HAPPY-GO-LUCKY

Wieder so ein Film, wo man vor dem Start förmlich betet: «Bitte sei besser als die Trailer, die gerade liefen!» Weil vorher wirklich nur unsagbar triefig-schlechte Kitschkomödien-Vorschauen im Cinemaxx gezeigt wurden. Die Art, wie hier Trailer zu Filmen zugeordnet sind, ist echt unsagbar gruselig.
Und tatsächlich ist «Happy-go-lucky» sehr viel besser als die nächste Leander-Hausmann-Kost, und erreicht spielerisch das, wonach deutsche Komödien verzweifelt angeln: Coolness und Authentizität. Ich denke, die deutsche Übersetzung, die immer einen Tick zu klar und deutlich ist, deren Stimmen förmlich über dem Film schweben als in der Handlung zu sein, dämpfen diesen Effekt etwas, aber es ist greifbar, wie sehr Mike Leigh sich bemüht, eben nicht einen Amélie-Aufguß abzuliefern über das ach so ansteckend glückliche Mädchen, sondern vielmehr einen mit beiden Beinen fest in der Londoner Realität steckenden Film zu produzieren. Die Filmqualität, die Referenzen zu Buchtiteln, Orten, Musik – wo Jeunet auf eine surreale Zauberwelt setzt, lässt Leigh seine «Poppy» zwar Hippie-Pippi-Langstrump-Manier sich ihre eigene Welt, wie sie ihr gefällt machen, bleibt aber glasklar erkennbar im Hier und Jetzt.
Ohne auf den ersten Blick erkennbare bedeutsame handlung zeigt der Film einen Ausschnitt aus dem Leben von Poppy (die in Wirklichkeit Pauline heißt), einer 30-jährigen Grundschullehrerin, die mit ihrer Freundin Zoe und ihrer Schwester Suzy durchs Leben zieht. Wie ein Katalysator begegnet Poppy im Laufe des Films verschiedenen anderen Figuren, einem Buchhändler, einem Kind, einem Penner, einem Sozialarbeiter, ihrer jüngeren Schwester, einer Mitarbeiterin, einer Flamencolehrerin und am prägnantesten vielleicht einem Fahrschullehrer – und wird zum Katalysator unserer Sicht auf diese Menschen. Mike Leigh schafft es in der Verkleidung einer Komödie – und der Film ist oft zum Schreien komisch – alles andere als leichte Kost zu servieren. Es gibt stille, sehr eindringliche Momente, es gibt wunderbar gezeichnete Charaktere und Poppy ist unsere Navigatorin auf dieser Odyssee – vor ihrer Folie wird die Biestigkeit des Lebens erst richtig deutlich und umgekehrt ihr grenzenloser Optimismus umso bewundernswerter. Sally Hawkins spielt Poppy als keineswegs naives Dummchen, sondern als Person, die mit Humor und Zuversicht den Weg zu ihrem eigenen Glück findet.
Mike Leigh inszeniert ruhig und beobachtend, verfällt nie in die Falle, selbst filmisch oder über seine Charaktere Urteile zu fällen. In den Szenen, die zugleich strukturiert und einstudiert und doch improvisiert wirken, entfalten sich authentisch wirkende Menschen, die wir im normalen Leben vielleicht nicht oder nur abfällig beachten würden, und die wir durch Poppy neu entdecken dürfen. Die Begegnung mit Stanley Townsend als Obdachloser gehört in dieser Hinsicht zu dem emotionalsten, besten, wunderbarsten Momenten des Films, Leigh melkt aus die Sprachlosigkeit beider Figuren, die kaum mehr als ein «you know» herauskriegen, einen ganzen Kosmos von Gefühlen. Selten ist im film mit so wenig so viel gesagt – und das zudem so witzig. Furios auch die Szene mit der neurotischen, wunderbar von karina Fernandez gegebenen, Flamenco-Lehrerin, die nahtlos vom Hausfrauen-Entfesseln in die Nervenkrise abgleitet. Schön auch der Gegensatz zwischen dem hier gespenstisch spießig wirkenden glattebn Lebenstraum von Paulines Schwester, deren Ehe, Schwangerschaft, Rentenvorsorge und Häuschen in den Suburbs tot und erdrückend wirken gegenüber Poppys scheinbar chaotischer Verweigerung vor dem «Erwachsenwerden».
Der semi-zentrale Plot um Poppy und ihren Fahrlehrer Scott (gespielt von Eddie Marsan) nimmt sich an diesen Randepisoden fast belanglos aus, aber zum einen ist die Spiegelung von Scotts offensichtlichen tiefen emotionalen Problemen und denen von Poppys Schüler interessant – Ursache und Ergebnis von Wut -, wenn auch etwas moralisch überbelastet, zum anderen ist Marsan einfach die Wucht in Tüten. Die Balance, die er zwischen cholerischen Misantrophen und verletztem Kind hält, zwischen Wut und Hoffnung, ist sehenswert – die Tatsache, dass man bei Scott irgendwann eine eigentümliche Miscung aus Angst, Abscheu und Mitleid empfindet, ist eine schauspielerische Leistung. Die man eigentümlicherweise vergisst, weil man Eddie Marsan nicht als Darsteller wahrnimmt, sondern als die Rolle selbst. Es ist der Verdienst von Mike Leigh und seinen Schauspielern, dass Happy-Go-Lucky so echt wirkt, dass man irgendwann vergisst, dass hier professionelle Akteure vor einer Kamera nach einem Drehbuch agieren, sondern einfach in der Handlung aufgeht – die Illusion eigentlich nur gebrochen, wie gesagt, von der seltsamkpnstlich wirkenden Synchronisation.
Hawkins treibt ihre Figur oft an den Rande des nervenden Optimismus, schafft es aber immer, kurz vorm Abgrund mit einem Blick, einer Geste die Tiefe dahinter durchscheinen zu lassen – und ebenso schafft es der gesamte Film, hinter der scheinbar (und auch tatsächlich) heiteren Kulisse eine tieferschürfende Erzählung über das moderne Großstadtleben, über Hoffnungen und Einsamkeit, Freundschaft und Liebe zu erzählen, die weit jenseits von den Plattitüden ist, die uns in den Cinemaxx-Trailern anderer Filme entgegenplärrt.
ich meine ich bin auch eigentlich ein seeehr anspruchsvoller zuschauer, aber ich muss sagen, das ich diese kitschkomödien und teeniemovies teilweise einfach super finde.