
Und noch ein Film, den ich schon vor mehr als einer Woche gesehen habe. Good night and good luck ist ein minimalistischer und nostalgischer Film, ebenso gefüllt vom Rauch ungezählter Zigaretten wie vom Schmelz der Mode und des Feelings einer Zeit, die Drehbuch-Coautor und Regisseur Clooney in seinem zweiten Regiewerk als offenbar untergegangen betrauert. Eine Zeit ohne oberflächliche Political Correctness, eine Zeit der aufgekrempelten Ärmel, der klassischen Männerfreundschaft.
In grandios theatralischen Schwarzweißbildern von Robert Elsvit erzählt der Film die Geschichte des Moderators Edward R. Murrow, der atemberaubend, mit dieser fast autistischen Zeitlupen-Intensität des frühen deNiros, von David Strathairn absolut oskarreif gespielt wird. Ein starrer, irgendwie stolzer, Kerl von einem Prinzipienreiter, der in seiner Polit-Sendung See it Now in den frühen 50s gegen die Übergriffe des legendären US-Senators Joe McCarthy ankämpft. Eine Story, deren Background den meisten Deutschen fremd sein dürfte, die in den USA aber zum Mahnmahl eines im Namen des Antikommunismus fast faschistoid vorgehenden Staates, der auf Rufmord, falsche Beweise, Erpressung und Denunziation setzte und zahllose Menschen, darunter auch viele «linke» Kreative aus den verschiedensten Bereichen, um Karriere und Leben brachte. Die McCarthy-Ära gilt bis heute als eine schwarze Zeit für Amerika. Der Black-and-White-Kunstgriff erlaubt Clooney nicht nur eine glaubhafte Zeitreise, sondern ermöglicht auch die nahtlose Einbringung von Original-Bildmaterial aus jener Zeit, so daß sich eine Art kleines Kammerspiel auftut, daß die Tragödie jener Zeit fast beiläufig, nüchtern erzählt, so daß der Selbstmord von Don Hollenbeck (gespielt von Laura Palmers Vater Ray Wise, der hier beängstigend nach Jonah J. Jameson aussieht), fast störend wirkt und entsprechend aus der Ferne betrachtet wird. Was gut zu dem ruhigen, dokumentarischen Feel des Filmes paßt, in dem das Leben Murrows hgänzlich ausgeblendet bleibt, nur die Funkion wichtig ist.
Es ist ein seltsam unemotionaler, kühler Film, ein Film wie für den Protagonist gemacht, den Strathairn mit steinernem Mienenspiel gibt, während die Kamera auf ihm draufbleibt, wenn er off air ist, wenn die Fassade bröckelt, wenn die Angst und die Leere kommen. Murrow und sein Team spielen mit dem Feuer, es geht um die persönliche Karriere, um den Sender an sich, um Freundschaften, die auf dem Spiel stehen. Und, auf der anderen Seite, ums Prinzip, um die Moral, um den Ethos, für den Ed Murrow nahezu alles aufs Spiel setzt, um am Ende einen schalen hohlen Sieg davonzutragen.
Es ist ein Film mit einer klaren Botschaft, die Clooney in die post-9/11-Zeit sendet: Das Individuum hat die Pflicht, dem Staat zu mißtrauen, die Presse hat die Pflicht, zu hinterfragen und die Wahrheit zu sagen. Mach dich nicht eins mit dem Staat. Laß dich nicht einspannen. Werde nicht zum Komparsen eines Systems, zum Einluller, zum Barbiturat einer Nation. Es ist eine kaum vermantelte Warnung an die zur Zeit des Afghanistan- und Irakkriegs freiwillig gegeißelte Epoche des «Embedded Journalism», der wehenden Fahnen, der TV-reifen Dramatisierung von Fakten, in der für Recherche, unangenehme Wahrheiten und klare Positionen kein Raum mehr ist. Die Warnung, die Murrow gegen Ende des Films ausspricht, ist längst unsere Realität.
