg-Kultur vielleicht – muss man Rowling und ihrem Harry Potter dankbar sein. Denn hier zeigt sich nicht nur, was ein bescheidenes Medium wie das Buch in der Leserschaft auszulösen vermag, welche Kraft in Papier und Buchstaben steckt und wie aktiv und phantasievoll die jungen Leser sind… es offenbart sich vor allem, wiviel vielschichtiger, facettierter und kraftvoller das Buch als Medium ist und wie sehr die Figur durch die vereinfachende Verfilmung (und noch stärker zur Eindimensionalität zwingende Kommerzialisierung) gelitten hat. Es ist eine seltsam beruhigende Bestätigung, wenn auch am konkreten Beispiel der verfallenden Qualität der Potter-Bücher vielleicht etwas traurig, dass das Buch als Erzählform unerreichte Subtilität und Authentizität hat.

26. August 2007 18:42 Uhr. Kategorie Buch. 27 Antworten.

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