
TATATA heißt die seit 2002 laufende Show von Hans Liberg, und nachdem wir ihn in Essen verpennt haben (trotz gekaufter Karten) geht es also ins Konzerthaus Dortmund. Das architektonisch aus der 08/15-Kiste kommt und nahezu von jedem beliebigen deutschen Architekten stammen könnte, Stahl, Glas, Beton, helle Hölzer. Vieles davon wird in 10 Jahren altbacken wirken, die Bestuhlung des Saals selbst etwa mit ihrem robusten Kindergarten-Buche-Look. Die Akustik des Saals, austariert für symphonische Konzerte, ist leider für Liberg komplett falsch. Das gleiche Problem gab es auch schon in der Tonhalle bei Jazz-Konzerten, etwa bei Herbie Hancock… spätestens das Schlagzeug ruiniert den Sound. So auch hier. Liberg kommt mit einer Art Loussier-Besetzung, Piano, Bass und Drums, und schon beim Opener wird klar, daß der Saal jedesmal zur Marter werden wird, wenn der Drummer in die Snare schlägt. Das bleibt so, den gesamten Abend lang.
Überhaupt ist die Triobesetzung etwas ungewohnt für Liberg, der ja doch eher Kabarettist als ‹normaler› Musiker ist, und der in der Klassik-Light-Sektion nicht ganz so versiert spielt wie Loussier und andere Jazz/Klassik-Macher. Dafür verhaut er sich dann doch zu oft auf den Tasten. Die Band bringt trotzdem eine Bereicherung, mehr Druck, vor allen bei der E-Gitarren-Sequenz, in der Liberg dem Bildungsbürgerpublikum derbe auf die Ohren haut.
Überhaupt ist der Trick bei Hans Liberg ja der, das man keine Ahnung von Klassik haben muß, er also eine Zielgruppe bedient, deren Horizont bei Bach, Beethoven, Mozart endet. Viel mehr kommt da kaum. Moderne eMusik, wie etwa Philip Glass, wird eher veralbert, Zielgruppe sind also durchaus auch schon Leute, die sich ‹schöne› Klassik wünschen, den emotionalen, nicht intellektuellen Zugang. Halbwissen reicht da (Gott sei Dank für mich), das reine Erkennen von Melodien reicht aus, um Libergs zentrales Stilmittel, nämlich den nahtlosen Übergang von großen Stücken der klassischen Musik zum Pop, zu verstehen. Genauso wichtig wie Pjotr Iljitsch Tschaikowsky ist dann eben Göran Bror Benny Andersson, Elton John steht nahtlos neben Verdi, Schlappi als Dauerbrenner des Abends neben Beethoven.
Das ist nicht nur ein Kunstgriff, der Liberg ein weiteres Publikum öffnet als jenes, das originär Klassik hört, sondern auch Konzept: Klassik ist Pop, früher gab’s ja keine Klassik. Das kann ich als jemand, der Jazz und Klassik nahtlos neben Pop und Rock stehen sieht, nur unterstreichen, die Trennung von U und E ist so bleiern und langweilig… und diese gewisse postmoderne Beliebigkeit öffnet Liberg eben auch ein weites Areal an Gags, die er in fast hysterischem Tempo durchpeitscht, fast ungeduldig den Applaus des Publikums abwartet. Lustiges Klingelton-Raten, Schnappi bis der Arzt kommt, für jeden Zuspätkommer wird das Programm nochmal fix von vorne angefangen, MP3-Datenkompression wird anhand der Klassik neu erklärt, Lotti und Rieu, die anderen ‹Klassik Light›-Importe aus den Benelux-Ländern kriegen bösartigst ihr Fett weg (‹alles Neid› natürlich), routinierte Gags über Dortmund und das Rheingold (was schließlich in eine Art musikalische Flußfahrt mündet)… das Programm wirkt wie eine Mischung aus routinierten Versatzstücken (hier und da erkennt man auch eben alte Programm-Highlights wieder) und freier Improvisation. Wie eine Art Musiklehrer aus der Hölle nimmt Liberg sein Publikum in die Pflicht, läßt Stücke raten, läßt Melodien weiter singen, greift Wünsche aus dem Publikum auf und das so perfekt, daß man hinterher vermutet, er hat Stichwortgeber in der Halle verteilt… oder aber die Meute im Parkett wünscht sich in Dortmund die gleichen Sachen wie in Antwerpen wie in allen anderen Städten. Vielleicht kann man sich drauf verlassen, daß bei der Frage nach Verdi-Opern verläßlich Aida kommt und die Nummer damit weiterlaufen kann. Das Liberg all dies nie klugscheißerisch sondern immer schnell, selbstironisch und sympathisch herunterrasselt, hyperaktiv, ungeduldig, zappelig, mit vollem Körpereinsatz über die Bühne hüpfend, daß er sich einen feuchten Shit drum kümmert, ob seine Gags über die Köpfe einiger Leute hinwegsurren (dies bestenfalls noch ironisch kommentiert: ‹Das kann ein langer Abend werden heute hier›.), macht’s um so hysterischer.
Störend allein die Pause, die dem Publikum und auch Liberg selbst den Schwung nimmt und die grottenschlechte Akustik, die die Musik ruiniert und die Kommunikation zwischen Entertainer und Publikum erschwert. In einem kleinen Club mit mehr Alkohol im Blut wär’s besser…
21. Februar 2005 08:16 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.