Zugleich, dezenter, erzählt der Film wehmütig von einer anderen Zeit. Nirgends wird dies deutlicher als in dem Raum der durch alle Bilder wabert. In der Liebe zur Mechanik in den Bildern, zu einer einfacheren Technologie der 50er, die entschleunigend einherging mit einer tieferen Auseinandersetzung mit den Dingen. Fast unterschwellig wird klar, wieviel die gutmeinende – und insofern oft in den USA eher vom linksliberalen Lager kommende – Entpolitisierung, «Feminisierung» des Alltags zusammen mit einem generellen rend zur Beschleunigung, am Ende eine Oberflächliche und ärmere Welt erzeugt. Eine weichere, weniger reflektierte Welt, in der Ego und Super-Ego längst verloren haben, in der die Britneys und die Brads wichtiger sind als die Politik und die Wahrheit, in der Philosophie und Politik tot sind zugunsten von Technicolor. Das Eindringen dieser faden Welt zeichnet sich im Film bereits in den Entertainment-Interviews ab, die Murrow widerwillig und gelangweilt führt, die das Einsickern des Weichspülers in das echte Leben verkörpern, der jeden Diskurs, jede Diskussion langsam und klebrig auslöscht. Und den die Sponsoren des Senders, die Industrie, deutlich mehr mag als Murrows nüchterne schwierige und aneckende Nachrichten. Clooney läßt zudem wenig Zweifel daran, daß die Zeit damals maskuliner war. Es gibt nur wenig Frauen in dem Film und selbst die sind tough cookies. Aber hauptsächlich erzählt der Film von Männerfreundschaft, von unausgesprochenen Bündnissen, von Treue und Ehre. Hier sind die Männer noch diejenigen, die das Fernsehen machen und präsentieren (während heute die meisten Nachrichten und journalistischen Sendungen in Frauenhand sind), in der die nörgelnde Ehefrau, die den Mann bittet, seine stinkenden Zigaretten auszumachen, nicht zur gesetzgeberischen Kraft geworden ist und die Jungs noch rauchen und trinken konnten, wie sie wollten. Es ist ein Film, ob richtig oder falsch, der den Untergang des Machismo lamentiert. Der Film ist insofern ein Heldenepos, aber weniger das Murrows, mehr die epische Wiederauferstehung einer versunkenen Medienepoche, bis hin zum Zitat der minimalistischen Bildsprache jener Zeit.
Good night and good luck ist also vor allem ein Abgesang, weniger eine Warnung. Mehr ein persönlicher, weniger ein politischer Schlüsselfilm. Unter dem offensichtlichen Subtext 9/11 steckt die tiefere Trauer um eine im bunten Weichspüler verlorene Ernsthaftigkeit, auch eine verlorene maskuline Dominanz, die Sehnsucht nach einer kälteren, rationaleren, härteren Welt, die zugleich langsamer und schneller ist, auf jeden Fall aber intensiver. Eine Sehnsucht, die man ein Stück weit – zumindest nur ein Stück weit – verstehen kann, wenn man Brandt und Adenauer mit Merkel und Beck vergleicht.
Unterm Strich ein sehr auf vielen Ebenen persönlicher, kleiner Film, ein weiteres Mosaiksteinchen auf Clooney persönlichem Weg nach Damaskus, vom Serienmimen zum ernsthaften Künstler, der als Schauspieler, Regisseur und Produzent (Section Eight, das Brainchild von Clooney und Soderbergh hat Good Night natürlich produziert) in der Bedürfnispyramide soweit oben angekommen ist, daß er sich leisten kann, zu sagen, was er will. Es sei ihm gegönnt, daß er diese Chance noch ein Weilchen länger hat. Denn nach Confessions of a dangerous mind zeigt sich Clooney hier wieder als überraschend hervorragender Regisseur, der es schafft, einen unterhaltsame Plot um mehrere Schichten Subtext zu bereichern und diese Melange dann in wunderbare Bilder umzusetzen. Mehr davon.
25. April 2006 07:29 Uhr. Kategorie Film. 2 Antworten.
[...] Manchmal frage ich mich, warum Stardarsteller bestimmte Stoffe so faszinieren,wenn sie im Regiestuhl Platz nehmen. George Clooney hat mit Confessions of a Dangerous Mind und Good Night and Good Luck zweimal die mediale Historie von Amerika aufgegriffen, und auch Robert de Niros zweite Regiearbeit arbeitet ein Kapitel der Geschichte der USA auf. Und wie bei Clooney gelingt de Niro ein ruhiger, wohltuend unkommerzieller Film, der zeigt, dass hervorragende Darsteller eben auch hinter der Kamera ihre Kollegen zu Höchstleistungen führen können. Vielleicht hilft, dass deNiro vor der Kamera mit den besten Regisseuren seiner Generation zusammengearbeitet hat und auf die Erfahrung von Leuten wie Scorsese oder Coppola bauen kann. [...]
Ich fand den Film wirklich sehr toll. Ein Kino-Highlight für mich gewesen. Auch wenn ich kein Kenner der amerikanischen Politik zu Zeiten des kalten Krieges bin konnte ich mich an der entspannten Ausstrahlung, der Erzählweise und der darstellerischen Glaubwürdigkeit erfreuen. Eine Abwechslung in der zu hektischen Kinolandschaft.
Hier noch eine weitere Kritik:
http://www.res-dead.de/dailydead/good_night_and_good_luck